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Zuerst sah Myrelle sie von der Seite an, denn sie erwartete eindeutig, daß sie das Thema der zur Weißen Burg geschickten Schwestern aufbrächte, und ersann Entschuldigungen dafür, warum dies sogar vor dem Saal geheimgehalten werden mußte. Je länger Egwene schweigend weiterritt, desto unbehaglicher regte sich Myrelle im Sattel. Sie benetzte ihre Lippen, und erste Risse zeigten sich in der Aes-Sedai-Gelassenheit. Schweigen war ein überaus nützliches Instrument.

Eine Zeitlang war außer den Pferdehufen und dem gelegentlichen Schrei eines Vogels im Gebüsch nichts zu hören, aber als deutlich wurde, in welche Richtung Siuan ritt - ein wenig westlich vom Rückweg zum Lager ab -, steigerte sich Myrelles Unbehagen. Vielleicht enthielten die Hinweise, die Siuan zusammengetragen hatte, letztendlich doch ein Körnchen Wahrheit.

Als Siuan noch einmal westwärts schwenkte, zwischen zwei unförmigen Hügeln hindurch, die sich einander zuneigten, verhielt Myrelle ihr Pferd. »In ... in dieser Richtung liegt ein Wasserfall«, sagte sie und deutete gen Osten. »Er ist nicht sehr hoch, war es auch vor der Dürre nicht, aber er ist auch jetzt noch recht hübsch.« Siuan hielt ebenfalls inne und schaute lächelnd zurück.

Was hatte Myrelle zu verbergen? fragte sich Egwene neugierig. Sie betrachtete die Grüne Schwester und bemerkte erschrocken einen Schweißtropfen auf deren Stirn, der auch im Schatten am Rande ihres grauen Haars schimmerte. Sie wollte zweifelsfrei wissen, was eine Aes Sedai ausreichend erschüttern konnte, sie zum Schwitzen zu bringen.

»Ich glaube, Siuans Weg wird noch interessante Einblicke gewähren, meint Ihr nicht?« fragte Egwene und wandte Daishar um. Myrelle schien in sich zusammenzusinken. »Kommt schon.«

»Ihr wißt alles, nicht wahr?« murrte Myrelle unsicher, während sie zwischen den Hügeln hindurchritten. Jetzt war mehr als nur ein Tropfen Schweiß auf ihrem Gesicht zu sehen. Sie war bis ins Mark erschüttert. »Alles. Wie konntet Ihr...?« Sie richtete sich plötzlich ruckartig im Sattel auf und starrte Siuans Rücken an. »Sie! Siuan war von Anfang an Eure Handlangerin!« Sie klang fast empört. »Wie konnten wir so blind sein? Aber ich verstehe noch immer nicht. Wir waren so vorsichtig.«

»Wenn Ihr etwas geheimhalten wollt«, sagte Siuan verächtlich über die Schulter, »dann versucht nicht, so weit im Süden Münzpfeffer zu kaufen.«

Was, um alles in der Welt, war Münzpfeffer? Und worüber redeten sie? Myrelle erschauderte. An dem Umstand, daß Siuans Tonfall keine heftige, zurechtweisende Erwiderung bewirkt hatte, konnte man ermessen, wie aufgebracht sie war. Statt dessen benetzte sie ihre Lippen, als wären sie plötzlich noch trockener geworden.

»Mutter, Ihr müßt verstehen, warum ich es getan habe, warum wir es getan haben.« Die Furcht in ihrer Stimme wäre auch angemessen gewesen, wenn sie der Hälfte der Verlorenen hätte gegenübertreten müssen. »Nicht nur, weil Moiraine darum gebeten hat, nicht nur, weil sie meine Freundin war. Ich hasse es, sie sterben zu lassen. Ich hasse es! Der Handel, den wir eingehen, fallt uns oft schwer, aber ihnen fällt er noch schwerer. Ihr müßt es verstehen. Ihr müßt!«

Gerade als Egwene dachte, sie würde alles preisgeben, verhielt Siuan ihre Stute und wandte sich zu ihnen um. Egwene hätte sie ohrfeigen können. »Vielleicht wäre es für Euch einfacher, Myrelle, wenn Ihr den restlichen Weg führt«, sagte sie kalt und wahrhaft angewidert. »Zusammenarbeit könnte Milderung bedeuten. Ein wenig.«

»Ja.« Myrelle nickte, während ihre Hände unablässig mit den Zügeln beschäftigt waren. »Ja, natürlich.«

Sie wirkte den Tränen nahe, als sie die Führung übernahm. Siuan, die ihr folgte, schien nur einen Moment erleichtert. Egwene dachte, auch sie würde in Tränen ausbrechen. Welcher Handel? Mit wem? Wen ließen sie sterben? Und wer waren »wir«? Sheriam und die anderen? Aber Myrelle hätte davon gehört, und es schien zu diesem Zeitpunkt kaum ratsam, ihr eigenes Unwissen zu offenbaren. Eine unwissende Frau, die den Mund hält, wird für weise erachtet werden, lautete ein Sprichwort. Und ein anderes lautete: Wenn man das erste Geheimnis bewahrt, bewahrt man auch zehn weitere. Sie konnte den beiden nur folgen und alles für sich behalten. Sie würde jedoch mit Siuan reden müssen. Die Frau sollte keine Geheimnisse vor ihr bewahren. Egwene bemühte sich zähneknirschend, Geduld zu beweisen und unbesorgt zu scheinen. Weise.

