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Während sie sich dem Zelt näherte, das sie als Arbeitsraum benutzte - viele nannten es das Studierzimmer der Amyrlin, als sei es ein Raum in der Burg -, wurde der Ärger um Meri von einer feierlichen Zufriedenheit ersetzt. Wann immer sie einen Tag rasteten, war Sheriam mit dicken Bündeln Bittschriften schon vor ihr da. Eine Wäscherin, die mit in den Saum ihres Gewandes eingenähtem Schmuck erwischt worden war, flehte um Gnade, oder ein Hufschmied bat um ein Arbeitszeugnis, das er erst verwenden könnte, wenn er fortgehen wollte, und wahrscheinlich nicht einmal dann. Eine Geschirrmacherin bat die Amyrlin, darum zu beten, daß sie eine Tochter gebar. Einer von Lord Brynes Soldaten ersuchte um den persönlichen Segen der Amyrlin für seine Heirat mit einer Näherin. Zudem gab es stets eine Menge Bittschriften von älteren Novizinnen, die darum baten, Tiana aufsuchen zu dürfen und zusätzliche Aufgaben zu bekommen. Jedermann hatte das Recht, die Amyrlin um etwas zu bitten, aber jene, die der Burg dienten, taten dies selten und Novizinnen der Burg niemals. Egwene vermutete, daß Sheriam sich bemühte, Bittsteller aufzutreiben, um sie beschäftigt zu halten und sie von Sheriams Angelegenheiten abzulenken, während sich die Behüterin der Chroniken um das kümmerte, was sie für wichtig hielt. Egwene dachte, daß sie Sheriam die Bittschriften heute morgen vielleicht zum Frühstück verspeisen lassen sollte.

Als sie das Zelt betrat, war Sheriam jedoch nicht da. Egwene hätte vielleicht nicht überrascht sein sollen, wenn sie die letzte Nacht bedachte. Aber das Zelt war dennoch nicht leer.

»Das Licht erleuchte Euch, Mutter«, sagte Theodrin und vollführte einen riefen Hofknicks, der die braunen Fransen ihrer Stola zum Schwingen brachte. Sie besaß die berühmte Domani-Anmut, obwohl ihr hochgeschlossenes Gewand wirklich recht bescheiden war. Aber Domani-Frauen waren nicht für Bescheidenheit bekannt. »Wir haben Eure Befehle befolgt, aber niemand hat gestern abend jemanden in der Nähe von Marigans Zelt gesehen.«

»Einige der Männer erinnern sich, Halima gesehen zu haben«, fügte Faolain mürrisch an, während sie sich weitaus knapper verbeugte, »aber abgesehen davon erinnern sie sich kaum daran, ob sie überhaupt schlafen gegangen sind.« Viele Frauen waren gegen Delanas Schriftführerin eingestellt, aber erst ihre nächste Bemerkung ließ Faolains Gesicht sich verdüstern. »Wir begegneten Tiana, als wir uns umhörten. Sie befahl uns, schleunigst zu Bett zu gehen.« Sie strich unbewußt über die blauen Fransen ihrer Stola. Siuan behauptete, neu ernannte Aes Sedai trügen ihre Stolen häufiger als notwendig.

Egwene gönnte ihnen ein, wie sie hoffte, freundliches Lächeln und nahm dann ihren Platz hinter dem kleinen Tisch ein. Sie tat dies vorsichtig, da sich der Stuhl einen Moment neigte, bis sie hinabgriff und ein Stuhlbein gerade zog. Der Rand eines gefalteten Pergaments lugte unter dem steinernen Tintenfaß hervor. Ihre Hände zuckten in die Richtung, aber sie zwang sie zur Ruhe. Zu viele Schwestern hielten Höflichkeit für unnötig. Sie würde nicht dazu gehören. Außerdem hatten diese beiden ein Anrecht auf sie.

»Es tut mir leid, daß Ihr Probleme habt, Tochter.« Sie waren durch Egwenes nach ihrer Ernennung zum Amyrlin-Sitz verkündeten Erlaß zu Aes Sedai erhoben worden und befanden sich in der gleichen mißlichen Lage wie sie selbst, ohne den zusätzlichen Schutz der Stola der Amyrlin zu haben, als wie gering sich dieser auch erwiesen hatte. Die meisten Schwestern verhielten sich, als wären sie noch immer nur Aufgenommene. Was innerhalb der Ajahs vor sich ging, gelangte nur selten nach draußen, aber es hieß, daß sie wahrhaftig um Zutritt hatten bitten müssen und daß Wächter bestimmt worden waren, ihr Verhalten zu überprüfen. Niemand hatte jemals etwas Derartiges gehört, aber alle nahmen es als gegeben. Sie hatte ihnen keinen Gefallen erwiesen. Aber auch dies war notwendig gewesen. »Ich werde mit Tiana sprechen.« Vielleicht nützte es etwas. Einen Tag oder eine Stunde lang.

