Konkret denke ich dabei an eine Untersuchung, die von einem cinrusskischen Empathen wie Doktor Prilicla durchgeführt werden sollte«, beendete die Kelgianerin ihre Ausführungen. »Er wäre vielleicht in der Lage, Empfindungen wahrzunehmen, die, obwohl sie Ihnen selbst gar nicht bewußt sind, wahrscheinlich die Ursache für Ihre Krankheit sein könnten.«
»Aber normalerweise geht es mir doch gut! Und wäre ich nicht der erste, der wüßte, wenn es nicht so wäre?« protestierte Hewlitt. »Unabhängig davon habe ich seit meinem Aufenthalt im Orbit Hospital zwar einige ziemlich schauerlich aussehende Aliens kennengelernt, jedoch kann ich mich nicht daran erinnern, daß einer davon ein Cinrussker gewesen ist.«
»Wenn Sie Prilicla gesehen hätten, dann würden Sie sich bestimmt an ihn erinnern«, versicherte ihm die Kelgianerin.Bevor er antworten konnte, klickte Medalont mit einer Zange, um für Ruhe zu sorgen, und sagte: »Vor allem sollten Sie bedenken, daß Cinrussker keine Telepathen, sondern Empathen sind, die zwar selbst die unterschwelligsten Gefühle wahrnehmen und auseinanderhalten können, aber nicht deren Ursachen erkennen. Patient Hewlitts emotionale Ausstrahlung durch einen Empathen prüfen zu lassen, ist ein guter Vorschlag, so gut, daß er bereits von der psychologischen Abteilung und mir gemacht wurde. Bedauerlicherweise kann er noch nicht umgesetzt werden, da Chefarzt Prilicla erst in zwei Wochen von Wemar zurückkehren wird. Inzwischen hat sich Patient Hewlitt freundlicherweise bereit erklärt, Sie bei Ihrer Ausbildung zu unterstützen, indem er sich einer Art Multispezies-Untersuchung unterzieht, die jeder von Ihnen der Reihe nach durchführen wird. So, Sie alle müssen heute noch Vorlesungen besuchen, und Ihre Zeit hier ist begrenzt. Lassen Sie uns also fortfahren.«
Einige der Untersuchungen verliefen nicht ganz so sanft wie andere, jedoch war keine so unangenehm, als daß Hewlitt es für nötig gehalten hätte, sich zu beschweren. Darüber hinaus gab er sich alle Mühe, die Fragen zu beantworten, anstatt zu versuchen, selbst welche zu stellen.
Schließlich war alles vorbei. Medalont und die Auszubildenden bedankten sich bei ihm einer nach dem anderen, bevor sie sich entfernten und ihn mit Braithwaite allein zurückließen.
»Na, das haben Sie ja wirklich prima durchgestanden, Patient Hewlitt«, lobte ihn der Lieutenant. »Ich bin tief beeindruckt.«
»Ja ja, ist ja gut«, murmelte Hewlitt etwas verlegen. »Und was ist nun mit Ihrem ach so speziellen und angeblich so unangenehmen Stress-Test, bei dem Sie es unter keinen Umständen zulassen wollten, daß er außer Kontrolle gerät? Werde ich den genauso gut überstehen?«
Braithwaite lachte. »Den haben Sie doch gerade überstanden.«
»Ich verstehe.« Hewlitt schnaufte abfällig. »Sie wollten sehen, welche Auswirkungen ein solcher Massenangriff von Aliens auf meine nicht existierende Psychose haben würde, stimmt's? Nun, ich fühle mich in derenGesellschaft immer noch nicht besonders wohl, scheine aber aus irgendeinem Grund neugieriger geworden zu sein. Ich meine damit, daß ich jetzt aufrichtige Neugierde anstatt Angst empfinde. Können Sie mir verraten, warum das so ist?«
»Neugierde ist immer gut«, meinte der Psychologe, und ohne die Frage zu beantworten, fuhr er fort: »Sie haben noch ein weiteres Problem. Die Zeit, die ein Arzt am Orbit Hospital jedem einzelnen Patienten widmen kann, ist sehr knapp bemessen, besonders bei nicht so; dringenden Fällen wie dem Ihren. Haben Sie eine Idee, wie Sie sich in den nächsten Wochen beschäftigen können?«
