Livia stieg auf ihr Pferd. »Ich rufe die anderen«, erwiderte sie und wollte lospreschen.
»Nein, warte!« schrie Stephanus plötzlich. »Sieh nur, dort oben!«
Livia spähte zu dem Hügel hinauf und gewahrte eine Schar Barbarenkrieger, die von Süden kommend das kleine Gebäude umstellten, während hinter ihnen weitere Krieger aus dem Unterholz brachen. Stephanus versuchte noch einmal, sie zurückzuhalten. »Warte, sie bringen dich um!« Aber er stolperte, stürzte, und seine Laterne zerschellte am Boden. Livia betrachtete den brennenden Ölfleck, dann das Stoppelfeld mit den Strohhaufen und zögerte keinen Augenblick. Sie zog ihren Bogen aus dem Sattelhalfter, entzündete einen Pfeil und schoß ihn in hohem Bogen in einen der Strohhaufen, dann noch einen und noch einen, bis von allen Haufen dichte Rauchwolken aufstiegen.
»Du bist verrückt«, sagte Stephanus, der inzwischen wieder aufgestanden war. »Das schaffst du nie.«
»Wart's ab«, erwiderte Livia.
»Ich kann nicht länger bleiben, ich muß zurück«, sagte Stephanus, sichtlich beunruhigt. »Versuche deine Haut zu retten und komm zu mir nach Rimini. Ich warte auf dich!«
Livia nickte flüchtig mit dem Kopf und galoppierte auch schon durch das Flußtal zurück in Richtung Hügel.
Die Barbaren merkten zunächst nichts, da sie sich völlig auf die Umzingelung der alten mansio konzentrierten. Sie waren von ihren Pferden abgestiegen und schlichen mit gezogenen Schwertern durchs Gras, auf ein Zeichen ihres Anführers wartend: Wulfila.
Ringsum herrschte eine geradezu unwirkliche Stille, die Stille, die sich über die Natur senkt, wenn die Stimmen der Nachttiere verstummen und die Vögel es noch nicht wagen, mit ihrem Lied die Sonne zu begrüßen, die Stille an der Grenze zwischen der Finsternis der Nacht und dem ersten Morgenrot. Nur das verrostete Wirtshausschild quietschte kläglich in der frühen Meeresbrise. Wulfila gab das Zeichen, indem er die erhobene Linke nach unten riß. Mit gezückten Waffen drangen seine Krieger in das halbzerfallene Gebäude ein und stachen im Dämmerlicht auf die Schlafenden ein. Doch bald schon erhob sich ein Chor enttäuschter Flüche: Unter den Decken war nichts als Stroh - die Gäste waren fort.
»Sucht sie!« schrie Wulfila. »Sie müssen noch in der Nähe sein. Sucht ihre Spuren, sie haben Pferde!« Seine Männer stürzten lärmend nach draußen, doch beim Anblick des lichterloh brennenden Stoppelfelds verstummten sie jäh. Livia, die unten im Flußtal ritt, war nicht mehr zu sehen, und so kam es ihnen vor, als gehe es hier nicht mit rechten Dingen zu.
»Was zum Teufel ist hier los?« polterte Wulfila fassungslos. »Das müssen sie gewesen sein, verdammt noch mal! Sucht sie, sucht sie! Sie sind hier in der Nähe!«
Seine Krieger gehorchten und zerstreuten sich, um das umliegende Gelände nach Spuren abzusuchen, bis einer von ihnen das Gesuchte fand: Menschen- und Tierspuren, die zum Wald führten. »Hier entlang!« schrie er. »Sie sind hier in den Wald eingedrungen.«
Alle rannten zu ihren Pferden, um in den Wald zu preschen, aber Livia, die ahnte, was sie vorhatten, gab ihrem Pferd die Sporen, erklomm die Uferböschung und trat aus der Deckung, um die Aufmerksamkeit der Barbaren auf sich zu lenken. Ein weiterer ihrer Brandpfeile traf sein Ziel und entzündete es, ein anderer schwirrte pfeifend durch die Luft und tötete einen der Feinde. Im gleichen Moment schrie sie: »Hierher, Bastarde! Los, versucht mich zu kriegen!« Und mit diesen Worten begann sie auf halber Höhe inmitten der dichten Rauchschwaden hin und her zu reiten, um immer wieder unerwartet aufzutauchen und einen ihrer tödlichen Pfeile abzuschießen.
Auf ein Zeichen Wulfilas trennten sich drei Krieger von der Gruppe und jagten auf Livia zu, während sich das Feuer, vom Wind genährt, immer weiter ausbreitete und das Stoppelfeld in ein einziges Flammenmeer verwandelte. Livia schoß einen ihrer Verfolger mit dem Bogen ab, wich dem zweiten aus und stürzte sich mit dem Schwert auf den dritten, der unter mörderischem Gebrüll auf sie zustürmte. Es gelang ihr, ihn mit einer Finte aus dem Gleichgewicht zu bringen und dann mit der Flanke ihres Pferdes so heftig zu rammen, daß er abstürzte, direkt in die Flammen rollte und sich im Nu in eine menschliche Fackel verwandelte. Seine Schmerzens-schreie gingen bald im Brausen des alles verschlingenden Feuers unter. Livia durchquerte das Inferno in rasendem Galopp und ritt auf den Waldrand zu. Mit dem gezückten Schwert und den fliegenden Haaren erschien sie ihren Gefährten wie eine antike Kriegsgöttin.
