In diesem Augenblick trat Livia an seine Seite, in der Hand das Geschirr ihres Pferdes. »Du bist sehr tüchtig«, sagte sie. »Wo hast du das denn gelernt?«
»In den beiden letzten Jahren hatte ich Unterricht bei einem Herrn vom Militär, einem Offizier aus der Leibwache meines Vaters. Auch er ist in der Nacht des Überfalls auf die Villa in Piacenza umgekommen. Sie haben ihm den Kopf abgeschlagen.«
»Wäre es dir recht, wenn du heute mit mir reiten würdest?« fragte Livia, während sie ihrem Pferd Trense und Zaumzeug anlegte.
»Das ist nicht so wichtig«, sagte Romulus. »Ich will niemandem zur Last fallen.«
»Mich würde es aber freuen«, beharrte Livia.
Romulus zögerte einen Augenblick, bevor er erwiderte: »In Ordnung, unter der Bedingung, daß wir nicht von Konstantinopel und all diesen anderen Sachen reden.«
»Einverstanden«, stimmte Livia zu. »Kein Wort von Konstantinopel.«
»Aber zuerst muß ich mit Ambrosinus reden. Ich will nicht, daß er sich gekränkt fühlt.«
»Ich warte auf dich.«
Romulus kehrte wenige Augenblicke später zurück. »Ambrosinus hat gesagt, daß das in Ordnung geht, aber daß du nicht zu schnell reiten darfst.«
Livia nickte und lächelte. »Steig auf, los.« Und sie ließ ihn vor sich sitzen.
Die Kolonne setzte sich in Bewegung und hielt auf den Paß zu, der zwischen zwei schneebedeckten Gipfeln aus der Ferne wie ein Sattel aussah.
»Da oben wird es kalt sein«, sagte Romulus. »Und ausgerechnet heute müssen wir dort übernachten.«
»Ja, aber dann beginnen wir mit dem Abstieg zur Adria hin, zu meinem Meer. Wir werden noch die letzten Herden der Hirten antreffen, die auf den tiefer gelegenen Weiden überwintern werden. Vielleicht wirst du dann auch ein paar neugeborene Lämmchen sehen. Würde dir das nicht gefallen?«
»Ich weiß auch über Ackerbau und Viehzucht Bescheid: Ich habe Columella, Varro, Cato und Plinius gelesen, mich bereits als Imker betätigt und kenne die Techniken des Baumschnitts und der Veredelung, die richtigen Zeiten für das Beschälen, für die Gärung des Mostes ...«
»Wie ein echter Römer in den alten Zeiten.«
»Und all das habe ich wohl umsonst gelernt. Ich glaube nicht, daß ich jemals Gelegenheit haben werde, diese Kenntnisse praktisch anzuwenden. Meine Zukunft liegt nicht in meiner Hand.«
Livia antwortete nicht auf diese Worte, die fast wie ein Vorwurf klangen. Romulus war es, der dann als erster wieder das Wort ergriff. »Bist du eigentlich die Braut von Aurelius?«
»Nein. Das bin ich nicht.«
»Aber wärest du das gern?«
»Ich glaube nicht, daß dich das etwas angeht. Trotzdem, wenn du es schon wissen willst: Ich war es, die ihn in jener Nacht rettete, in der er versuchte, dich aus Ravenna herauszuholen. Er hatte eine schlimme Wunde an der Schulter davongetragen.«
»Ich weiß. Ich war ja dabei, als er getroffen wurde. Trotzdem bist du deswegen noch lange nicht seine Braut.«
»Genau. Wir sind wegen dieser Mission zusammen.« »Und danach?«
»Danach wird jeder seiner Wege gehen, nehme ich an.«
»Ach so.«
»Enttäuscht?«
»Warum sollte ich? Es geht mich doch nichts an, oder?«
»Nein, wirklich nicht.«
Sie ritten wortlos ein paar Meilen weiter. Romulus schien seinen Blick schweifen zu lassen und die Landschaft zu betrachten, die fast öde, aber dennoch zauberhaft schön war. Bald kamen sie dicht an einem See vorbei, in dem sich ein Himmel spiegelte, der genauso klar und sauber war wie das Wasser. Ein Rudel Wildschweine, das am Waldrand in der Erde wühlte, rannte davon, um sich im Unterholz zu verkriechen. Ein großer Hirsch hob seinen herrlichen Kopf, der sich einen Moment lang unbeweglich und majestätisch vor der aufgehenden Sonne abzeichnete, und verschwand dann mit einem einzigen Satz.
