»Murandy ist wie Altara, Mutter. Nachbarn sind zu sehr damit beschäftigt, gegeneinander zu intrigieren oder sich direkt zu bekämpfen, um sich für etwas anderes als einen bevorstehenden Krieg zu verbünden, und selbst dann wahrscheinlich nur halbherzig.« Sein Tonfall klang sehr trocken. Er war Befehlshaber der Königlichen Garde von Andor gewesen und hatte entlang den Grenzen jahrelang Scharmützel gegen die Murandianer bestritten. »Ich fürchte, in Andor wird es anders sein. Darauf freue ich mich nicht.« Er änderte die Richtung und ritt einen leichten Hang hinauf, um drei Wagen auszuweichen, die vor ihnen über die Felsen rumpelten.
Egwene behielt nur mühsam einen unbeteiligten Gesichtsausdruck bei. Andor. Zuvor hatte er es gerade abgestritten. Sie waren am Fuß der Cumbar-Berge, ein Stück südlich Lugards, der Hauptstadt von Murandy. Selbst wenn sie zügig vorankamen, lag die Grenze zu Andor noch mindestens zehn Tage voraus.
»Und wenn wir Tar Valon erreichen, Lord Bryne -wie wollt Ihr die Stadt dann einnehmen?«
»Das hat mich noch niemand gefragt, Mutter.« Zuvor hatte sie nur geglaubt, seine Stimme klinge trocken - jetzt klang sie wirklich trocken. »Wenn wir Tar Valon, wenn das Licht es will, erreichen, werde ich zwei bis drei Mal mehr Männer zur Verfügung haben als jetzt.« Egwene zuckte bei dem Gedanken daran zusammen, so viele Soldaten bezahlen zu müssen. Er schien es nicht zu bemerken. »Zunächst werde ich die Stadt belagern. Der schwerste Teil wird sein, Schiffe zu bekommen und sie zu versenken, um den Nordhafen und den Südhafen zu blockieren. Die Häfen sind ebensolche Schlüsselpositionen wie die Stadtbrücken, Mutter. Tar Valon ist größer als Cairhien und Caemlyn zusammen. Wenn erst keine Lebensmittel mehr hineingelangen...« Er zuckte die Achseln. »Der größte Teil der Soldaten wartet ab, wenn sie nicht voranmarschieren.«
»Und wenn Ihr nicht so viele Soldaten zur Verfügung habt?« Sie hatte niemals daran gedacht, daß so viele Menschen, Frauen und Kinder, hungern müßten. Sie hatte niemals wirklich geglaubt, daß jemand anderer außer den Aes Sedai und den Soldaten in diese Angelegenheit verwickelt werden könnte. Wie hatte sie so töricht sein können? Sie hatte die Kriegsfolgen in Cairhien gesehen. Bryne schien es so leicht zu nehmen. Andererseits war er Soldat. Entbehrung und Tod müßten für Soldaten alltäglich sein. »Was geschieht, wenn Ihr nur ... sagen wir ... so viele Männer wie jetzt habt?«
»Eine Belagerung?« Anscheinend war schließlich etwas von ihrer Unterhaltung in Myrelles wie auch immer geartete Gedanken vorgedrungen. Sie trieb den Fuchs vorwärts, so daß mehrere Männer beiseite springen mußten, von denen einige hinfielen. Nur wenige öffneten verärgert den Mund, sahen dann ihre alterslosen Züge und schlossen ihn finster dreinblickend wieder. Sie hätten von ihr aus genausogut gar nicht da sein können. »Artur Falkenflügel hat Tar Valon zwanzig Jahre lang belagert und ist gescheitert.« Sie erkannte plötzlich, daß sie belauscht werden konnten, und senkte die Stimme, aber sie klang noch immer bissig. »Erwartet Ihr von uns, daß wir zwanzig Jahre lang abwarten?«
Ihr Unmut beeindruckte Bryne nicht. »Würdet Ihr einen unmittelbaren Angriff vorziehen, Myrelle Sedai?« Er hätte genausogut fragen können, ob sie ihren Tee süß oder herb wollte. »Mehrere von Falkenflügels Heerführern haben es versucht, und ihre Männer wurden abgeschlachtet. Keinem Heer ist es jemals gelungen, die Mauern Tar Valons niederzureißen.«
Egwene wußte, daß dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. In den Trolloc-Kriegen hatte ein von Schattenlords angeführtes Heer von Trollocs tatsächlich einen Teil der Weißen Burg selbst geplündert und niedergebrannt. Am Ende des Krieges des Zweiten Drachen hatte ein Heer, das Guaire Amalasan zu retten versuchte, bevor er gedämpft wurde, die Burg ebenfalls erreicht. Myrelle konnte dies jedoch nicht wissen, und Bryne noch weniger. Der Zugriff zu jenen geheimen, tief in der Burgbibliothek verborgenen Geschichten wurde durch ein Gesetz geregelt, das selbst geheim war, und es galt als Verrat, die Existenz entweder der Aufzeichnungen oder des Gesetzes preiszugeben. Siuan sagte, man fände, wenn man zwischen den Zeilen lese, Hinweise auf Dinge, die nicht einmal dort festgehalten waren. Aes Sedai waren gut darin, die Wahrheit zu verbergen - sogar vor ihnen selbst -, wenn sie es für notwendig erachteten.
