Das besagte Wesen gehörte derselben Spezies wie Horrantor an, hatte aber einen kräftigeren Körperbau. Außerdem wies die Haut viel mehr Falten auf, und Thornnastor ging natürlich auf sechs anstatt auf fünf Beinen. Horrantors Frage beantwortete sich von selbst, als die beiden auf der Höhe von Morredeths Bett stehenblieben und hinter den Sichtblenden verschwanden. Eine kelgianische Schwester, die einen G-Schlitten mit geöffneter Kuppel lenkte, traf einige Minuten später ein und folgte ihnen.
»Da drinnen muß es jetzt ziemlich eng zugehen«, merkte Horrantor überflüssigerweise an.
Sie erhielt keine Antwort, und das Schweigen zog sich in die Länge.
Um den Gedanken zu verdrängen, daß Morredeth jetzt mit unbeweglichem Fell auf dem Bett lag, fragte Hewlitt: »Wer ist denn dieser Thornnastor?«
»Wir haben Thornnastor zwar selbst auch noch nie kennengelernt«, antwortete Horrantor, »aber das muß er sein, denn er ist der einzige Tralthaner im Orbit Hospital, der berechtigt ist, das Abzeichen eines Diagnostikers zu tragen. Wie ich gehört habe, verläßt er in seiner Funktion als Chefpathologe nur selten das Labor und sieht die Leute normalerweise erst dann, wenn sie bereits tot oder zumindest in kleine Stücke zerhackt sind.«
»Horrantor!« empörte sich Bowab. »Sie haben soviel Taktgefühl wie eine betrunkene Kelgianerin.«
»Tut mir leid, vielleicht habe ich mich etwas unsensibel ausgedrückt«, entschuldigte sich die Tralthanerin. »Sehen Sie nur, sie kommen schon wieder heraus!«
Die kelgianische Schwester tauchte zuerst auf und wogte in Richtung desStationseingangs, wobei sie den G-Schlitten lenkte, dessen Kuppeldach nun geschlossen war. Thornnastor, Medalont und Leethveeschi folgten ihr. Die Sichtblenden verschwanden in den Deckenschlitzen und gaben so den Blick auf Lioren frei, der mit seinen vier Augen auf das leere Bett starrte. Als er sich kurz darauf in Bewegung setzte, folgte er aber nicht den anderen.
»Er kommt direkt auf uns zu«, stellte Bowab mit einem alles andere übertönenden Knurren fest, das bei Duthanern bereits als Flüstern gilt. »Ich glaube fast, er schaut die ganze Zeit in Ihre Richtung, Hewlitt.«
Lioren blickte Hewlitt weiterhin mit zwei seiner Augen an, während er näherkam, bis er schließlich an seinem Bett stehenblieb. Die anderen beiden richtete er auf Bowab und Horrantor, als er sagte: »Entschuldigen Sie bitte die Störung, meine Freunde, aber wäre es Ihnen recht, wenn ich mich jetzt mit Patient Hewlitt allein unterhalte?«
»Natürlich, Padre«, antwortete Horrantor, und Bowab fügte hinzu: »Wir wollten sowieso gerade gehen.«
Lioren wartete, bis sie sich zurückgezogen hatten, und sagte dann: »Ich hoffe, daß es auch Ihnen recht ist. Oder haben Sie etwas dagegen, sich jetzt mit mir zu unterhalten?«
Hewlitt zögerte mit der Antwort; schließlich war es das erste Mal, daß er den Padre aus nächster Nähe zu sehen bekam, und trotz der Informationen, die er sich aus der Bibliothek eingeholt hatte, war er beileibe nicht auf die Realität vorbereitet. Die Tarlaner gehörten der physiologischen Klassifikation DRLH an – einer aufrecht gehenden Lebensform, deren spitz zulaufender kegelförmiger Körper von vier Beinen getragen wurde. In Taillenhöhe befanden sich vier lange, mehrgelenkige Mittelarme zum Heben und Tragen. Vier Vorderarme, die sich eher für feinmotorische Arbeiten eigneten, umgaben den Halsansatz. Die vier Augen, die gleichmäßig um den Kopf herum verteilt waren, konnten unabhängig voneinander bewegt werden. Ein erwachsener Tarlaner wurde in der Regel zweieinhalb Meter groß, aber Liorens Größe und Körpermasse ragten weit über den Durchschnitt hinaus. Aus der Nähe betrachtet, bot der Padre einen ziemlicheinschüchternden Anblick, und nach den Ereignissen der letzten Nacht war sich Hewlitt nicht sicher, ob Lioren noch gut auf ihn zu sprechen war. Statt einer Antwort stellte er schließlich eine Gegenfrage, um die sich bei ihm in den letzten sechs Stunden sowieso alles gedreht hatte.