»Stimmt es, daß ihr es des Geldes wegen gemacht habt?« fragte Romulus wieder.
»Wir werden eine Belohnung bekommen, wie sie jeder Soldat erhält, der seinem Vaterland dient. Aber das heißt nicht, daß wir es deswegen getan haben.«
»Warum denn sonst?«
»Weil wir Römer sind und du unser Kaiser bist.«
Darauf erwiderte Romulus nichts. Der Wind frischte auf, ein kalter Wind, der, aus Nordost kommend, über die schneebedeckten Gipfel des Apennin strich. Als Livia spürte, daß der Junge erschauerte, deckte sie ihn mit ihrem Umhang zu, legte die Arme um ihn und zog ihn sanft näher an sich heran. Romulus versuchte zunächst, sich dagegen zu wehren, doch dann gab er der Wärme ihres Körpers nach. Er schloß die Augen, und es schien ihm, als könne er doch noch glücklich sein.
XX
Die Reise zog sich noch drei Tage dahin; auf steilen, abgelegenen Wegen, die Schutz vor unliebsamen Begegnungen boten, ging es durch größtenteils verlassene Landstriche und Wälder. Wenn gerastet und das Lager aufgeschlagen wurde, machte Aurelius mit einem seiner Männer oder mit Livia einen ausführlichen Erkundungsritt, um sicherzugehen, daß keine Gefahr drohte. Aber sie fanden nie etwas, das sie irgendwie alarmiert hätte. Wahrscheinlich war den Feinden bis heute nicht klar, welchen Weg sie eingeschlagen hatten. Wie hätten sie ihnen auch auf die Spur kommen sollen? Schließlich hatten die nächtliche Finsternis und der Aschenregen nach dem Vulkanausbruch ihren Kurs unkenntlich gemacht. Später hatten sie ihr Boot versenkt und waren erst eine Weile zu Fuß gegangen, bevor sie ein gutes Stück landeinwärts auf ihre Pferde stiegen; auf diese Weise hatten sie an der Stelle, an der sie an Land gegangen waren, keinerlei Spuren hinterlassen.
Es lief alles wie geschmiert; wenn es so weiterging, würden sie pünktlich zu ihrer Verabredung mit dem byzantinischen Schiff zur Küste vorgestoßen sein. Die anfängliche Aufregung hatte sich gelegt, die Atmosphäre war entspannter. Es wurde wieder gescherzt, manchmal herrschte sogar eine richtig ausgelassene Stimmung. Romulus ritt nach wie vor auf Livias Pferd mit, und Aurelius trabte oft neben ihnen her und lächelte ihm zu. Während des Nachtlagers hielt er sich gern in der Nähe des Tungen auf, größere Vertrautheit schien er jedoch vermeiden zu wollen, was Romulus sich nur mit dem Umstand ihrer unmittelbar bevorstehenden Trennung erklären konnte.
»Du kannst ruhig mit mir sprechen«, sagte er eines Abends zu ihm, als Aurelius etwas abseits sitzend sein Abendbrot verzehrte. »Oder hat du Angst, daß ich beiße?«
Aurelius überhörte die Provokation.
»Nein, Cäsar«, erwiderte er lächelnd. »Es ist ein Vergnügen, sich mit dir zu unterhalten, und obendrein eine große Ehre. Wenn es nach mir ginge, würde ich es viel öfter tun, aber in Kürze trennen sich unsere Wege, und wenn wir jetzt noch Freundschaft schließen, fällt uns der Abschied um so schwerer ...«
»Wer hat von Freundschaft gesprochen?« fiel Romulus ihm gereizt ins Wort. »Ein wenig plaudern, das habe ich gemeint.«
»Wenn es so ist ...« erwiderte Aurelius. »Worüber wollen wir plaudern?«
»Über euch, zum Beispiel. Was stellt ihr an, nachdem ihr mich meinen neuen Bewachern ausgeliefert habt?«
»Ausgeliefert scheint mir nicht das richtige Wort.«
»Aber genau darum geht es.«
»Wärst du denn lieber auf Capri geblieben?«