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Erneut entstand Schweigen. Elayne blickte noch düsterer drein als zuvor, und Birgitte stützte ihr Kinn auf eine Hand, während sie stirnrunzelnd ins Leere blickte. Nynaeve murrte weiterhin leise, aber sie hielt jetzt beide Hände auf die Körpermitte gepreßt und hielt von Zeit zu Zeit inne, um zu schlucken. Das Spritzen des Wassers schien lauter denn je, und die Schreie der Vögel ebenso.

»Ich habe auch nachgedacht, Nächstschwester.« Aviendha und Elayne waren noch nicht soweit, sich als Erst-' Schwestern anzunehmen, aber sie war sich jetzt sicher, daß sie es tun würden. Sie strichen einander bereits übers Haar und teilten jede Nacht im Dunkeln ein weiteres Geheimnis, das sie noch niemals jemand anderem erzählt hatten. Diese Min jedoch... Das mußte später besprochen werden, wenn sie allein waren.

»Worüber?« fragte Elayne abwesend.

»Über unsere Suche. Wir rechnen mit Erfolg, aber wir sind noch immer genauso weit davon entfernt wie zu Anfang. Ist es sinnvoll, verfügbare Waffen nicht einzusetzen? Mat Cauthon ist ein Ta'veren, aber wir meiden ihn tunlichst. Warum nehmen wir ihn nicht mit uns? Mit seiner Hilfe könnten wir die Schale endlich finden.«

»Mat?« rief Nynaeve ungläubig aus. »Genausogut könntest du dich in Nesseln setzen! Ich würde den Mann nicht einmal ertragen, wenn er die Schale in seiner Manteltasche hätte.«

»Oh, sei doch still, Nynaeve«, murmelte Elayne leidenschaftslos. Sie schüttelte verwundert den Kopf und bemerkte den plötzlich finsteren Blick der anderen Frau nicht. Die Bezeichnung »heikel« beschrieb Nynaeve nur schwach, aber sie waren alle an ihre Art gewöhnt. »Warum habe ich nicht daran gedacht? Es ist so offensichtlich!«

»Vielleicht«, murmelte Birgitte trocken. »Ihr hattet eine solch schlechte Meinung von dem Schurken, daß Ihr nicht erkennen konntet, daß Mat nützlich sein könnte.« Elayne sah sie kühl an, das Kinn emporgereckt, dann grinste sie plötzlich und nickte widerwillig. Sie nahm Kritik nicht leicht an.

»Nein«, sagte Nynaeve mit einer Stimme, die gleichzeitig scharf und schwach klang. Die kränkliche Hautfarbe ihres Gesichts hatte sich noch verstärkt, aber sie schien nicht mehr durch das Heben und Senken des Schiffes verursacht. »Das kannst du nicht wirklich meinen! Elayne, du weißt, wie wütend er werden kann und wie stur er ist. Er wird darauf bestehen, seine Soldaten wie eine Festtagsparade heranzubringen. Versuche einmal, im Rahad etwas zu finden, wenn dir Soldaten über die Schulter sehen. Versuche es nur! Er wird nach zwei Schritten anführen wollen und mit diesem Ter'angreal vor uns protzen. Er ist tausendmal schlimmer als Vandene oder Adeleas oder sogar Merilille. So wie er sich verhält, könnte man durchaus denken, wir schritten in die Höhle des Löwen, nur um den Löwen zu sehen!«

Birgitte stieß einen Laut aus, der vielleicht Belustigung ausdrücken sollte, und wurde drohend angesehen. Daraufhin nahm sie wieder einen solch unschuldigen Gesichtsausdruck an, daß Nynaeve vor Empörung schnaubte.

Elayne war vernünftiger. »Er ist ein Ta'veren, Nynaeve. Er ändert das Muster, ändert das Schicksal einfach dadurch, daß er da ist. Ich gebe zu, daß wir Glück brauchen, und ein Ta'veren bedeutet mehr als Glück. Außerdem können wir so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wir hätten ihn nicht die ganze Zeit unbeobachtet lassen sollen, gleichgültig, wie beschäftigt wir waren. Das hat niemandem genützt, und ihm am allerwenigsten. Er muß lernen, ein angenehmer Gesellschafter zu werden. Wir werden ihn von Anfang an im Auge behalten.«

Nynaeve glättete energisch ihre Röcke. Sie behauptete, nicht mehr Interesse an Kleidung zu haben als Aviendha - worin sie sich ohnehin ähnlich sahen; sie erwähnte stets, guter, einfacher Stoff sei für jedermann ausreichend -, aber ihr blaues Gewand war an den Röcken und Ärmeln gelb geschlitzt, und das Muster hatte sie selbst ausgesucht. Jedes Kleidungsstück, das sie besaß, war entweder aus Seide oder bestickt oder beides und mit der auserlesenen Sorgfalt zugeschnitten, die Aviendha zu erkennen gelernt hatte.

