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Die Bewegungen des Schiffes hatten sich verändert, es schaukelte jetzt vor und zurück. Hatten sie den Fluß schon verlassen, bereits die sogenannte Bucht erreicht? Elayne hatte gesagt, diese sei noch weiter, noch breiter. Aviendha verschränkte die Hände um die Knie und versuchte verzweifelt, an etwas Erfreulicheres zu denken. Wenn die anderen ihre Angst sahen, würde sie sich bis ans Ende ihres Lebens schämen müssen. Und das schlimmste daran war, daß sie diese Fahrt vorgeschlagen hatte, nachdem sie Elayne und Nynaeve vom Meervolk hatte sprechen hören. Wie hatte sie wissen können, wie es sein würde?

Die blaue Seide ihres Gewands fühlte sich unglaublich weich an, und daran hielt sie sich fest. Sie war kaum an Röcke gewöhnt - sie sehnte sich noch immer nach dem Cadin'sor, den zu verbrennen die Weisen Frauen sie gezwungen hatten, als sie mit der Ausbildung begann - und hier trug sie ein Seidengewand, von denen sie inzwischen vier besaß, und Seidenstrümpfe anstatt derben Stoffs, und ein seidenes Nachthemd, das sie ihre Haut auf eine Art spüren ließ, wie sie sie niemals zuvor empfunden hatte. Sie konnte die Schönheit des Gewands nicht leugnen, gleichgültig, wie seltsam es ihr erschien, solche Dinge zu tragen, aber Seide war kostbar und rar. Eine Frau mochte einen Schal aus Seide besitzen, den sie an Festtagen trug und um den andere sie beneideten. Nur wenige Frauen besaßen zwei solche Schals. Aber unter diesen Feuchtländern war es anders. Nicht jedermann trug Seide, aber manchmal schien es ihr, als würde jeder zweite es tun. Große Bündel und sogar Ballen Seide kamen mit Schiffen aus den Ländern jenseits des Dreifaltigen Landes. Mit Schiffen! Über das Meer! Wasser, das sich bis zum Horizont erstreckte, und Schiffsreisen, bei denen man, wenn sie es richtig verstanden hatte, tagelang überhaupt kein Land mehr sehen konnte. Bei diesem unglaublichen Gedanken erschauderte sie beinahe.

Niemand der anderen schien sich unterhalten zu wollen. Elayne drehte abwesend den Großen Schlangenring an ihrem Finger und blickte ins Leere. Häufig überkamen sie Sorgen. Sie hatte zwei Pflichten auferlegt bekommen, und obwohl ihr die eine mehr am Herzen lag als die andere, hatte sie sich für diejenige entschieden, die ihr wichtiger und ehrenvoller erschien. Sie hatte das Recht und die Pflicht die Herrscherin - die Königin - Andors zu werden, aber sie hatte sich entschieden, weiterhin zu jagen. Das war in gewisser Weise, wie wichtig ihre Suche auch war, als hätte sie etwas über den Clan oder die Gemeinschaft gestellt, aber Aviendha empfand dennoch Stolz. Elayne hegte über den Begriff Ehre manchmal genauso eigensinnige Ansichten wie über die Vorstellung einer Frau als Herrscherin oder die Tatsache, daß sie Herrscherin wurde, nur weil ihre Mutter es gewesen war, aber sie folgte diesem Kurs auf bewundernswert geradlinige Art. Birgitte, in der weiten roten Hose und dem kurzen gelben Mantel, um die Aviendha sie beneidete, saß ebenfalls gedankenverloren da und spielte mit ihrem Zopf. Oder vielleicht teilte sie auch Elaynes Sorgen. Sie war Elaynes erste Behüterin, was die Aes Sedai im Tarasin-Palast unendlich aufregte, obwohl es ihre Behüter nicht zu stören schien. Die Bräuche der Feuchtländer waren so merkwürdig, daß sie es kaum ertrugen, darüber nachzudenken.

Wenn Elayne und Birgitte von jeglichem Gedanken an ein Gespräch abgelenkt schienen, so lehnte Nynaeve al'Meara, die direkt gegenüber von Aviendha an der Tür saß, es schroff ab. Nynaeve, nicht Nynaeve al'Meara. Feuchtländer wurden gern nur mit der Hälfte ihres Namens benannt, und Aviendha versuchte sich zu erinnern, wie sehr dies dem Gefühl glich, mit einem Kosenamen angesprochen zu werden. Rand al'Thor war der einzige Geliebte, den sie jemals gehabt hatte, und sie dachte nicht einmal an ihn so vertraulich, aber sie mußte ihre Art lernen, wenn sie einen Feuchtländer heiraten sollte.

