Egwene zog das gefaltete Pergament unter dem Tintenfaß hervor und betastete es, während sie nachdachte. Faolain war die treibende Kraft hinter alledem? Das schien genauso unwahrscheinlich wie ein sich mit einer Schafherde anfreundender Wolf ›Abneigung‹ war ein milder Ausdruck für das, was Faolain für sie empfunden hatte, und die Frau mußte wissen, daß Egwene sie kaum als zukünftige Freundin ansah. Wenn sie die Anordnung aller Sitzenden akzeptiert hatten, wäre die Erwähnung des Angebots vielleicht ein gutes Mittel, ihr Mißtrauen zu entkräften.
»Mutter«, sagte Faolain und hielt dann inne, wobei sie über sich selbst überrascht schien. Es war das erste Mal, daß sie Egwene auf diese Weise angesprochen hatte. Sie atmete tief durch und fuhr fort, »Mutter, ich weiß, es muß Euch schwergefallen sein, uns zu glauben, da wir die Eidesrute niemals in der Hand hielten, aber...«
»Ich wünschte, Ihr würdet dieses Thema fallenlassen«, sagte Egwene. Es war angemessen, vorsichtig zu sein, aber sie konnte es sich aus Angst vor Komplotten nicht leisten, ein Hilfsangebot auszuschlagen. »Denkt Ihr, jedermann glaubt einer Aes Sedai nur wegen der Drei Eide? Menschen, welche die Aes Sedai kennen, wissen, daß eine Schwester die Wahrheit auf den Kopf stellen und umkehren kann, wenn sie es will. Ich selbst glaube.
daß die Drei Eide genauso viel schaden wie nützen, vielleicht sogar mehr. Ich werde Euch glauben, bis ich erfahre, daß Ihr mich belogen habt. Genauso wie jeder andere es mit Menschen macht.« Wenn man darüber nachdachte, änderten die Eide nicht wirklich etwas daran. Man mußte einer Schwester die meiste Zeit einfach vertrauen. Die Eide machten die Menschen nur vorsichtiger darin, weil sie sich fragten, ob und wie sie manipuliert wurden. »Noch etwas. Ihr beide seid Aes Sedai. Ich will nichts mehr über Prüfungen oder das Halten der Eidesrute hören. Es ist schlimm genug, daß Ihr diesen Unsinn ertragen müßt, ohne es selbst noch zu wiederholen. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«
Die beiden Frauen, die auf zwei Seiten des Tisches standen, murmelten hastig, daß dem so sei, und wechselten darin lange Blicke. Dieses Mal wirkte Faolain unentschlossen. Schließlich trat Theodrin um den Tisch herum, kniete sich neben Egwenes Stuhl und küßte ihren Ring. »Unter dem Licht und bei meiner Hoffnung auf Erlösung und Wiedergeburt, schwöre ich, Theodrin Dabei, Euch, Egwene al'Vere, Treue. Ich werde Euch treu dienen und bei meinem Leben gehorchen und ehren.« Sie sah Egwene fragend an.
Egwene konnte nur nicken. Dies gehörte nicht zum Ritual der Aes Sedai. So verschworen sich Adlige ihrem Herrscher. Und selbst manche Herrscher hörten keinen solch streng gefaßten Eid. Aber kaum hatte sich Theodrin mit erleichtertem Lächeln erhoben, als Faolain auch schon ihren Platz einnahm.
»Unter dem Licht und bei meiner Hoffnung auf Erlösung und Wiedergeburt schwöre ich, Faolain Orande...«
Das war mehr, als Egwene sich hätte wünschen können. Zumindest nicht von irgendeiner anderen höhergestellten Schwester.
Als Faolain geendet hatte, verharrte sie, steif aufgerichtet, auf den Knien. »Mutter, ich muß noch Buße tun.
Für das, was ich zu Euch gesagt habe - daß ich Euch nicht mag. Ich werde die Buße selbst festlegen, wenn Ihr wollt, aber Ihr habt das Recht dazu.« Ihre Stimme klang genauso starr, wie es ihre Haltung war, aber überhaupt nicht furchtsam. Sie wirkte bereit, einem Löwen gegenüberzutreten. Und sogar begierig darauf.
