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In der Stille klang die ruhige und unpersönliche Stimme des Bibliothekscomputers sehr klar und beinahe etwas zu laut.

»… während die Frucht heranreift«, erläuterte die Stimme, »saugt der schwammige Inhalt den ganzen Saft auf und wächst dann so lange heran, bis er den Fruchtkörper ausfüllt, dessen gestreifte Schale vor dem Herabfallen vom Baum zäh und dehnbar wird. Wenn die mit dem dickflüssigen, schwammigen Inhalt gefüllte Frucht auf den Boden fällt, springt oder rollt sie ein paar Meter weiter, bis chemische Sensoren in der Außenhaut einen geeigneten Boden für die Keimung anzeigen, woraufhin sich die Schale an der Stelle zersetzt, die den Boden berührt, um den flüssigen Inhalt freizugeben und auszusäen. Danach setzt ein langsamer Fäulnisprozeß der Frucht ein. Dies hat zum einen den Zweck, daß das verfaulende, schwammige Fruchtfleisch am Anfang das Wachstum der Samen fördert, während zum anderen der Saft das umliegende Erdreich durchdringt und konkurrierenden Pflanzenwuchs hemmt oder abtötet.

Vorsicht! Die Frucht des Penissithbaums ist hochgiftig, sowohl für alle uns bekannten warmblütigen Sauerstoffatmer sämtlicher physiologischer Klassifikationen als auch für alle auf Etla existierenden einheimischen Lebensformen. Es wurde untersucht, ob die Inhaltsstoffe, in geringen Mengen dosiert, von medizinischem Nutzen sein könnten, jedoch ohne Erfolg. Würden von einem Wesen mit der durchschnittlichen Körpermasse eines erwachsenen Orligianers, Kelgianers oder Terrestriers nur zwei Milliliter des Fruchtsaftes eingenommen werden, würde das sofort zu dessen Bewußtlosigkeit und innerhalb einer Standardstunde zum Exitus führen. Dieselbe Wirkung würden drei Milliliter bei einem Hudlarer oder einem Tralthaner auslösen. Dieser Vorgang ist unumkehrbar, da kein Gegenmittel bekannt ist… «

»Danke, Bibliothek«, sagte Braithwaite mit ruhiger Stimme und ausdruckslosem Gesicht, allerdings schlug er so heftig auf den Ausschaltknopf des Kommunikators, als wäre dieser sein Todfeind. Danach blickte der Lieutenant Hewlitt eine ganze Weile an, ohne auch nurein einziges Mal zu blinzeln. Nach Hewlitts fester Überzeugung würde gleich genau das passieren, was ihm auf seinem langen Leidensweg schon so oft widerfahren war; daß ihm nämlich ein Arzt sagen würde, er bilde sich das alles nur ein. Um so erstaunter war er, daß sich die Stimme des Psychologen eher neugierig als ungläubig anhörte, als Braithwaite in ruhigem Ton sagte:

»Nur wenige Tropfen dieses Penissithsafts töten einen voll ausgewachsenen Menschen, und Sie sind ein vierjähriges Kind gewesen, das den Inhalt einer ganzen Frucht ausgesaugt hat. Können Sie sich das erklären, Patient Hewlitt?«

»Sie wissen ganz genau, daß ich das nicht kann.«

»Nun, ich kann es mir auch nicht erklären«, meinte der Lieutenant.

Hewlitt atmete tief ein und langsam wieder aus, bevor er sich zu sprechen traute. »Ich habe jetzt über vier Stunden mit Ihnen geredet, Lieutenant. Bestimmt ist das lange genug für Sie, um feststellen zu können, ob ich ein Hypochonder bin oder nicht. Bitte sagen Sie es mir ganz offen und ehrlich und ohne falsche Rücksichtnahme.«

»Nun, zumindest will ich es versuchen«, antwortete der Psychologe und seufzte schwer. »Sie sind kein einfacher Fall. Es gibt Episoden in Ihrer Kindheit, die im späteren Leben zu schwerwiegenden seelischen Störungen geführt haben könnten, doch habe ich bis jetzt keine Anzeichen einer anhaltenden psychischen Schädigung entdecken können… Ihre Persönlichkeit ist in sich ausgewogen, Ihre Intelligenz ist überdurchschnittlich hoch, und Sie scheinen Ihre anfängliche Fremdenfeindlichkeit einigermaßen überwunden zu haben. Abgesehen davon, daß Sie überempfindlich sind und ständig in die Defensive gehen, weil Ihnen bis jetzt niemand geglaubt hat, daß Ihnen etwas fehlt… «

