In der ersten Nacht schlugen sie ein notdürftiges Lager auf, indem sie mit ihren Äxten Tannenzweige abhackten und im Schütze eines Felsen eine Art Hütte damit bauten. Feuer entfachten sie erst wieder, als sie ganz sicher waren, den Feind nicht mehr im Rücken zu haben, und auch dann nur tief im Wald, wo die dichte Vegetation sie schützte. Am darauffolgenden Tag war der Himmel klar und die Temperaturen strenger; die vom Meer her kommende, feuchtwarme Luft kondensierte an den ersten Anhöhen des Apennin und bildete einen dichten Nebelvorhang, der sie vollends allen Blicken von unten entzog. Als sie am Abend des zweiten Marschtages den Rand der Poebene erreichten, galt es zu entscheiden, ob man abstieg und die Ebene durchquerte oder aber weiter dem Bergkamm der Apen-ninen folgte, was nach Westen geführt hätte. Letzteres wäre bei weitem der leichtere und möglicherweise auch der bequemere Weg gewesen, doch er beinhaltete den Küstenabschnitt zwischen Ligurien und Gallien, wo sie womöglich auf Garnisonen Odoakers stießen, die nur auf sie warteten. Andererseits konnte nicht ausgeschlossen werden, daß Wulfila sämtliche Gebirgspässe von einem Krieger bewachen ließ, einem der Dutzenden von Männern, die Romulus und seinen Erzieher bestens kannten, weil sie die beiden während einiger Wochen Gefangenschaft auf Capri erlebt hatten. Die Landkarte, die Ambrosinus in der mansio in Fano in kluger Voraussicht abgezeichnet hatte, erwies sich nun als äußerst wertvoll. Mit Einbruch der Nacht versammelte sich die kleine Reisegesellschaft ums Lagerfeuer, um die Marschroute und alles Weitere zu besprechen.
»Ich würde davon abraten, schon jetzt in die Ebene hinabzusteigen und die Emilia-Romagna zu durchqueren«, sagte Ambrosinus. »Wir wären zu nahe an Ravenna und könnten einem von Odoakers Spitzeln in die Arme laufen. Mein Vorschlag wäre, vorerst in den Bergen zu bleiben und auf halber Höhe weiter in Richtung Westen zu ziehen. Auf der Höhe von Piacenza angekommen, müßten wir dann entscheiden, ob wir bis Postumia weiterwandern und von dort nach Gallien absteigen oder aber in nördlicher Richtung auf den Lago Verbano zusteuern und dort dann den Paß nehmen, der die Poebe-ne mit dem westlichen, jetzt von Burgund kontrollierten Raetien verbindet.« Ambrosinus erinnerte sich auch, daß er seinerzeit, bei seiner Ankunft in Italien, nicht weit von dem Gebirgspaß entfernt auf einen einigermaßen gangbaren Weg gestoßen war, der in ein raetisches Dorf nahe der Wasserscheide führte.
»Wenn ihr mich fragt«, schloß er, »sollten wir die erste Möglichkeit ausschließen, denn auf dieser vielbenutzten Route wären wir ständig der Gefahr ausgesetzt, entdeckt zu werden. Der Nordweg ist zwar schwieriger und anstrengender, aber gerade deshalb auch sicherer für uns.«
Aurelius nickte eifrig und mit ihm Batiatus und Vatrenus, was dem alten Ambrosinus nicht entging: Die drei Gefährten wußten nur zu gut, daß der Westweg sie durch Dertona geführt hätte, wo die Felder noch heute mit den verblichenen Knochen ihrer gefallenen Kameraden übersät waren.
XXIII
»So eine lange Reise kostet viel Geld«, sagte Livia, das Schweigen unterbrechend, das sich plötzlich über die kleine Gesellschaft gesenkt hatte. »Und wir haben keines mehr.«
»Stimmt«, nickte Ambrosinus, »Geld für Proviant, für Brückenzölle und Fährleute; und wenn wir erst einmal im Hochgebirge sind, kommen noch andere Ausgaben dazu: Heu für die Pferde und die ein oder andere Unterkunft für uns, wenn es zu kalt ist, um draußen zu übernachten.«
»Es gibt nur eine Möglichkeit«, erwiderte Livia. »Stephanus müßte jetzt in Rimini, in seiner Villa am Meer sein. Er schuldet uns noch den Lohn, seinen Auftrag haben wir ja erfüllt, und selbst wenn er uns nicht die volle Summe bezahlt, eine kleine Unterstützung wird er uns wohl nicht verweigern. Ich kenne die Villa, ich habe dort einmal Antemius getroffen, es dürfte mir nicht schwerfallen, sie wiederzufinden.«
»Ja, aber dürfen wir Stephanus trauen?« fragte Aurelius.
