»Wir suchen ein Ter'angreal.« Abgesehen von ihrem gezwungenen Tonfall würde jedermann, der sie nicht kannte, glauben, Elayne sei vollkommen ruhig. Sie sah Nesta din Reas an, sprach aber an alle gewandt, vielleicht an die Windsucherin im besonderen. »Wir glauben, damit das Wetter heilen zu können. Es sollte Euch doch genauso viele Sorgen bereiten wie der Landbevölkerung. Baroc sprach von endlosen Stürmen. Ihr müßt die Berührung des Dunklen Königs, die Berührung des Vaters der Stürme, auf See genauso erkennen wie wir an Land. Mit diesem Ter'angreal könnten wir das ändern, aber wir vermögen es nicht allein zu tun. Es wird die Zusammenarbeit vieler Frauen benötigt, vielleicht ein voller Kreis von dreizehn. Wir denken, daß unter diesen Frauen auch Windsucherinnen sein sollten. Niemand sonst weiß so viel über das Wetter, keine lebende Aes Sedai - um diese Hilfe bitten wir.«
Tödliches Schweigen folgte auf ihre Rede, bis Dorile din Eiran vorsichtig äußerte: »Dieses Ter'angreal, Aes Sedai. Wie heißt es? Wie sieht es aus?«
»Es besitzt keinen mir bekannten Namen«, belehrte Elayne sie. »Es ist eine dicke Kristallschale, flach, aber mit etwas über zwei Fuß Durchmesser und innen mit Wolken verziert. Wenn man die Macht hineinlenkt, bewegen die Wolken...«
»Die Schale der Winde«, unterbrach die Windsucherin sie aufgeregt und trat unbewußt auf Elayne zu. »Sie haben die Schale der Winde.«
»Ihr habt sie wirklich?« Der Blick der Herrin der Wogen heftete sich begierig auf Elayne, und auch sie trat unbewußt vor.
»Wir suchen sie«, erklärte Elayne. »Aber wir wissen, daß sie sich in Ebou Dar befindet. Wenn es dieselbe...«
»Sie muß es sein«, rief Malin din Toral aus. »Eurer Beschreibung nach muß sie es sein!«
»Die Schale der Winde«, keuchte Dorile din Eiran. »Wenn man sich vorstellt, daß sie nach zweitausend Jahren hier wiedergefunden würde! Es muß der Coramoor sein. Er muß...«
Nesta din Reas schlug laut die Hände zusammen. »Habe ich hier die Herrin der Wogen und eine Windsucherin vor mir oder zwei Decksmädchen bei ihrer ersten Begegnung mit einem Schiff?« Malin din Torais Wangen röteten sich vor Verärgerung, und sie neigte starrsinnig den Kopf. Dorile din Eiran errötete doppelt so stark, verbeugte sich und legte die Fingerspitzen an Stirn, Lippen und Herz.
Die Herrin der Schiffe sah sie einen Moment stirnrunzelnd an, bevor sie fortfuhr, »Baroc, ruft die anderen Herrinnen der Wogen zusammen, die diesen Hafen halten, und auch die Ersten Zwölf - mit ihren Windsucherinnen. Laßt sie wissen, daß Ihr sie in ihrer eigenen Takelage aufhängt, wenn sie sich nicht beeilen.« Als er sich erhob, fügte sie hinzu: »Oh, und laßt Tee herunterschicken. Die Bedingungen dieses Handels auszuarbeiten, wird uns durstig machen.«
Der alte Mann nickte. Er akzeptierte gleichmütig, daß er vielleicht Herrinnen der Wogen in ihrer Takelage aufhängen als auch daß er Tee schicken sollte. Er sah Aviendha und die anderen an und schlenderte dann hinaus. Aviendha änderte ihre Meinung, als sie seine Augen aus der Nähe sah. Es wäre vielleicht ein tödlicher Irrtum gewesen, die Windsucherin als erste zu töten.
Jemand mußte entsprechende Befehle erwartet haben, weil Baroc erst wenige Augenblicke fort war, als ein schlanker, hübscher junger Mann mit einem einzigen dünnen Ring in jedem Ohr mit einem Holztablett eintrat, auf dem eine eckige, blau glasierte Teekanne mit goldenem Henkel und große blaue, getöpferte Becher standen. Nesta din Reas winkte ihn hinaus. »Er wird auch so ausreichend viele Geschichten verbreiten, ohne zu hören, was er nicht hören sollte«, sagte sie, als er fort war - und forderte Birgitte auf, einzugießen. Was diese zu Aviendhas und vielleicht auch zu ihrer eigenen Überraschung tat.
