»Mutter, es ist nicht so schlimm, eine Bindung weiterzugeben. Nun, tatsächlich bedeutet es nicht mehr, als daß eine Frau entscheidet, wer ihren Ehemann bekommen soll, wenn sie stirbt, damit er in die richtigen Hände kommt.«
Egwene sah sie so starr an, daß Myrelle zurücktrat und beinahe über ihre Röcke stolperte. Es war jedoch nur der Schreck. Jedes Mal, wenn Egwene glaubte, nun von dem merkwürdigsten Brauch gehört zu haben, tauchte ein noch merkwürdigerer auf.
»Wir sind nicht alle Ebou Dari, Myrelle«, sagte Siuan trocken, »und ein Behüter ist kein Ehemann. Für die meisten von uns nicht.« Myrelle hob trotzig den Kopf. Manche Schwestern heirateten ihren Behüter, eine Handvoll, nur wenige heirateten überhaupt. Niemand forschte dem allzu genau nach, aber Gerüchte besagten, sie hätte ihre Behüter alle drei geheiratet, was gewiß sogar in Ebou Dar Gebräuche und Gesetze verletzte. »Nicht so schlimm, sagt Ihr, Myrelle? Nicht so schlimm?« Siuans Gesicht und Stimme drückten gleichermaßen Verärgerung aus. Sie klang, als hätte sie einen üblen Geschmack im Mund.
»Es gibt kein Gesetz dagegen«, protestierte Nisao an Egwene gewandt, nicht an Siuan. »Kein Gesetz dagegen, einen Bund weiterzugeben.« Siuan wurde ein derart düsterer Blick zugedacht, daß sie zurücktrat und schwieg. Sie dachte jedoch ganz anders.
»Das ist doch nicht der Punkt«, bemerkte Egwene. »Selbst wenn es während - wieviel? vierhundert oder mehr Jahren? - bereits einmal geschah, selbst wenn sich die Bräuche tatsächlich geändert haben, wärt Ihr vielleicht mit einigen schiefen Blicken und einem geringfügigen Verweis davongekommen, wenn ihr seinen Bund nur untereinander weitergegeben hättet. Ihr hättet ihn vielleicht sogar gegen seinen Willen binden können. Tatsächlich habt Ihr es, verdammt noch mal, sogar getan!«
Schließlich fügte sich das Puzzle für Egwene vollständig zusammen. Sie wußte, daß sie denselben Abscheu empfinden sollte wie Siuan. Aes Sedai setzen das Binden eines Mannes gegen seinen Willen einer Vergewaltigung gleich. Er hatte eine genauso große Chance, sich dagegen zu wehren, wie ein Bauernmädchen sie hätte, wenn ein Mann von der Statur Lans sie in einer Scheune in die Enge triebe -wenn drei Männer von der Statur Lans es täten. Schwestern waren jedoch nicht immer so rücksichtsvoll gewesen - tausend Jahre zuvor wäre es kaum erwähnt worden -, und selbst heutzutage konnte man sich darüber streiten, ob ein Mann tatsächlich gewußt hatte, worauf er sich einließ. Manche Aes Sedai beherrschten Heuchelei als ebenso große Kunst wie Intrigen oder das Bewahren von Geheimnissen. Der Punkt war, daß sie wußte, daß er Nynaeve seine Liebe zu ihr nicht eingestanden hatte, sondern irgendwelchen Unsinn darüber erzählt hatte, daß er gebunden wurde, um früher oder später getötet zu werden, und sie nicht als Witwe zurücklassen wollte. Männer redeten stets Unsinn, wenn sie vernünftig zu sein glaubten. Hätte Nynaeve ihn ungebunden gehen lassen, wenn sie eine andere Chance gehabt hätte, gleichgültig, was er gesagt hatte? Hätte sie selbst Gawyn gehen lassen? Er hatte gesagt, er würde annehmen, aber wenn er seine Meinung änderte?
Nisao bewegte den Mund, fand aber nicht die richtigen Worte. Sie sah Siuan an, als wäre alles ihr Fehler, aber das war noch nichts gegen den Blick, den sie Myrelle zugedachte. »Ich hätte niemals auf Euch hören sollen«, grollte sie. »Ich muß verrückt gewesen sein!«
Myrelle behielt ihren unbewegten Gesichtsausdruck noch immer irgendwie bei, aber sie schwankte ein wenig, als wollten ihre Knie nachgeben. »Ich habe es nicht für mich getan, Mutter. Das müßt Ihr mir glauben. Ich mußte ihn retten. Sobald er außer Gefahr ist, werde ich ihn an Nynaeve weitergeben, so wie Moiraine es wollte, sobald sie...«
Egwene hob ruckartig eine Hand, und Myrelle brach so jäh ab, als hätte sie ihr auf den Mund geschlagen. »Ihr wollt seinen Bund an Nynaeve weitergeben?«
Myrelle nickte unsicher und Nisao weitaus heftiger. Siuan murmelte stirnrunzelnd etwas darüber, daß ein Fehler dreimal schlimmer wurde, wenn man ihn wiederholte. Lan war noch immer nicht langsamer geworden. Zwei Grashüpfer schwirrten aus dem Laub hinter ihm hervor, und er wirbelte herum und zerteilte sie mit dem Schwert in der Luft, ohne innezuhalten.