»Wollen Sie mir damit sagen, daß mit mir nichts unternommen wird, bis dieses cinrusskische Wesen namens Prilicla hier auftaucht, um meine Emotionen zu deuten?« empörte sich Hewlitt. »Mit Ausnahme dessen, daß mein Körper als eine Art lebendiges Forschungslabor für Auszubildende benutzt wird? Außerdem nehme ich an, daß mir Prilicla später sowieso nur erklären wird, daß mir nichts fehle und ich mir alles nur einbilde und mich zusammenreißen und nach Hause gehen solle, um anderen nicht ihre kostbare Zeit zu stehlen. Und ansonsten wollen Sie bis dahin überhaupt nichts unternehmen?«
Braithwaite lachte erneut und schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht witzig, verdammt noch mal!« empörte sich Hewlitt. »Zumindest nicht für mich.«
»Wenn Sie erst einmal einen Cinrussker kennengelernt haben, dann werden Sie auch darüber lachen müssen«, besänftigte ihn Braithwaite. »Es ist nämlich nicht Priliclas Art, so mit Leuten zu reden. So, das erst einmal dazu. Darüber hinaus versuchen wir, etwas anderes zu tun, als Sie unter dauernde medizinische Beobachtung zu stellen. Zugegebenermaßen ist das nicht viel, aber wir halten es durchaus für möglich, daß an der Geschichte über das giftige Obst, das Sie gegessen haben, etwas Wahres sein könnte, wenngleich es sich dabei um eine ziemlich vage Theorie handelt. Der Saft, der in geringen Mengen tödlich ist, hat, wenn er in großen Mengen getrunken wird, offenbar heilende Eigenschaften. Ich kann Ihnen zwar keinemedizinischen Gründe nennen, warum das so sein soll, aber es gibt dafür einen bekannten Präzedenzfall. In diesem speziellen Fall traten langfristige Nachwirkungen auf, was vielleicht Ihre in Abständen auftretenden Symptome erklären könnte - wenngleich ich auch hier nicht weiß, weshalb und warum das so ist. Deshalb werden wir auf Etla Proben der Frucht nehmen lassen, so daß in bezug auf deren Giftigkeit in der Pathologie eine unabhängige Untersuchung durchgeführt werden kann.
Wenn man die Zeit rechnet, die für den Hin- und Rücksprung durch den Hyperraum zwischen hier und Etla benötigt wird, sowie für das Finden, Pflücken und Verstauen der Frucht, plus der Dauer der Analyse, dann bedeutet das eine Wartezeit von mindestens zwei Wochen. Während dieser Zeit wird nicht viel mit Ihnen passieren, es sei denn, Prilicla kehrt vorzeitig zurück, oder Medalont läßt sich eine neue Behandlungsmethode einfallen. Deshalb wollte ich von Ihnen wissen, wie Sie sich bis dahin die Zeit zu vertreiben gedenken.«
»Das weiß ich nicht«, antwortete Hewlitt. »Mit Lesen und Fernsehen, nehme ich mal an, wenn Sie mir die Codes für die Bibliothek geben. War das eigentlich Ihre Idee, die Penissithfrucht analysieren zu lassen?«
Braithwaite schüttelte erneut den Kopf. »Ich möchte nicht mit einer solch verrückten Idee in Verbindung gebracht werden. Das war Padre Liorens Vorschlag. Er ist ein DRLH-Tarlaner und arbeitet mit der psychologischen Abteilung zusammen. Er wird Sie in den nächsten Tage wahrscheinlich besuchen. Optisch ist er ein ziemlich furchterregend aussehendes Wesen, aber vielleicht kann er Ihnen helfen. Nach dem Verhalten zu urteilen, das Sie bei der Untersuchung durch die Auszubildenden an den Tag gelegt haben, sollte Ihnen seine äußere Erscheinung keine Probleme mehr bereiten.«
»Das fürchte ich allerdings auch«, stimmte ihm Hewlitt nur widerwillig zu, denn über dieses Kompliment mochte er sich nicht recht freuen. »Aber… aber bedeutet das, was Sie eben gesagt haben, daß Sie mir allmählich glauben?«
»Nein, tut mir leid«, widersprach Braithwaite. »Wie ich bereits erwähnthabe, gehen wir davon aus, daß Sie sich selbst glauben. Das ist etwas ganz anderes, als wenn wir denken würden, daß das, was Sie uns erzählen, absolut der Wahrheit entspricht. Der Vorfall mit der Pennisithfrucht ist praktisch der einzige Anhaltspunkt, den Sie uns gegeben haben, und somit ist diese Frucht auch das einzige Beweisstück, das überprüft werden kann. Wir müssen versuchen, Ihre Aussage entweder zu beweisen oder zu widerlegen, und uns dann weiter vortasten.«