»Bis jetzt?« unterbrach ihn Hewlitt. »Heißt das, daß Sie mir zu glauben beginnen?«

Braithwaite überhörte die Frage und fuhr fort: »Für einen Hypochonder, der sich, wie wir wissen, aufgrund seelischer StörungenKrankheitssymptome einbildet, ist Ihr Benehmen jedenfalls alles andere als typisch. Vielleicht ist es das Bedürfnis, Aufmerksamkeit oder Mitleid zu erregen, oder es liegt daran, daß Sie ein tiefsitzendes psychisches Problem oder Ereignis verdrängen wollen, vor dem Krankheit anscheinend den einzigen vermeintlichen Schutz bietet. Falls letzteres zutrifft und Sie in der Lage sind, irgendwelche Ereignisse für den Rest des Lebens vor sich selbst und auch vor mir zu verbergen, obwohl wir uns vier Stunden lang unterhalten haben, dann muß das, was vorgefallen ist, dermaßen schrecklich gewesen sein, daß es bei Ihnen bewirkt hat, es vollkommen zu vergessen. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß Sie irgend etwas in dieser Richtung vor mir verheimlichen. Genausowenig kann ich glauben, daß Sie die Penissithfrucht gegessen haben oder von diesem Baum gefallen sind. Ihr damaliger Ausflug hatte nämlich nicht nur ein unglaublich glückliches Ende genommen, darüber hinaus sind Sie auch noch wie durch ein regelrechtes Wunder völlig unversehrt davongekommen!«

Erneut blickte Braithwaite Hewlitt eine scheinbar unendlich lange Zeit an, dann fuhr er fort: »Die ärztliche Zunft tut sich im Umgang mit wundersamen Begebenheiten sehr schwer, und ehrlich gesagt, schließe ich mich da durchaus nicht aus. Das ist Liorens Fachgebiet. Wenngleich selbst der Padre seine Probleme damit hat, denn er meint, Wunder seien durch die Fortschritte der Medizin mittlerweile längst veraltet. Glauben Sie an Wunder?«

»Nein!« widersprach Hewlitt energisch. »Ich glaube an gar nichts.«

»In Ordnung, wenigstens schließt das schon mal diesen einen psychischen Faktor aus. Trotzdem gibt es einen weiteren, den wir ausschließen sollten, nämlich Ihre zumindest bis vor kurzem noch vorhandene Fremdenfeindlichkeit. Sie könnte durch einen Vorfall ausgelöst worden sein, bei dem ein Extraterrestrier Sie so verängstigt hat, daß Sie sich unterbewußt weigern, sich daran zu erinnern. Diesbezüglich würde ich gerne einen Test mit Ihnen durchführen.«

»Kann ich einen solchen Test überhaupt ablehnen?« erkundigte sich Hewlitt.»Sie müssen verstehen, daß das hier keine psychiatrische Klinik ist«, fuhr Braithwaite fort, ohne auf Hewlitts Frage einzugehen. »Meine Abteilung ist für die Aufrechterhaltung der geistigen Gesundheit eines Mitarbeiterstabs zuständig, der sich aus über sechzig verschiedenen Spezies zusammensetzt, und wir müssen dafür sorgen, daß dieser Haufen glücklich und zufrieden ist und sich niemand mit dem anderen in die Haare kriegt, und damit haben wir mehr als genug zu tun. Der Test wird mir bei der Entscheidung helfen, ob ich Sie wieder Medalont für weitere medizinische Untersuchungen überlasse oder ob ich eine Überweisung in eine psychiatrische Einrichtung auf der Erde empfehle.«

Erneut wallten in Hewlitt Zorn und Verzweiflung auf. Von dem führenden Krankenhaus der galaktischen Föderation hatte er etwas Besseres erwartet. »Und was genau haben Sie mit mir vor?« erkundigte, er sich mit griesgrämiger Miene.

»Das kann ich Ihnen nicht verraten«, antwortete Braithwaite mit einem vielsagenden Lächeln. »Es dürfte allerdings unangenehm für Sie werden, zwar nicht lebensgefährlich, aber der Test wird mit einem hohen Maß an Stress verbunden sein. Doch werde ich zu verhindern versuchen, daß die Dinge außer Kontrolle geraten.«

9. Kapitel