Aurelius folgte ihr. »In Rimini bist du schon fast daheim«, sagte er. »Ein paar Stunden mit dem Schiff, und du wärst in deiner Lagunenstadt. Was wirst du tun?«
»Ich komme zurück«, erwiderte Livia. »Wie versprochen.«
»Unser Weg führt ins Ungewisse«, antwortete Aurelius. »Wir lassen uns von den Träumen eines greisen Erziehers leiten, folgen einem Kaiser, der fast noch ein Kind ist und zudem von schlimmen Feinden bedroht wird. Ich finde es nicht klug von dir, uns auf dieser Reise begleiten zu wollen. Deine Stadt am Wasser wartet bestimmt schon sehnsüchtig auf dich, und deine Mitbewohner werden sich Sorgen machen, weil du einfach untergetaucht bist. Du hast doch sicher Angehörige, oder?«
Livia starrte reglos auf das Tal hinunter, auf das weiße Nebelmeer, aus dem nur die höchsten Wipfel der Bäume herausragten und ein winziges Dorf, das sich an die Kuppe eines Hügels klammerte. Aus den Schornsteinen der Hütten stiegen, Abendgebeten gleich, dünne Rauchsäulen in den sternenklaren Nachthimmel hinauf; das Bellen der Hunde wurde von der dunstig kalten Luft über der Ebene gedämpft. Seit er Flucht aus der mansio in Fano waren sie und Aureli-us keinen Augenblick lang allein gewesen, was im Grunde beide bedauerten, aber jeder dem anderen in die Schuhe schob. Irgendwie schienen beide zu fürchten, intime Momente wie der beim Abschied in Fano seien unwiederholbar, kein Gefühl könne je wieder so stark sein, sie einander in die Arme zu treiben. Es war, wie wenn man die Sonne an einem nebligen Horizont versinken sieht und sich nicht vorstellen kann, daß sie am nächsten Tag wieder aufgeht.
»Hättest du je gedacht, daß unsere Mission eines Tages diesen Verlauf nimmt?« fragte Aurelius, um Livia zum Sprechen zu bringen.
»Nein«, sagte sie. »Aber was ich denke, ist nicht wichtig.«
»Was ist überhaupt wichtig?«
»Das, was wir hier drinnen spüren«, sagte sie und klopfte sich auf die Brust. »Warum gehst du denn mit dem Kaiser und seinem Lehrer? Warum habt ihr, du und deine Männer, beschlossen, ihnen zu folgen?«
»Weil ich diesen Jungen ins Herz geschlossen habe. Er ist so schutzlos ... die halbe Welt will ihn umbringen und die andere Hälfte wäre zumindest froh, wenn er stirbt. Auf seine jungen Schultern drückt eine immense Last, eine Last, die er unmöglich allein tragen kann ... Vielleicht folge ich ihm auch bloß, weil ich sonst nicht wüßte, was ich anstellen soll.«
»Ach? Und da willst du es Herkules gleichtun, der Atlas die Last des Himmelsgewölbes abgenommen hat?«
»Sarkasmus scheint mir hier fehl am Platze«, erwiderte Aurelius und wandte sich ab.
»Du hast recht«, erwiderte Livia, »verzeih mir. In Wahrheit hadere ich mit mir selbst, weil ich so dumm reingefallen bin, weil ich euch in dieses verrückte Abenteuer hineingezogen habe, ohne euch dafür belohnen oder entschädigen zu können, weil ich uns alle in tödliche Gefahr gebracht habe.« »Und weil du den Kommandostab aus der Hand geben mußtest. Jetzt stehst du nicht mehr über den anderen, sondern mußt ihnen folgen, ohne zu wissen, wohin sie gehen und was dich erwartet.«
»Vielleicht auch deswegen. Ich bin es gewohnt, nach Plan zu handeln; alles Unvorhergesehene ist mir zuwider.«
»Ist das auch der Grund, weshalb du mich meidest?«
»Du meidest mich!« entgegnete Livia.
