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»Ich will das nicht hören!« rief Aurelius aus, aber Vatrenus ignorierte seinen Einwurf. »In diesem Moment trat ihr Anführer dazwischen, dieser Mledo, einer der Stellvertreter von Odoaker. Wir waren insgesamt vielleicht noch hundert Mann, glaube ich, zerschlagen vor Müdigkeit, besudelt mit Blut und Dreck und völlig entkräftet. Du hättest uns sehen sollen, Aurelius ... du hättest uns ... sehen sollen!« Jetzt zitterte seine Stimme: Rufius Elius Vatrenus, der alte Haudegen, der Veteran von hundert Schlachten, hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte und schluchzte wie ein Kind, während Batiatus ihm die Hand auf die Schulter legte und sie tätschelte, als wolle er ihn so beruhigen. Dann ergriff Batiatus das Wort und fuhr fort: »Mledo brüllte etwas in seiner Sprache, und das Gemetzel wurde eingestellt. Ein Herold befahl uns, die Waffen fallen zu lassen, dann würde unser Leben geschont. Und wir haben sie fortgeworfen. Ja, was hätten wir denn sonst tun können? Sie haben uns in Ketten gelegt und uns mit Fußtritten traktiert und angespuckt und bis in ihr Lager geschleppt, wo viele von ihnen uns unter den gräßlichsten Foltern am liebsten den Garaus gemacht hätten, weil wir mindestens viertausend ihrer Kameraden umgebracht und viele weitere verwundet hatten. Aber Mledo hatte wohl den Befehl erhalten, eine bestimmte Anzahl von Männern, die noch als Sklaven zu verwenden waren, am Leben zu lassen. So wurden wir nach Classe gebracht und von dort in unterschiedliche Richtungen verfrachtet. Einige wurden, glaube ich, nach Istrien geschickt, in die Steinbrüche, andere nach Noricum zum Bäume fällen. Wir nach Miseno, wo du uns dann ja aufgestöbert hast. Das, Aurelius, das ist alles, mehr habe ich dir nicht zu berichten. Und jetzt gehe ich schlafen, falls ihr mich nicht mehr braucht.«

Aurelius nickte ernst. »Geh«, sagte er. »Geh nur schlafen, schwarzer Mann. Schlaft, wenn ihr könnt, und auch du, Vatrenus, alter Freund. Ich ... habe nie einen Zweifel gehabt. Ich ... das einzige, was ich gehofft habe, war, euch lebend wiederzufinden, nichts sonst, das schwöre ich euch ... Es gibt nichts, was ich nicht hergegeben hätte, um euch lebend aufzufinden. Das Leben ist das einzige, was uns geblieben ist.« Er ging davon, setzte sich neben Juba auf den Boden und lehnte den Rücken gegen den Stamm einer Eiche. Livia war nicht weit entfernt und hatte wohl alles mit angehört, aber sie sagte nichts, und auch er schwieg. Allerdings hätte Aurelius gern geweint, wenn er gekonnt hätte, aber er konnte nicht, denn sein Herz war aus Stein, bis in seinen innersten Kern hinein, und die Gedanken in seinem Kopf entwirrten sich nun wie Schlangen, die ineinander verwickelt in ihrem Nest gelegen hatten.

Etwas weiter entfernt hatte sich Romulus bereits auf seinem Nachtlager ausgestreckt, konnte aber nicht einschlafen. Er hatte mitbekommen, daß etwas Gravierendes eine ernsthafte Konfrontation zwischen seinen Reisegefährten ausgelöst hatte, aber nicht, worum es dabei gegangen war. Er befürchtete, auf irgendeine Weise Gegenstand dieser Diskussion gewesen zu sein. Deshalb wälzte er sich ständig von der einen zur anderen Seite, ohne Ruhe zu finden.

»Schläfst du nicht?« fragte ihn Ambrosinus.

»Ich kann nicht.«

»Das tut mir leid. Es ist meine Schuld. Ich hätte diese Sachen im Zusammenhang mit Konstantinopel und all das übrige nicht sagen dürfen. Das war leichtsinnig von mir. Verzeih mir.«

»Mach dir keine Sorgen! Das hätte man sich ja denken können. Warum hätten sie denn sonst eine derart schwierige und riskante Operation organisieren sollen, wenn nicht aus irgendwelchen politischen Gründen? Oder eben um des Geldes willen, wie du gesagt hast. Ich habe dir nämlich zugehört, als du Livia angeschrien hast.«

»Ich war außer mir. Diesen Worten darfst du nicht allzu großes Gewicht beimessen.«

»Und dennoch hast du recht. Sie sind Söldner, sowohl Livia als auch Aurelius und auch die anderen, die sich ihnen angeschlossen haben - was denn sonst?«

»Du bist ungerecht. Aurelius hat ohne Aussicht auf irgendeine Belohnung versucht, dich in Ravenna zu befreien, nur weil dein Vater ihn kurz vor seinem Tod darum gebeten hatte. Vergiß nicht: Aurelius ist der Mann, der die letzten Worte deines Vaters gehört hat. In ihm gibt es also etwas von deinem Vater, und zwar etwas sehr Wichtiges.«

»Das ist nicht wahr.«

»Glaube, was du willst, aber es ist so.«

Romulus versuchte, sich zu beruhigen und seine angespannten Glieder auszustrecken. Der Ruf einer Eule ertönte in der Ferne wie ein trauriges Lied und ließ ihn unter seiner Decke erschauern.

