Ascanio warf einen verstohlenen Blick auf Lucrezia, die sich an Antonios Schulter lehnte und ihren jüngsten Sohn stillte, umgeben von ihren Kindern, die bis auf den Vierzehnjährigen erschöpft eingeschlafen waren. Der Anblick versetzte ihm einen Stich. Wie sehr beneidete er Antonio darum, eine Familie zu haben, eine Heimat, Menschen, die ihn liebten. Wie viel hätte er darum geben, dass ihm ein solches Glück vergönnt gewesen wäre. Zum ersten Mal schmeckte er die bittere Erkenntnis, sein Leben falsch gelebt, vergeudet zu haben. Er spürte, wie ihm die Augen feucht wurden. Damit es niemand merkte, räusperte er sich und brummte, er wolle kurz die Gegend erkunden.
Als er aus der Ruine trat, wölbte sich über ihm der römische Abendhimmel, der in allen Rottönen leuchtete. Jetzt war er allein, jetzt durfte er seinen Tränen über sein verpfuschtes Leben freien Lauf geben. Er setzte sich auf einen Feldstein und weinte. Es tat ihm wider Erwarten gut. Und plötzlich konnte er es kaum erwarten, im Himmel zu sein, um seine guten Eltern wiederzusehen. Wie schön wäre es, wieder Kind zu sein, sich wieder in ihrer Obhut zu befinden! Er bemühte sich, bei diesem frühen Glück zu verharren und nicht an jenen Tag zu denken, an dem das Glück zerschlagen wurde.
Das Wiehern von Pferden riss ihn aus seinen Gedanken. Er blickte auf. Eugenio, diesem Teufelsbraten, war es gelungen, eine Kutsche mit vier Pferden aufzutreiben. Fast gleichzeitig erschien Baccio, der einen gut gefüllten Sack über der Schulter trug. Ascanio weckte Antonio, Lucrezia und den ältesten Knaben. »Es ist so weit.« Behutsam trugen sie die anderen Kinder in die Kutsche und verließen Rom schließlich eine Stunde vor Mitternacht, erleichtert, der Hölle entronnen zu sein.
Fünf Tage später trafen sie in Florenz ein und kamen bei Verwandten in der Nähe der Porta San Gallo unter, nach der sich die Familie Sangallo benannt hatte.
Am Ende hatte der unglückliche Clemens VII. doch noch ein Lösegeld gezahlt, und am 17. Februar 1528 verließen die demoralisierten Truppen, die über ein halbes Jahr lang die Römer terrorisiert hatten, die Ewige Stadt. Im April kehrte Antonio in Begleitung von Eugenio zurück. Zuerst inspizierte er den verwüsteten Palazzo und dachte dankbar, dass seine Familie und er dem Tod entronnen waren. Und was den Palazzo betraf: Nichts war zerstört worden, was sich nicht wieder reparieren oder erneuern ließ. Dann begab sich Antonio zur Peterskirche.
Der Neubau und die alte Basilika ähnelten sich auf furchtbare Weise: Die Landsknechte hatten Fenster zerschlagen, Altäre zerstört, Reliquien aus ihren Behältnissen gestohlen oder aus den Reliquiaren Edelsteine herausgebrochen. Am schlimmsten sah es im Tegurium aus. Der Altar über der Memoria des Apostelfürsten Petrus war vollkommen zerstört, das Ziborium ein skurriles Gerippe, aus dem man alles Wertvolle herausgeschlagen oder herausgesägt hatte. Der Architekt wagte nicht, in die Gruft hinunterzusteigen, weil er nicht sehen wollte, was sie mit dem Grab des Apostels angestellt hatten. Er entzündete über der Memoria eine Kerze, die er mitgebracht hatte, und dankte Gott in einem langen Gebet, dass er ihn errettet hatte. Eines erkannte er sofort: Bevor sie mit dem Bauen fortfahren konnten, war eine Menge Aufräum- und Reparaturarbeit zu leisten.
Antonios nächster Weg führte ihn nach Regola ins Haus seines Freundes Maffeo Maffei. Unterwegs zeigte sich ihm eine geschundene Stadt. Die Palazzi der Reichen hatten die Landsknechte genauso geplündert und verwüstet wie die Hütten der Armen. Sie hatten mitgenommen, was sie zu fassen bekamen, ob viel oder wenig. Holzleisten und Gestelle, die früher einmal Möbel waren, Scherben von Geschirr und Krügen, Fensterkreuze, Türflügel und Schlösser, Kleidung, immer wieder zerfetzte Tücher und Papier, Rechnungen, Zeichnungen, Briefe und Bücher bedeckten die Straßen. Wind pfiff durch die Gemäuer, die oft tür- und fensterlos der Witterung schutzlos ausgeliefert waren. In die Augen der Menschen hatte sich Misstrauen geschlichen. Wo waren nur das Selbstbewusstsein und die Frechheit des Popolo geblieben?, fragte er sich. Dann stand er vor dem dreistöckigen Haus von Maffeo. Nachdem damals die Umbauarbeiten an seinem Palazzo beendet worden waren, hatten sie sich sogleich an die Vergrößerung von Maffeos Anwesen gemacht. Selbstverständlich auf Kosten der Baustelle am Petersdom und mit den Baumaterialien von dort. Seit Antonio aus der Engelsburg entlassen worden war und er den Preis für seine Rettung kannte, hatte er jede Hemmung verloren. Er begann, die größte Baustelle der Christenheit zu hassen.
