Irgendwann verabschiedete Livia sich mit einem Kuß von ihm. »Es war schön«, sagte sie, »und es wäre noch schöner, wenn es eine Zukunft gäbe, aber bald trifft das Schiff ein. Mit dem neuen Tag wird alles wieder anders aussehen, noch schwieriger und noch anstrengender als bisher. Du wirst deinen Gefährten folgen, weiter vor deinem verlorenen Gedächtnis fliehen, und ich werde in meine Lagune zurückkehren. Was uns bleibt, ist das Andenken an diese Tage, an diesen Moment der Liebe, den wir der letzten Nacht abgerungen haben; die Erinnerung an dieses phantastische Abenteuer, an diesen lieben, unglücklichen Jungen, den wir ins Herz geschlossen haben, ohne den Mut zu besitzen, es ihm zu gestehen. Vielleicht ringst du dich eines Tages dazu durch, mir nachzukommen, und dann werde ich dich mit großer Freude empfangen, wenn es nicht zu spät ist; vielleicht sehen wir uns auch niemals wieder, weil die Wirren des Lebens dich irgendwohin, weit weg verschlagen. Leb wohl, Aurelius, mögen deine Götter dich beschützen.«
Mit diesen Worten stand sie auf und ging wieder in das alte, halbzerfallene Gebäude. Aurelius blieb allein in der dunklen Nacht zurück und lauschte der Stimme des Windes und dem Gesang der Reiher, der die Finsternis durchdrang.
XXI
Aus einem Weidengebüsch nahe dem Fluß hallte mehrmals der Ruf eines Käuzchens herauf, dann begann ein Stück weiter unten, bei der Brücke, ein kleines Licht hin und her zu tanzen. Livia, die sich jetzt wieder in der mansio befand, döste, neben einer breiten Mauerbresche an die Wand gelehnt, vor sich hin. Von den Käuzchenrufen geweckt, erhob sie sich lautlos und glitt durch die Wandöffnung nach draußen. Aurelius, der seinen Nachtwachenturnus inzwischen beendet hatte, schlief in seine Decke gewickelt auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Draußen wachte jetzt Demetrios. An seinen Schild gelehnt hockte er auf der Erde und suchte vermutlich die Küstenlinie mit den Augen ab, in der Hoffnung, das Schiff zu sichten, auf das alle warteten. Livia bog um die Südecke des Gebäudes, huschte zum rückwärtigen Gatter und band ihr Pferd los, wobei sie ihm eine Hand auf die Nüstern legte, damit es sie nicht verriet. Juba, der in der Nähe angebunden war, schien sie gar nicht zu bemerken, vielleicht ließ er sich auch durch ihren vertrauten Geruch nicht in seiner Nachtruhe stören.
Livia wandte sich nach Westen und durchquerte zu Fuß die Senkung hinter dem Haus, dann bog sie nach rechts zum Flußtal ab. Dort stieg sie auf. Im Schutz der dichten Uferbewachsung konnte sie ungesehen bis zur Brücke oder auch bis zum Meer reiten.
Unterdessen gab es jedoch jemanden im »Schlafsaal« der mansio, dem ihr Verschwinden nicht entgangen war: Ambrosinus hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan; sein Entschluß stand fest. Er beugte sich über Romulus und rüttelte ihn behutsam wach.
»Pscht!« zischte er ihm leise ins Ohr.
»Was gibt's?« fragte Romulus noch leiser.
»Wir verschwinden. Jetzt, sofort. Livia ist rausgegangen, vielleicht ist das Schiff angekommen.«
Romulus umarmte ihn fest, und der weise Lehrer spürte in seiner Umarmung die Dankbarkeit des Jungen für diese unverhoffte Fluchtmöglichkeit, spürte seinen ganzen Freiheitsdrang, den Wunsch, diese üble Welt hinter sich zu lassen, die ihm nur Trauer und Leid bereitet hatte. Flüsternd ermahnte er ihn: »Paß auf, daß das Stroh nicht raschelt, wenn du aufstehst; wir müssen uns wie Schatten bewegen.« Dann schlich er ihm voraus zu der kleinen Tür, die auf den Gemüsegarten hinter dem Haus hinausging. Romulus sah sich um, wartete, daß Batiatus lautes Schnarchen seinen Höhepunkt erreichte, dann machte auch er sich auf und folgte seinem Lehrer auf Zehenspitzen. Bald waren sie beide draußen. Zu ihrer Linken scharrten die Pferde nervös mit den Hufen. Juba schwenkte mehrmals den stolzen Kopf und blies Dampfwolken aus den Nüstern. Ambrosinus hielt erschrocken inne und bedeutete Romulus, sich flach an die Hauswand zu drücken.