»Ich denke schon«, erwiderte Livia. »Im Grunde ist er nach Fano gekommen, um uns zur Flucht zu verhelfen. Er kämpft ums Überleben wie wir alle und hängt sein Fähnchen nach dem winde. Aber wenn Antemius ihm vertraut hat, so sicher nicht grundlos.«
»Das ist es ja, was mir Sorgen bereitet: Antemius hat uns verraten.«
»Das dachte ich im ersten Moment auch, aber bei längerem Nachdenken bin ich darauf gekommen, daß ihn der Thronwechsel in Konstantinopel in eine katastrophale Lage versetzt haben muß. Vielleicht ist er entdeckt und gefoltert worden ... schwer zu sagen, was wirklich passiert ist. Aber wie auch immer: Ihr riskiert gar nichts. Ich gehe allein zu Stephanus.«
»Kommt nicht in Frage«, erwiderte Aurelius. »Ich begleite dich.«
»Besser nicht«, meinte Livia. »Du wirst hier, bei Romulus, gebraucht. Ich breche vor Sonnenaufgang auf und bin, wenn alles glattgeht, übermorgen abend zurück. Wenn nicht, zieht ihr ohne mich weiter. Irgendwie kommt ihr schon durch - ihr habt schon Schlimmeres überstanden.«
»Bist du sicher, es in so kurzer Zeit zu schaffen?« fragte Ambrosinus.
»Ja. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, bin ich vor Einbruch der Dunkelheit bei Stephanus. Am nächsten Tag breche ich sehr früh auf und verbringe die Nacht schon wieder mit euch.«
Die Gefährten sahen sich ratlos an.
»Wovor habt ihr Angst?« meinte Livia leichthin. »Bevor ich euch kannte, habe ich mich auch alleine durchgeschlagen - außerdem habt ihr mich doch schließlich kämpfen gesehen, oder?«
Ambrosinus hob den Blick von seiner Karte. »Hör zu, Livia«, sagte er, »jede Trennung schafft eine schwierige Situation. Der Wartende, der länger als abgemacht warten muß, stellt die absurdesten Vermutungen an, malt sich mit jeder Stunde, die vergeht, noch schlimmere Szenarien aus, zählt die Schritte des abwesenden Gefährten und berechnet immer wieder aufs neue die Zeit, die er zur Rückkehr benötigt. In den seltensten Fällen liegt er mit seinen Erklärungsversuchen richtig - meistens hat die Verspätung in Wirklichkeit einen ganz anderen Grund als den, den er sich vorstellt. Auf der anderen Seite quält sich aber auch der Abwesende, der aus irgendeinem Grund aufgehalten wird; er denkt: Hätten wir uns bloß ein paar Stunden mehr Zeit gegeben, dann wäre uns viel Sorge erspart geblieben. Machen wir also einen zweiten Treffpunkt aus.
Wenn du übermorgen abend nicht zurück bist, bleiben wir trotzdem über Nacht hier und brechen erst im Morgengrauen auf. Wenn du auch bis dahin noch nicht erschienen bist, gehen wir davon aus, daß du auf irgendein unüberwindliches Hindernis gestoßen bist. Wisse aber, daß wir die Alpen beim Saltus Mesiatum überqueren; du siehst ihn hier eingezeichnet«, sagte er und deutete auf die Karte. »Das kannst du mitnehmen, ich habe den Weg bereits genau im Kopf. Mit Hilfe der Karte kannst du uns auf alle Fälle nachkommen, wenn es dir nicht gelingt, pünktlich zu sein.«
»Gute Idee«, erwiderte Livia. »Dann bereite ich jetzt alles für morgen vor.« Ihr Pferd graste ein paar Schritte entfernt. Livia griff nach seinem Zaumzeug und ging zu ihm.