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»Als ich jung war, mochte ich keine Ärzte, weil sie darauf bestanden, mir Medikamente zu verschreiben, nach deren Einnahme es mir immer nur schlechter anstatt besser ging«, fuhr er fort. »Zuerst befürchtete ich, daß Medalont genauso vorgehen wollte, doch hat er mir zu meiner großen Verwunderung überhaupt keine Medikamente verschrieben, und mit Ausnahme des Herzstillstands in der ersten Nacht habe ich bislang keinerlei Beschwerden gehabt. Soll ich weitererzählen, Padre? Sind das ungefähr die Informationen, die Sie von mir haben wollen?«

»Ich weiß selbst nicht genau, was ich wissen will und wonach ich suche, ja noch nicht einmal, ob ich einen wichtigen Anhaltspunkt sofort als solchen erkennen würde, wenn ich auf ihn stoße, Patient Hewlitt«, erwiderte der Tarlaner. »Wenn allerdings all das, was Sie und Ihre Ärzte sagen, wahr ist und man die beiden unerklärlichen Ereignisse, in die Sie hier im Krankenhaus verwickelt waren, mit einbezieht, dann bleibt für mich bislangnur eine einleuchtende Erklärung übrig, wenngleich ich mich nur äußerst widerwillig damit abfinden kann.«

Der Tarlaner beugte sich derart weit über das Bett, daß Hewlitt sich fragte, ob dessen im Grunde von Natur aus standfester Körper womöglich doch das Gleichgewicht verlieren und auf ihn fallen könnte.

Die Gesichtszüge des Padre waren zwar nicht zu deuten, doch war seine Anspannung fast physisch spürbar, als er fragte: »Gehören Sie eigentlich einer religiösen Sekte an, Patient Hewlitt?«

»Nein.«

»Gehörten denn Ihre Eltern einer Religionsgemeinschaft an? Oder Ihre Großeltern vielleicht, bei denen Sie ja später aufgewachsen sind? Dabei dürfte es sich höchstwahrscheinlich um eine kleinere Sekte gehandelt haben, weil es ihr nicht möglich war, eine Bevölkerung mit einer größtenteils materialistischen Weltanschauung zu missionieren. Die nur sehr wenigen Mitglieder dieser Sekte dürften jedoch höchst moralische Grundsätze gehabt haben und äußerst fromm und zutiefst von ihrem Glauben überzeugt gewesen sein. Auch wenn Sie zu jener Zeit noch sehr jung gewesen sind, sind Sie von Ihren Eltern, Großeltern oder irgendwelchen Lehrern in den Glaubensgrundsätzen einer solchen Sekte unterwiesen worden?«

»Nein«, erklärte Hewlitt von neuem.

»Sie sollten sich mehr Zeit gönnen, wenn Sie sich an die Zeit erinnern«, riet ihm Lioren. »Bitte denken Sie noch einmal genau darüber nach.«

Der Körper des Padre richtete sich in schlängelnden Bewegungen wieder auf, und Hewlitt war sich nicht sicher, ob diese Geste Entspannung oder Enttäuschung ausdrücken sollte.

»Tut mir leid, Padre, aber ich dachte, Ihnen sei klar, daß ich kein religiöser Mensch bin, zumal ich vorhin Ihr Angebot, mir geistlichen Trost zu spenden, abgelehnt habe. Warum stellen Sie überhaupt so viele religiöse Fragen? Ich bin noch nie ein gläubiger Mensch gewesen.«

Als Lioren antwortete, war Hewlitt heilfroh, daß rings ums Bett ein schalldichtes Feld errichtet worden war, denn die Stimme des Padre wärebis in den letzten Winkel der Station gedrungen.

»Ich stelle diese Fragen, weil sie gestellt werden müssen, und weil religiöse Überzeugungen oft eine starke Auswirkung auf die psychische und physische Verfassung eines Wesens haben können. Hauptsächlich stelle ich sie allerdings aufgrund Ihres Verhaltens in der vergangenen Nacht.

Obwohl der gesundheitliche Zustand von Patientin Morredeth kaum Grund zur Sorge bereitete, hat sie aufgrund der Unterhaltung mit Ihnen starke seelische Qualen erlitten, die in einem heftigen Schüttelkrampf gipfelten«, fuhr er mit unverminderter Lautstärke fort. »Sie haben der diensthabenden Krankenschwester beim Ruhigstellen der Patientin geholfen, damit diese der Kelgianerin eine Beruhigungsspritze verabreichen konnte, doch da hatten bereits beide Herzen der Patientin aufgehört zu schlagen. Und dann setzte eine Art wundersamer Prozeß ein, den man allenfalls als ›Handauflegen‹ bezeichnen kann.

