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Nacheinander kamen auch die anderen herein und begannen, ihre Decken auf dem Fußboden auszubreiten. Demetrios, der etwas unterhalb des Hauses ein Stoppelfeld mit großen Strohhaufen gewahr wurde, ging etwas Stroh für die Nacht holen. An der Oberfläche der Haufen war es grau und faulig, darunter aber trotz der späten Jahreszeit noch trocken und von einem schönen Gelb, das einem beim bloßen Hinsehen schon ein Gefühl von Wärme vermittelte. Eine Hecke aus Ahorn und Brombeersträuchern begrenzte das Feld; durch einzelne Lücken konnte man die niedrige Gestrüppvegetation erkennen, die sich dahinter bis an die flache Sandküste erstreckte. Zu ihrer Linken war die Mündung des Metaurus zu sehen, dessen Lauf sie während der letzten Marschtage durchs Landesinnere gefolgt waren. Nach Westen und Norden hin war alles dicht bewaldet. Vatrenus erkundete den Wald zu Pferde, um sicherzugehen, daß er keine Gefahren barg, und entdeckte unweit der Stelle, wo der Wald im Norden an das Getreidefeld angrenzte, mehrere Stapel Eichen- und Fichtenstämme, die mit Seilen aus geflochtenem Flachs an Pfählen befestigt waren. Es mußte in dieser Gegend also Holzfäller geben, die vom Brennholzhandel mit den Küstenbewohnern lebten.

In der Ferne konnte man das Meer erkennen, es war leicht vom Nordwind gekräuselt, aber nicht bewegt, und die Wetterverhältnisse ließen hoffen, daß das Schiff ohne größere Probleme durchkommen würde. Ambrosinus wollte den Männern, die sie unter Einsatz ihres Lebens befreit und hierhergeführt hatten, unbedingt noch einmal seine Dankbarkeit beweisen, und so bereitete er zur gegebenen Zeit liebevoll ein Abendessen für alle zu. Wurzeln und Kräuter, die er in der Nähe gesammelt hatte, verfeinerten es, ja, es gelang ihm sogar, ein wenig Obst aufzutreiben - wilde Äpfel, die an einem fast schon kahlen Baum im ehemaligen Obstgarten der Poststation hingen. Er entfachte im alten Kamin ein Feuer, und obwohl die kaputte Decke an mehreren Stellen Ausblick auf die Sterne bot, schufen der Feuerschein und das Knistern der Flammen eine Atmosphäre der Heiterkeit und Vertrautheit, von der die Trauer über die bevorstehende Trennung wenigstens vorübergehend zurückgedrängt wurde.

Keiner erwähnte, daß Romulus am nächsten Morgen abreisen und sie möglicherweise für immer verlassen würde, daß der kleine Kaiser einem dunklen Schicksal auf der anderen Seite der Welt entgegenging, in einer riesigen, unbekannten Großstadt mit den Ränken und Gefahren eines korrupten, blutrünstigen Hofes. Aber es war klar, daß alle daran dachten; man merkte es an den flüchtigen Seitenblicken, die sie ab und zu auf den Jungen warfen, an den mehrdeutigen Worten und Sätzen, die ihnen immer wieder herausrutschten, an ihren rauhen, aber liebevollen Berührungen, wenn sie wie zufällig an ihm vorbeigingen.

Aurelius wählte für sich die erste Nachtwache, setzte sich neben den Tränken auf den Boden und spähte auf das mittlerweile bleifarbene Meer hinaus. Livia trat von hinten an ihn heran.

»Armer Junge«, sagte sie. »Er hat all diese Tage versucht, sich uns anzunähern, vor allem dir und mir, aber wir haben es nicht zugelassen.«

»Das hätte die Sache nur noch schlimmer gemacht«, erwiderte Aurelius, ohne sich umzudrehen.

Ein Schwärm Reiher flog in der Dunkelheit vorüber, und ihre Schreie regneten wie die Klagelieder Vertriebener aus dem nachtschwarzen Himmel.

»Sie werden noch vor ihm am Bosporus sein«, sagte Livia.

»Mit Sicherheit.«

»Das Schiff müßte kurz vor Sonnenaufgang eintreffen. Sie werden den Jungen an Bord nehmen und uns die vereinbarte Belohnung auszahlen. Viel Geld ... Damit könnt ihr ein neues Leben beginnen, euch Ländereien kaufen, Diener leisten. Ihr habt es auch verdient.«

Aurelius erwiderte nichts.

