Kanäle voller Lastkähne durchschnitten die Stadt, von Dutzenden von Brücken überspannt, einige so schmal, daß zwei Menschen sich aneinander vorbeiquetschen mußten, andere ausreichend groß, daß sie sogar von Geschäften gesäumt wurden, die über das Wasser ragten. Auf einer dieser Brücken erkannte Mat plötzlich, daß der weiß befiederte Hut stehengeblieben war. Menschen eilten um Mat herum, als er ebenfalls stehenblieb. Die Brückengeschäfte waren genau betrachtet nur offene Holzbuden mit schweren, aus Bohlen gezimmerten Läden, die heruntergelassen wurden, um die Geschäfte nachts zu schließen. In hochgestellter Position wiesen sie Schilder der Geschäfte auf. Dasjenige über dem Federhut zeigte eine goldene Waage und einen Hammer, das Zeichen der Gilde der Goldschmiede, wenn auch eindeutig nicht dasjenige eines sehr wohlhabenden Mitglieds. Durch eine kurzzeitig bestehende Lücke in der Menge sah Mat die Frau zu sich zurückschauen und wandte sich schnell dem kleinen Stand zu seiner Rechten zu. An der Rückwand hingen Fingerringe, und auf Brettern waren in allen Formen geschliffene Steine ausgelegt.
»Wünscht mein Lord einen neuen Siegelring?« fragte der vogelähnliche Bursche hinter dem Ladentisch, während er sich verbeugte und sich die Hände rieb. Er war dünn wie eine Bohnenstange und machte sich keine Sorgen darum, daß jemand seine Waren stehlen könnte, denn in einer Ecke des Stands kauerte ein einäugiger Bursche auf einem Stuhl, der vielleicht Mühe gehabt hatte, aufrecht darin zu stehen, mit einem langen, mit Nägeln beschlagenen Knüppel zwischen den wuchtigen Knien. »Ich kann Euch jedes Muster anfertigen, wie mein Lord sehen kann, und ich habe natürlich Proberinge da, um die erforderliche Größe festzustellen.«
»Zeigt mir diesen.« Mat deutete blindlings irgendwohin. Er brauchte einen Grund, um hier stehenzubleiben, bis die Frau weiterging. Vielleicht konnte er die Zeit nutzen, um zu entscheiden, was er tun sollte.
»Ein gutes Beispiel für den jetzt sehr beliebten Längsstil. Dieser Ring ist aus Gold, aber ich fertige auch Silberarbeiten an. Nun, ich glaube, die Größe ist richtig. Wenn mein Lord ihn anprobieren möchte? Wollen mein Lord vielleicht den ausgezeichneten Schliff betrachten? Bevorzugt mein Lord Gold oder Silber?«
Mit einem Brummen, von dem er hoffte, daß es als Antwort auf irgendeine dieser Fragen gewertet würde, schob Mat den angebotenen Ring auf den Ringfinger seiner linken Hand und gab vor, das dunkle Oval des geschliffenen Steins zu betrachten. Aber in Wahrheit sah er nur, daß er so lang wie sein Fingergelenk war. Mit gesenktem Kopf beobachtete er aus den Augenwinkeln die Frau - so gut es durch Lücken in der Menge möglich war. Sie hielt eine breite, flache, goldene Halskette ins Licht.
In Ebou Dar gab es eine Bürgerwehr, aber keine sehr erfolgreiche, die in den Straßen nur selten zu sehen war. Wenn er die Frau anzeigte, würde sein Wort gegen ihres stehen, und selbst wenn man ihm glaubte, würde sie vielleicht sogar bei dieser Anschuldigung gegen ein paar Münzen freikommen. Die Bürgerwehr war preiswerter als ein Richter, aber beide konnten gekauft werden, wenn nicht ein Mächtiger zusah, und selbst dann war es möglich, wenn genug Gold geboten wurde.
Ein Aufruhr in der Menge gab plötzlich einen Weißmantel frei, dessen konischer Helm und langes Kettenhemd wie Silber schimmerten und dessen weißer Umhang mit der flammenden goldenen Sonne sich bauschte, als er einherschritt, zuversichtlich, daß sich ein Weg vor ihm eröffnen würde. Was natürlich geschah. Kaum jemand war bereit, sich den Kindern des Lichts in den Weg zu stellen. Dennoch wurden die Blicke eines jeden, der die Augen von dem Mann mit dem steinernen Gesicht abwandte, durch anerkennende Blicke anderer ersetzt. Die Frau mit dem scharfgeschnittenen Gesicht sah ihn nicht nur offen an, sie lächelte sogar. Eine gegen sie vorgebrachte Beschuldigung würde sie vielleicht - oder vielleicht auch nicht - ins Gefängnis bringen, aber das konnte dann der Funke sein, der in der ganzen Stadt Erzählungen über Schattenfreunde im Tarasin-Palast anregte. Weißmäntel waren gut darin, den Pöbel aufzuwiegeln, und für sie waren Aes Sedai Schattenfreunde. Als das Kind des Lichts an der Frau vorüberging, legte sie die Kette, offensichtlich bedauernd, zurück und wandte sich zum Gehen.