»Mit hunderttausend Mann, oder wie viele auch immer ich im Moment zur Verfügung habe, werde ich der erste sein«, fuhr Bryne fort. »Sofern ich die Häfen blockieren kann. Falkenflügels Befehlshabern ist dies niemals gelungen. Die Aes Sedai hoben stets rechtzeitig die Eisenketten an, welche die Einfahrt der Schiffe in die Hafenmündung verhinderten, und versenkten sie, bevor sie auf eine Position gebracht werden konnten, in der sie jeglichen Handel verhindert hätten. Nahrungsmittel und Vorräte gelangten weiterhin in die Stadt. Es wird schließlich zu Eurem Angriff kommen, aber erst, wenn die Stadt geschwächt ist, wenn es auf meine Art geschieht.« Seine Stimme klang noch immer ... ungerührt. Ein Mann, der über einen Ausflug sprach. Er blickte zu Myrelle, und obwohl sich sein Tonfall nicht veränderte, war seine Anspannung hinter der Schutzmaske an seinen Augen erkennbar. »Und Ihr habt alle zugestimmt, daß es auf meine Art geschehen soll, wenn das Heer einbegriffen wäre. Ich will keine Menschenleben opfern.«
Myrelle öffnete den Mund und schloß ihn dann langsam wieder. Sie wollte eindeutig etwas sagen, wußte aber nicht was. Sie hatten tatsächlich ihr Wort gegeben, sie und Sheriam und jene, die alles geregelt hatten, als er in Salidar auftauchte, so sehr es sie jetzt auch ärgerte. So sehr die Sitzenden es auch zu umgehen versucht hatten. Sie hatten ihr Wort nicht gegeben. Bryne handelte jedoch, als hätten sie es getan, und war bisher damit durchgekommen. Bisher.
Egwene fühlte sich schlecht. Sie hatte den Krieg gesehen. Bilder flammten in ihrem Geist auf, von kämpfenden Männern, die sich mordend ihren Weg durch Tar Valon bahnten, sterbende Männer. Ihr Blick fiel auf einen Burschen mit kantigem Kinn, der sich auf die Zunge biß, während er eine Pfeilspitze schärfte. Würde er in jenen Straßen sterben? Und der grauhaarige, bereits kahl werdende Mann, der seine Finger so vorsichtig jeden Pfeil hinabgleiten ließ, bevor er den Pfeilschaft in den Köcher steckte? Und dieser Bursche, der in seinen hohen Reitstiefeln einherstolzierte. Er wirkte noch zu jung, sich zu rasieren. Licht, so viele waren noch Jungen. Wie viele würden sterben? Für den Amyrlin-Sitz. Für die Gerechtigkeit, für das Recht, für die Welt, aber im Herzen für sie. Siuan hob die Hand, vollendete die Geste aber nicht. Selbst wenn sie ausreichend nahe gewesen wäre, hätte sie dem Amyrlin-Sitz dort, wo jedermann es sehen konnte, nicht auf die Schulter klopfen dürfen.
Egwene richtete sich auf. »Lord Bryne«, sagte sie mit angespannter Stimme, »was wollt Ihr mir verdeutlichen?« Sie glaubte zu bemerken, daß er Myrelle einen Seitenblick zuwarf, bevor er antwortete. »Ihr solltet es besser selbst erkennen, Mutter.« Egwene dachte, ihr Kopf würde bersten. Wenn Siuans Hinweise überhaupt etwas bedeuteten, würde sie Myrelle die Haut über die Ohren ziehen. Wenn dem nicht so war, würde sie vielleicht Siuan die Haut abziehen. Und sie könnte, der Ausgewogenheit halber, auch Gareth Bryne mit einbeziehen.
12
Ein siegreicher Vormittag
Die gewundenen Hügel und Bergketten, die das Lager umgaben, zeigten alle Anzeichen von Trockenheit und für diese Jahreszeit ungewöhnlicher Hitze - tatsächlich unerträglicher Hitze. Selbst der schwerfälligste Küchenjunge, der Töpfe schrubbte, bemerkte die Berührung der Welt durch den Dunklen König. Der eigentliche Wald lag westlich hinter ihnen, aber verkrümmte Eichen wuchsen auch auf den felsigen Hängen, sowie Tupelobäume und ungewohnt geformte Kiefern und Bäume, deren Namen Egwene nicht kannte, braun und gelb und mit kahlen Zweigen. Es war keine Winterkahlheit oder Winterbraun. Sie dürsteten nach Feuchtigkeit und Kühle. Sie würden absterben, wenn sich das Wetter nicht bald änderte. Hinter den letzten Soldaten verlief ein Fluß von Süden nach Westen, der Reisendrelle, zwanzig Fuß breit und auf beiden Seiten von festgetretenem, mit Sternen durchsetzten Schlamm begrenzt. Zu anderen Zeiten hätten in Strudeln umherwirbelnde Steine die Überquerung gefährlich gemacht, aber heute war das Wasser nur wenige Handbreit tief. Egwene spürte, daß ihre eigenen Sorgen an Bedeutung verloren. Sie sprach, trotz ihrer Kopfschmerzen, ein kleines Gebet für Nynaeve und Elayne. Ihre Suche war genauso wichtig wie all ihr eigenes Handeln, wenn nicht wichtiger. Die Welt würde überleben, wenn sie versagte, aber die beiden mußten Erfolg haben.