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Das ist natürlich eine ausgesprochen ketzerische Theorie«, beendete Hewlitt seine Ausführungen. »Ich hoffe, daß Sie sich durch meine Respektlosigkeit nicht beleidigt fühlen, Padre.«

»Sicherlich hört sich das ketzerisch und respektlos an, allerdings ist das nicht völlig neu für mich«, räumte Lioren ein. »Um hier meine Arbeit einigermaßen vernünftig verrichten zu können, benötige ich ein umfassendes Wissen über die religiösen Überzeugungen und Gewohnheiten vieler Wesen, und häufig werden auf einem einzigen Planeten gleich mehrere Religionen parallel ausgeübt. Mir fallen gerade die Schriften eines terrestrischen Theologen namens Augustinus ein, der mit Vorliebe laut nachgedacht haben soll, obwohl er in Wahrheit auf diese Weise seinem Gott nur höfliche, wenngleich lästige Fragen gestellt hat. Eine der Fragen lautete: ›Was hast du vor der Erschaffung des Universums getan?‹ Zwar gibt es keine Aufzeichnungen von diesem Augustinus, ob er jemals eine Antwort erhalten hat, zumindest nicht zu seinen Lebzeiten auf der Erde, aber mit Ihrem Vorschlag, der Schöpfer aller Dinge könne vorläufig nureinen Prototypen erschaffen haben, den wir immer noch bewohnen, haben Sie schon eine Stufe weiter gedacht.

Ich bin nicht beleidigt oder gar überrascht, Patient Hewlitt. Was die religiösen Überzeugungen anderer Spezies anbelangt, kann mich eigentlich so gut wie nichts mehr erschüttern. Dem VTXM-Telfaner, den ich während der vergangenen Tage des öfteren besucht habe, wäre das allerdings dennoch beinahe gelungen. Dieser Telfaner, der sich stets mit anderen Angehörigen seiner Spezies zu einem Gruppenwesen formiert, einer sogenannten ›Gestalt‹, vertritt die Überzeugung, Gott habe sie nach seinem Ebenbild erschaffen. Ihr allwissender und allmächtiger Schöpfer setzt sich demnach aus einer unendlichen Anzahl kleiner, schwacher und jede für sich unwissender Kreaturen zusammen – wie sie selbst also -, die erst gemeinsam das höchste Wesen ergeben, mit dem sie sich eines Tages, so hoffen sie, vereinigen können.

Für eine Spezies, die Intelligenz und Zivilisation entwickelt hat, indem sie sich zu einer Gestalt aus individuell spezialisierten Wesen zusammenfügt, ist es verständlich, warum sie an so etwas glaubt. Dennoch ist es mir anfänglich sehr schwer gefallen, den Telfaner zu verstehen und mit ihm über die unendliche Anzahl von Personen zu sprechen, die seinen einen Gott ausmachen, oder ihm den geistlichen Trost zu spenden, den er braucht. Natürlich gibt es viele Religionen, die der Meinung sind, ein kleiner Teil Gottes stecke in jeder denkenden Kreatur … Kennen Sie eigentlich die Telfaner?«

»Ein wenig«, antwortete Hewlitt, der immer noch versuchte, den Padre von theologischen Themen und damit einhergehenden Gedanken an Wunder abzubringen. »In der nichtmedizinischen Bibliothek gibt es in der Auflistung der Föderationsmitglieder einen kurzen Eintrag. Telfaner arbeiten gruppenweise als Kontakttelepathen, um ihre geistigen und physischen Fähigkeiten zu vereinigen. Sie leben von der direkten Umwandlung radioaktiver Strahlung, die überall auf ihrem Heimatplaneten herrscht, da sich dieser seine Bahn sehr nahe um eine äußerst strahlungsintensive Sonne beschreibt. Bei interstellaren Reisen muß diese Strahlung auf dem Schiffkünstlich erzeugt werden. Wenn diese Wesen bei einer hin und wieder vorkommenden Fehlfunktion ihres Lebenserhaltungssystems das Glück haben, gerettet zu werden, landen sie hier im Orbit Hospital. Da es sich bei den Telfanern um Strahlenverwerter handelt, kann sich ihnen aber kein gewöhnliches Wesen nähern, um mit ihnen zu reden, ohne dabei nicht selbst in Lebensgefahr zu geraten. Haben Sie einen Kommunikator benutzt oder einen Schutzanzug getragen?«

