Aviendhas Gürtelmesser war klein und besaß eine nicht einmal einen halben Fuß lange Klinge, aber die Ruderer runzelten dennoch besorgt die Stirn, als sie es blankzog. Sie nahm den Arm zurück, und die Männer ließen sich aufs Deck fallen, als das Messer über ihre Köpfe wirbelte und mit einem wuchtigen Plonk in den dicken Holzpfosten im Bug des Bootes steckenblieb. Aviendha schlang sich ihren Umhang wie eine Stola um den Arm und raffte die Röcke bis über die Knie, so daß sie über die Ruder hinwegsteigen und ihr Messer zurückholen konnte, um dann ihren Platz auf der baumelnden Planke einzunehmen. Sie steckte das Messer nicht wieder ein. Aus irgendeinem Grund wechselten die beiden Männer verwirrte Blicke, aber sie hielten die Augen gesenkt, während Aviendha hinaufgehoben wurde. Vielleicht bekam sie allmählich ein Gefühl für Feuchtländer-Bräuche.
Als sie auf das Deck des großen Schiffes gelangte, staunte Aviendha und vergaß beinahe, den schmalen Sitz zu verlassen. Sie hatte über die Atha'an Miere gelesen, aber darüber zu lesen und sie zu sehen, war genau solch ein Unterschied, wie über Salzwasser zu lesen und es zu schmecken. Zum einen waren sie alle dunkelhäutig, viel dunkler als die Ebou Dari und sogar dunkler als die meisten Tairener, mit glattem schwarzen Haar, schwarzen Augen und tätowierten Händen. Barfüßige Männer mit bloßem Oberkörper und bunten, schmalen Schärpen, die ausgebeulte, schmutzig aussehende Hosen aus einem dunklen Stoff hielten, und Frauen in ebenso bunten Blusen wie Schärpen und mit schwingenden Bewegungen paßten sich anmutig dem Rollen des Schiffes an. MeervolkFrauen hatten nach dem, was sie gelesen hatte, in bezug auf Männer sehr merkwürdige Bräuche, tanzten nur mit einem Tuch bekleidet und Schlimmeres, aber es waren die Ohrringe, die Aviendhas Blicke auf sich zogen. Die meisten Frauen besaßen drei oder vier, häufig mit glänzenden Steinen, und eine Frau wies tatsächlich einen kleinen Ring in einem Nasenflügel auf! Bei den Männern war es ähnlich, zumindest was die Ohrringe betraf, und genauso viele trugen Gold- und Silberketten um den Hals. Männer! Einige Feuchtländer trugen auch Ringe in den Ohren - die meisten Ebou Dar! anscheinend ebenfalls - aber so viele! Und Halsketten! Feuchtländer hatten seltsame Angewohnheiten. Sie hatte gelesen, daß das Meervolk seine Schiffe niemals verließ - niemals -, und daß es vermutlich seine Toten aß. Das hatte sie nicht wirklich glauben können, aber wenn die Männer Halsketten trugen, wer wußte dann, was sie sonst noch taten?
Die Frau, die ihnen entgegenkam, trug Hose, Bluse und Schärpe wie die anderen, aber ihre Kleidung war aus gelber, brokatdurchwirkter Seide, und die Schärpe, deren Enden bis zu den Knien herabhingen, war mehrfach geknotet. An einer ihrer Halsketten baumelte eine kleine goldene, kompliziert gearbeitete Dose. Ein süßlicher Moschusgeruch umgab die Frau. Ihr Haar war stark von Grau durchzogen, und sie hatte ein ernstes Gesicht. Jeweils fünf kleine, breite Goldringe schmückten ihre Ohren, und eine dünne Kette verband einen davon mit einem ähnlichen Ring in ihrer Nase. Winzige Medaillons aus glänzendem Gold, die von dieser Kette herabbaumelten, blitzten im Sonnenlicht auf, während sie die Ankömmlinge betrachtete.
Aviendha nahm die Hand von ihrer eigenen Nase -solch eine Kette zu tragen, die immer herabzog! - und konnte kaum ein Lachen unterdrücken. FeuchtländerBräuche waren unglaublich, und sicherlich verdiente kein Volk diese Charakterisierung eher als das Meervolk.
»Ich bin Mahn din Toral Brechende Woge«, sagte die Frau, »eine Herrin der Wogen des Clans Somarin und Segelherrin der Windläufer.« Eine Herrin der Wogen war eine wichtige Persönlichkeit, wie ein Clanhäuptling, und doch schien sie unsicher und schaute von einem zum anderen Gesicht, bis ihr Blick auf die Großen Schlangenringe fiel, die Elayne und Nynaeve trugen, und dann atmete sie ergeben aus. »Wenn Ihr mir folgen wollt, Aes Sedai?« sagte sie zu Nynaeve.
