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Egwene bewahrte mühsam die Geduld. Sie verstanden noch immer nicht. »Myrelle, selbst wenn Nynaeve die Macht überhaupt nicht beherrschte« - sie konnte es tatsächlich nicht, es sei denn, sie war verärgert -, »würde das keinen Unterschied machen, und das wißt Ihr. Nicht in bezug darauf, ob sie mit ihm umgehen kann, denn eines habt Ihr nicht vermocht - ihm eine so wichtige Aufgabe zu erteilen, daß er am Leben bleiben muß, um sie auszuführen.« Das war das letzte Argument Es würde vermutlich besser greifen als die anderen. »Nynaeves Sicherheit ist für ihn sehr wichtig. Er liebt sie, Myrelle, und sie liebt ihn.«

»Das erklärt...«, begann Myrelle leise, aber Nisao unterbrach sie unglaublich schroff.

»Oh, bestimmt nicht. Nicht er. Sie liebt ihn vielleicht, oder sie glaubt, daß sie ihn liebt, aber Frauen jagen Lan schon hinterher, seit er noch ein bartloser Junge war und fangen ihn einen Tag oder einen Monat lang ein. Er war ein recht hübscher Junge, wie schwer das jetzt auch zu glauben sein mag. Dennoch besitzt er anscheinend noch immer eine gewisse Anziehungskraft.« Sie warf Myrelle, die leicht die Stirn runzelte und deren Wangen etwas gerötet waren, einen Seitenblick zu. Ansonsten ließ sie sich nichts anmerken, aber das genügte vollkommen. »Nein, Mutter. Jede Frau, die Lan Mandragoran an sich gebunden zu haben glaubt, wird feststellen, daß sie nur Luft gefangen hat.«

Egwene seufzte wider Willen. Einige Schwestern waren der Ansicht, es gehöre noch etwas dazu, einen Behüter zu retten, dessen Bund durch den Tod gebrochen war: ihn in die Arme - ins Bett - einer Frau zu bringen. Dann konnte sich kein Mann mehr auf den Tod konzentrieren, glaubte man. Myrelle hatte dafür anscheinend selbst gesorgt. Zumindest hatte sie ihn nicht tatsächlich geheiratet, nicht, wenn sie ihn weitergeben wollte. Es wäre genauso gut, wenn Nynaeve es niemals herausfände.

»Sei es, wie es sei«, belehrte sie Nisao abwesend.

Areina zurrte Mandarbs Sattel gekonnt und energisch fest, während der große schwarze Hengst den Kopf zwar hoch erhoben hatte, es aber zuließ. Sie hatte eindeutig nicht zum ersten Mal mit diesem Tier zu tun. Nicola stand neben dem dicken Stamm einer entfernter stehenden Eiche, die Arme über der Brust gekreuzt, und beobachtete Egwene und die anderen. Sie wirkte bereit davonzulaufen. »Ich weiß nicht, was Areina Euch entlockt hat«, sagte Egwene ruhig, »aber die zusätzlichen Lektionen für Nicola haben jetzt ein Ende.«

Myrelle und Nisao zuckten zusammen, ein Spiegelbild der Überraschung. Siuans Augen wurden so groß wie Teetassen, aber glücklicherweise erholte sie sich wieder, bevor es jemand merkte. »Ihr wißt wirklich alles«, flüsterte Myrelle. »Areina will nur in Lans Nähe sein. Sie glaubt vermutlich, daß er sie Dinge lehren wird, die sie als Jägerin gebrauchen kann. Oder daß er vielleicht mit ihr auf die Jagd gehen wird.«

»Nicola will eine zweite Caraighan werden«, murmelte Nisao sarkastisch. »Oder eine zweite Moiraine. Sie dachte wohl, sie könnte Myrelle dazu bringen, Lans Bund an sie weiterzugeben. Nun, zumindest können wir mit diesen beiden verfahren, wie sie es verdienen, jetzt, wo Lan entdeckt ist. Was auch immer mit mir geschieht - ich werde mich freuen, daß sie lange schreien werden.«

Siuan erkannte schließlich, was geschehen war, und Zorn und Verwunderung kämpften auf ihrem Gesicht.

Sie warf Egwene verwunderte Blicke zu. Daß jemand anderes die Angelegenheit zuerst geklärt hatte, erzürnte sie wahrscheinlich genauso sehr wie der Umstand, daß Nicola und Areina Aes Sedai erpreßten. Oder vielleicht auch nicht. Nicola und Areina waren immerhin keine Aes Sedai. Das änderte Siuans Sichtweise drastisch. Andererseits galt das gleiche für die Schwestern.

Als Nicola so viele unfreundliche Blicke auf sich gerichtet sah, wich sie so weit wie möglich an die Eiche zurück. Die Flecken auf ihrer weißen Weste würden ihr Schwierigkeiten bereiten, wenn sie ins Lager zurückkehrte. Areina war noch immer mit Lans Pferd beschäftigt und sich nicht bewußt, was da auf sie zukam.

»Das wäre gerecht«, stimmte Egwene Nisao zu, »aber nur, wenn Ihr beide ebenfalls eine gerechte Behandlung erfahrt.«

Niemand sah mehr Nicola an. Myrelles Augen weiteten sich, und Nisaos weiteten sich noch stärker. Anscheinend wagten beide keinen Widerspruch. Siuans Gesicht überzog grimmige Zufriedenheit wie eine zweite Haut. Sie verdienten wahrhaftig keine Gnade - nicht, daß Egwene sie ihnen zu gewähren beabsichtigte.