Endlich einmal schien Nynaeve zu begreifen, daß es nicht nach ihrem Kopf gehen würde. Sie bekam manchmal beachtenswerte Wutanfälle, bevor es geschah, ohne daß sie hinterher zugeben würde, daß es Wutanfälle gewesen waren. Der finstere Gesichtsausdruck wurde zu einem verdrießlichen Schmollen. »Wer wird ihn fragen? Wer auch immer es tut - er wird sie betteln lassen. Ihr wißt, daß er es tun wird!«

Elayne zögerte und sagte dann entschlossen: »Birgitte wird diejenige sein. Und sie wird nicht betteln -sie wird es ihm sagen. Die meisten Menschen tun, was man sagt, wenn man in festem, zuversichtlichen Tonfall spricht.« Nynaeve wirkte skeptisch, und Birgitte richtete sich jäh auf ihrer Bank auf - es war das erste Mal, daß Aviendha sie bestürzt erlebte. Bei jedem anderen hätte Aviendha zudem behauptet, sie wirke auch ein wenig ängstlich. Für eine Feuchtländerin wäre Birgitte eine gute Far Dareis Mai gewesen. Sie konnte bemerkenswert gut mit dem Bogen umgehen.

»Ihr seid einstimmig gewählt, Birgitte«, fuhr Elayne schnell fort. »Nynaeve und ich sind Aes Sedai, und Aviendha wird es vielleicht ebenfalls. Wir können es unmöglich tun. Nicht, ohne unsere Würde zu verlieren. Nicht bei ihm. Ihr wißt, wie er ist.« Was war aus dem ganzen Gerede über eine feste, zuversichtliche Stimme geworden? Nicht, daß Aviendha jemals bemerkt hätte, daß es bei jemand anderem als Sorilea gewirkt hätte. Es hatte bisher auch sicherlich nicht bei Mat Cauthon gewirkt, soweit sie es miterlebt hatte. »Birgitte, er kann Euch nicht wiedererkannt haben. Wenn dem so wäre, hätte er inzwischen etwas verlauten lassen.«

Was auch immer es bedeutete - Birgitte lehnte sich an die Wand zurück und verschränkte die Finger über dem Bauch. »Ich hätte wissen sollen, daß Ihr es mir heimzahlen würdet, seit ich gesagt habe, es wäre gut, daß Euer Hintern kein...« Sie hielt inne, und ein kleines, zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen. An Elaynes Gesichtsausdruck änderte sich nichts, aber Birgitte glaubte eindeutig, ein gewisses Maß an Rache erreicht zu haben. Es mußte etwas gewesen sein, was durch den Behüter-Bund zu spüren war. Was jedoch Elaynes Hintern damit zu tun hatte, konnte Aviendha sich nicht denken. Feuchtländer waren so ... seltsam ... manchmal. Birgitte fuhr fort, während sie noch immer lächelte. »Was ich nicht verstehe, ist, warum er sich ärgert, sobald er Euch beide sieht. Es kann nicht daran liegen, daß Ihr ihn hier behindert habt. Egwene hatte genauso viel Anteil daran wie Ihr, aber ich habe bemerkt, daß er sie respektvoller behandelt, als die meisten Schwestern es tun. Außerdem hatte er sich jedesmal, wenn ich ihn aus der Wanderin kommen sah, anscheinend gut amüsiert.« Ihr Lächeln wurde zu einem Grinsen, das Elayne dazu veranlagte, mißbilligend die Nase zu rümpfen.

»Das ist eines der Dinge, die wir ändern müssen. Eine anständige Frau kann nicht denselben Raum mit ihm teilen. Oh, nehmt dieses Grinsen von Eurem Gesicht, Birgitte. Ich schwöre Euch, Ihr seid manchmal genauso schlimm wie er.«

»Der Mann wurde einfach als Prüfung geboren«, murrte Nynaeve verärgert.

Als plötzlich alles schwankte und dann sich rundum drehend zum Halt kam, wurde Aviendha eindringlich daran erinnert daß sie sich auf einem Schiff befanden. Die Frauen erhoben sich, glätteten ihre Gewänder und nahmen die leichten Umhänge auf, die sie mitgenommen hatten. Aviendha zog den ihren nicht an. Das Sonnenlicht war hier nicht so hell, daß sie die Kapuze zum Schutz ihrer Augen benötigt hätte. Birgitte legte ihren Umhang über eine Schulter, stieß die Tür auf und stieg die drei Stufen hinauf, nachdem Nynaeve mit einer vor den Mund gehaltenen Hand an ihr vorbeigerauscht war.