Das Heck des Schiffs war hochgezogen. Die Frau führte sie durch eine Tür ins Innere und dann einen Gang hinab zu einem großen Raum - eine Kabine -mit einer niedrigen Decke. Aviendha bezweifelte, daß Rand al'Thor unter einem dieser dicken Balken hätte aufrecht stehen können. Bis auf einige wenige Lackkisten schien alles fest eingebaut zu sein, die Schränke an den Wänden und sogar der große Tisch, der die halbe Länge des Raums einnahm, wie auch die ihn umgebenden Armsessel. Es war schwer, sich vorzustellen, daß ein Schiff dieser Größe aus Holz bestand, und selbst nach der langen Zeit, die Aviendha bereits bei den Feuchtländern verbrachte, ließ sie der Anblick all dieses glänzenden Holzes beinahe keuchen. Es glänzte fast genauso sehr wie die vergoldeten Lampen, die unangezündet in einer Art Käfig hingen, damit sie aufrecht blieben, wenn sich das Schiff mit den Wogen bewegte. In Wahrheit schien sich das Schiff kaum jemals zu bewegen, zumindest im Vergleich mit dem Boot, auf dem sie hergekommen waren, aber leider bestand die Rückseite der Kabine und des Schiffes aus einer Reihe Fenster, deren bemalte und vergoldete Läden geöffnet waren und einen herrlichen Blick auf die Bucht ermöglichten. Schlimmer noch, es war aus diesen Fenstern kein Land in Sicht. Kein Land! Aviendhas Kehle zog sich zusammen. Sie hätte nicht zu sprechen vermocht. Sie hätte nicht schreien können, obwohl sie es wollte. Diese Fenster und was sie zeigten - oder was sie nicht zeigten - hatten ihren Blick so schnell auf sich gezogen, daß sie einen Moment zu der Erkenntnis brauchte, daß bereits Menschen im Raum waren. Eine schöne Bescherung! Wenn sie es gewollt hatten, hätten sie sie töten können, bevor sie es gemerkt hätte. Nicht daß die Leute auch nur den Anschein von Feindseligkeit erweckten, aber man konnte bei Feuchtländern nie vorsichtig genug sein.
Ein spindeldürrer Mann mit tiefliegenden Augen saß bequem auf einer Kiste. Das wenige ihm verbliebene Haar war weiß, und sein dunkles Gesicht hatte einen freundlichen Ausdruck, obwohl insgesamt ein volles Dutzend Ohrringe und eine Anzahl schwerer goldener Ketten um seinen Hals seinen Ausdruck, ihrer Meinung nach, seltsam verzerrten. Wie die Männer oben an Deck war auch er barfuß und trug kein Hemd, aber seine Hose war aus dunkelblauer Seide und seine lange Schärpe strahlend rot. Ein Schwert mit Elfenbeinheft steckte in der Schärpe, wie Aviendha verächtlich registrierte, sowie zwei gebogene, zueinander passende Dolche.
Aber ihre Aufmerksamkeit galt mehr der schlanken, hübschen Frau mit den gekreuzten Armen und einem grimmig vorahnungsvollen Stirnrunzeln. Sie trug nur vier Ohrringe in jedem Ohr und weniger Medaillons an ihrer Kette als Malin din Toral, und ihre Kleidung bestand ganz aus rötlichgelber Seide. Sie konnte die Macht lenken. Aviendha erkannte es, da sie ihr so nahe war. Sie mußte die Frau sein, deretwegen sie hergekommen waren, die Windsucherin. Und doch war es eine andere, die Aviendhas Blick schließlich gefangen hielt. Und Elaynes, Nynaeves und Birgittes Blicke ebenso.
Die Frau, die von einer entrollten Landkarte auf dem Tisch aufgeschaut hatte, mochte, ihrem weißen Haar nach zu urteilen, genauso alt sein wie der Mann. Sie war klein, nicht größer als Nynaeve, und wirkte, als wäre sie einst stämmig gewesen und begänne jetzt dick zu werden, aber sie reckte ihr Kinn entschlossen vor, und ihre schwarzen Augen zeugten von Intelligenz. Und von Macht. Nicht die Eine Macht, nur die Macht eines Menschen, der »geh« sagte und wußte, daß die Menschen gehen würden. Ihre Hose war aus grüner, brokatdurchwirkter Seide, ihre Bluse blau und ihre Schärpe rot wie die des Mannes. Der Dolch mit der gebogenen Klinge in einer in der Schärpe stekkenden Scheide hatte einen runden, mit roten und grünen Steinen besetzten Knauf. Feuertropfen und Smaragde, dachte Aviendha. Von ihrer Nasenkette hingen doppelt so viele Medaillons herab wie von Malin din Torais, und eine weitere, dünnere Goldkette verband die sechs Ringe in ihren beiden Ohren. Aviendha hatte Mühe, nicht erneut die Hand zu ihrer eigenen Nase zu führen.