Выбрать главу

»Kann ich Euch etwas anbieten?«

»Zu essen? Nein! Zu trinken? Nein! Dass Ihr zum wahren Glauben kommt? Ja!«

»Oh, ich glaube so fest und so tief wie kein Zweiter!«, versicherte Michelangelo mit belegter Stimme.

»Wenn Ihr tatsächlich an Gott, den Allmächtigen, glaubt, an unseren Herrn Jesus und an den Heiligen Geist«, sagte Giacomo, beugte sich vor und sah Michelangelo mit blitzenden Augen an, »dann entwerft einen demütigeren Plan für Julius’ Grabmal. Und lasst die heidnischen Dinge weg!«

Wie schön er ist in seinem Zorn, dachte Michelangelo und senkte erschrocken den Blick. Das letzte Mal, als er etwas Ähnliches für einen Menschen empfunden hatte, war, als er sich in Contessina verliebte. Sollte er sich etwa in diesen Mann vernarrt haben? Der Gedanke verunsicherte ihn. Aber ging es wirklich um Männer oder Frauen? Waren es denn nicht die Menschen an sich, die ihn erregten, und eigentlich auch nicht Menschen, sondern die Schönheit? Schönheit zu fühlen oder Schönheit zu schaffen, das machte für ihn keinen Unterschied. Es war, wie wenn er Gott im Gebet berührte. Erschuf man Gott nicht auch erst in der Andacht und im Lobpreis?

Michelangelo hob den Kopf und schaute Giacomo unverwandt an. Er betrachtete ihn neugierig und verzückt zugleich, mit dem professionellem Blick des bildenden Künstlers, der seinem Motiv begegnet war.

»Ich will Euch malen! Darf ich?«, rief er.

Giacomo stemmte die Handflächen gegen den Tisch und schob seinen Stuhl zurück. »Nein! Wozu?«, wehrte er barsch ab. Dann fasste er sich wieder, und seine Miene nahm den entschlossenen Ausdruck des Seelsorgers an, der einen Sünder auf den rechten Pfad des Glaubens zurückzuführen gedachte.

Selbst die Strenge verunstaltete seine schönen Züge nicht, dachte Michelangelo, sie macht sie nur plastischer.

»Wollt Ihr in der Frage des Grabmals von Eurem Hochmut ablassen?«

Wie schön er ist, dachte Michelangelo wieder – und wie verblendet! Zwiespältige Gefühle bewegten ihn: Durfte er versuchen, dem Dominikaner diesen kalt funkelnden Fanatismus zu nehmen, der scharf wie eine Damaszenerklinge in sein Herz schnitt? Würde er ihm damit nicht etwas von seiner Grandezza nehmen? Nur die Spanier konnten so schön und gleichzeitig so grausam sein!

»Verzeiht, Bruder, wir sprechen nicht über Gott, nicht über den Glauben, sondern über die Kunst«, brachte er schließlich hervor.

»Ist die Kunst denn kein Werk Gottes?«, fragte Giacomo mit jener Unnahbarkeit, die Glaubenskämpfern eigen ist.

Michelangelo lächelte und schüttelte den Kopf. »Ja, natürlich. Aber der Mensch ist auch ein Werk Gottes, und wenn er Zahnschmerzen hat, schicken wir nicht nach dem Priester, sondern nach dem Zähnebrecher.« Bei dem letzten Wort stieg ihm das Blut in den Kopf. Zähnebrecher, so hatte ihn Contessina genannt. Seitdem hatte er das Wort nicht mehr benutzt, sondern nur vom Bader gesprochen. Was sollte ihm jetzt diese Erinnerung, die ihn vollends verwirrte?

Giacomo riss ihn aus seinen Gedanken. »Ihr wisst, was im Buch Jesus Sirach steht? ›Der Unkluge lässt sich nicht erziehen; doch es gibt auch Klugheit, die viel Bitterkeit einträgt‹. Also hütet Euch vor dieser Klugheit, die danach trachtet, selbst den Heiligen Geist zu übertrumpfen.«

»Aber das will ich doch gar nicht!«, seufzte Michelangelo. »Warum versteht Ihr mich nur so falsch? Wenn die Kunst von Gott geschaffen ist, dann ehren wir ihn am besten, wenn wir uns bemühen, diese so gut, wie wir nur irgend können, auszuüben.«

Giacomo hob verärgert die Hände und ließ sie wieder auf die Tischplatte sinken. Michelangelo stockte der Atem. Die rechte Hand des Besuchers lag auf dem Blatt mit dem Porträt.