Fast auf dem Rückweg zum Lager, wenige Meilen westlich, führte Myrelle sie einen niedrigen, abgeflachten Hügel hinauf, der mit Kiefern und Lederblattbäumen bestanden war. Zwei gewaltige Eichen hielten alles andere Wachstum im Bereich ihrer weiten Kronen nieder. Unter dichten, ineinander verschlungenen Zweigen standen drei spitz zulaufende Zelte aus geflickter Leinwand und eine Reihe angepflockte Pferde in der Nähe eines Karrens, sowie fünf große Schlachtrosse, die sorgfältig von den anderen entfernt angepflockt waren. Nisao Dachen wartete in einem einfach geschnittenen, bronzefarbenen Reitgewand unter dem Sonnendach eines der Zelte, als wollte sie Gäste willkommen heißen. Neben ihr stand Sarin Hoigan in dem olivgrünen Umhang, den so viele Gaidin trugen. Nisaos Behüter, ein gedrungen wirkender, kahlköpfiger Mann mit dichtem schwarzen Bart, war größer als sie. Wenige Schritte entfernt beobachteten zwei von Myrelles drei Gaidin aufmerksam, wie sie in die Höhlung hinabstiegen: Croi Makin, schlank und blond, und Nuhel Dromand, dunkelhaarig und wuchtig und mit einem Bart, der seine Oberlippe frei ließ. Niemand wirkte im mindesten überrascht. Offensichtlich hatte einer der Behüter Wache gehalten und vorgewarnt. Jedoch schützte nichts Sichtbares die Heimlichkeit. Myrelle leckte sich nervös die Lippen. Wenn Nisao sie willkommen hieß - warum strichen Myrelles Hände dann unablässig über ihre Röcke? Sie wirkte, als würde sie lieber abgeschirmt Elaida gegenübertreten.

Zwei Frauen, die um die Ecke eines der Zelte gespäht hatten, wichen eilig wieder zurück, aber Egwene hatte sie bereits erkannt. Nicola und Areina. Sie fühlte sich plötzlich sehr unbehaglich. Wohin hatte Siuan sie geführt?

Siuan zeigte keinerlei Nervosität, als sie abstieg. »Bringt ihn heraus, Myrelle. Jetzt.« Sie richtete sich an ihrer Vergeltung wieder auf. Ihr Tonfall klang überaus schneidend. »Es ist zu spät, noch etwas zu verbergen.«

Myrelle brachte kaum Unmut über die Behandlung zustande. Sie riß sich sichtlich zusammen, zog sich ruckartig den Hut vom Kopf, stieg schweigend ab, trat zu einem der Zelte und verschwand darin. Nisaos Blick aus bereits geweiteten und sich ständig noch stärker weitenden Augen folgte ihr. Sie schien am Fleck festgewachsen.

Nur Siuan war nahe genug, um Egwene hören zu können. »Warum habt Ihr uns unterbrochen?« verlangte sie leise zu wissen, während sie abstieg. »Ich bin sicher, daß sie gerade gestehen wollte ... was auch immer es ist ... und ich habe noch immer keinen Anhaltspunkt. Was ist Münzpfeffer?«

»Er ist in Shienar und Malkier sehr bekannt«, antwortete Siuan genauso leise. »Ich habe erst davon gehört, als ich Aeldene heute morgen verließ. Ich mußte Myrelle die Führung überlassen. Ich wußte nichts, jedenfalls nichts Genaues. Es hätte wohl nicht viel genützt, sie das erkennen zu lassen, oder? Ich wußte auch nichts von Nisao. Ich dachte, sie hätten kaum jemals miteinander gesprochen.« Sie betrachtete die Gelbe Schwester und schüttelte verärgert den Kopf. Siuan konnte nur schlecht mit der Erkenntnis umgehen, ein Versagen nicht erkannt zu haben. »Es sei denn, ich bin blind und dumm geworden, was diese beiden...« Sie verzog den Mund und suchte nach einem angemessenen Schimpfwort. Plötzlich ergriff sie Egwenes Ärmel. »Da kommen sie. Jetzt werdet Ihr es selbst erkennen.«

Myrelle trat als erste aus dem Zelt, dann ein nur mit Stiefeln und einer Hose bekleideter Mann, der tief geduckt durch den Eingang treten mußte, ein blankgezogenes Schwert in der Hand und mit Narben kreuz und quer über seiner leicht behaarten Brust. Er war weitaus größer als Myrelle und auch als jeder der Behüter. Sein langes dunkles Haar, das von einem geflochtenen Lederband um seine Stirn gehalten wurde, war jetzt von mehr Grau durchzogen als zu dem Zeitpunkt, als Egwene ihn das letzte Mal gesehen hatte, aber es war nichts Sanftes an Lan Mandragoran. Teile des Puzzles fügten sich unvermittelt zusammen, und doch stimmte das Bild für sie noch immer nicht. Er war Moiraines Behüter gewesen, der Aes Sedai, die sie und Rand und die anderen vor scheinbar einem Zeitalter aus den zwei Flüssen herausgeführt hatte, aber Moiraine war nach der Tötung Lanfears gestorben, und Lan hatte kurz darauf in Cairhien als vermißt gegolten. Vielleicht war Siuan alles offenbar, aber sie selbst tappte zutiefst im dunkeln.