»Was ist mit Morredeth passiert?«
Aufgrund der absurd anmutenden spiralförmigen Kopfform des Tarlaners war dessen Gesichtsausdruck genausowenig zu deuten wie der eines Hudlarers, als er antwortete: »Wir wissen nicht, was mit Morredeth passiert ist, aber es geht ihr jetzt gut, und sie ist von ihren Leiden befreit.«
Berücksichtigte man Liorens Beruf und Morredeths erst kürzlich frei gewordenes Bett, dann waren das genau jene trostspendenden Worte, die man von einem Geistlichen erwarten würde, wenn er mit einem trauernden Verwandten oder Freund gesprochen hätte. Und es waren genau jene Worte, die Hewlitt nicht zu hören gehofft hatte.
Als der Padre mit einer der mittleren Hände nach vorn griff, um den Projektor für das schalldichte Feld einzuschalten, verstummten die betriebsamen Geräusche auf der Station. Zwar hatte Hewlitt keine Ahnung, welche Gesichtsöffnung der Tarlaner zum Sprechen benutzte, aber seine Stimme klang ruhig und freundlich, als er fortfuhr: »Meiner Meinung nach kommen drei Leute in Betracht, die eine unterschiedlich hohe Verantwortung für das tragen, was Patientin Morredeth zugestoßen ist, und zwar sind das die hudlarische Schwester, ich selbst und Sie. Als erstes würde ich mich gern über Ihre Beteiligung unterhalten.«
Bevor Hewlitt etwas erwidern konnte, fuhr der Padre fort: »Die Hudlarerin hat Ihnen ja bereits erklärt, daß Ihre ganze Unterhaltung aufgenommen und Ihrer Krankenakte für spätere Studien beigefügt wurde. Aufgrund der ungewöhnlichen Beschaffenheit Ihres Falls ist dies ohne Ihr Wissen und Ihre Zustimmung geschehen. Medalont hielt es für besser, Sie darüber in Unkenntnis zu lassen, weil Sie sich dann ungehemmter ausdrücken und Ihre Aussagen in medizinischer Hinsicht um so wertvoller sein würden, wenngleich das meiste des aufgezeichneten Materials wahrscheinlich nutzlos sein dürfte. Jetzt wissen Sie, daß alles, was Siegesagt haben, aufgenommen worden ist. Ich bin jedoch weniger daran interessiert, was Sie während dieses Gespräches über sich gesagt haben, als an Ihrer emotionalen Reaktion auf Patientin Morredeths Verletzung. Sind Sie über ihre äußerliche Verunstaltung eigentlich sehr bestürzt gewesen? Und sind Sie überhaupt bereit, mit mir darüber zu sprechen?«
Hewlitt entspannte sich allmählich. Eigentlich hatte er von Lioren ein Art Standpauke erwartet, aber wahrscheinlich mußte er sich als Krankenhauspfarrer mit kritischen Äußerungen ein wenig zurückhalten.
»Ja, erwarten Sie aber nicht zu viel, Padre«, antwortete er nach einer kurzen Pause. »Ich empfinde gegenüber Morredeth keine besonders stark ausgeprägten Gefühle, sondern eher so etwas wie Mitleid, wie man es auch einer entfernten Bekannten entgegenbringt. Als ich erfahren habe, welch enorme Probleme ihr das beschädigte Fell bereitet, habe ich lediglich versucht, ihr ein wenig zu helfen, indem ich über meine Probleme geredet habe, die ich in erster Linie als Jugendlicher gehabt hatte. Doch anscheinend muß ich etwas Falsches gesagt haben.«
»Nun, in einer emotional stark angespannten Situation haben Sie immerhin versucht, das Richtige zu sagen«, meinte Lioren. »Einiges von dem, was Sie gesagt haben, war sogar … Ist Ihr Problem, das Sie mit Morredeth besprochen haben, eigentlich behoben oder nicht? Ihrer Krankengeschichte habe ich nämlich entnommen, daß Sie bis heute noch nie eine Lebensgefährtin gehabt haben und auch keine kurzfristigen Beziehungen eingegangen sind.«