Выбрать главу

»Ich muß Euch um einen Gefallen bitten. Um einen wichtigen Gefallen. Sagt Rand - oder auch sonst jemandem - nichts von mir. Hierüber, meine ich.« Sie hob ein Ende ihrer Stola an. Ihre Gesichter ließen den ruhigsten Ausdruck einer Aes Sedai aufgebracht wirken. »Ich meine nicht, daß Ihr lügen sollt«, fügte sie hastig hinzu. Jemanden unter dem Ji'e'toh um eine Lüge zu bitten, war kaum besser, als selbst zu lügen. »Bringt das Thema einfach nicht zur Sprache. Er hat bereits jemanden geschickt, um mich zu ›retten‹.« Und wird er nicht wütend werden, wenn er herausfindet, daß ich Mat mit Nynaeve und Elayne nach Ebou Dar geschickt habe? dachte sie. Sie hatte es jedoch tun müssen. »Ich brauche keine Rettung und will sie nicht, aber er denkt, er weiß es besser als jeder andere. Ich fürchte, er könnte mich selbst holen wollen.« Was ängstigte sie mehr - daß er zornig allein im Lager erscheinen könnte, mit ungefähr dreihundert Aes Sedai um sich herum? Oder daß er mit einigen der Asha'man kommen könnte? Es wäre in beiden Fällen eine Katastrophe.

»Das wäre ... unglücklich«, murmelte Melaine, obwohl sie selten untertrieb, und Bair murrte: »Der Car'a'carn ist dickköpfig, so schlimm wie jeder andere Mann, den ich jemals kennengelernt habe. Und auch einige Frauen.«

»Wir werden Euer Vertrauen nicht enttäuschen, Egwene al'Vere«, sagte Amys ernst.

Egwene wunderte sich über die schnelle Zustimmung. Aber vielleicht kam sie doch nicht so überraschend. Für die Weisen Frauen war der Car'a'carn nur ein weiterer Häuptling, und sie waren gewiß dafür bekannt, Dinge vor einem Häuptling geheimzuhalten, die er nicht wissen sollte.

Danach blieb nicht mehr viel zu sagen, obwohl sie noch eine Weile bei weiteren Bechern Tee verharrten. Egwene sehnte sich nach einer Lektion im Traumgehen, konnte aber nicht darum bitten, solange Amys dabei war. Dann würde Amys gehen, aber sie wünschte sich ihre Gesellschaft mehr als das Lernen. Was Rand tatsächlich tat, hatten die Weisen Frauen ihr am ehesten vermittelt, als Melaine murrte, er sollte die Shaido und Sevanna sofort vernichten, woraufhin sowohl Bair als auch Amys sie dermaßen stirnrunzelnd ansahen, daß sie zutiefst errötete. Sevanna war immerhin eine Weise Frau, wie Egwene nur zu gut wußte. Nicht einmal dem Car'a'carn würde es erlaubt sein, auch nur eine Weise Frau der Shaido zu stören. Und sie konnte ihnen keine Einzelheiten über ihre eigenen Umstände mitteilen. Es verminderte die Scham auch nicht, die sie empfinden würden, wenn sie darüber spräche, daß sie sofort den peinlichsten Teil ihrer Lage erfaßt hatten - es war sehr schwer, nicht in das Verhalten und die Denkungsart der Aiel zurückzufallen, wenn sie mit ihnen zusammen war; diesbezüglich glaubte sie, es wäre vielleicht beschämend für sie gewesen, wenn sie niemals einer Aiel begegnet wäre -, und ihrem einzigen in letzter Zeit geäußerten Rat über den Umgang mit Aes Sedai würde nicht einmal Elaida selbst zu folgen versuchen. Ein Aes Sedai-Aufruhr könnte, so unwahrscheinlich es auch klang, einen Erfolg zeitigen. Schlimmer noch - sie dachten bereits ausreichend schlecht über die Aes Sedai, ohne daß sie das Feuer noch schürte. Eines Tages wollte sie ein Verbindungsglied zwischen den Weisen Frauen und der Weißen Burg schmieden, aber das würde erst geschehen, wenn es ihr gelang, dieses Feuer niederzuschlagen. Aiel waren manchmal sehr empfindlich. Aber sie akzeptierten ihre Meinung, ohne gekränkt zu sein.

»Ich denke, wenn die Schattenbeseelten uns bedrohen wollten«, sagte Melaine, »dann hätten sie es inzwischen getan. Vielleicht erachten sie uns nicht als eine Gefahr für sie.«

»Wir haben diejenigen flüchtig gesehen, die Traumgänger sein müssen - sogar Männer.« Bair schüttelte ungläubig den Kopf. Egal, was sie über die Verlorenen wußte - sie hielt männliche Traumgänger für genauso alltäglich wie Schlangen mit Beinen. »Sie gehen uns aus dem Weg. Alle.«

»Ich denke, wir sind genauso stark wie sie«, fügte Amys hinzu. Sie und Melaine waren in der Einen Macht nicht stärker als Theodrin und Faolain - alles andere als schwach und tatsächlich stärker als die meisten Aes Sedai, wenn auch nicht annähernd so stark wie ein Verlorener -, aber in der Welt der Träume war das Wissen Tel'aran'rhiods oft genauso mächtig wie Saidar und manchmal sogar mächtiger.

