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Wulfila befand sich jetzt höchstens zwanzig Schritte vom Höhleneingang entfernt, Kopf, Schultern und Rumpf überragten das dichte Gestrüpp, unter dem sich die alte Straße verbarg. Er war wahrhaft furchterregend anzusehen: die scheußliche Narbe im rußgeschwärzten Gesicht, die geröteten Augen, mit denen er umherspähte wie ein Beute witternder Wolf. Hinter ihm kamen seine Männer; in fächerförmiger Formation durchkämmten sie den Wald ringsum und suchten den Boden nach Spuren ab. Im Inneren der Höhle hielten alle den Atem an; jeder spürte die drohende Gefahr und umklammerte sein Schwert, wie immer bereit, sich in ein Gefecht auf Leben und Tod zu stürzen, ohne lange nach dem Grund zu fragen.

Der Barbarentrupp zerstreute sich in der Umgebung auf der Suche nach weiteren, möglichen Fluchtwegen, doch als Wulfila merkte, daß dies nichts brachte, scharte er seine Leute wieder um sich und zog ab.

Livia atmete hörbar auf und drehte sich nach den anderen um. »Ich habe vor Sonnenaufgang Stephanus getroffen«, berichtete sie. »Er sagte mir, daß Antemius uns verkauft hat. Ich werde deshalb das Geld, das ich euch versprochen hatte, nicht bekommen - wenigstens für den Moment.«

Ambrosinus machte einen Schritt auf sie zu. »Aber ... ich verstehe nicht.«

»Ganz einfach«, erwiderte Livia. »Kaiser Zenon hat Basiliskos entmachtet und das Zepter des Ostreichs wieder an sich gerissen; jetzt liegt ihm an guten Beziehungen zu Odoaker. Vielleicht hat er von unserem Abkommen mit Antemius erfahren, der - solchermaßen entlarvt - keine andere Wahl hatte, als Romulus den neuen Machtverhältnissen zu opfern.«

»Und was machen wir jetzt mit dem Jungen?« fragte Vatrenus.

»Wir könnten ihn mitnehmen«, erwiderte Aurelius. »Einen Moment ...«, hob Livia an, doch Demetrios unterbrach sie.

»Mitnehmen wohin? Odoaker wird uns gnadenlos jagen, und müßte er seinen letzten Mann dafür aufbieten. Machen wir uns nichts vor: Daß die Barbaren abgezogen sind, heißt gar nichts. Sie werden wiederkehren, wenn wir am wenigsten mit ihnen rechnen -und blutige Rache üben, das sollte jedem von uns klar sein.«

»So, und was schlägst du vor zu tun?« fragte Aurelius. »Mit den Barbaren einen Preis aushandeln und den Jungen selbst ausliefern?«

»He, Moment mal!« warf Batiatus dazwischen. »Könnte mir freundlicherweise jemand erklären ...«

»Wenn ihr mich endlich ausreden ließet ...«, versuchte Livia es noch einmal.

Romulus sah sich bekümmert um, wieder einmal stand er im Mittelpunkt von Diskussion und Streit, ohne daß man ihn als Menschen im geringsten berücksichtigte; wieder einmal lag sein Schicksal in den Händen anderer. Jetzt, wo es keine Belohnung mehr einzustreichen gab, war er für diese Leute nur noch eine unbequeme Last. Aurelius ahnte, wie ihm zumute war, er las die Betroffenheit und Demütigung in seinen Augen und versuchte einzulenken: »Hör zu, wir möchten nicht ...« Doch Ambrosinus unterbrach ihn mit einer

Stimme, die noch nie so zornig und entrüstet geklungen hatte wie jetzt: »Schluß!« rief er aus. »Jetzt hörst du mir mal zu, und ihr alle! Ich kam vor vielen Jahren aus Britannien in dieses Land, um mit einer Abordnung weiterer Gesandter beim Kaiser vorzusprechen. Wir wollten ihn um Hilfe für unserer Inselvolk bitten, das von einem grausamen Tyrannen unterdrückt und geschunden wurde; Plünderungen und Übergriffe von barbarischer Brutalität waren unser tägliches Brot. Unterwegs habe ich alle Gefährten verloren; wer nicht erfror, starb an einer Krankheit oder durch die Hand eines Briganten. Ich kam ganz alleine an und wurde noch nicht einmal empfangen, weil der Kaiser eine willenlose Marionette in den Händen anderer Barbaren war - er wollte mich nicht einmal anhören. Binnen Kürze war ich völlig mittellos. Daß ich überlebt habe, verdanke ich einzig meinen Kenntnissen der Medizin und Alchemie. Bis ich schließlich Erzieher dieses Jungen wurde. In guten und in schlechten Zeiten war ich an seiner Seite, in Momenten der Freude und in Momenten der Verzweiflung, der Erniedrigung, der Gefangenschaft. Und glaubt mir: Ich kenne keinen anderen Menschen, der so mutig, edel und mitfühlend ist wie er.« Alle lauschten beeindruckt dem leidenschaftlichen Vortrag des Ambrosinus, der Romulus an diesem Punkt eine Hand auf die Schulter legte und ihn in den Mittelpunkt des Kreises schob, bevor er die Stimme senkte und feierlich fortfuhr: »Romulus, der Augenblick ist gekommen. Ich bitte dich, das Flehen deiner Untertanen in Britannien, die seit Jahren wehrlos ihrem Schicksal ausgeliefert sind, zu erhören; ich bitte dich, weitere Gefahren und Entbehrungen auf dich zu nehmen und ihnen zu Hilfe zu eilen - mit oder ohne Unterstützung dieser Männer.«