Antonio schaute durch die Tür und entdeckte Arnoldo, Maffeos ältesten Sohn. Er musste inzwischen etwa zwanzig Jahre alt sein, ein großer und schöner junger Mann. Er war gerade dabei, neue Fenster einzusetzen, wobei ihm zwei seiner jüngeren Brüder zur Hand gingen. Antonio fiel ein Stein vom Herzen, dass die Familie des Bauunternehmers die schreckliche Zeit offenbar gut überstanden hatte.
»Arnoldo, wo ist dein Vater?«, rief er beim Eintreten.
Arnoldo schaute ihn erst an, dann begrüßte er ihn ernst. »Die Landsknechte haben ihn gefoltert, um an unser Geld zu kommen. Wir hatten es nämlich vergraben. Er hat geschwiegen, bis in den Tod. Der Sturkopf!« In den Augen stritten Liebe, Trauer und Missbilligung.
Antonio senkte den Kopf. Den Freund und Gefährten tot zu wissen stimmte ihn unsagbar traurig.
»Sie haben Mutter gedroht, dass sie den Leichnam meines Vaters in kleine Streifen schneiden und an die Bluthunde verfüttern würden, da hat sie ihnen das Geld gegeben.«
»Wo ist deine Mutter?«
»Vor Gram gestorben.«
»Und deine Geschwister?«
»Fressen mir die Haare vom Kopf. Nein, Gott sei Dank, sie leben. Aber ich weiß nicht, wie ich sie durchbringen soll.«
»Mit dem Geschäft deines Vaters natürlich!«
Arnoldo sah den Architekten lange an. »Wollt ihr Euch über mich lustig machen? Vater hat mich auf die Lateinschule geschickt. Anschließend hat er mich zwar ins Maurerhandwerk eingewiesen, aber ich bin kein Meister.«
Antonio legte seinen Arm um die Schulter des jungen Mannes. »Ach, weißt du, mein Sohn – denn das sollst du von jetzt ab sein –, ich will versuchen, so gut ich kann, dir deinen Vater zu ersetzen. Als ich deinen Vater kennenlernte, hat er zwar behauptet, dass er ein Meister wäre, aber er war keiner. Ein Unternehmer war er, ein kluger, ein ausgefuchster, mit Mut, mit sehr viel Mut.« Arnoldo stöhnte leise. »Und ich denke doch, dass sein Blut in deinen Adern fließt.«
Der Architekt half dem jungen Mann, der in der Tat die Begabung seines Vaters für das Baugewerbe geerbt hatte, das Familienunternehmen wieder aufzubauen. Während Arnoldo und seine Maurer die Zerstörungen an Antonios Palazzo beseitigten, konnte dieser den jungen Mann bei der Führung seiner Männer beobachten und ihm Ratschläge erteilen. Nur das Atelier wollte Antonio allein renovieren.
Den ganzen Tag über hatte er die Wände verspachtelt, die Spuren von Hellebarden- und Schwerthieben aufwiesen. Sicher hatten die Söldner ihre Wut am Mobiliar und den Wänden ausgelassen, nachdem der flüchtige Spanier Hilfe geholt und den Palazzo leer vorgefunden hatte. An einer Stelle entdeckte er ein kleines Loch in der Wand. Er fasste mit dem Zeigefinger hinein und erfühlte, dass dahinter ein Hohlraum lag. Mit einem Stemmeisen und einem Hammer schlug er den Putz ab, der die Vertiefung verschloss. Vor ihm öffnete sich eine Nische, etwa zwei Handbreit tief und etwas über zwei Fuß hoch, in der zwei Bücher lagen. Antonio nahm sie heraus und ging mit ihnen zum Fenster, um zu sehen, worum es sich handelte. Enttäuscht stellte er fest, dass es sich bei dem einen Buch um ein Exemplar von Dantes »Göttlicher Komödie« handelte.
Weshalb hatte Donato es versteckt? Das Werk genoss doch den besten Ruf. Antonio begann, darin zu blättern. Schließlich stieß er auf den zweiten Teil, auf ein Buch, das in einer Sprache verfasst war, die er nicht kannte. Rasch wurde ihm klar, dass der zweite, nur halb so dicke Band die Übersetzung des ersten enthielt. Ihm stockte der Atem. Vor ihm lag das »Buch der Baumeister«, das Bundesbuch der Fedeli d’Amore. Die Liste der Priore des Bundes am Ende des Originals beeindruckte ihn. Dann versenkte er sich in die Lektüre der Übersetzung. Als die Dunkelheit ins Zimmer floss, holte er sich einen Krug mit Wein und ein paar Kerzen. Niemand trieb ihn, er studierte das Buch. War er nicht der letzte Prior der Gefährten der Liebe? Hatte ihn nicht Donato kurz vor seinem Tod eingesetzt? Nur war er nicht mehr dazu gekommen, ihm zu verraten, wo er das Buch versteckt hatte.