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»Ein Drahtzieher? Wenn du einen konkreten Verdacht hast, dann sprich!«

»Antemius vielleicht - gut möglich, daß er die Villa auf Capri kannte, er hatte scheinbar viele Bekannte in Neapel. Auch Stephanus scheint mir ...«

»Stephanus ist ein intelligenter und fähiger Mann, und zudem ausgesprochen praktisch veranlagt. Ich brauche ihn für die Beziehungen zu Zenon«, erwiderte Odoaker trocken, aber Wulfilas Schilderung der Ereignisse hatte ihn doch sehr beeindruckt; sie zeugte vom Mut und der Klugheit unglaublich tüchtiger Männer, die Gewaltiges zu leisten imstande waren. Mit einemmal wurde ihm klar, wie schwierig es sein würde, dieses Land mit der alleinigen Gewalt eines Heeres zu regieren, das von der einheimischen Bevölkerung als fremd, grausam und gewalttätig, mithin barbarisch, empfunden wurde. Er begriff, daß hier nicht Gewalt, sondern Intelligenz vonnöten war, keine Schwerter, sondern Wissen, und daß er inmitten Hunderter von Krieger, die seinen Palast bewachten, anfälliger und verletzlicher war als auf einem Schlachtfeld. Und einen Moment lang fühlte Odoaker sich von einem kleinen, dreizehnjährigen Jungen bedroht, der jetzt frei, beschützt und unauffindbar war. Wider willen mußte er an Romulus Racheschwur neben dem Leichnam seiner Mutter, unten, in der Krypta der Basilika, denken. »Und was sollen wir jetzt deiner Ansicht nach tun?« fragte er Wulfila ärgerlich.

»Ich habe bereits erste Maßnahmen ergriffen«, erwiderte Wulfila. »Unter anderem habe ich den Jungen auf Capri durch einen Doppelgänger ersetzen lassen - er ist genauso alt wie er, sieht ähnlich aus, trägt dieselben Kleider und wohnt am selben Ort, hat aber ausschließlich Umgang mit ein paar von meinen engsten Vertrauten. Alle anderen bekommen ihn nur aus der Ferne zu sehen. Innerhalb kurzer Zeit werde ich die ganze Dienerschaft und sämtliche Wächter ersetzen lassen so daß die Neuen keine Vergleichsmöglichkeit haben und glauben, sie hätten es mit dem richtigen Romulus Au-gustus zu tun.«

»Ein scharfsinniger Plan, den ich dir schwerlich zugetraut hätte. Besser so. Aber jetzt möchte ich wissen, wie du den Jungen und seine Begleiter aufzugreifen gedenkst.«

»Stell mir ein Dekret aus, das mir freie Verfügungsgewalt gibt und die Möglichkeit, ein Kopfgeld auf den Jungen auszusetzen«, erwiderte Wulfila. »Sie können uns nicht entkommen. Eine Karawane wie die ihre fällt früher oder später auf; sie können sich ja nicht ewig verstecken, irgendwann müssen sie sich neuen Proviant beschaffen, eine Unterkunft für die Nacht suchen - die Jahreszeit, in der man unter freiem Himmel schlafen kann, ist vorbei.«

»Aber du weißt ja nicht mal, in welche Richtung sie gezogen sind.«

»Ich vermute nach Norden - die Ostroute ist ihnen nun ja verwehrt, und wo könnten sie sonst hinwollen? Nein, sie werden mit allen Mitteln versuchen, Italien zu verlassen. Und Schiffe fahren jetzt, im Herbst, auch keine mehr.«

Odoaker dachte noch eine Weile schweigend nach, und Wulfila beobachtete ihn dabei, als sähe er ihn zum erstenmaclass="underline" Was für eine Veränderung seit ihrer letzten Begegnung! Odoaker hatte jetzt kurzes, gepflegtes Haar, er war frisch rasiert und trug eine langärmeli-ge Leinendalmatika, die auf dem Rücken mit gold- und silber-durchwirkten Streifen verziert war; seine Füße steckten in feinen Kalbslederstiefeln, die Stickereien aus roter und gelber Wolle sowie Schnürsenkel aus rotem Leder schmückten. Vor seiner Brust baumelte ein Silbermedaillon mit einem goldenen Kreuz, und silbern war auch der Gürtel aus Tausenden von winzigen Kettengliedern. Am Ringfinger der linken Hand prangte ein Ring mit kostbarer Kamee, und wären nicht die rotblonde Körper- und Kopfbehaarung sowie die Sommersprossen auf Gesicht, Nase und Händen gewesen, so hätte er sich in nichts von einem großen römischen Würdenträger unterschieden.

