Sie ritten in leichtem Galopp südwärts und zügelten ihre Pferde, wenn die Hänge zu steil wurden oder die Tiere durch Bäume und kärgliches Gestrüpp klettern mußten, aber sie hielten sich insgesamt soweit wie möglich ans Tiefland und kamen gut voran. Brynes Wallach, der trittsicher und kräftig war, schien es nichts auszumachen, wohin sich der Boden neigte oder ob er uneben war, und Daishar hielt leicht Schritt. Siuans molliges Tier hatte manchmal zu kämpfen, obwohl sich vielleicht nur die Angst seiner Reiterin auf es übertrug. Auch nicht die größtmögliche Übung hätte aus Siuan etwas anderes als eine schreckliche Reiterin gemacht, die fast die Arme um den Hals der Stute schlang, wenn es bergauf ging, und fast aus dem Sattel fiel, wenn es bergab ging, unbeholfen wie eine Ente auf dem Land und mit fast genauso erschreckten Augen wie ihr Pferd. Sogar Myrelle gewann ihren Humor ein Stück weit zurück, als sie Siuan beobachtete. Ihr weißfüßiger Mausgrauer suchte sich seinen Weg sehr genau, und Myrelle ritt mit einer Sicherheit, daß sogar Bryne schwerfällig wirkte.
Bevor sie noch sehr weit gekommen waren, erschienen Reiter auf einem Hügelkamm im Westen, vielleicht einhundert Mann in Kolonne, auf deren Brustharnischen, Helmen und Speerspitzen die Sonne glitzerte. Ihnen voraus wehte eine weiße Fahne, die Egwene nicht erkennen konnte, aber sie wußte, daß sie die Rote Hand trug. Sie hatte nicht erwartet, sie so nahe am Lager der Aes Sedai zu sehen.
»Drachenverschworene Tiere«, murrte Myrelle. Ihre behandschuhten Hände schlossen sich fester um die Zügel - vor Zorn, nicht vor Angst.
»Die Bande der Roten Hand schickt Patrouillen aus«, erklärte Bryne in aller Ruhe und fügte dann mit einem Blick auf Egwene hinzu: »Lord Talmanes schien sich um Euch zu sorgen, Mutter, als ich zuletzt mit ihm sprach.« Er betonte dies nicht mehr als seine sonstigen Worte.
»Ihr habt mit ihm gesprochen?« Myrelles Heiterkeit schwand vollkommen. Den Zorn, den sie in Egwenes Gegenwart im Zaum gehalten hatte, konnte sie unbeschadet an ihm auslassen. »Das kommt Verrat sehr nahe, Lord Bryne. Es könnte sogar Verrat sein!« Siuan richtete ihre Aufmerksamkeit sowohl auf ihr Pferd als auch auf die Männer auf dem Hügel, und sie sah Myrelle nicht an, aber sie versteifte sich. Niemand hatte die Bande zuvor mit Verrat in Verbindung gebracht.
Sie umrundeten eine Biegung im Tal unter dem Hügel. Ein Bauernhof klebte an einem Hang - oder zumindest die Überreste davon. Eine Wand des kleinen Sterngebäudes war eingestürzt, und einige wenige verkohlte Holzpfosten ragten wie schmutzige Finger neben dem rußbedeckten Schornstein auf. Die Scheune, der das Dach fehlte, war ein geschwärzter, ausgehöhlter Steinkasten, und verstreute Asche bezeichnete, wo einst vielleicht Schuppen gestanden hatten. Ähnliches hatten sie in ganz Altara gesehen, manchmal ganze verbrannte Dörfer, in denen die Toten auf den Straßen lagen, Nahrung für Krähen und Füchse und wilde Hunde, die flohen, wenn Menschen herankamen. Geschichten über Chaos und Mord in Tarabon und Arad Doman waren plötzlich Wirklichkeit geworden. Viele Menschen nutzten jede Entschuldigung, um zu Banditen zu werden oder alte Mißstimmigkeiten zu regeln - Egwene hoffte inbrünstig, daß es so war -, aber der Name auf den Lippen jedes Überlebenden lautete ›Drachenverschworener‹, und die Schwestern machten Rand genauso dafür verantwortlich, als hätte er die Fackeln selbst getragen. Sie würden ihn dennoch weiterhin benutzen, wenn sie es noch könnten, ihn kontrollieren, wenn sie eine Möglichkeit hätten. Sie war nicht die einzige Aes Sedai, die daran glaubte zu tun, was sie tun mußte.
