»Ich hoffe, Ihr habt Glück«, sagte Nalesean, der die Marke vorsichtig hochhielt, um die Tinte trocknen zu lassen. Buchmacher konnten sehr eigen sein, wenn sie auf eine Marke hin auszahlen sollten, auf der die Tinte verwischt war, und niemand war eigensinniger darin als ein Ebou Dari. »Ich weiß, daß Ihr nicht oft verliert, aber ich habe es schon geschehen sehen, verdammt, ich habe es schon erlebt. Ich möchte heute abend ein Mädchen zum Tanz ausführen. Nur eine Näherin...« Er war ein Lord, wenn auch wirklich kein schlechter Bursche, und solche Dinge schienen ihm wichtig zu sein. »...aber sehr hübsch. Sie mag Geschmeide. Goldgeschmeide. Sie mag auch Feuerwerk - ich habe gehört, daß für heute abend eines vorbereitet wird; das wird Euch interessieren -, aber Geschmeide läßt sie lächeln. Sie wird mir nicht freundlich gesonnen sein, wenn ich es mir nicht leisten kann, sie zum Lächeln zu bringen, Mat.«
»Ihr werdet sie zum Lächeln bringen«, sagte Mat abwesend. Die Pferde gingen an der Startposition noch immer im Kreis. Olver saß stolz auf Winds Rücken, den Mund zu einem sehr breiten Grinsen verzogen. Bei Ebou-Dari-Rennen waren alle Reiter Jungen. Wenige Meilen weiter landeinwärts ritten Mädchen. Olver war heute hier der kleinste und leichteste Reiter. Nicht daß der langbeinige graue Wallach den Vorteil gebraucht hätte. »Ihr werdet sie zum Lachen bringen, bis sie nicht mehr aufstehen kann.« Nalesean sah ihn stirnrunzelnd an, was Mat kaum bemerkte. Der Mann sollte wissen, daß Gold eine Sache war, über die sich Mat niemals Sorgen machte. Er gewann zwar vielleicht nicht immer, aber doch beinahe immer. Sein Glück hatte ohnehin nichts damit zu tun, ob Wind siegte. Dessen war er sich sicher.
Gold kümmerte ihn also nicht, aber Olver schon. Es gab keine Regel dagegen, daß die Jungen ihre Gerten gegeneinander anstatt bei den Pferden anwendeten. Bei jedem bisherigen Rennen hatte Wind die Führung übernommen und beibehalten, aber wenn Olver verletzt würde, auch wenn es nur eine leichte Prellung wäre, würde Mat schwere Vorwürfe gemacht bekommen - von Herrin Anan, seiner Wirtin, von Nynaeve und Elayne und von Aviendha oder Birgitte. Die ehemalige Tochter des Speers und die seltsame Frau, die Elayne als Behüterin erwählt hatte, waren die letzten, von denen er erwartet hätte, daß sie vor mütterlichen Gefühlen überströmten, und doch hatten sie bereits hinter seinem Rücken versucht, den Jungen aus der Wanderin heraus und in den Tarasin-Palast zu bringen. Ein Ort mit so vielen Aes Sedai war der schlechteste Platz für Olver oder sonst jemanden, aber anstatt Birgitte und Aviendha zu sagen, daß sie kein Recht hatten, den Jungen fortzubringen, würde Setalle Anan ihn wahrscheinlich selbst eilig davonzerren. Olver würde sich wahrscheinlich in den Schlaf weinen, wenn er keine Rennen mehr reiten durfte, aber Frauen verstanden diese Dinge nie. Mat verfluchte Nalesean zum ungefähr tausendsten Mal dafür, daß er Olver und Wind heimlich zu diesen ersten Rennen gebracht hatte. Natürlich mußten sie etwas finden, um all die vielen Mußesrunden auszufüllen, aber sie hätten etwas anderes finden können. Nach Ansicht der Frauen wäre Taschendiebstahl nicht schlimmer gewesen.
»Hier ist der Diebefänger«, sagte Nalesean und stopfte die Marke in seinen Mantel. Er grinste recht höhnisch. »Er hat bisher nicht viel geleistet. Wir hätten statt dessen lieber weitere fünfzig Soldaten mitbringen sollen.«
Juilin schritt zielbewußt durch die Menge, ein dunkler, harter Mann mit einem Bambusstab als Gehstock, der genauso groß war wie er selbst. Mit der flachen, konischen roten Kappe der Taraboner auf dem Kopf und einem einfachen, um die Taille gebundenen und sich dann bis auf die Stiefel bauschenden Mantel, der recht abgetragen und offensichtlich nicht der Mantel eines Reichen war, hätte er sich eigentlich nicht unterhalb der Seile aufhalten dürfen, aber er gab vor, die Pferde zu studieren, und ließ prahlerisch eine wertvolle Münze auf seiner Handfläche tanzen. Einige der Wächter der Buchmacher beobachteten ihn mißtrauisch, aber das Goldstück verschaffte ihm Zugang.