Hier war Bair jeder anderen Schwester ebenbürtig. »Aber wir werden aufpassen. Der Feind tötet dich, den du unterschätzt.«

Egwene nahm Amys' und Melaines Hand und hätte auch Bairs ergriffen, wenn es möglich gewesen wäre. Statt dessen schloß sie Bair in ihr Lächeln mit ein. »Ich werde Euch niemals vermitteln können, was mir Eure Freundschaft bedeutet, was Ihr mir bedeutet.« Das war, trotz allem, die einfache Wahrheit. »Die ganze Welt scheint sich mit jedem Wimpernschlag zu verändern. Ihr drei seid einer der wenigen festen Anhaltspunkte darin.«

»Die Welt verändert sich tatsächlich«, sagte Amys traurig. »Sogar die Berge werden vom Wind abgetragen, und niemand kann denselben Hügel zweimal erklimmen. Ich hoffe, daß wir für Euch immer Freundinnen bleiben werden, Egwene al'Vere. Mögt Ihr stets Wasser und Schatten finden.« Und mit diesen Worten verschwanden sie, kehrten in ihre Körper zurück.

Egwene stand einige Zeit nur da und betrachtete Callandor stirnrunzelnd, ohne es zu sehen, bis sie sich verärgert zur Ordnung rief. Sie hatte über dieses endlose Sternenfeld nachgedacht. Wenn sie hier noch lange verweilte, würde Gawyns Traum sie erneut finden und sie umschlingen, wie seine Arme es bald danach tun würden. Eine erfreuliche Art, die restliche Nacht zu verbringen. Und eine törichte Zeitverschwendung.

Sie zwang sich entschlossen zur Rückkehr in ihren schlafenden Körper, aber nicht in tiefen Schlaf. Das tat sie nie mehr. Ein Winkel ihres Bewußtseins blieb stets vollkommen wach, verzeichnete ihre Träume und ordnete diejenigen ein, die die Zukunft voraussagten oder zumindest Hinweise auf ihren möglichen Verlauf gaben. Soviel konnte sie inzwischen immerhin feststellen, obwohl der einzige Traum, den sie bisher hatte deuten können, derjenige Traum gewesen war, der besagt hatte, daß Gawyn ihr Behüter würde. Aes Sedai nannten dies Träumen und die Frauen, die es tun konnten, Träumerinnen, aber außer ihr waren alle schon tot, und doch hatte es nicht mehr mit der Einen Macht zu tun als das Traumgehen.

Vielleicht war es unvermeidlich, daß sie zuerst von Gawyn träumte, weil sie an ihn gedacht hatte.

Sie stand in einem großen, trübe beleuchteten Raum, in dem alles undeutlich war. Alles außer Gawyn, der langsam auf sie zukam. Ein großer, gutaussehender Mann - hatte sie jemals geglaubt, sein Halbbruder Galand sähe besser aus? - mit goldenem Haar und wundervoll tiefblauen Augen. Er hatte noch einige Entfernung zurückzulegen, aber er konnte sie sehen. Sein Blick war auf sie gerichtet wie der Blick eines Bogenschützen auf sein Ziel. Ein schwach knirschendes und reibendes Geräusch schwebte in der Luft. Sie schaute hinab und spürte, wie sich in ihr ein Schrei aufbaute. Gawyn schritt barfuß über einen geborstenen Glasboden und zerbrach mit jedem Schritt weitere Scherben. Sie konnte selbst bei dieser schwachen Beleuchtung sehen, daß seine zerschnittenen Füße eine Blutspur hinterließen. Sie streckte eine Hand aus, wollte ihm zurufen stehenzubleiben, versuchte, zu ihm zu laufen, aber sie befand sich im Handumdrehen woanders.

Sie schwebte, wie in ihren Träumen üblich, über eine lange gerade Straße, die durch eine grasbewachsene Ebene führte, und blickte auf einen Mann auf einem schwarzen Hengst herab. Gawyn. Dann stand sie auf der Straße vor ihm, und er verhielt das Pferd. Nicht weil er sie jetzt sah, sondern weil sich die bisher gerade Straße nun genau an der Stelle gabelte, an der sie stand, und dann über hohe Hügel verlief, so daß man nicht sehen konnte, was jenseits lag. Sie wußte es jedoch. Der eine Weg führte zu seinem baldigen gewaltsamen Tod und der andere zu einem langen Leben mit einem natürlichen Tod. Auf dem einen Weg würde er sie heiraten, auf dem anderen nicht. Sie wußte, was vor ihm lag, aber sie wußte nicht, welcher Weg wohin führte. Plötzlich sah er sie oder schien sie zu sehen, lächelte und führte sein Pferd dann einen der Wege entlang... Und sie befand sich in einem anderen Traum. Und wieder in einem anderen. Und wieder in einem anderen. Und wieder.