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»Jetzt gefragt - nein. Aber ich weiß ja gar nicht, was auf mich zukommt. Hätte ich die Wahl gehabt, so bestenfalls zwischen zwei Arten von Gefangenschaft. Da ich aber die, welche mich erwartet, noch gar nicht kenne, wie könnte ich da einer den Vorzug geben? Ein freier Mensch hat die Möglichkeit zu wählen, ich dagegen wechsle lediglich von einem Gefängnis ins andere, und keiner garantiert mir, daß mich das zweite nicht dem ersten nachtrauern läßt.«

Aurelius bewunderte Romulus rhetorisches Geschick, seine schlagenden Argumente, denen er nichts entgegenzuhalten hatte. »Ich hoffe nicht«, entgegnete er deshalb nur. »Und ich hoffe es von ganzem Herzen.«

»Das nehme ich dir sogar ab. Also, sag schon, was unternehmt ihr danach?«

»Keine Ahnung. Meine Gefährten und ich haben unterwegs ein paarmal darüber gesprochen - ein wenig, um die Zeit totzuschlagen, ein wenig auch aus Angst vor der Zukunft, aber keiner von uns hat genaue Vorstellungen. An dem Tag, an dem wir angegriffen wurden, sagte Vatrenus, er habe genug von diesem Leben, er wolle sich auf eine Insel zurückziehen, Schafe hüten und Ackerbau treiben ... Bei den Göttern, das ist gerade ein paar Wochen her, und mir scheint es, als seien Jahrzehnte vergangen! Damals kam es mir wie ein Witz vor, aber in der jetzigen Lage, so unsicher, so düster, denke ich mir: Warum eigentlich nicht?«

»Schafe hüten auf einer Insel? Das würde mir auch gefallen ... wenn ich über meine Zukunft entscheiden könnte. Aber das kann ich ja nicht.«

»Dafür trägt niemand die Schuld.«

»Und ob! Jeder, der ein Unrecht nicht verhindert, ist mit schuld.«

»Seneca.«

»Weich mir nicht aus, Soldat.«

»Wir können es zu sechst oder siebt nicht mit der ganzen Welt aufnehmen. Abgesehen davon, daß ich es nicht fertigbringen würde, meinen Gefährten noch mehr Opfer abzuverlangen. Sie haben getan, was sie konnten. Jetzt steht ihnen die versprochene Belohnung zu und die Freiheit zu entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Vielleicht trennen wir uns und gehen jeder seinen eigenen Weg, vielleicht ziehen wir auch alle zusammen nach Sizilien, wo Vatrenus ein Landhaus besitzt. Und wer weiß, vielleicht verschlägt es uns eines Tages sogar in den Orient, dann kommen wir dich in deinem prächtigen Palast besuchen, was meinst du? Ich hoffe, du lädst uns wenigstens zum Essen ein.«

»Oh, natürlich, das wäre wundervoll! Darüber wäre ich sehr glücklich und stolz und ...« Romulus hielt inne, denn er begriff, daß für Gefühle kein Platz war. »Ich glaube, ich gehe besser schlafen«, sagte er und stand auf. »Danke für die Gesellschaft.«

»Ich danke dir, Cäsar«, erwiderte Aurehus mit einem Kopfnicken und blickte ihm nach.

Der ganze nächste Tag führte sie durch höchst unwegsames Gelände, weite Wegstrecken mußten sie sogar zu Fuß zurücklegen, um zu verhindern, daß die Pferde sich die Beine brachen. Sie folgten dem Lauf eines kleinen Baches in Richtung Meer, was denkbar unbequem, jedoch die einzige Möglichkeit war, Ortschaften zu umgehen, in denen sie zwangsläufig Aufsehen erregt hätten. Hier und da verbreiterte sich das schmale Tal zu einer Niederung, in der einzelne Hirten ihre Herden weideten. Auch Bauern, die im Wald dürre Äste als Brennholz für den Winter sammelten, waren bisweilen zu sehen. Sie alle machten einen ruppigen, halbverwilderten Eindruck, hatten lange Barte und ungepflegtes Haar und trugen Schuhwerk aus Ziegenleder sowie lumpige Kleider voller Flicken, die sie nur dürftig vor dem kalten Nordwind schützten. Beim Vorbeiziehen der kleinen Karawane hielten sie inne, egal, was sie gerade taten, und starrten Aurelius und seinen Trupp stumm an. Bewaffnete Männer zu Pferde waren für sie in jedem Fall bedeutende Leute, in der Lage, sich zu verteidigen oder anzugreifen, und schon allein deshalb furchtgebietend. Einmal sah Romulus eine Schar Jungen in seinem Alter und Mädchen, die noch etwas jünger waren; sie trugen große Körbe auf dem Rücken, deren Last sie fast zu Boden drückte; keuchend und tief gebeugt stolperten sie dahin, ihre halbnackten Beine waren blau vor Kälte, ihre Nasen trieften, und ihre Lippen waren rissig von den eisigen Temperaturen und der schlechten Ernährung. Einer von den Jungen faßte sich ein Herz, stellte seinen Korb, der im Vergleich zu seiner schmächtigen Gestalt riesig wirkte, auf die Erde und kam mit ausgestreckter Hand auf Romulus zu.

»Können wir ihm etwas geben?« fragte Romulus, der mit Livia ritt.