»Na, vielen Dank auch für die indirekte Andeutung, daß es sich bei mir um ein außergewöhnliches Wesen handeln könnte, Patient Hewlitt«, scherzte der Padre und gab dabei ein unübersetzbares tarlanisches Geräusch von sich. »Aber die Antwort lautet: weder noch. Medizinische Laien gehen häufig von der falschen Annahme aus, man könne sich den Telfanern ohne ferngesteuerte Greifvorrichtungen weder nähern, noch sie berühren. Um leben zu können, müssen sie die auf ihrem Planeten herrschende natürliche Strahlung aufnehmen. Wenn diese Wesen allerdings der Strahlung aus medizinischen Gründen für einige Tage nicht ausgesetzt sind und sie vom Hunger geschwächt sind, sinken ihre eigenen radioaktiven Emissionen auf ein völlig harmloses Niveau. Als während meines Besuchs einer der Telfaner aus dem Behandlungszimmer gebracht wurde, war ich dicht genug dran, um ihn berühren zu können, und das tat ich dann auch.

Dabei handelt es sich übrigens um einen Patienten, der wirklich ein Wunder benötigt«, fügte Lioren hinzu.

Offensichtlich tat dem Padre der Telfaner leid, und Hewlitt hatte durchaus Verständnis für Liorens Gefühle, doch wieder einmal drehte sich das Thema um vermeintliche Wunder. Deshalb beschloß er, so vorsichtig wie möglich in die Offensive zu gehen. »Wenn Sie damit vorschlagen wollen, daß ich meine Hände auf einen Telfaner legen soll, dann vergessen Sie's. Für Sie oder den Patienten gibt es nur eine richtige Methode, ein Wunder herbeizuführen – nämlich indem Sie für eins beten. Angeblich ist ein Wunder doch ein übernatürliches Ereignis und ganz bestimmt nicht etwas, das von der Mitarbeit eines atheistischen Durchschnittsterrestriers abhängt. Wenn Sie das nicht glauben, was glauben Sie dann, Padre?«»Ich darf Ihnen nicht sagen, was ich glaube«, erwiderte Lioren. »Im Interesse der Patienten, die übermäßig beeinflußt werden könnten, wenn ich von meinen eigenen Überzeugungen spreche, bin ich verpflichtet, diese Information nicht preiszugeben.«

»Wieso denn das? Was könnten Ihre persönlichen Überzeugungen denn bei einem Ungläubigen so Schlimmes anrichten?«

»Auch das weiß ich nicht, und genau das ist das Problem«, antwortete Lioren. »Ich besitze umfassende Kenntnisse über mehr als zweihundert Religionen, die in der ganzen Föderation ausgeübt oder, besser gesagt, noch häufiger nicht ausgeübt werden. Meine Aufgabe hier besteht in erster Linie darin, schwer oder unheilbar erkrankten Patienten zuzuhören, sie zu beruhigen, zu ermutigen oder ihnen in angemessener Form Trost zu spenden. Aufgrund meiner Erfahrung und meines Hintergrundwissens gibt es immer einige Patienten, die mehr als nur tröstende Worte hören möchten. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an mich und bringen mir ihren Respekt und ihr Vertrauen entgegen, weil sie irrtümlicherweise denken, daß ich mich am besten auskennen müßte. Sie wünschen sich religiöse Gewißheit und glauben, daß ich ihnen diese aufgrund meines breitgefächerten Wissens und meiner Erfahrung beim Umgang mit ihren Problemen geben kann. Doch so etwas kann ich nicht tun, weil ich ihren verwirrten und ängstlichen Zustand nicht ausnutzen darf, um eine Religion mit einer anderen zu vergleichen oder einen Glauben vorzuschlagen, von dem ich denke, daß er der einzig wahre ist. Ganz gleich wie verrückt und unglaublich manche Überzeugungen auch sein mögen, so möchte ich dennoch nicht die Verantwortung dafür übernehmen, ein Wesen dazu zu bringen, auch nur ansatzweise oder vorübergehend seinen Glauben zu wechseln oder an seiner eigenen Religion zu zweifeln. Nur ein einziges Mal habe ich versucht, Gott zu spielen, und das, werde ich garantiert nie wieder tun.«

Der Padre gab erneut ein unübersetzbares Geräusch von sich und fuhr dann fort: »Besonders vorsichtig bin ich bei Ungläubigen. Es wäre zum Beispiel furchtbar, falls Sie allein aufgrund meiner Aussagen irgendwanneinmal religiös werden würden.«