»Danke, Mutter«, sagte Theodrin, »aber bemüht Euch nicht.« Sie berührte ebenfalls ihre Stola und ließ die Hände darauf ruhen. »Tiana wollte wissen, warum wir so spät noch auf waren«, fügte sie kurz darauf hinzu. »Aber wir haben es ihr nicht gesagt.«

»Es brauchte nicht geheimgehalten werden, Tochter.« Aber es war bedauerlich, daß sie keinen Zeugen gefunden hatten. Moghediens Retter würde ein flüchtiger Schatten bleiben - immer von der furchteinflößendsten Art. Sie betrachtete den Rand des Pergaments, wollte es so gern lesen. Vielleicht hatte Siuan etwas herausgefunden. »Ich danke Euch beiden.« Theodrin erkannte die Entlassung und machte sich bereit zu gehen, aber Faolain blieb sitzen.

»Ich wünschte, ich hätte die Eidesrute bereits gehalten«, erklärte Faolain enttäuscht, »damit Ihr wüßtet, daß ich die Wahrheit sage.«

»Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Amyrlin noch weiter zu stören«, begann Theodrin, faltete die Hände und wandte ihre Aufmerksamkeit Egwene zu.

Ihr geduldiger Gesichtsausdruck veränderte sich geringfügig. Sie war im Gebrauch der Macht eindeutig die Stärkere der beiden und führte sie stets an, aber dieses Mal war sie bereit zurückzustehen. Warum? fragte sich Egwene.

»Nicht die Eidesrute macht eine Frau zur Aes Sedai, Tochter.« Was auch immer einige glaubten. »Sagt mir die Wahrheit, und ich werde sie glauben.«

»Ich mag Euch nicht.« Faolains dichte dunkle Lokken schwangen, als sie nachdrücklich den Kopf schüttelte. »Das solltet Ihr wissen. Ihr hieltet mich wahrscheinlich für boshaft, als Ihr noch eine Novizin wart und zur Weißen Burg zurückkamt, nachdem Ihr davongelaufen wart, aber ich glaube noch immer, daß Ihr nicht halb so streng bestraft worden seid, wie es hätte geschehen sollen. Vielleicht wird mein Eingeständnis helfen, daß Ihr mir glaubt Es ist nicht so, daß wir auch jetzt keine andere Wahl hätten. Romanda hat uns ihren Schutz angeboten, und Lelaine ebenfalls. Sie sagten, sie würden dafür sorgen, daß wir geprüft und angemessen erhoben würden, sobald wir zur Burg zurückkehren.« Ihr Gesichtsausdruck verdüsterte sich, und Theodrin verdrehte die Augen und schaltete sich ein.

»Mutter, was Faolain auf ihre umständliche Art sagen will, ist, daß wir uns Euch nicht angeschlossen haben, weil wir keine andere Wahl gehabt hätten. Und wir haben es auch nicht aus Dankbarkeit für die Stola getan.« Sie schürzte die Lippen, als glaubte sie, daß ihre Erhebung zur Aes Sedai auf Egwenes Art nicht wirklich ein Geschenk war, das große Dankbarkeit bewirken sollte.

»Warum dann?« fragte Egwene und lehnte sich zurück. Der Stuhl verschob sich, hielt aber stand.

Faolain ergriff das Wort, bevor Theodrin auch nur den Mund öffnen konnte. »Weil Ihr der Amyrlin-Sitz seid.« Sie klang noch immer verärgert. »Wir erkennen, was vor sich geht. Einige der Schwestern glauben, Ihr wärt Sheriams Marionette, aber die meisten denken, Romanda oder Lelaine sagten Euch, wann Ihr wohin gehen sollt. Es ist nicht richtig.« Sie runzelte die Stirn. »Ich habe die Burg verlassen, weil Elaida falsch gehandelt hat. Dann hat man Euch zur Amyrlin erhoben. Also gehöre ich zu Euch, wenn Ihr mich haben wollt und Ihr mir ohne die Eidesrute vertrauen könnt. Ihr müßt mir glauben.«

»Und Ihr, Theodrin?« fragte Egwene schnell und mit unbewegtem Gesicht. Es war schlimm genug zu wissen, wie die Schwestern empfanden, aber es zu hören, war ... schmerzlich.

»Ich gehöre auch zu Euch«, antwortete Theodrin seufzend, »wenn Ihr mich haben wollt.« Sie spreizte verächtlich die Hände. »Ich weiß, wir sind nicht viele, aber es sieht so aus, als wären wir die einzigen, die Ihr habt. Ich muß zugeben, daß ich zögerlich war, Mutter. Faolain bestand darauf, daß wir dies tun. Offen gesagt...« Sie richtete unnötigerweise erneut ihre Stola, und ihre Stimme wurde fester. »Offen gesagt, kann ich nicht erkennen, wie Ihr gegen Romanda und Lelaine obsiegen wollt. Aber wir versuchen, uns wie Aes Sedai zu verhalten, auch wenn wir es noch nicht wirklich sind. Wir werden es auch nicht sein, Mutter, was immer Ihr sagt, bis die anderen Schwestern uns als Aes Sedai anerkennen, und das wird erst geschehen, wenn wir geprüft wurden und die Drei Eide geleistet haben.«