Die Umstehenden starrten Ambrosinus mit offenem Mund an, dann blickten sie sich gegenseitig an, als trauten sie ihren Ohren nicht.

»Ich weiß, was ihr denkt, ich lese es in euren Gesichtern«, fuhr Ambrosinus an sie gewandt fort. »Ihr denkt, ich hätte den Verstand verloren, aber ihr irrt euch. Jetzt, wo ihr daran gehindert seid, eure Mission erfolgreich abzuschließen und das versprochene Lösegeld einzustreichen, habt ihr nur zwei Alternativen: Ihr könnt Romulus Augustus seinen Feinden ausliefern und möglicherweise ein noch höheres Lösegeld herausschlagen als das ursprünglich vereinbarte; ihr könnt euren Kaiser verraten und euch damit eines infamen Verbrechens schuldig machen, aber ich weiß, daß ihr das nicht tun werdet. In der kurzen Zeit unseres Zusammenseins hatte ich Gelegenheit, euch kennenzulernen, und dabei habe ich entdeckt, daß Mut, Tapferkeit und Treue, die totgeglaubten Werte eines echten römischen Soldaten, für euch nach wie vor Gültigkeit besitzen.« Ambrosinus räusperte sich kurz, bevor er fortfuhr. »Die andere Möglichkeit wäre, uns die Freiheit zu geben und gehen zu lassen.« Sein Blick richtete sich auf den Knauf des Schwerts, das Aurelius umgehängt hatte. »Dieses Schwert wird unser Talisman sein und unser Führer die alte Prophezeiung, die nur er und ich kennen.«

In der großen Höhle war Stille eingetreten. Alle waren zutiefst beeindruckt von den Worten des weisen Mannes, von der Würde und dem Mut des kleinen Herrschers ohne Reich und ohne Heer.

»Ich komme mit dir, Ambrosinus«, sagte Romulus, »wo immer du mich auch hinführen willst - mit diesem Schwert oder ohne es. Gott wird uns zur Seite stehen.« Mit diesen Worten nahm er seinen Lehrer bei der Hand und schickte sich an, die Höhle zu verlassen.

Aurelius versperrte ihnen den Weg. »Und wie wollt ihr so weit in den Norden hinaufkommen, wenn ich fragen darf?«

»Zu Fuß«, erwiderte Ambrosinus lakonisch.

»Zu Fuß«, wiederholte Aurelius, wie um sicherzugehen, daß er richtig gehört hatte.

»Jawohl.«

»Und wenn ihr mal da seid«, meinte Vatrenus sarkastisch, »vorausgesetzt, ihr kommt je an, wie wollt ihr dann bitte schön diesen grausamen Tyrannen bekämpfen, von dem du vorher gesprochen hast, ihr beide ganz allein, ein alter Mann und ein ...«

»Kind«, vervollständigte Romulus seinen Satz. »Das ist es doch, was du sagen wolltest, nicht? Nun, auch Iulus, der Sohn des Ae-neas, war noch ein Kind, als er das brennende Troja verließ und nach Italien kam. Und doch gründete er die größte Nation aller Zeiten. Ich besitze nichts, was ich euch geben könnte - weder Güter noch Geld, noch Land, das ich euch zur Belohnung schenken könnte. Ich kann euch nur danken für alles, was ihr für mich getan habt. Ich kann euch nur sagen, daß ich euch nie vergessen und immer im Herzen tragen werde, und sollte ich hundert Jahre alt werden ...« Seine Stimme zitterte vor Ergriffenheit. »Du, Aurelius, und du, Vatrenus, und Demetrios, Batiatus, Orosius, und auch du, Livia, ver-geßt auch ihr mich nicht ... Lebt wohl.« Er sah seinen Lehrer an: »Komm, Ambrosinus, wir wollen uns auf den Weg machen.«