»Vielleicht ... haben wir Angst vor unseren Gefühlen. Könnte das eine Erklärung sein?«
»Gefühle ... Du weißt nicht, wovon du redest, Soldat. Wie viele Kameraden hast du auf dem Schlachtfeld sterben sehen, wie viele Städte und Dörfer niedergebrannt und dem Erdboden gleichgemacht, wie viele Frauen vergewaltigt? Und du wagst immer noch zu glauben, in dieser Welt sei Platz für diese Art von Gefühlen?«
»Vor nicht allzu langer Zeit warst du da noch anderer Meinung. Wenn du von deiner Stadt erzählt hast, wenn du Romulus auf deinem Pferd an dich gedrückt und mit deinem Mantel gewärmt hast.«
»Das war eine völlig andere Situation - unsere Mission war so gut wie erfüllt; der Junge ging einem Ort entgegen, an dem er mit allem Respekt und Zuvorkommen behandelt worden wäre, ihr hättet euer Geld bekommen und ich auch. Einen Moment lang sah alles ganz rosig aus.«
»War das alles?«
»Nein, ich stand auch kurz davor, den Mann wiederzufinden, den ich seit Jahren suche.«
»Aber dieser Mann hat sich nicht finden lassen, stimmt's?«
»Stimmt - aus Angst, aus Feigheit ... keine Ahnung.«
»Denk, was du willst, Livia. Ich kann nicht in die Rolle eines anderen schlüpfen - ich bin nicht der Held, den du suchst, und auch nicht der Schauspieler, der in der Lage wäre, ihn zu mimen. Ich halte mich für einen einigermaßen tüchtigen Krieger, weiter nichts, und davon gibt es derzeit viele. Du suchst jemanden oder etwas, das du in der Nacht deiner Flucht aus Aquileia verloren hast. Der junge Soldat, der deiner Mutter auf dem Boot seinen Platz angeboten hat, stellt die Wurzel dar, die dir abgerissen wurde, als du noch ein Kind warst. In jener Nacht ist etwas in deinem Innern verwelkt, das bis heute nicht wieder aufblühen konnte. Als du mir begegnet bist, einem Unbekannten, einem verwundeten Legionär, der im Sumpf von Ravenna vor einer Horde Barbaren flüchtete, dachtest du plötzlich, ich sei dieser Soldat, ein Gespenst, aber dem ist nicht so. Es war lediglich die Wiederholung einer ähnlichen Situation, die eine Kette von Assoziationen bei dir ausgelöst hat: der Legionär, die Barbaren, das Boot, der Sumpf ... So etwas kommt vor, Livia, wie in unseren Träumen, verstehst du? Wie in unseren Träumen.«
Er sah ihr in die Augen, sie waren tränennaß, so sehr sie auch versuchte, sich zu beherrschen. »Was hast du erwartet?« fuhr Aurelius fort. »Daß ich dir in deine Lagunenstadt folgen würde? Daß ich dir helfen würde, das untergegangene Aquileia wiederauferstehen zu lassen? Ja, das wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen. Für einen Mann in meiner Lage, für einen, der alles verloren hat, selbst die Erinnerung, ist alles möglich und alles unmöglich. Mir ist nichts geblieben als mein Wort, mein römisches Ehrenwort - etwas total Veraltetes, ich weiß, etwas, das nur noch in den Geschichtsbüchern existiert, und doch ein Rettungsanker für jemanden wie mich, ein Bezugspunkt, wenn du so möchtest. Und dieses Ehrenwort habe ich einem Sterbenden gegeben. Ich habe ihm versprochen, seinen Sohn zu retten, mir eingeredet, daß ich dieses Versprechen bereits mit einem einzigen Versuch einlösen würde, auch wenn er fehlschlug -vergeblich. Meine Worte klingen mir heute noch im Ohr, ich kann mich nicht davon befreien. Deshalb bin ich dir nach Miseno gefolgt, deshalb werde ich nicht von Romulus' Seite weichen, bis er irgendwo in Sicherheit ist - in Britannien, am Ende der Welt, wo auch immer ...«
»Und ich?« fragte Livia. »Was stelle ich für dich dar? Gar nichts?«
»Oh, doch«, erwiderte Aurelius. »Du stellst all das dar, was ich nie werde erlangen können, das ewig Unerreichbare.«
Livia warf ihm einen zornigen Blick zu, aus dem enttäuschte und gekränkte Leidenschaft sprach, ohne jedoch etwas zu sagen. Dann ging sie, um ihren Aufbruch vorzubereiten.
Irgendwann kam Ambrosinus zu ihr, das kleine Pergament mit der Karte in Händen. »Hier«, sagte er und reichte es ihr. »Ich hoffe, du wirst keinen Gebrauch davon machen müssen, und wir sehen dich morgen abend wieder.«
»Das hoffe ich auch«, erwiderte Livia.
»Vielleicht wäre dieser Abstecher gar nicht nötig ...«
»Doch«, erwiderte die junge Frau, »er ist nötig. Stell dir bloß vor, ein Pferd würde lahmen oder einer von uns krank werden, oder wir müßten ein Schiff nehmen. Mit Geld kommen wir viel reibungsloser und schneller voran. Andere um Hilfe bitten zu müssen, würde bedeuten, öffentlich in Erscheinung zu treten und womöglich erkannt zu werden ... Nein, Ambrosinus, keine Angst, ich komme zurück.«
»Dessen bin ich mir sicher. Aber bis zu diesem Moment werden wir alle in Sorge sein. Besonders Aurelius ...«