Myrelles Zorn beeindruckte Bryne genauso wenig, wie Regen einen Felsblock beeindruckte. Egwene sah plötzlich ein Bild von um seinen Kopf tobenden Stürmen und um seine Knie wirbelnden Fluten, während er unbekümmert weiterritt. »Myrelle Sedai«, sagte er mit der Gelassenheit, die eigentlich sie hätte zeigen sollen, »wenn zehntausend oder mehr Männer mich verfolgen, mochte ich wissen, was sie beabsichtigen. Besonders bei diesen Zehntausend oder mehr.«
Das war ein gefährliches Thema. So froh Egwene auch darüber war, daß das Thema von Talmanes' Sorge um sie überstanden war, hätte sie verärgert darüber sein sollen, daß er es überhaupt erwähnt hatte, aber jetzt war sie so erschrocken, daß sie sich jäh im Sattel aufrichtete. »Zehntausend? Seid Ihr sicher?« Die Bande hatte kaum mehr als die Hälfte Männer umfaßt, als Mat sie auf der Jagd nach Elayne und ihr nach Salidar gebracht hatte.
Bryne zuckte nur die Achseln. »Ich hebe unterwegs Rekruten aus und er ebenfalls. Nicht so viele, aber manche Männer haben eine bestimmte Vorstellung vom Dienst für die Aes Sedai.« Die Mehrzahl der Leute hätte sich entschieden unbehaglich gefühlt, dies drei Schwestern gegenüber zu erwähnen, aber er sagte es sogar mit einem schiefen Lächeln. »Außerdem scheint es, daß sich die Bande bei den Kämpfen in Cairhien einen gewissen Ruf erworben hat. Es heißt, Shen an Calhar verlöre niemals, ungeachtet der Umstände.« Genau das trieb Männer, hier ebenso wie in Altara, dazu, sich ihnen anzuschließen; der Gedanke, daß zwei Heere einen Kampf bedeuten müßten. Der Versuch, sich herauszuhalten, könnte genauso verhängnisvoll enden, wie die falsche Seite zu erwählen. »Ich habe einige Fahnenflüchtige von Talmanes' Neulingen in meinen Reihen gehabt. Einige scheinen zu glauben, das Glück der Bande sei eng mit Mat Cauthon verbunden und könne nicht ohne ihn bestehen.«
Myrelle verzog beinahe spöttisch die Lippen. »Diese törichten Ängste der Murandianer sind gewiß nützlich, aber ich hätte nicht gedacht, daß Ihr ebenfalls ein Narr seid. Talmanes folgt uns, weil er befürchtet, wir könnten uns gegen seinen wertvollen Lord Drache wenden, aber wenn er wirklich anzugreifen beabsichtigte - glaubt Ihr nicht, daß er es dann bereits getan hätte? Um diese Drachenverschworenen können wir uns kümmern, wenn wichtigere Angelegenheiten geregelt sind. Aber mit ihm zu sprechen...!« Sie erschauderte, gewann aber ihre Gelassenheit zurück - zumindest nach außen hin.
Egwene achtete nicht auf Myrelles Worte. Bryne hatte sie angesehen, als er Mat erwähnte. Die Schwestern glaubten, die Situation bei der Bande und Mat zu kennen und dachten nicht weiter darüber nach, aber Bryne tat dies offensichtlich doch. Sie neigte den Kopf so weit, daß die Krempe ihres Huts ihr Gesicht verbarg, und betrachtete ihn aus den Augenwinkeln. Er war durch einen Eid daran gebunden, das Heer zu bilden und anzuführen, bis Elaida gestürzt war, aber warum hatte er die Eide geleistet? Er hätte sicherlich einen weniger gewichtigen Eid leisten können, der auch zweifellos von den Schwestern anerkannt worden wäre, die all jene Soldaten nur als Narrenmaske benutzen wollten, um Elaida zu erschrecken. Ihn auf ihrer Seite zu wissen, war tröstlich. Selbst die anderen Aes Sedai schienen so zu empfinden. Wie ihr Vater war auch er ein Mensch, der einem in jeder Situation alle Furcht nahm. Ihn gegen sich zu haben, erkannte sie plötzlich, könnte genauso schlimm sein, wie den Saal gegen sich zu haben. Die einzige Anerkennung, die Siuan ihm jemals gezollt hatte, war ihre Bemerkung, daß er ungeheuerlich sei, obwohl sie diese Bemerkung dann sofort wieder abschwächte. Jeder Mann, den Siuan Sandte für ungeheuerlich erachtete, war bemerkenswert.