»Habt Ihr einen Eimer?« fragte sie die Windsucherin schwach.
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Weiße Federn
Der Silberkreis hatte seinen Namen auf den ersten Blick nicht verdient, aber Ebou Dar liebte großartige Namen, und manchmal schien es, daß sie für desto angemessener gehalten wurden, je schlechter sie paßten. Die schmutzigste Schenke in der Stadt, die Mat je gesehen hatte und die nach sehr altem Fisch roch, trug den Namen Der strahlende Ruhm der Königin, während der Name Die Goldene Himmelskrone im Rahad jenseits des Flusses ein trübes Loch mit nur einer blauen Tür als Hervorhebung zierte, in dem schwarze Flecken von alten Dolchkämpfen den schmutzigen Boden sprenkelten. Der Silberkreis war für Pferderennen bekannt.
Mat nahm seinen Hut ab, fächelte sich mit der breiten Krempe Luft zu und ging sogar so weit, seinen schwarzen Seidenschal zu lösen, den er trug, um die Narbe an seinem Hals zu verdecken. Die Morgenluft flimmerte bereits vor Hitze, und doch waren die beiden langen Erdbänke, die die Rennbahn begrenzten, bereits dicht besetzt. Mehr hatte der Silberkreis nicht zu bieten. Das Murmeln von Stimmen übertönte beinahe die Schreie der Möwen über ihnen. Es kostete nichts zuzusehen, so daß Salinenarbeiter in der weißen Weste ihrer Zunft und Bauern mit hageren Gesichtern, die aus dem drachenverschworenen Inland geflohen waren, Schulter an Schulter mit rauhen Tarabonern mit durchsichtigen Schleiern über dichten Schnurrbärten, Webern mit senkrecht gestreiften Westen, Druckern mit waagerechten Streifen und Färbern mit bis zu den Ellenbogen befleckten Armen saßen. Das ungemilderte Schwarz der amadicianischen Landbewohner, bis zum Hals zugeknöpft, obwohl sie sich anscheinend fast zu Tode schwitzten, war neben murandianischen Dorfbewohnern mit langen, bunten, derart schmalen Schürzen, daß sie wohl nur zur Zierde getragen wurden, zu sehen. Sogar eine Handvoll Domani mit kupferfarbener Haut, die Männer in kurzen Mänteln, wenn sie überhaupt einen Mantel trugen, die Frauen in so dünner Wolle oder Leinen, daß sich die Kleidung wie Seide anschmiegte, hatte sich eingefunden. Es waren Lehrlinge und Arbeiter von den Docks und aus den Lagerhäusern da, Gerber, die aufgrund des für ihre Arbeit typischen Geruchs ein wenig Freiraum in der Menge hatten, und Straßenkinder mit schmutzigen Gesichtern, die genau beobachtet wurden, weil sie alles stehlen würden, worauf auch immer sie Hand legen konnten. Bei der arbeitenden Bevölkerung gab es jedoch kaum etwas zu stehlen.
Sie alle saßen oberhalb der dicken, um Pfosten gebundenen Hanfseile. Die Plätze unterhalb waren jenen vorbehalten, die Silber - und Gold - besaßen, den Menschen vornehmer Herkunft, die gut gekleidet und wohlhabend waren. Selbstgefällige Diener gössen für ihre Herren gewürzten Wein in Silberbecher, aufgeregte Mädchen fächerten ihren Herrinnen Kühle zu, und es war sogar ein Luftsprünge vollführender Narr mit weißbemaltem Gesicht und klingenden Messingglöckchen an seinem schwarzweißen Hut und Mantel zu sehen. Stolze Männer mit hohen Samthüten schritten mit schmalen Schwertern an den Hüften einher, und ihr Haar streifte über ihre Schultern geschlungene Seidenmäntel, die von Gold- oder Silberketten zwischen den schmalen, bestickten Revers gehalten wurden. Einige der Frauen trugen das Haar kürzer als die Männer, einige länger, und auf so viele Arten frisiert, wie Frauen anwesend waren. Sie trugen breite Hüte mit Federn oder manchmal feinen Netzen, die ihre Gesichter verbargen, und ihre Gewänder waren üblicherweise so geschnitten, daß entweder im Stil dieser Stadt oder einem anderen der Busen sichtbar war. Bei den Adligen, die unter bunten Sonnenschirmen saßen, glitzerten Ringe und Ohrringe, Halsketten und Armbänder in Gold und Elfenbein und kostbaren Edelsteinen, und sie betrachteten ihre Umgebung von oben herab. Gut genährte Händler und Geldverleiher, die nur einen Hauch Spitze oder vielleicht eine Nadel oder einen Ring mit einem dicken, glänzenden Stein trugen, verbeugten sich demütig oder vollführten Hofknickse vor den Höherstehenden, die ihnen wahrscheinlich ungeheure Summen schuldeten. Im Silberkreis wechselten Vermögen ihre Besitzer, und das nicht nur bei Wetten. Es hieß, daß unterhalb der Seile auch Leben und Ehre aus der Hand gegeben wurden.