Egwene biß sich auf die Lippen, um nicht laut herauszulachen. Es kostete sie Mühe, ihr Gesicht ausdruckslos zu halten. Vielleicht hielten sie ihre erstickten Laute für einen Schluckauf. Wie sehr sie es auch abstritten - sie waren wirkliche Aes Sedai. Faolain hatte gerade bewiesen, wieviel sie von einer Aes Sedai hatte. Manchmal legten Schwestern ihre Buße selbst fest, um die richtige Ausgewogenheit zwischen Stolz und Demut zu erhalten - diese Ausgewogenheit wurde vermutlich hoch geschätzt und war üblicherweise der einzige Grund -, aber sicherlich strebte niemand danach. Eine von jemand anderem auferlegte Buße konnte recht hart sein, und von der Amyrlin wurde erwartet, daß sie darin noch härter vorging als die Ajahs. In jedem Fall unterwarfen sich viele Schwestern stolz dem stärkeren Willen der Aes Sedai - eine anmaßende Vorführung ihres Mangels an Anmaßung. Der Stolz der Demut, wie Siuan es nannte. Egwene erwog, der Frau zu befehlen, eine Handvoll Seife zu essen, nur um ihren Gesichtsausdruck zu sehen - Faolain hatte eine böse Zunge -, aber statt dessen...
»Ich erlege niemandem Buße auf, der die Wahrheit sagt, Tochter. Oder deshalb, weil er mich nicht mag. Folgt auch in der Abneigung Eurem Herzen, solange Ihr den Eid einhaltet.« Nicht daß jemand anderer außer einem Schattenfreund diesen besonderen Eid tatsächlich brechen würde. Dennoch gab es Möglichkeiten, fast alles zu umgehen. Aber schwache Stöcke waren besser als gar keine Stöcke, wenn man sich gegen einen Bären wehren mußte.
Faolains Augen weiteten sich, und Egwene seufzte, während sie der Frau bedeutete, sich zu erheben. Wären ihre Positionen umgekehrt gewesen, dann hätte Faolain ihr eine gehörige Buße auferlegt.
»Ich übertrage Euch zu Beginn zwei Aufgaben, Töchter«, fuhr sie fort.
Sie lauschten aufmerksam. Faolain blinzelte nicht einmal, Theodrin hatte einen Finger nachdenklich an die Lippen gelegt, und als Egwene sie dieses Mal entließ, sagten sie im Chor: »Wie Ihr befehlt, Mutter« und vollführten Hofknickse.
Aber Egwenes gute Stimmung wich. Meri trat mit dem Frühstückstablett ein, als Theodrin und Faolain gingen, und als Egwene ihr für eine wie Rosenblätter geformte Duftkugel dankte, sagte sie: »Ich hatte noch ein wenig Zeit, Mutter.« Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen hätte dies eine Anklage sein können, daß Egwene sie zu schwer arbeiten ließ oder sie selbst nicht genug arbeitete. Keine erfreuliche Frühstücksbeilage. Egwene schickte sie fort, bevor sie zu frühstücken begann. Der Tee war ohnehin schwach. Tee war eines der karg bemessenen Dinge.
Die Notiz unter dem Tintenfaß stellte sich als wenig erfreulich heraus. »Nichts Interessantes im Traum«, hatte Siuan geschrieben. Also war Siuan letzte Nacht auch in Tel'aran'rhiod gewesen. Sie spionierte dort häufig. Es war eigentlich unwichtig, ob sie nach einem Hinweis auf Moghedien oder sonst etwas gesucht hatte, obwohl das unglaublich töricht gewesen wäre. Nichts war nichts.
Egwene verzog das Gesicht, und nicht nur wegen des »nichts«. Wenn Siuan letzte Nacht in Tel'aran'rhiod gewesen war, bedeutete das, daß Leane heute irgendwann käme und sich beschweren würde, Siuan war mit großer Sicherheit kein Traum-Ter'angreal mehr gestattet, seit sie versucht hatte, einigen der anderen Schwestern über die Welt der Träume zu berichten. Es ging weniger darum, daß Siuan kaum mehr wußte als die anderen oder auch, daß nur wenige Schwestern glaubten, sie brauchten wirklich einen Lehrer, um etwas zu lernen, sondern darum, daß Siuan wahrhaft eine scharfe und ungeduldige Zunge besaß. Gewöhnlich konnte sie sich im Zaum halten, aber zwei Wutausbrüche hatten bewirkt, daß sie froh sein konnte, nur den Zugriff auf das Ter'angreal verweigert zu bekommen. Leane gewährte ihr dennoch einen, wann immer sie darum bat, und Siuan benutzte häufig auch heimlich einen. Das war eine der wenigen Übereinstimmungen zwischen ihnen. Beide wären jede Nacht nach Tel'aran'rhiod gegangen, wenn es möglich gewesen wäre.
Egwene beschwor mit der Macht einen winzigen Funken Feuer herauf, um eine Ecke des Pergaments anzuzünden, und hielt es dann fest, bis es fast bis auf ihre Fingerspitzen herabgebrannt war. Es sollte nichts übrigbleiben, was jemand finden könnte, der ihre Sachen durchsuchte und Bericht erstattete, wo dies Mißtrauen erwecken könnte.