»Weg von hier!« schrie sie. »Man hat uns verraten! Mir nach, schnell! Sie sind jeden Augenblick hier!«
»Vorher wollen wir ihnen aber noch einen Denkzettel verpassen«, entgegnete Aurelius und gab seinen Männern, die hinter den von Vatrenus am Vorabend entdeckten Baumstämmen standen, ein Zeichen, worauf diese mit Äxten und Schwertern die Seile aus Flachs durchtrennten, mit denen die Stapel befestigt waren. Dann schob Batiatus die Stämme an, bis sie den Hang hinunterzurollen begannen. Die dicken Hölzer gewannen rasch an Geschwindigkeit; mit fürchterlichem Getöse polterten sie über das unebene Gelände und säten Panik und Tod unter den Kriegern Wulfilas, die zum Wald emporzuklimmen versuchten; andere rollten mitten in die brennenden Strohhaufen, so daß diese wie riesige Feuerbälle explodierten und die Funken nur so stoben.
»Und jetzt los!« schrie Aurelius, saß auf und zog Romulus zu sich hoch. Dann sprengten sie Livia hinterher, die offenbar eine Idee hatte, wohin sie sie führen konnte. In gestrecktem Galopp schlugen sie einen völlig überwucherten Weg ein und gelangten wenig später erneut auf eine alte Abzweigung der Via Popilia, jetzt wenig mehr als ein Trampelpfad, der sich zwischen Brombeersträuchern und Eichenbüschen verlor. Livia schwang sich aus dem Sattel und deutete auf eine schmale Öffnung im Unterholz, die sich ein kleines Stück hangaufwärts befand. »Absteigen, die Pferde an den Zügeln führen und mir nach«, befahl sie. »Der letzte verwischt die Spuren.«
Orosius erbot sich, diese Aufgabe zu übernehmen; er schnitt ein paar Zweige ab, bündelte sie und verwischte damit, rückwärtsgehend, die Spuren von Mensch und Tier. Livia hatte unterdessen das Dickicht, das ihnen den Weg versperrte, umgangen und war vor einem kleinen Hügel stehengeblieben, der über und über mit Efeu und Schlingpflanzen bedeckt war.
Sie tastete die Hügelwand mit der Spitze ihres Bogens ab, bis dieser ganz in den grünen Vorhang eintauchte. »Hier entlang«, sagte sie, schob die Kletterpflanzen beiseite und legte den Zugang zu einer Art Stollen frei, der in den Sandstein des Hügels gehauen war. Die Gefährten folgten ihr einer nach dem andern, bis Orosius die Schlingpflanzen hinter ihnen wieder so anordnete, daß der Eingang vollkommen getarnt war. Als er sich nach den andern umdrehte, sah er, daß alle sich mit großen Augen umsahen. Das Sonnenlicht, das gedämpft durch das dichte Blattwerk drang, erhellte eine Art Höhle.
»Wir befinden uns hier in einem alten Mithräum, das seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt wird. Früher diente es den orientalischen Seeleuten, die in Fano an Land gingen«, erklärte Livia ihnen. »Ich habe es nur ein einziges Mal als Unterschlupf benutzt - ein Wunder, daß ich es wiedergefunden habe. Gott muß wirklich mit uns sein, er weist uns den Weg der Rettung.«
»Wenn dein Gott mit uns ist, hat er eine seltsame Art es zu zeigen«, brummte Vatrenus. »Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, er kümmerte sich in Zukunft um andere.«
Livia überhörte seine Bemerkung. »Führt alle Pferde nach hinten und versucht sie ruhig zu halten. Unsere Verfolger können jeden Augenblick hiersein, und diesmal ist es wirklich aus, wenn sie uns entdecken.«
Sie hatte kaum ausgesprochen, als von der Straße her Hufgetrappel zu vernehmen war. Livia ging zum Eingang und spähte nach draußen. Da erschein auch schon, an der Spitze seiner Männer, Wulfila - doch er jagte an der Höhle vorbei! Sie atmete erleichtert auf und wollte ihren Gefährten bereits ein Zeichen geben, daß die Gefahr vorüber sei, doch sie hatte sich zu früh gefreut. Der laute Galopp verstummte plötzlich, und statt dessen hörte man jetzt den Hufschlag langsam trottender Pferde, die zurückkamen. Livia gebot ihren Leuten absolute Stille und blickte weiter hinaus, während Aurelius Batiatus die Zügel seines Pferdes übergab und neben sie trat.