»Nun?« sagte Mat verärgert und zog seinen Hut tief in die Stirn, sobald der Diebefänger ihn erreichte. »Nein, laßt mich raten. Sie sind dem Palast erneut entkommen. Und wieder sah sie niemand gehen. Wieder hat niemand eine verdammte Idee, wo sie sein könnten,«
Juilin steckte die Goldmünze sorgfältig in seine Manteltasche. Er wettete nicht. Er schien jedes Kupferstück zu sparen, das ihm in die Hände geriet. »Sie nahmen alle vier vom Palast aus eine geschlossene Kutsche zu einem Anlegesteg am Fluß, wo sie ein Boot mieteten. Thom hat ein weiteres gemietet und ist ihnen gefolgt, um zu sehen, wohin sie gehen. Ihrer Kleidung nach zu urteilen, vermutlich an keinen düsteren oder unerfreulichen Ort. Aber es stimmt schon - Adlige tragen sogar Seide, wenn sie im Schlamm wühlen.« Er grinste Nalesean an, der die Arme kreuzte und vorgab, in die Betrachtung der Pferde vertieft zu sein. Das Grinsen war lediglich ein Entblößen der Zähne. Beide waren Tairener, aber in Tear bestand eine breite Kluft zwischen Adligen und Bürgerlichen, und keiner fühlte sich in Gegenwart des anderen wohl.
»Frauen!« Mehrere vornehm gekleidete Frauen in ihrer Nähe wandten sich um und sahen Mat unter hellen Sonnenschirmen fragend an. Er erwiderte ihre Blicke stirnrunzelnd, obwohl zwei von ihnen hübsch waren, und sie begannen zu lachen und miteinander zu tuscheln, als hätte er etwas Lustiges gesagt. Eine Frau tat etwas, bis man sicher war, daß sie es immer tun würde, und dann tat sie etwas anderes, nur um einen zu verwirren. Aber er hatte Rand versprochen, dafür zu sorgen, daß Elayne sicher nach Caemlyn gelangte, und Nynaeve und Egwene mit ihr. Zudem hatte er Egwene versprochen, dafür zu sorgen, daß die anderen beiden auf dieser Reise nach Ebou Dar wohlbehütet waren, ganz zu schweigen von Aviendha. Das war der Preis dafür, Elayne nach Caemlyn zu bekommen. Nicht, daß sie ihm gesagt hatten, warum sie hier sein mußten - o nein. Nicht daß sie seit ihrer Ankunft in dieser verdammten Stadt auch nur zwanzig Worte mit ihm gewechselt hätten!
»Ich werde für ihre Sicherheit sorgen«, murrte er leise. »Und wenn ich sie in Fässer stecken und auf einem Karren nach Caemlyn befördern muß.« Er war vielleicht der einzige Mann auf der Welt, der das über Aes Sedai sagen konnte, ohne über die Schulter sehen zu müssen, vielleicht sogar der einzige einschließlich Rand und jenen Burschen, die er um sich versammelte. Er berührte das Fuchskopf-Medaillon unter seinem Hemd, um sich zu vergewissern, daß es da war, obwohl er es niemals abnahm, nicht einmal beim Baden. Es hatte Fehler, aber ein Mann ließ sich gern erinnern.
»Tarabon muß jetzt furchtbar sein für eine Frau, die nicht daran gewöhnt ist, auf sich aufzupassen«, murmelte Juilin. Er beobachtete, wie drei verschleierte Männer in zerrissenen Mänteln und ausgebeulten, einstmals weißen Hosen vor zwei knüppelschwingenden Wächtern der Buchmacher die Bänke hinaufkletterten. Keine Regel bestimmte, daß arme Menschen sich nicht unterhalb der Seile aufhalten durften, aber die Wächter der Buchmacher bestimmten es. Die beiden hübschen Frauen, die Mat beobachtet hatten, schienen eine private Wette darauf abzuschließen, ob die Taraboner den Wächtern entkämen oder nicht.