»Gefällt der Stil meinem Lord?«
Mat zuckte zusammen. Er hatte den mageren Mann und den Ring vergessen. »Nein, ich möchte nicht...« Er zog stirnrunzelnd an dem Ring. Er wollte sich nicht bewegen!
»Nicht ziehen. Ihr könntet den Stein zerbrechen.« Jetzt, wo er kein potentieller Kunde mehr war, war Mat auch nicht länger ein Lord. Der Bursche rümpfte die Nase und beobachtete ihn scharf, damit er nicht davonliefe. »Ich habe etwas Fett. Deryl, wo ist die Dose mit dem Fett?« Der Wächter blinzelte und kratzte sich den Kopf, als frage er sich, was eine Dose mit Fett sei. Der weiß befiederte Hut hatte die Brücke bereits halbwegs überquert.
»Ich werde ihn nehmen«, fauchte Mat. Es war keine Zeit zu feilschen. Er nahm eine Handvoll Münzen aus seiner Umhangtasche und warf sie auf den Ladentisch - überwiegend Gold und ein wenig Silber. »Genügt das?«
Die Augen des Ringmachers quollen hervor. »Es ist etwas zu viel«, erwiderte er mit zitternder Stimme. Seine Hand zögerte über den Münzen, und dann schob er Mat mit zwei Fingern einige Silbermünzen wieder zu. »Soviel?«
»Gebt sie Deryl«, grollte Mat, als der verdammte Ring plötzlich doch noch von seinem Finger glitt. Der magere Mann sammelte schnell die restlichen Münzen ein. Es war zu spät, um den Handel rückgängig zu machen. Mat fragte sich, wie viele Goldstücke er zuviel bezahlt hatte. Er stopfte den Ring in seine Tasche und eilte hinter der Schattenfreundin her. Der Hut war nirgends mehr zu sehen.
Zwei Statuen zierten das Ende der Brücke, über einen Spann große Frauengestalten aus hellem Marmor, jede mit einer entblößten Brust und einer himmelwärts erhobenen Hand. In Ebou Dar bedeutete eine entblößte Brust Offenheit und Ehrlichkeit. Mat ignorierte die Blicke, kletterte neben eine der Frauengestalten hinauf und hielt sich, einen Arm um ihre Taille gelegt, fest. Entlang dem Kanal verlief eine Straße, und zwei weitere zweigten im Winkel davon ab, alle voller Leute und Karren, Sänften und Wagen und Kutschen. Jemand rief mit rauher Stimme, lebendige Frauen seien wärmer, und ein Teil der Menge lachte. Weiße Federn erschienen hinter einer blau lackierten Kutsche in der linken Abzweigung der Straße.
Mat sprang hinab und eilte die Straße entlang hinter der Frau her, wobei er die Flüche jener ignorierte, die er anstieß. Bei den vielen Leuten und mit ihm ständig in den Weg geratenden Wagen und Kutschen konnte er den Hut von der Straße aus nicht deutlich im Auge behalten. Er sprang die breiten Marmorstufen eines Palasts hinauf, erblickte den Hut erneut, lief wieder hinab und drängte weiter vorwärts. Der Rand eines großen Springbrunnens ermöglichte ihm einen weiteren Blick, dann ein umgedrehtes Faß an einer Wand und eine Kiste, die gerade von einem Ochsenkarren geladen worden war. Einmal klammerte er sich an die Seite eines Wagens, bis ihn die Kutscherin mit ihrer Peitsche bedrohte. Durch all sein Klettern und Schauen kam er der Schattenfreundin nicht wesentlich näher. Aber andererseits wußte er auch nicht, was er tun sollte, falls er sie einholte. Plötzlich, als er sich auf die schmale Mauerkrönung vor einem der großen Häuser zog, war sie nicht mehr da.
Er blickte erschreckt die Straße hinauf und hinab. Die weißen Federn wogten nicht mehr durch die Menge. Er konnte leicht ein halbes Dutzend Häuser wie dasjenige, an dem er kauerte, mehrere Paläste unterschiedlicher Größen, zwei Gasthäuser, drei Schenken, den Laden eines Scherenschleifers mit einem Messer und einer Schere auf dem Ladenschild, einen Fischhändler mit fünfzig Sorten Fisch, zwei Teppichknüpfer mit eingerollten Teppichen auf Tischen unter den Planen, einen Schneiderladen und vier Stoffverkäufer, zwei Läden mit Lackwaren, einen Goldschmied, einen Silberschmied, einen Mietstall und anderes überblicken. Die Liste war zu lang. Sie hätte in jedes dieser Gebäude hineingehen können. Sie hätte, von ihm unbemerkt, um eine Ecke gehen können.