»Nein«, erwiderte Livia. »Wenn wir das täten, hätten wir es talabwärts bald mit einem ganzen Schwärm zu tun, den wir nicht wieder los würden. Auf die ein oder andere Weise würden wir Aufmerksamkeit erregen, und das dürfen wir auf keinen Fall.«

Romulus betrachtete den Jungen, seine bittend ausgestreckte Hand, den traurigen und enttäuschten Ausdruck, den seine Augen annahmen, je weiter er sich entfernte. Später blickte er zurück und sah ihn an, wie um ihm begreiflich zu machen, daß er ihm gerne geholfen hätte, aber nicht konnte, aus Gründen, die nicht von ihm abhingen. Als er merkte, daß sie wieder in den Wald kamen, hob er die Hand und winkte. Der abgezehrte Junge erwiderte seinen Gruß mit einem wehmütigen Lächeln und winkte ihm seinerseits zu, dann nahm er seinen schweren Korb wieder auf und verschwand wankend im Gestrüpp.

Livia schien in Romulus Gedanken zu lesen. »Im Leben muß man oft Entscheidungen treffen, die einem im Grunde zuwider sind - das ist traurig, aber unvermeidlich. Wir leben in einer erbarmungslosen Welt, in der Willkür und Zufall regieren.«

Romulus antwortete nicht, und doch brachte ihm der Anblick dieses Elends zu Bewußtsein, daß das Leben, das er bis vor wenigen Tagen auf Capri geführt hatte, für diese armen Kinder ein Segen des Himmels, der pure Luxus gewesen wäre. Es gab also keine Not, die nicht noch hätte übertroffen werden können.

Der kleine Bach, an dem sie entlang gezogen waren, hatte sich im Laufe der Tage in einen richtigen Fluß mit Wasserfällen und Stromschnellen verwandelt, der zwischen glattgeschliffenen Felsbrocken dahinsprudelte und am Ende in einen noch größeren Fluß mündete - den Metaurus, wie Ambrosinus ihnen erklärte. Die Temperaturen waren milder geworden, ein Zeichen dafür, daß das Meer immer näher rückte und damit auch das Ziel ihrer Reise. Wie ihr Abenteuer letztendlich ausgehen würde, konnte freilich auch jetzt noch niemand absehen. Der Wald lichtete sich immer mehr und wich zur Küste hin zusehends Acker- und Weideland. Hin und wieder kamen sie an Dörfern vorbei, die zu meiden immer schwieriger wurde, manchmal kreuzten sie auch die Via Flaminia, und am Ende des letzten Marschtages kamen sie zu einer alten, verlassenen mansio, vor der ein ziemlich verrostetes Wirtshausschild baumelte; auch ein militärischer Markstein und der Brunnen, der die Viehtränken speiste, waren noch da. Bei den Tränken selbst handelte es sich um schöne Tröge aus Apenninsandstein, die ursprünglich den Pferden der Poststation gedient hatten und heute von durchziehenden Schafherden benutzt wurden, wie die vielen Abdrücke kleiner Spalthufe und die ringsum zerstreuten Kotklümpchen verrieten.

Livia näherte sich der Herberge als erste und zu Fuß, die Zügel ihres Pferdes Romulus überlassend. Sie wollte sicherstellen, daß keine Gefahr lauerte; dazu ging sie an den Brunnen und tat, als schöpfe sie Wasser. Erst als daraufhin nichts geschah, pfiff sie und ließ die andern nachkommen. Romulus band sein Pferd fest, betrat als einer der ersten das alte Gemäuer und sah sich um: Auf den verputzten Wänden hatten sich Tausende von Gästen aus mehreren Jahrhunderten verewigt, viele mit obszönen Sprüchen. Eine der Seitenwände wurde von einem Fresko geschmückt - eine Landkarte, auf der Romulus Italien mit Sizilien, Sardinien, unten die afrikanische Küste und oben die Küste Illyriens erkannte; Meere, Flüsse, Gebirge und Seen waren in den entsprechenden Farben abgebildet. Eine dicke, rote Linie stellte den cursuspublicus dar, das Straßennetz, das dem Imperium als Kommunikations- und Transportsystem einst zu Ehre und Ruhm gereicht hatte; neben sämtlichen Raststationen waren auch die Entfernungen in Meilen eingezeichnet. Hoch oben prangte die verwitterte Überschrift TABVLA IMPERII ROMANI; Wasserinfiltrationen hatten die Karte fast unleserlich gemacht. Romulus Blick fiel auf den Schriftzug CIVITAS RAVENNA; in einer Miniatur war die Stadt mit ihrer Mauer und ihren Türmen dargestellt, und den Knaben wurde einen Moment lang ganz kalt ums Herz. Schnell wandte er den Blick wieder ab und begegnete dem Aurelius, worauf jeder in den Augen des anderen die schrecklichen Erinnerungen las, die das kleine Bild bei ihnen wachrief: die fehlgeschlagene Flucht aus der Stadt, die Gefangenschaft, der Tod Flavia Serenas. Ambrosinus begann nach irgendwelchen nützlichen Dingen herumzustöbern, und als er in einem wackeligen alten Schrank zwei halbbeschriebene Pergamentrollen fand, machte er sich daran, eine der auf der Wandkarte eingezeichneten Wegstrecken abzuzeichnen.