Die Herrin der Schiffe wies Elayne und Nynaeve zwei Sessel an einem Ende des Tisches zu, offensichtlich bemüht, den Handel zu beginnen. Aviendha lehnte den angebotenen Platz - am anderen Ende des Tisches - ab, aber Birgitte setzte sich. Die Herrin der Wogen und die Windsucherin waren auch von dieser Besprechung ausgeschlossen, wenn man es denn eine Besprechung nennen konnte. Es wurde sehr leise gesprochen, aber Nesta din Reas betonte jedes ihrer Worte mit einem speerartig geführten Finger. Elayne hielt das Kinn so hoch emporgereckt daß sie an ihrer Nase herabzuschauen schien, und obwohl es Nynaeve dieses eine Mal gelang, einen ruhigen Gesichtsausdruck zu bewahren, war sie doch sehr aufgewühlt.
»Wenn das Licht es will, werde ich mit Euch beiden sprechen«, sagte Malin din Toral und schaute von Aviendha zu Birgitte. »Aber ich denke, ich muß zuerst Eure Geschichte hören.« Birgitte wirkte allmählich beunruhigt, als sich die Frau ihr gegenüber hinsetzte.
»Was bedeutet, daß ich zunächst mit Euch sprechen werde, wenn es dem Licht gefällt«, belehrte Dorile din Eiran Aviendha. »Ich habe über die Aiel gelesen. Wenn Ihr mögt, erzählt mir doch, warum noch Männer unter Euch weilen, wenn eine Aielfrau jeden Tag einen Mann töten muß?«
Aviendha bemühte sich, ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Wie konnte die Frau solch einen Unsinn glauben?
»Wann habt Ihr unter uns gelebt?« fragte Malin din Toral an diesem Ende des Tisches über ihre Teetasse hinweg. Birgitte lehnte sich möglichst weit von ihr fort.
Nesta din Reas' Stimme erhob sich einen Moment vom anderen Ende des Tisches. »...kamt zu mir, nicht ich zu Euch. Das ist die Grundlage für unseren Handel, auch wenn Ihr Aes Sedai seid.«
Baroc schlüpfte in den Raum und blieb zwischen Aviendha und Birgitte stehen. »Anscheinend ist Euer Küstenboot unmittelbar nachdem Ihr an Bord kamt zurückgefahren, aber seid unbesorgt. Die Windläufer hat eigene Boote, die Euch zurückbringen werden.« Er nahm einen Platz unterhalb von Elayne und Nynaeve ein und beteiligte sich sofort am Gespräch. Wenn sie ansahen, wer auch immer gerade sprach, konnten die anderen sie unbemerkt beobachten. Sie hatten einen nötigen Vorteil verloren. »Natürlich findet der Handel zu unseren Bedingungen statt«, sagte er in einem Tonfall, als wundere er sich, wie es anders sein könnte, während die Herrin der Schiffe Elayne und Nynaeve so fixierte, wie man vielleicht zwei Ziegen betrachtete, die man für ein Fest schlachten wollte. Baroc lächelte fast väterlich. »Wer bittet, muß natürlich den höchsten Preis bezahlen.«
»Aber Ihr müßt doch lange genug unter uns gelebt haben, um diese alten Eide zu kennen«, beharrte Malin din Toral.
»Geht es Euch gut, Aviendha?« fragte Dorile din Eiran. »Selbst hier beeinträchtigen die Schiffsbewegungen Landmenschen bisweilen. Nein? Und meine Fragen sind für Euch nicht verletzend? Dann erzählt es mir. Fesseln Aiel-Frauen einen Mann wirklich, bevor sie ... ich meine, wenn Ihr und er ... wenn Ihr...« Sie brach mit geröteten Wangen und einem schwachen Lächeln ab. »Können viele Aiel-Frauen die Eine Macht genauso stark lenken wie Ihr?«
Nicht das törichte Herumdrucksen der Windsucherin oder Birgittes flehentliche Blicke zur Tür oder auch Nynaeves und Elaynes Entdeckung, daß sie helläugige Mädchen in den Händen geschickter Händler auf einem Jahrmarkt waren, hatte Aviendha erbleichen lassen. Sie würden es alle ihr vorwerfen, und das zu Recht. Sie hatte gesagt, wenn sie das Ter'angreal nicht zu Egwene und den anderen Aes Sedai zurückbringen könnten - warum sollten sie sich dann nicht der Hilfe dieser Meervolk-Frauen versichern, von denen sie gesprochen hatten? Es durfte keine Zeit damit verschwendet werden, darauf zu warten, daß Egwene al'Vere sagen würde, sie könnten zurückkommen. Sie würden es ihr vorwerfen, und sie würde ihrem Toh begegnen, aber plötzlich erinnerte sie sich an das Boot, das sie an Deck gesehen hatte, kopfüber auf einem weiteren aufgestapelt. Boote, die ungeschützt an Bord lagen. Sie würden es ihr vorwerfen, aber welche Schuld auch immer sie auf sich geladen hatte - sie würde die Scham, wenn sie in einem offenen Boot sieben oder acht Meilen weit hinübergerudert würde, tausendfach zurückzahlen.