Odoaker, der wohl merkte, wie Wulfila ihn anstarrte, beschloß, der peinlichen Musterung ein Ende zu setzen. »Kaiser Zenon hat mich zum römischen Patrizier ernannt«, stellte er fest, »und das gibt mir das Recht, den Namen Flavius vor meinen eigenen Namen zu setzen; außerdem hat er mich mit einer Generalvollmacht für die Verwaltung dieses Landes und der angrenzenden Regionen ausgestattet. Ich werde dir also die Dekrete geben, die du verlangst, und angesichts der Tatsache, daß dieser Junge nun keinerlei politische Bedeutung mehr für uns hat - zumindest was unsere Beziehungen zum Ostreich betrifft - ist es das Beste, du bringst ihn direkt um. Damit wäre auch die Gefahr von Unruhen im Volk ein für allemal gebannt. Ja, stöbere ihn auf, bring mir seinen Kopf, verbrenne den Rest und zerstreu seine Asche in alle vier Winde. Der einzige Romulus Augustus oder Augustulus, wie ihn seine falschen Höflinge spöttisch nennen, wird der auf Capri sein - immerdar und für alle. Was dich betrifft, so kehrst du erst nach Ausführung meines Befehls wieder zurück. Verfolge diesen Romulus, wenn nötig, bis ans Ende der Welt, und wage nicht, ohne seinen Kopf zurückzukommen, sonst nehme ich mir dafür deinen. Du weißt, daß ich dazu in der Lage bin.«

Wulfila ging mit keinem Wort auf seine Drohung ein. »Mach die Dekrete fertig, ich breche so bald wie möglich auf«, sagte er, wandte sich ab und ging zur Tür, aber auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um. »Was ist eigentlich aus Antemius geworden?« sagte er.

»Warum fragst du?«

»Weil ich gerne begreifen würde, woran ich mit diesem Stephanus bin, der hier in Ravenna auf einmal ein so wichtiger Mann zu sein scheint.«

»Stephanus hat die guten Beziehungen zwischen Ost und West wiederhergestellt«, erwiderte Odoaker. »Außerdem hat er zur Festigung meiner Position in Ravenna beigetragen - eine komplizierte und äußerst heikle Aufgabe, die du noch nicht einmal in Gedanken nachvollziehen könntest. Was Antemius betrifft, so hat er sein verdientes Ende gefunden: Er hat Basiliskos dafür, daß er Romulus beschützt, einen Stützpunkt in der Lagune versprochen, außerdem hat er mit ihm einen Mordplan gegen mich ausgeheckt. Ich habe ihn erdrosseln lassen.«

»Verstehe«, murmelte Wulfila und ging hinaus.

Stephanus traf erst am darauffolgenden Tag in Rimini ein; sein Schiff hatte bei widrigen und sehr gefährlichen Nordostwinden die Adria hinaufsegeln müssen. Ab diesem Augenblick ließ Wulfila ihn tagaus, tagein beschatten, denn er hatte inzwischen einiges erkannt: erstens, daß Stephanus mindestens so versessen auf dieses sagenhafte Schwert war wie er selbst - weshalb, wußte er nicht, es hatte aber sicher etwas mit Macht und Geld zu tun, sonst wäre er nicht bereit gewesen, so viel dafür zu bezahlen - zweitens war ihm klargeworden, daß Stephanus das Netz von Spitzeln geerbt haben mußte, das vorher Antemius unterstanden hatte; und drittens, daß er der fähigste und durchtriebenste Mann war, mit dem er es je zu tun gehabt hatte. Es hier, in Ravenna, mit ihm aufzunehmen, wäre zwecklos gewesen; dies hätte bedeutet, ihn auf eigenem Boden kämpfen zu lassen und aller Wahrscheinlichkeit nach zu verlieren. Da war es schon besser abzuwarten, ob er nicht irgendeinen gewagten Schritt unternahm, wie etwa den, Ravenna zu verlassen. Wenn Wulfila richtig lag, würde das schon sehr bald geschehen; dann aber wollte er sich ihm an die Fersen heften, sicher, irgendeine bedeutende Entdeckung zu machen. Unterdessen waren schon einmal Reiter in alle Richtungen ausgeschwärmt und fragten herum, ob irgendwer eine Karawane aus sechs, sieben Personen mit einem schwarzen Giganten, einem alten Mann und einem Jungen gesehen hätte.

Aurelius und seine kleine Karawane hatten, kaum daß Wulfilas Männer verschwunden waren, die eigenen Spuren verwischt und den Weg in eine verborgene, kleine Schlucht eingeschlagen. Seither hielten sie sich stets ziemlich hoch an den Berghängen, um die umliegende Gegend besser überblicken zu können. Außerdem hatten sie sich in drei Gruppen aufgeteilt, die stets mit zirka einer Meile Entfernung voneinander marschierten. Batiatus ging zu Fuß, zur Tarnung war er mit einem langen Kapuzenmantel angetan, der ihn fast vollständig bedeckte, außerdem war er allein unterwegs, denn inmitten der anderen Reisegefährten wäre er mit seiner imposante Statur noch mehr aufgefallen. Romulus wanderte zusammen mit Aurelius und Livia, so daß die drei wie eine kleine Familie wirkten, die mit ihrem bescheidenen Reisegepäck unterwegs war. Jeder von ihnen trug seine Waffe unter dem Mantel; nur die Schilde waren zu sperrig gewesen und deshalb auf Ambrosinus Maulesel gepackt und unter einer Decke versteckt worden. Er, Ambrosinus, war derjenige, der sich alles ausgedacht hatte, während Livia die Marschroute festgelegt und dabei wieder einmal die Erfahrung eines alten Veteranen bewiesen hatte. Fast überall lag Schnee, allerdings noch nicht so hoch, daß man nicht mehr durchgekommen wäre. Auch die Temperaturen waren noch auszuhalten, und der Himmel war fast immer wolkenbedeckt.