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»Myrelle hatte recht«, murmelte Siuan schließlich. Da ihre Reiterin in Gedanken woanders war, bewegte sich die Stute geschmeidig voran. Tatsächlich ließ sie Siuan wie eine erfahrene Reiterin wirken. »Treue. Niemand hat das jemals getan. Niemand. Es gibt auch in den geheimen Geschichtsbüchern nicht den kleinsten Hinweis darauf. Und daß sie mir gehorchen sollen... Ihr ändert nicht nur wenige Dinge, sondern baut das Boot um, während Ihr durch einen Sturm segelt! Alles ändert sich. Und Nicola! Zu meiner Zeit hätte sich eine Novizin eher die Zunge abgebissen, als daran zu denken, eine Schwester zu erpressen!«

»Es war nicht ihr erster Versuch«, belehrte Egwene sie und erzählte ihr die Fakten mit so wenigen Worten wie möglich.

Sie hatte erwartet, daß Siuan vor Zorn über das Paar explodieren würde, aber statt dessen sagte die Frau recht gefaßt: »Ich fürchte, unsere beiden abenteuerlustigen Mädchen werden Unfälle erleiden.«

»Nein!« Egwene verhielt ihr Pferd so plötzlich, daß Siuans Stute noch ein Dutzend Schritte im Paßgang weiterlief, bevor sie das Tier unter Kontrolle bringen und umwenden konnte, wobei sie unentwegt leise Verwünschungen murmelte. Dann saß sie da und gönnte Egwene einen geduldigen Blick, der Lelaine auf schlimmste Art übertraf.

»Mutter, sie werden Euch steinigen, wenn sie jemals klug genug sind, dies zu Ende zu denken. Selbst wenn der Saal Euch nicht zu einer Strafe zwingt, könntet Ihr alle Eure Hoffnungen mit ihnen schwinden sehen.« Sie schüttelte angewidert den Kopf. »Ich wußte, daß Ihr es tun würdet als ich Euch aussandte -ich wußte, daß Ihr es tun mußtet -, aber ich hätte niemals gedacht, Elayne und Nynaeve wären ausreichend einfältig, jemanden mitzubringen, der wußte. Diese beiden Mädchen verdienen alles, was sie bekommen, wenn dies herauskommt. Aber Ihr könnt es Euch nicht leisten, es ans Licht kommen zu lassen.«

»Nicola oder Areina wird nichts geschehen, Siuan! Wenn ich ihre Tötung für das billige, was sie wissen -wer wird dann der nächste sein? Romanda und Lelaine, weil sie nicht mit mir übereinstimmen? Wo hört das auf?« Sie war in gewisser Weise von sich selbst angewidert. Früher hätte sie nicht verstanden, was Siuan meinte. Es war stets besser zu wissen, als unwissend zu sein, aber manchmal war Unwissen weitaus bequemer. Sie trieb Daishar voran. »Ich werde mir einen siegreichen Tag nicht durch Mordgerede verderben lassen. Myrelle war noch nicht einmal der Anfang, Siuan. Heute morgen warteten Faolain und Theodrin...« Siuan führte ihre Stute näher heran, um zuzuhören, während sie weiterritten.

Die Nachricht dämpfte Siuans Sorgen über Nicola und Areina nicht, aber Egwenes Pläne bewirkten immerhin einen Hoffnungsschimmer in ihren Augen und ein anerkennendes Lächeln um ihre Lippen. Als sie das Lager der Aes Sedai erreichten, drängte es sie zu ihrer nächsten Aufgabe, die darin bestand, Sheriam und den übrigen Freundinnen Myrelles mitzuteilen, daß sie mittags im Arbeitszimmer der Amyrlin erwartet würden. Sie konnte sogar recht wahrheitsgemäß erwähnen, daß von ihnen nur das gefordert würde, was andere Schwestern schon zuvor getan hatten.

Egwene fühlte sich, obwohl sie von einem siegreichen Tag gesprochen hatte, nicht sehr zufrieden. Sie hörte die Glückwünsche und Hochrufe kaum, reagierte nur mit einem Winken darauf und war sicher, mehr zu verpassen als zu bemerken. Sie konnte Mord nicht unterstützen, aber Nicola und Areina würden beobachtet werden müssen. Werde ich jemals irgendwo ankommen, wo sich keine Schwierigkeiten auftürmen? fragte sie sich. Irgendwie sollte auf einen Sieg keine neuerliche Gefahr folgen.

Als sie ihr Zelt betrat, sank ihr Mut endgültig. Ihr Kopf pochte. Sie begann zu glauben, sie sollte dem Zelt lieber vollkommen fernbleiben.

Zwei sorgfältig gefaltete Blätter Pergament lagen ordentlich auf dem Schreibtisch, beide mit Wachs verschlossen und mit der Aufschrift: »Der Flamme versiegelt«. Hätte jemand anderer als die Amyrlin diese Siegel gebrochen, wäre das als ernstlicher Angriff auf die Person der Amyrlin aufgefaßt worden. Sie wünschte, sie müßte sie nicht erbrechen. Sie hegte keinen Zweifel, wer die Nachrichten geschickt hatte. Leider hatte sie recht.