Nynaeves tiefbraune Augen blickten durch sie hindurch. Ihre Knöchel traten weiß hervor, während sie ihren Zopf umklammerte, der genauso dunkel wie Birgittes golden war, und ihr Gesicht, das zunächst blaß geworden war, zeigte jetzt ein schwaches Grün. Manchmal stieß sie ein unterdrücktes Stöhnen aus. Sie schwitzte normalerweise nicht - sie und Elayne hatten Aviendha den Trick gelehrt. Nynaeve war ein Rätsel. Manchmal übertrieben mutig, stöhnte sie jetzt vermutlich aus Feigheit und zeigte ihre Scham so offen, daß jedermann sie erkennen mußte. Wie konnte der Antrag sie so beunruhigen, wenn all dies Wasser es nicht tat?

Erneut Wasser. Aviendha schloß die Augen, um Nynaeves Gesicht nicht sehen zu müssen, aber dadurch wurde ihr Kopf nur von den Lauten der Vögel und dem Schwappen des Wassers erfüllt.

»Ich habe gerade nachgedacht«, sagte Elayne plötzlich und hielt dann inne. »Geht es Euch gut, Aviendha? Ihr...« Aviendhas Wangen röteten sich, aber zumindest erwähnte Elayne nicht, daß sie beim Klang ihrer Stimme wie ein Hase aufgeschreckt war. Elayne schien zu erkennen, wie nahe sie daran gewesen war, Aviendhas Unehre zu enthüllen. Sie errötete ebenfalls, während sie fortfuhr. »Ich habe gerade über Nicola und Areina nachgedacht und darüber, was Egwene uns gestern abend erzählt hat. Ihr vermutet doch wohl nicht, daß sie ihr irgendwelche Schwierigkeiten bereiten könnten, oder? Was soll sie tun?«

»Sie loswerden«, sagte Aviendha und fuhr mit dem Daumen über ihren Hals. Die Erleichterung zu sprechen, Stimmen zu hören, war so groß, daß sie fast gekeucht hätte. Elayne schien entsetzt. Sie war manchmal bemerkenswert weichherzig.

»Das wäre vielleicht das beste«, sagte Birgitte. Sie hatte nur diesen Namen offenbart. Aviendha hielt sie für eine Frau mit Geheimnissen. »Areina hätte in angemessener Zeit etwas aus sich machen können, aber... Seht mich nicht so an, Elayne, und hört auf, Euch prüde und unwissend zu stellen.« Birgitte wechselte oft zwischen der Behüterin, die gehorchte, und der älteren Erstschwester, die unterwies, ob man lernen wollte oder nicht. Gerade jetzt, als sie ermahnend den Finger hob, war sie die Erstschwester. »Ihr beide wärt nicht gewarnt worden fernzubleiben, wenn es um ein Problem ginge, das die Amyrlin lösen könnte, indem sie die beiden die Wäsche oder Ähnliches erledigen ließe.«

Elayne rümpfte angesichts dessen, was sie nicht leugnen konnte, heftig die Nase und richtete ihre grünen Seidenröcke. Sie trug die örtliche Mode mit cremefarbener Spitze an den Handgelenken und um den Hals, ein Geschenk von Tylin Quintara, wie auch die eng anliegende Halskette aus geflochtenem Gold. Aviendha billigte es nicht. Die obere Hälfte des Gewands, das Mieder, lag genauso eng an wie die Halskette, und eine ovale Aussparung im Stoff gab die innere Wölbung ihrer Brüste frei. Dort damit herumzulaufen, wo jedermann es sehen konnte, war etwas anderes, als es in den Schwitzzelten zu zeigen. Die Menschen auf den Straßen der Stadt waren keine Gai'shain. Ihr eigenes Gewand hatte einen hohen Kragen, dessen Spitzenbesatz ihr Kinn streifte, und es gab keine Aussparungen im Stoff.

»Außerdem«, fuhr Birgitte fort, »sollte man glauben, Marigan würde Euch mehr beunruhigen. Mich beunruhigt sie sehr.«

Natürlich registrierte Nynaeve den Namen. Sie stöhnte heftiger und setzte sich auf. »Wenn sie uns holen kommt, werden wir uns mit ihr befassen müssen. Wir werden ... wir werden...« Sie atmete tief ein und sah die anderen scharf an, als stritten sie mit ihr. Aber dann sagte sie mit schwacher Stimme: »Glaubt Ihr, sie wird es tun?«

»Es nützt nichts, sich aufzuregen«, belehrte Elayne sie weitaus ruhiger, als Aviendha hätte bleiben können, wenn sie geglaubt hätte, daß einer der Schattenbeseelten sie ausersehen hätte. »Wir werden einfach tun müssen, was Egwene gesagt hat, und dabei möglichst vorsichtig sein.« Nynaeve murmelte etwas Unhörbares, was wahrscheinlich gut so war.