»Ambrosinus ...«

»Ja?«

»Du willst nicht, daß sie mich nach Konstantinopel bringen. Habe ich recht?«

»Ja.«

»Und was können wir tun, um dem zu entgehen?«

»Recht wenig. Eigentlich nichts.«

»Aber du kommst mit mir, wohin auch immer?«

»Kannst du daran zweifeln?«

»Nein. Ich habe keinen Zweifel. Aber wenn es von dir abhängen würde, was würdest du dann tun?«

»Ich würde dich mit mir nehmen.«

»Wohin?«

»Nach Britannien. In meine Heimat. Sie ist schön, weißt du. Eine Insel, ganz grün, mit schönen Städten und fruchtbaren Feldern, mit eindrucksvollen Wäldern aus riesigen Eichen, Buchen und Ahornbäumen, die in dieser Zeit des Jahres ihre kahlen Äste in den Himmel recken wie Riesen, die versuchen, nach den Sternen zu greifen. Und Wiesen, weit ausgedehnte Flächen, Weiden für die Schaf- und Rinderherden. Und da und dort erheben sich großartige Monumente, gewaltige kreisförmige Steinmonumente, deren Bedeutung nur den Priestern der alten Religion bekannt ist - den Druiden.«

»Ich weiß, wer sie sind. Das habe ich bei Julius Cäsar in De Bello Gallico gelesen ... Und aus diesem Grund trägst du dieses Mistelzweiglein um den Hals, Ambrosinus? Bist auch du ein Druide?«

»Ja, das stimmt. Ich bin in diese alte Wissenschaft eingeweiht worden.«

»Und du glaubst auch an unseren Gott?«

»Es gibt nur einen Gott, Cäsar. Es gibt allerdings verschiedene Wege, die die Menschen einschlagen, um nach ihm zu suchen.«

»Und trotzdem habe ich in deinen Erinnerungen die Beschreibung eines unruhigen Landes gelesen. Auch bei euch gibt es wilde Barbaren ...«

»Das ist richtig. Der Große Wall reicht seit längerem nicht mehr aus, um sie aufzuhalten.«

»Gibt es also auf dieser Welt keinen Frieden? Gibt es keinen Ort, wo man in Frieden leben kann?«

»Der Frieden muß erkämpft werden, mein Kind, denn er ist das kostbarste Gut. Aber jetzt schlaf ein. Gott wird uns, wenn der Augenblick gekommen ist, eine Erleuchtung gewähren. Da bin ich mir sicher.«

Romulus sagte nichts weiter, kuschelte sich in seine Decke und lauschte dem monotonen Geschluchze der Eule, das von den Bergen widerhallte, bis er von einem Gefühl großer Ermattung überwältigt wurde und die Augen schloß.

Langsam zogen die Sterne über den Himmel, und der kalte Nordwind machte die Luft durchsichtig wie Glas. Die Flammen des Lagerfeuers belebten sich wieder und verbreiteten ein hellglänzendes Licht; dann erloschen sie rasch, und auf dem großen dunklen Berg war nur noch der schwache Schein des glimmenden Holzes zu sehen.

Mitten in der Nacht löste Aurelius Demetrios und Vatrenus Orosius ab. Sie hatten sich im Laufe ihres in Feldlagern verbrachten Lebens an diese Rhythmen gewöhnt, und etwas in ihrem Inneren weckte sie im richtigen Augenblick. Es war fast so, als könnte ihr Geist, während sie sich ausruhten, den Bahnen der Gestirne folgen und sie messen. Im Morgengrauen wollten sie ihre Reise fortsetzen, und zwar nach einem üppigen Frühstück, denn Eustasius hatte dafür gesorgt, daß sie in den Futtersäcken der Pferde auch frischen Proviant vorfanden: Brot, Oliven, Käse und ein paar mit Wein gefüllte Schläuche. Ambrosinus nahm die Sachen, die er in der Nähe der Glut hatte trocknen lassen, und steckte sie wieder in seinen Sack. Mit den geübten Griffen eines Soldaten rollte Romulus seine Decke zusammen und verschnürte das Bündel.