Romanda schlug vor - ›forderte‹ war ein besseres Wort -, daß die Amyrlin eine Verordnung erlassen sollte, ›der Halle versiegelt‹ und nur den Sitzenden zugänglich. Die Schwestern sollten alle nacheinander herbeizitiert werden, und jede, die sich weigerte, sollte als vermutliches Mitglied der Schwarzen Ajah abgeschirmt und eingesperrt werden. Es blieb eher ungewiß, warum sie herbeizitiert werden sollten, aber Lelaine hatte heute morgen mehr als nur Andeutungen gemacht. Lelaines Sendschreiben war sehr von ihrem Wesen geprägt eine Mutter, die ihrem Kind riet, was zu seinem eigenen Nutzen und dem Nutzen aller getan werden sollte. Sie wollte eine Verordnung erlassen sehen, die nur »dem Ring versiegelt« sein sollte. Jede Schwester durfte davon wissen und würde tatsächlich in diesem Falle auch davon Kenntnis haben müssen. Die Erwähnung der Schwarzen Ajah sollte als das Schüren von Uneinigkeit, unter dem Burggesetz ein ernsthaftes Vergehen mit entsprechenden Strafen, verboten werden.

Egwene sank stöhnend in ihren Faltsessel; natürlich rutschten die Beine weg, und sie landete fast auf dem Teppich. Sie sollte sie hinhalten und ausweichen, aber sie würden immer wieder mit diesem Unsinn ankommen. Früher oder später würde eine von ihnen ihren bescheidenen Vorschlag dem Saal vortragen, und das hätte die Wirkung eines Fuchses im Hühnerstall. Waren sie blind? Das Schüren von Uneinigkeit? Lelaine würde jede Schwester nicht nur davon überzeugen, daß es eine Schwarze Ajah gab, sondern auch davon, daß Egwene dazugehörte. Eine wilde Flucht von Schwestern, die nach Tar Valon und Elaida zurückeilten, würde bald folgen. Romanda wollte einfach eine Meuterei auslösen. In den verborgenen Chroniken wurde über sechs Meutereien berichtet. Ein halbes Dutzend in über dreitausend Jahren war vielleicht nicht sehr viel, aber jede Meuterei hatte damit geendet, daß die Amyrlin zurückgetreten war und der gesamte Saal mit ihr. Lelaine wußte das, und Romanda wußte es ebenfalls. Lelaine war fast vierzig Jahre lang eine Sitzende gewesen, mit Zugriff auf alle verborgenen Geschichtsüberlieferungen. Romanda hatte, bevor sie zurückgetreten war, um sich aufs Land zurückzuziehen, wie es viele Schwestern im Alter taten, so lange einen Sitz für die Gelben innegehabt, daß einige behaupteten, sie hätte genauso viel Macht gehabt wie jede Amyrlin, unter der sie diente. Es war kaum bekannt, daß jemand ein zweites Mal gebeten wurde, eine Sitzende zu werden, aber Romanda war ein Mensch, der Macht nach Möglichkeit nicht aus der Hand gab.

Nein, sie waren nicht blind. Sie hatten nur Angst. Jedermann hatte Angst, sie eingeschlossen, und selbst Aes Sedai dachten nicht immer vernünftig, wenn sie Angst hatten. Sie faltete die Blätter wieder zusammen und hätte sie am liebsten zerknüllt und in den Staub getreten. Ihr Kopf würde bersten.

»Darf ich hereinkommen, Mutter?« Halima Saranov fegte ins Zelt, ohne auf eine Antwort zu warten. Die Art, in der Halima sich stets bewegte, zog jedes männliche Auge von Zwölfjährigen bis hin zu Greisen auf sich, und auch wenn sie sich in einen schweren Umhang einhüllte, schauten die Männer dennoch hin.

Langes schwarzes Haar, das glänzte, als wüsche sie es jeden Tag mit Regenwasser, umrahmte ein Gesicht, das gleichermaßen Blicke auf sich zog. »Delana Sedai dachte, Ihr wolltet dies vielleicht sehen. Sie präsentiert es heute morgen dem Saal.«

Der Saal trat zusammen, ohne sie auch nur davon in Kenntnis zu setzen? Nun, sie war fort gewesen, aber die Gebräuche, wenn nicht das Gesetz besagten, daß die Amyrlin benachrichtigt werden mußte, bevor der Saal überhaupt zusammentreten konnte. Es sei denn, er trat zusammen, um sie abzusetzen. In diesem Moment hätte sie das fast als Segen empfunden. Sie betrachtete das gefaltete Blatt Papier, das Halima auf den Tisch gelegt hatte, wie eine giftige Schlange. Nicht versiegelt. Selbst die jüngste Novizin könnte es lesen, soweit es Delana betraf. Es war natürlich die Erklärung, daß Elaida eine Schattenfreundin war. Sie war nicht ganz so schlimm wie Romanda oder Lelaine, aber wenn sie erführe, daß der Saal in Aufruhr geraten war, würde sie wohl nicht einmal blinzeln.