»Tarasin-Palast«, sagte er tonlos und ohne den Blick zu wenden. »Gast Königin Tylins. Könnte leugnen, in Gefahr zu sein. Eigensinnig - als wenn ich das nicht bereits wüßte.« Nun sah er sie an, und sie wünschte fast, er hätte es nicht getan. Sie war von Saidar, von der Wärme und der Freude, dem reinen Leben erfüllt, aber in seinen kalten blauen Augen tobte etwas Starres und Ursprüngliches, ein Leugnen des Lebens. Sein Blick wirkte schlichtweg erschreckend. »Ich werde ihr alles sagen, was sie wissen muß.
Wie Ihr seht, habe ich zugehört.«
Sie zwang sich, seinem Blick fest zu begegnen, aber er wandte sich ihr wieder ab. Er hatte ein Mal am Nacken, einen Bluterguß. Es könnte - es könnte - ein Biß sein. Vielleicht sollte sie ihn warnen, ihm sagen, daß er nicht zu viele ... Einzelheiten über sich selbst und Myrelle preiszugeben brauchte. Der Gedanke ließ sie erröten. Sie versuchte, den Bluterguß nicht zu beachten, aber jetzt, wo sie ihn bemerkt hatte, konnte sie anscheinend nichts anderes mehr sehen. Aber Lan würde wohl nicht so töricht sein. Man konnte von einem Mann kein Zartgefühl erwarten, aber selbst Männer waren nicht so zerstreut.
Sie trieben lautlos dahin, bewegten sich, ohne sich selbst zu bewegen. Sie hatte keine Angst, daß die Verlorenen oder sonst jemand plötzlich hier auftauchen könnten. Es war etwas Seltsames am Gleiten, wovon einiges Sicherheit und Zurückgezogenheit gewährte. Wenn zwei Schwestern nur Augenblicke nacheinander am selben Fleck Wegetore eröffneten, um zum gleichen Ort zu gleiten, würden sie einander nicht sehen, wenn es nicht genau derselbe Fleck war und die Gewebe nicht genau gleich gewoben wurden und eine solche Genauigkeit war in beiden Fällen nicht so leicht zu erreichen, wie es vielleicht schien.
Nach einiger Zeit - es war schwer zu sagen, wieviel Zeit tatsächlich vergangen war, aber sie glaubte, es wäre noch keine halbe Stunde gewesen - stoppte das Floß jäh. Nichts änderte sich an dem Gefühl oder an den Geweben, die sie festhielt. Sie wußte einfach, daß sie in einem Moment noch durch die Dunkelheit eilten und im nächsten stillstanden. Sie eröffnete unmittelbar am Bug des Flosses ein Wegetor - sie war sich nicht sicher, wohin ein Wegetor führen würde, das sie am Heck eröffnete, und wollte es, um ehrlich zu sein, auch nicht herausfinden; Moghedien war allein der Gedanke daran schon erschreckend erschienen - und bedeutete Lan vorauszugehen. Das Floß existierte nur so lange, wie sie da war, anders als in Tel'aran'rhiod.
Lan öffnete die Schranke des Flosses und führte Mandarb hinab, und als sie ihm folgte, saß er bereits im Sattel. Sie ließ das Wegetor für ihre Rückkehr offen. Niedrige, mit verdorrtem Gras bedeckte Hügel erstreckten sich in alle Richtungen. Kein Baum war zu sehen und nur vereinzelt vertrocknetes Unterholz. Die Hufe des Hengstes wirbelten kleine Staubwolken auf. Die Morgensonne am wolkenlosen Himmel brannte hier noch heißer als in Murandy. Geier mit großer Flügelspannweite kreisten im Süden und Westen.
»Lan«, begann sie, um sicherzugehen, daß er verstanden hatte, was er Nynaeve sagen sollte, aber er kam ihr zuvor.
»Fünf oder sechs Tage, sagtet Ihr«, erwiderte er, während er gen Süden blickte. »Ich kann es schneller schaffen. Sie wird in Sicherheit sein, ich verspreche es.« Mandarb tänzelte, war genauso ungeduldig wie sein Reiter, aber Lan hatte ihn gut im Griff. »Ihr seid seit Emondsfelde sehr weit gekommen.« Er blickte auf sie herab und lächelte. Alle diesem Lächeln innewohnende Wärme wurde von seinen Augen verschluckt. »Myrelle und Nisao gehören jetzt Euch. Laßt nicht zu, daß sie erneut mit Euch diskutieren. Ihr befehlt, Mutter. Die Wache ist noch nicht vorüber.« Er verbeugte sich leicht, stieß dem Tier die Fersen in die Flanken und ließ es gerade ausreichend weit im Schrittempo gehen, daß sie nicht von Staub umhüllt wurde, bevor er das Pferd zum Galopp antrieb.