»Woran denkst du?« fragte Livia.

»Wer sagt, daß das Schiff pünktlich kommt? Es könnte Verspätung haben, sogar mehrere Tage.«

»Ist das eine Befürchtung oder ein Wunsch?«

Aurelius lauschte eine Weile stumm dem Gesang der Reiher, die in der Ferne entschwanden. Dann seufzte er. »Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich so etwas wie eine Familie hatte. Und morgen ist alles wieder vorbei. Romulus zieht seiner Wege, und du ...«

»Und ich auch«, sagte Livia plötzlich mit resoluter Stimme. »Wir leben in harten Zeiten, wir müssen machtlos mit ansehen, wie unsere Welt in die Brüche geht. Jeder von uns muß nach einem Sinn für sein Leben suchen, nach irgend etwas, das ihm die Kraft gibt, all dies zu überstehen.«

»Willst du deshalb in deine Lagune zurück? Möchtest du nicht lieber ...«

»Was?«

»Mit uns kommen ... mit mir.«

»Wohin? Ich hab es dir bereits gesagt: In dieser Lagune blüht eine neue Hoffnung auf. Venetia ist meine Heimat, so seltsam es dir erscheinen mag - ein paar ärmliche Hütten, errichtet von einer Handvoll Verzweifelter, die aus ihren zerstörten Städten geflohen sind.« Aurelius zuckte bei diesen Worten kaum merklich zusammen. »Ich bin sicher, daß es sich bald zu einer richtigen Stadt entwickeln wird«, fuhr Livia fort. »Aber wir brauchen Verteidigungsanlagen, wir müssen erste Schiffe bewaffnen, weitere Häuser für Neuankömmlinge bauen. Dafür will ich meinen Teil des Geldes einsetzen, das wir morgen bekommen. Schließ dich uns mit deinen Gefährten doch an! Doch, warum nicht? Wir brauchen Männer wie euch. In Venetia wird die Seele unserer niedergebrannten und dem Erdboden gleichgemachten Städte wiederauferstehen: Altinum, Concor-dia ... Aquileia!«

»Warum fährst du fort, mich mit diesem Namen zu quälen?« erwiderte Aurelius. »Warum läßt du mich nicht in Frieden?«

Livia kniete sich vor ihn nieder und sah ihn mit fiebrigen Augen an. »Weil ich dir vielleicht die Vergangenheit zurückgeben kann, die aus deinem Gedächtnis gelöscht wurde oder die du selbst, willentlich, daraus gelöscht hast. Ja, das war mir klar, seit ich dich das erste Mal sah. Ich merkte es daran, wie du das hier angestarrt hast, auch wenn du es weiterhin ableugnest.« Sie griff nach dem Medaillon, das sie um den Hals trug, und hielt es ihm hin, als handle es sich um eine heilige Reliquie, die ihn von einer mysteriösen Krankheit heilen könne. Ihre Augen glänzten dabei vor Leidenschaft und Tränen. Aurelius spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß; ein übermächtiges Gefühl, ein brennender Wunsch, den er die ganze Zeit über vergeblich zu unterdrücken versucht hatte, ergriff Besitz von ihm. Er spürte, wie sich ihre Lippen auf die seinen legten und ihr Atem mit seinem verschmolz in einem heißen, unerwarteten Kuß, den er so lange ersehnt und kaum noch zu erhoffen gewagt hatte. Er umschlang und küßte sie, wie er noch keine Frau in seinem Leben geküßt hatte, inbrünstig und zärtlich zugleich, und auch Livia umfing seinen Hals mit den Armen und drückte sich, ohne die Lippen von seinen Lippen zu lösen, mit jeder Faser ihres Körpers an ihn, mit ihren festen Brüsten, dem straffen Bauch, den sehnigen Beinen. Er legte sie auf seinen am Boden ausgebreiteten Umhang und nahm sie, einfach so, auf dem trockenen Gras mit dem Geruch der Erde, der sich mit dem Duft ihrer Haare verwob. Danach blieb er lange in ihr, um die Intimität, die ihm das Herz erfüllte und von der er gewollt hätte, daß sie ewig dauerte, so lange wie möglich hinauszuziehen. Später hüllte er sie in seinen Mantel, legte sich neben sie, drückte sie an sich und genoß die Wärme ihres Körpers und den Geruch ihrer Haut.