»Geben wir ihm Zeit, sich zu beruhigen«, sagte er, »dann tauchen wir in den Wald ein, verstecken uns an einem sicheren Ort und warten, bis sich die erste Aufregung gelegt hat. Danach nehmen wir unsere Reise wieder auf, aber alleine, nur du und ich.«
»Aber wenn ich fliehe, bekommen Aurelius und seine Freunde ihre Belohnung nicht - dann haben sie sich umsonst abgemüht und ihr Leben riskiert.«
»Pscht!« flüsterte Ambrosinus. »Das ist wahrhaftig nicht der richtige Moment für Skrupel. Sie werden sich schon irgendwie zu helfen wissen.«
Aber die Pferde wurden, anstatt sich zu beruhigen, nur immer nervöser, bis Juba sich gar aufbäumte und unter lautem Wiehern mit den Vorderhufen gegen die Hauswand schlug.
»Nichts wie weg, los, komm! Dieses Vieh weckt noch alle auf«, zischte Ambrosinus und packte den Jungen am Arm. Aber in diesem Moment gruben sich ihm die Finger einer Hand in die Schulter und hielten ihn fest. »Stehenbleiben!«
»Aurelius«, sagte Ambrosinus, der die Stimme erkannt hatte. »Laß uns gehen, ich flehe dich an. Wenn du diesen Jungen nur ein bißchen gern hast, schenk ihm die Freiheit. Er hat schon genug gelitten ... Laß ihn frei.« Aber Aurelius starrte, ohne seinen eisernen Griff zu lockern, in eine andere Richtung.
»Du weißt nicht, was du sagst«, erwiderte er. »Schau mal dort rüber, zu den Bäumen.«
Ambrosinus blickte angestrengt in die Richtung, in die Aurelius mit dem Finger wies, und gewahrte ein konfuses Gewimmel bedrohlich wirkender Schatten. Sein Herz stockte.
»Oh, gütiger Gott ...«, murmelte er.
Livia war unterdessen fast bei der Brücke angelangt und konnte im schwachen Licht der Morgendämmerung eine Gestalt erkennen, die aufrecht hinter einem Tamanskenstrauch stand und eine Laterne in der Hand hielt. Wenige Schritte entfernt, hinter einem Weidenbusch, war ein Pferd angebunden. Livia trieb ihr Pferd an und näherte sich der Gestalt, bis sie sie erkannte. »Stephanus.«
»Livia«, erwiderte der Mann, als er ihre Stimme hörte.
»Wir haben den schwierigen Weg durch die Wälder genommen«, erklärte sie ihm, »aber wir waren pünktlich, wie du siehst. Auch sonst ist alles in Ordnung. Der Junge und sein Lehrer sind wohlauf, die Männer haben sich fabelhaft verhalten. Doch wo ist das Schiff? Es hätte doch schon gestern abend hiersein sollen, und jetzt ist es bald hell. Bei Tageslicht an Bord zu gehen, scheint mir ziemlich riskant, und auch dein Zeichen mit der Laterne - jeder hätte es sehen können ...«
Stephanus unterbrach sie mit einer Geste. »Das Schiff kommt nicht mehr.«
»Wie bitte?«
»Du hast leider richtig gehört: Das Schiff kommt nicht mehr.«
»Warum? Ist es angegriffen oder gar versenkt worden?«
»Nichts dergleichen. Es haben sich nur schlicht und einfach die Dinge geändert.«
»He, hör mal, was soll das? Meine Männer und ich haben unser Leben riskiert ...«
»Beruhige dich, Livia, bitte, es ist nicht meine Schuld: Zenon hat den von Basiliskos usurpierten Thron zurückerobert, doch er braucht Frieden, um seine Macht zu festigen. Er kann sich Odoaker nicht zum Feind machen, abgesehen davon, daß sein Anwärter für den Thron des Westreichs schon immer Julius Nepos war, das weißt du.«
Livia kam schlagartig die tödliche Gefahr zu Bewußtsein, die diese absurde Situation für sie alle darstellte. »Weiß Antemius von dieser Geschichte?« fragte sie immer betroffener.
»Gewiß, aber seine Hände sind gebunden.«
»Verflucht noch mal! Soll das heißen, er verurteilt den Jungen zum Tode?«
»Nein. Und das ist der Grund, weshalb ich hier bin. Ich habe ein kleines Stück nördlich von hier, an der Flußmündung, ein Schiff liegen. Damit können wir zu meiner Villa in Rimini gelangen, wo ihr alle sicher seid. Aber ihr müßt euch beeilen; hier ist es viel zu gefährlich.«