Mat setzte sich seinen Hut wieder auf und hob eine Hand, und einer der Buchmacher kam heran - eine adlergesichtige Frau mit einer Nase wie eine Ahle. Die Frau spreizte die Hände, während sie sich verneigte, und sprach das rituelle »Ich werde wahrhaft niederschreiben, wie mein Lord zu wetten wünscht«. Der Ebou-Dari-Akzent klang trotz der jähen Endungen einiger Wörter dennoch weich. »Das Buch ist geöffnet.« Wie der Spruch stammte auch das auf die Vorderseite ihrer roten Weste gestickte Buch aus einer lange vergangenen Zeit, als die Wetten tatsächlich noch in ein Buch eingetragen wurden, aber Mat vermutete, daß er hier der einzige war, der das wußte. Er erinnerte sich an viele Dinge, die er niemals gesehen hatte, aus lange zu Staub zerfallenen Zeiten.
Mit einem schnellen Blick auf die Gewinnquoten des fünften Rennens an diesem Vormittag, die mit Kreide auf eine Schiefertafel geschrieben waren, nickte er. Wind war, trotz seiner Siege, nur als dritter Favorit genannt.
Mat wandte sich seinem Begleiter zu. »Setzt alles auf Wind, Nalesean.«
Der Tairener zögerte und zupfte nachdenklich an den Spitzen seines geölten Barts. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht, und doch hielt er seinen Mantel mit den dicken, blaugestreiften Ärmeln bis obenhin geschlossen und trug eine blaue, eckige Samtkappe, die keinen Schutz vor der Sonne bot. »Alles, Mat?« Er sprach leise, wollte nicht, daß die Frau mithörte. Die Gewinnchancen konnten sich jederzeit ändern, bis man seine Wette tatsächlich plazierte. »Verdammt, aber dieser kleine Schecke sieht schnell aus, und der helle kastanienbraune Wallach mit der Silbermähne auch.« Sie waren heute die Favoriten, neu in der Stadt, und wie alles Neue mit großen Erwartungen behaftet.
Mat machte sich nicht die Mühe, zu den zehn Pferden zu blicken, die am nächsten Rennen teilnahmen und am Ende der Bahn aufgereiht standen. Er hatte bereits genau hingeschaut, als er Olver auf den Rücken von Wind setzte. »Alles. Irgendein Dummkopf hat dem Schecken den Schweif eingebunden. Die Fliegen machen ihn schon jetzt halbwegs verrückt. Der Kastanienbraune ist prächtig, aber er hat einen bösen Knick im Fesselgelenk. Vielleicht hat er Rennen auf dem Land gewonnen, aber heute wird er als letzter einlaufen.« Mit Pferden kannte Mat sich aus. Sein Vater hatte es ihm beigebracht, und Abell Cauthon besaß ein scharfes Auge für Pferde.
»Er wirkt auf mich mehr als prächtig«, grollte Nalesean, aber er stritt nicht mehr.
Die Buchmacherin blinzelte, als Nalesean seufzend eine dicke Geldbörse nach der anderen aus seinen Manteltaschen zog. Einmal öffnete sie den Mund, um Einspruch zu erheben, aber die Illustre und Ehrenwerte Gilde der Buchmacher behauptete schließlich stets, jede Wette in jeder Höhe anzunehmen. Sie wetteten sogar mit Schiffsbesitzern und Händlern, ob ein Schiff sinken oder sich die Preise ändern würden. Genauer gesagt, tat dies die Gilde selbst nicht einzelne Buchmacher. Das Gold verschwand in einer ihrer eisenbeschlagenen Kisten, deren jede von zwei Burschen mit Armen so dick wie Mats Beine getragen wurden. Ihre Wächter, mit harten Augen, Hakennasen und Lederwesten, die noch dickere Arme freigaben, hielten lange, mit Messing verstärkte Knüppel in der Hand. Ein anderer ihrer Männer reichte ihr eine weiße Marke mit einem genau gezeichneten blauen Fisch -jeder Buchmacher hatte ein anderes Zeichen -, und sie notierte die Wette, den Namen des Pferdes oder ein Symbol, das das Rennen anzeigte, mit einem feinen Pinsel, den sie einer von einem hübschen Mädchen gehaltenen Lackschachtel entnahm, auf der Rückseite der Marke. Das schlanke Mädchen mit den großen dunklen Augen lächelte Mat an. Die adlergesichtige Frau lächelte nicht. Sie verneigte sich erneut, gab dem Mädchen beiläufig einen Klaps und ging, mit dem Gildenvorsteher flüsternd, davon, der mit einem Tuch hastig die Schiefertafel abwischte. Als er sie erneut hochhielt, war Wind mit den schlechtesten Gewinnquoten aufgeführt. Das Mädchen rieb sich heimlich die Wange und blickte stirnrunzelnd zu Mat zurück, als sei der Klaps seine Schuld gewesen.