»Was soll das Geschwätz über Kunstfertigkeit, natürlich sollt Ihr Euer Handwerk gut ausüben«, sagte dieser unwirsch und drehte das Blatt unwillkürlich um. »Wir reden hier aber nicht über Euer handwerkliches Vermögen, sondern über ein ketzerisches Gebilde, das Ihr im Petersdom aufstellen wollt und das die Menschen verwirrt und verleitet. Ihr …« Giacomo stockte, als er die Zeichnung sah, die niemand anderen darstellte als ihn selbst. Mit wachsender Verwirrung las er die Zeilen neben dem Porträt:

»Mit der Vernunft bin ich im Klagen eins,

Dass liebend ich ein Glück erhofft von dorten,

Und sie beweist mir mit den wahrsten Worten

Die Schande meines Preisgegebenseins.«

»Ist das von Euch?«

Michelangelo errötete und wäre aus Scham am liebsten im Boden versunken. »Es ist nichts weiter, ein Spiel mit Worten und Strichen, ganz ohne Bedeutung …«

Wütend zerriss Giacomo das Papier und warf es dem Bildhauer vor die Füße. »Das ist kein Spiel. Das ist unzüchtig! Und dazu noch geradezu widernatürlich! Nehmt Euch in Acht, nehmt Euch ja in Acht, Michelangelo Buonarroti! Die Hölle greift mit kräftigen Pranken nach Euch!« Der Dominikaner war blass geworden. »Ihr seid ein Sohn der Sünde«, stieß er mit blutleeren Lippen hervor, bevor er aufsprang und aus dem Zimmer eilte.

»Bleibt, Frà Giacomo, so bleibt doch …«, rief Michelangelo und schaute ihm wie benommen nach. Nach einer Weile kniete er mit Tränen in den Augen nieder, sammelte die Papierfetzen vom Boden auf und fügte das Blatt wieder zusammen. Dann schrieb er weiter:

»Was kann dir deine Sonne anders bringen

Als Tod? Und nicht den Tod des Phönixlebens.

Wen ’s freut, sein eigenes Fallen zu erzwingen,

Dem bleibt die beistandvollste Hand vergebens.

Mein Sinn erkennt, die böse Wahrheit sieht er,

Doch hat in mir ein Herz sich eingelassen,

Das bringt mich um, je mehr ich mich ergebe.

Bei zweien Toden hält sich mein Gebieter;

Den will ich nicht, und den kann ich nicht fassen,

Und Leib und Seele stirbt in dieser Schwebe.«

Nachdem er den letzten Punkt gesetzt hatte, verließ Michelangelo seine Werkstatt. Er musste hinaus, brauchte Luft zum Atmen. Auf der Straße kläffte ihn ein Hund an, dem er einen heftigen Fußtritt versetzte. Ziellos durchstreifte er den Borgo. Kurz erwog er, seiner Pietà im Dom einen Besuch abzustatten, sah aber dann doch davon ab. Ein Straßenjunge – so jung, dass er noch frisch wirkte – bot sich vor Sankt Peter feil und schlich um ihn herum. Sollte er ihn mitnehmen? Eine ungeheure Sehnsucht nach der Wärme eines menschlichen Körpers ließ ihn erzittern. Plötzlich sah er Contessina vor sich, wie sie damals in ihrem Zimmer auf dem Bett gesessen hatte, nur mit Schleiern bekleidet. Und wie damals fühlte er wieder auf der Treppe ihren kalten Blick auf sich ruhen. Heute verstand er, dass durch seine Ablehnung etwas in ihr zerbrochen war, dass er das Mädchen in ihr getötet hatte. Er schüttelte den Kopf. Der Junge verstand und machte sich auf die Suche nach einem anderen Freier. Er musste nicht lange suchen, denn ein korpulenter Franzose, wie Michelangelo unschwer an der Kleidung erkennen konnte, kam auf ihn zu. Der Dicke flüsterte dem Jungen etwas zu, der wie ein Schauspieler sogleich seinen unschuldigen Gesichtsausdruck aufgab und ein aufreizendes Lachen von sich gab. Michelangelo ahnte, wohin das führen würde. Bei seinen Aufenthalten in den Bordellen von Florenz hatten ihm die Huren, die er für Giovanni de Medici zeichnete, verraten, dass sie französischen Kunden lieber aus dem Weg gingen. Die Deutschen waren höflich und die Engländer witzig. Die Franzosen jedoch hatten oft nur allzu ausgefallene Wünsche, und das bedeutete Anstrengung und zuweilen auch harte Arbeit. Der Junge tat Michelangelo leid. Warum hatte er ihn nicht mitgenommen, ihm zu essen, zu trinken und schließlich Geld gegeben, ohne etwas von ihm zu fordern?

Warum nicht? Weil er kein Geld zu verschenken hatte. Julius II. hatte ihn für den Entwurf gut entlohnt und würde für das Grabmal sicher eine märchenhafte Summe bezahlen. Michelangelo konnte es sich selbst nicht erklären, aber Geld auszugeben, tat ihm körperlich weh. Nie wieder in seinem Leben wollte er so arm sein wie in dem Moment, als er Contessina gehen lassen musste, weil er nicht um sie freien durfte. Im Gegenteil, er brauchte Geld, viel Geld, damit seine Familie – er eingeschlossen – wieder den alten Rang einnehmen konnte. Deshalb musste er Geld verdienen und durfte es nicht unnötig ausgeben. Aber wenn der hübsche Dominikaner sich ihm anstelle des Jungen angeboten hätte, fragte er sich, ohne sich eine Antwort zu erlauben, hätte er für Giacomo gezahlt?