Sie sah ihn südwärts eilen und schloß den Mund. Nun, er hatte während seiner Schwertübungen alles mitbekommen und richtig kombiniert. Offensichtlich mit den Dingen, die er nicht hätte vermuten können, bevor er sie mit der Stola gesehen hatte. Nynaeve sollte besser aufpassen. Sie hielt Männer stets für einfältiger, als sie waren. »Zumindest können sie nicht in wirkliche Schwierigkeiten geraten«, sagte sie sich laut. Lan erreichte einen Hügelkamm und verschwand auf der anderen Seite. Wenn Ebou Dar eine reale Gefahr darstellen würde, hätten Elayne oder Nynaeve etwas gesagt. Sie trafen sich nicht oft - sie hatte einfach zuviel zu tun -, aber sie hatten einen Weg gefunden, im Salidar Tel'aran'rhiods Nachrichten zu hinterlassen, wann immer es nötig war.
Der Wind wirbelte Staub auf. Sie hustete, bedeckte dann mit einer Ecke der gestreiften Stola der Amyrlin Mund und Nase und zog sich durch das Wegetor eilig auf ihr Floß zurück Die Rückreise verlief still und war langweilig, so daß sie sich Gedanken machen konnte, ob es richtig gewesen war, Lan nach Ebou Dar zu schicken, und ob es richtig war, Nynaeve im unklaren zu lassen. Es ist getan, sagte sie sich immerzu, aber es half nicht.
Als sie erneut die Stelle unter den Eichen betrat hatte sich Myrelles dritter Behüter, Avar Hachami, den anderen angeschlossen, ein Mann mit einer Hakennase und einem dichten, von Grau durchzogenen, wie Hörner abwärts gebogenen Schnurrbart. Alle vier Gaidin arbeiteten hart. Die Zelte waren bereits abgebaut und fast vollständig zusammengelegt Nicola und Areina liefen hin und her und luden die gesamte Lagerausrüstung auf den Karren, angefangen von Decken bis hin zu Kochtöpfen und dem schwarzen, eisernen Waschkessel. Sie hielten nicht einmal inne, richteten aber mindestens ihre halbe Aufmerksamkeit auf Siuan und die anderen beiden Schwestern, die drüben nahe der Baumlinie standen. Die Behüter gewährten den drei Aes Sedai weitaus mehr Aufmerksamkeit. Ihre Öhren hätten genauso gut gespitzt aufrecht stehen können. Es war auf den ersten Blick fraglich, wer wen schmoren ließ.
»...nicht so mit mir sprechen, Siuan«, sagte Myrelle gerade. Nicht nur laut genug, daß es über die ganze Lichtung zu hören war, sondern auch kalt genug, daß alle erstarrten. Die Arme fest über der Brust gekreuzt, richtete sie sich zu ihrer vollen Große auf, gebieterisch bis zum Bersten. »Hört Ihr mich? Das werdet Ihr nicht mehr tun!«
»Seid Ihr vollkommen verrückt geworden, Siuan?« Nisao hatte die Hände in ihren Röcken verkrampft, um nicht sichtbar zu zittern, und die Heftigkeit ihrer Stimme entsprach durchaus Myrelles kaltem Tonfall.
»Wenn Ihr die einfachsten Anstandsregeln vergessen habt, wird man sie Euch wieder lehren!«
Siuan stellte sich ihnen mit in die Hüften gestemmten Händen entgegen, drehte ruckartig den Kopf und kämpfte sowohl darum, ihr Gesicht unter Kontrolle zu behalten, als auch die beiden weiterhin zu betrachten.
»Ich... Ich bin die einzige...« Als sie Egwene nähertreten sah, stieg Erleichterung in ihr auf. »Mutter...«, es klang fast wie ein Keuchen, »ich habe gerade mögliche Strafen erklärt.« Sie atmete tief durch und fuhr bestimmter fort. »Der Saal wird es natürlich erklären müssen, wenn sie gehen, aber ich denke, man könnte sehr wohl damit beginnen, diese beiden dazu zu bringen, ihre Behüter an andere weiterzugeben, da sie so begeistert davon zu sein scheinen.«