Als nämlich die Leute vom Reanimationsteam eintrafen, waren die ziemlich aufgebracht«, setzte Lioren mit etwas ruhigerer Stimme seine Ausführungen fort, »weil sie zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen auf dieselbe Station zu Noteinsätzen gerufen worden sind, die sich beide im nachhinein als Fehlalarm herausstellten. Thornnastor ist völlig verwirrt – ein Zustand, der beim Chefdiagnostiker der Pathologie übrigens höchst selten vorkommt – und hat Patientin Morredeth für genauere Untersuchungen in sein Labor bringen lassen, da es für das, was mit ihr geschehen ist, keinen Präzedenzfall gibt. Na, und Patientin Morredeth ist natürlich überglücklich, weil ihr Fell an den Stellen, an denen es gefehlt hat oder beschädigt gewesen ist, binnen Stunden nachgewachsen ist und jetzt so gut wie neu aussieht.«

Lioren hielt kurz inne, und in seine Stimme schlich sich ein fast wehleidig klingender Ton ein, als er fortfuhr: »Für ein Krankenhaus, das bereits überall in dem Ruf steht, wahre medizinische Wunder vollbringen zu können, ist ein wirkliches Wunder äußert unangenehm, wenn nicht sogar peinlich. Nun ja, und solch eine Wunderheilung macht selbst mir einigermaßen zu schaffen.Oder haben Sie für die wundersame Genesung der Patientin Morredeth irgendeine andere Erklärung, Patient Hewlitt?«

15. Kapitel

Während der folgenden Woche nach Morredeths Verlegung in die Pathologie fiel Hewlitt auf, daß sich die anderen ihm gegenüber etwas merkwürdig verhielten, doch gab es keinen bestimmten Anlaß, der ihm Grund zur Beschwerde gegeben hätte. Chefarzt Medalont wechselte nur wenige Worte mit ihm und wenn doch, dann drehten sich die Gespräche praktisch nie um seine Krankheit. Oberschwester Leethveeschi legte eine ungeahnte Höflichkeit an den Tag. Die hudlarische Schwester war wie immer freundlich, wenngleich weniger gesprächig als sonst, und als er versuchte, mit Horrantor und Bowab zu dritt Scremman zu spielen, taten sie fast so, als hätte es ihnen die Sprache verschlagen. Um es mit einer Redensart, die seine Großmutter einst gern verwendet hatte, auszudrücken: Alle führten um ihn herum den reinsten Eiertanz auf.

Offenbar war Lioren das einzige Wesen, das sich ausführlicher mit ihm zu unterhalten bereit war, obwohl die Besuche des Padre immer in langen und häufig auch hitzig geführten religiösen Debatten zu enden schienen; auch wenn Hewlitt diese als ungläubiger Mensch lieber als philosophische Streitgespräche bezeichnete. Auf jeden Fall verkürzten sie ihm die Tage und beschäftigten ihn gedanklich bis tief in die dazwischenliegenden Nächte hinein, und dafür war er sehr dankbar. Obwohl der Padre nicht unbedingt seine erste Wahl in der nach oben hin offenen Richter-Skala unterhaltsamer Gesprächspartner gewesen wäre. Erst recht nicht, wenn Lioren wie jetzt wieder einmal versuchte, die Unterhaltung auf das immer langweiliger werdende Thema zu lenken, was genau mit Morredeths Fell passiert sein könnte.

»Als ich vorhin mit Morredeth gesprochen habe, hat sie mir gesagt, die Pathologie habe nichts gefunden, was zu beanstanden sei, und in ihrem wiederhergestellten Fell gebe es auch keinerlei Anzeichen für eine Verschlechterung. Ihrer Auffassung nach gingen Thornnastor allmählich die Gründe dafür aus, sie noch länger unter Beobachtung zu halten, so daß er sie bald nach Hause entlassen müsse. Sollte Morredeth Sie nicht mehrsehen können, so läßt sie Ihnen die besten Wünsche ausrichten und darüber hinaus ein großes Dankeschön, falls Sie etwas getan haben sollten, um sie zu heilen und …«