»Wir werden weiter darüber sprechen, wenn ich zurückkomme«, belehrte Egwene die beiden, als Lan wieder auftauchte, das Schwert über einen grünen, geöffneten Umhang geschnürt, der ein ebenfalls geöffnetes Hemd freigab, und mit gepackten Satteltaschen über der Schulter. Der die Farbe verändernde Umhang eines Behüters hing seinen Rücken hinab und zog die Blicke auf sich, als er hinter ihm herwehte.

Egwene überließ die Schwestern ihrer Bestürzung und trat zu Lan. Siuan würde ihre Bestürzung noch schüren, wenn sie Anzeichen neuerlichen Übermuts zeigten. »Ich kann Euch schneller als in einem Monat nach Ebou Dar bringen«, sagte sie. Er nickte nur ungeduldig und rief Areina zu, sie solle Mandarb zu ihm führen. Seine Anspannung war zermürbend, eine im Lösen begriffene Lawine, die nur noch an einem Faden hing.

Egwene eröffnete an der Stelle, an der er seine Schwertübungen durchgeführt hatte, ein Wegetor von acht mal acht Fuß und trat durch es hindurch auf ein Floß, das in der sich endlos erstreckenden Dunkelheit dahintrieb. Zum Gleiten benötigte man eine Plattform, und obwohl alles als solche dienen konnte, was man sich vorzustellen beliebte, schien jede Schwester eine bevorzugte Vorstellung von dieser Plattform zu haben. Für sie war es dieses Holzboot mit fester Reling. Wenn sie herabfiele, könnte sie unter sich ein zweites Floß bilden, obwohl es dann fraglich wäre, wo sie herauskäme, aber für jedermann, der die Macht nicht lenken konnte, würde der Sturz so ewig dauern wie die Schwärze, die sich überallhin erstreckte. Nur an diesem Ende des Flosses gab es etwas Licht durch das Wegetor, das einen verengten Blick auf die Öffnung gewährte. Dieses Licht vermochte die Dunkelheit nicht zu durchdringen, und doch war eine Art Licht vorhanden. Zumindest konnte sie recht deutlich sehen - wie in Tel'aran'rhiod. Sie fragte sich nicht züm ersten Mal, ob dies tatsächlich ein Teil der Welt der Träume war.

Lan folgte ihr, ohne dazu aufgefordert werden zu müssen, und führte sein Pferd mit sich. Er untersuchte das Wegetor, während er hindurchschritt, und betrachtete die Dunkelheit als er mit dem Hengst mit dumpfen Stiefel- und Hufgeräuschen über die Decksplanken auf sie zukam. Seine einzige Frage war: »Wie schnell werde ich hiermit nach Ebou Dar gelangen?«

»Gar nicht«, sagte sie und lenkte die Macht um das Wegetor zu schließen. »Nicht direkt in die Stadt« Nichts bewegte sich, was man hätte erkennen können. Es war kein Wind, keine Brise, nichts zu spüren. Dennoch bewegten sie sich. Und zwar schnell, schneller, als sie sich jegliche Bewegung vorstellen konnten. Sie mußten sechshundert Meilen oder mehr zurücklegen. »Ich kann Euch fünf oder sechs Tage nördlich von Ebou Dar absetzen.« Sie hatte zugesehen, wie das Wegetor gewoben wurde, als Nynaeve und Elayne südwärts reisten, und sie erinnerte sich ausreichend gut daran, um zum gleichen Ort zu gleiten.

Er ruckte und spähte voraus, als könne er ihr Ziel bereits erkennen. Er erinnerte sie an einen Pfeil, der in einen gespannten Bogen eingelegt war.

»Lan, Nynaeve wohnt im Tarasin-Palast, als Gast Königin Tylins. Sie könnte leugnen, in Gefahr zu sein.« Was sie gewiß entrüstet tun würde, wenn Egwene sie richtig einschätzte, und das zu Recht »Versucht nicht, darüber zu streiten. Ihr wißt, wie eigensinnig sie ist, aber Ihr dürft nicht darauf achten. Wenn nötig, beschützt sie einfach, ohne daß sie es merkt.« Er schwieg und sah sie auch nicht an. Sie hätte in diesem Augenblick hundert Fragen stellen mögen. »Lan, wenn Ihr sie findet, müßt Ihr Nynaeve sagen, daß Myrelle Euren Bund an sie weitergeben wird, sobald Ihr drei Zusammensein könnt.« Sie hatte erwogen, diese Nachricht selbst weiterzugeben, aber es schien besser, Nynaeve nicht wissen zu lassen, daß er kam. Sie war so vernarrt in ihn wie ... wie... Wie ich in Gawyn, dachte sie reumütig. Wenn Nynaeve wüßte, daß er unterwegs war, würde sie kaum noch an etwas anderes denken. Sie würde, obwohl sie es gewiß nicht wollte, Elayne die weitere Suche allein überlassen. Nicht, daß sie sich zurückziehen und tagträumen würde, aber sie wäre zu keiner gründlichen Suche mehr fähig. »Hört Ihr mir zu, Lan?«