»Haben Eure Bemühungen Erfolg? Ist er in guter Verfassung? Wie lange habt Ihr ihn schon hier?«
»Erst knapp drei Wochen«, erwiderte Myrelle. »Heute ist der zwanzigste Tag. Mutter, es könnte Monate dauern, und es gibt keine Garantie.«
»Vielleicht ist es an der Zeit, etwas anderes zu versuchen«, sagte Egwene mehr zu sich selbst als zu jemand anderem und eher, um sich selbst zu überzeugen als andere. Unter diesen Umständen war Lan wohl kaum ein leicht zu überreichendes Geschenk für irgend jemanden, aber Bund hin oder her - er gehörte stärker zu Nynaeve, als er jemals zu Myrelle gehören würde.
Als sie zu ihm hinüberging, stiegen jedoch starke Zweifel in ihr auf. Er wirbelte in seinem Tanz zu ihr herum, das Schwert auf sie zustoßend. Irgend jemand keuchte, als die Klinge nur um Haaresbreite vor ihrem Kopf innehielt. Sie war erleichtert, daß nicht sie gekeucht hatte.
Strahlend blaue Augen in einem wie aus Stein gemeißelten, ebenmäßigen Gesicht betrachteten sie unter gesenkten Brauen eingehend. Lan senkte das Schwert langsam. Schweiß bedeckte seinen Körper, und doch atmete er nicht einmal schwer. »Also seid Ihr jetzt die Amyrlin. Myrelle hat mir erzählt, daß sie eine Amyrlin erhoben haben, aber nicht wen. Anscheinend haben wir beide eine Menge gemeinsam.« Sein Lächeln wirkte genauso kalt wie seine Stimme, genauso kalt wie seine Augen.
Egwene unterdrückte den Wunsch, ihre Stola zurechtzurücken, und rief sich ins Bewußtsein, daß sie die Amyrlin und eine Aes Sedai war. Sie wollte Saidar umarmen. Bis zu diesem Moment hatte sie nicht wirklich erkannt, wie gefährlich er war. »Nynaeve ist jetzt ebenfalls eine Aes Sedai, Lan. Sie braucht einen guten Behüter.« Eine der anderen Frauen stieß einen Laut aus, aber Egwene hielt ihren Blick weiterhin auf ihn gerichtet.
»Ich hoffe, sie findet einen Helden aus der Legende.« Er lachte bellend. »Sie braucht einen Helden, der ihrem Temperament standhalten kann.«
Sein eishartes Lachen überzeugte sie. »Nynaeve befindet sich in Ebou Dar, Lan. Ihr wißt, wie gefährlich es in dieser Stadt ist. Sie sucht etwas, das wir verzweifelt brauchen. Wenn die Schwarze Ajah davon erfährt, werden sie Nynaeve töten, um es zu bekommen. Wenn die Verlorenen es herausfinden...« Sein Gesicht war ihr schon zuvor blaß erschienen, aber die in seinen sich verengenden Augen erkennbare Qual angesichts der Gefahr, in der Nynaeve schwebte, bekräftigte ihren Plan. Nynaeve, nicht Myrelle, hatte das Recht. »Ich schicke Euch als ihren Behüter zu ihr.«
»Mutter«, sagte Myrelle hinter ihr drängend.
Egwene hob rasch eine Ruhe gebietende Hand. »Ihr werdet für Nynaeves Sicherheit verantwortlich sein, Lan«
Er zögerte nicht und schaute auch nicht zu Myrelle.
»Es wird mindestens einen Monat dauern, Ebou Dar zu erreichen. Areina, sattelt Mandarb!« Er wollte sich gerade umwenden, hielt aber dann inne und hob seine freie Hand, als wollte er ihre Stola berühren. »Ich entschuldige mich dafür, daß ich Euch jemals geholfen habe, die Zwei Flüsse zu verlassen. Euch und Nynaeve.« Er schritt davon und verschwand in dem Zelt, aus dem er zuvor gekommen war, und bevor er nur zwei Schritte getan hatte, scharten sich Myrelle und Nisao und Siuan bereits alle um Egwene zusammen.
»Mutter, Ihr versteht nicht, was Ihr da vorhabt«, sagte Myrelle atemlos. »Ihr könntet genausogut einem Kind eine Laterne in die Hand geben und es damit in einem Heuschober spielen lassen. Ich habe Nynaeve vorbereitet, sobald ich spürte, daß sein Bund auf mich überging. Ich glaubte, ausreichend Zeit zu haben. Aber sie wurde in Windeseile zur Aes Sedai erhoben. Sie ist noch nicht bereit, mit ihm umzugehen, Mutter. Nicht mit ihm, nicht so, wie er jetzt ist.«