Livia senkte den Kopf, ohne ihm eine Antwort zu geben.
»Versuch, ein wenig zu schlafen«, sagte Ambrosinus und ging.
Livia erwachte vor Sonnenaufgang, machte das Pferd fertig, nahm ihre Waffen und die Decke und schwang sich in den Sattel.
»Sei vorsichtig, bitte«, hörte sie Aurelius' Stimme hinter sich sagen.
»Ja, sicher, keine Sorge«, erwiderte sie.
Aurelius zog sie zu sich herunter und gab ihr einen Kuß. Livia umschlang ihn einen Moment lang innig, dann richtete sie sich wieder auf. »Paß du auch auf dich auf«, sagte sie, gab ihrem Pferd die Sporen und sprengte davon. Zunächst ritt sie quer durch den Wald, bis sie ins Flußtal des Ariminus kam, dort folgte sie mehrere Stunden dem Wasserlauf, gewiß, daß er sie früher oder später ans Ziel bringen würde. Am Himmel türmten sich neuerlich dicke, schwarze Wolken auf, die der Wind vom Meer herantrieb, und wenig später begann es zu regnen. Livia bedeckte sich, so gut es ging, und ritt einen einsamen Pfad entlang, auf dem ihr nur wenige, eilig vorüberhuschende Menschen begegneten, meist Bauern oder Knechte auf dem Weg zur Arbeit, die wie sie vom schlechten Wetter überrascht worden waren.
Als am späten Nachmittag in der Ferne Rimini vor ihr auftauchte, bog sie nach Süden ab und ließ die Stadt links von sich liegen. Sie konnte die Stadtmauer sehen und ganz weit hinten den oberen Teil des halbverfallenen Amphitheaters. Stephanus' Villa erblickte sie erst nach Überquerung der Via Flaminia, deren Basaltpflaster schwarz im Regen glänzte. Mit den beiden kleinen Türmen rechts und links vom Eingangstor und dem Wehrgang oben auf der Ringmauer, erinnerte sie an eine Festung. Bewaffnete Männer bewachten den Eingang und schritten die Mauer ab. Livia hatte Bedenken, sich am Haupttor zu präsentieren, sie wollte nicht auffallen. Also machte sie einen großen Bogen um das Gebäude und wartete, bis sie aus einem Dienstboteneingang bei den Stallungen einen Knecht heraustreten sah.
»Dein Herr, Stephanus, ist er zu Hause?« fragte sie den Mann, indem sie sich vor ihn stellte.
»Warum willst du das wissen?« fragte der Mann mürrisch. »Geh zum Eingangstor und laß dich anmelden.«
»Wenn er daheim ist, sag ihm, daß der Freund, den er vor zwei Tagen in Fano getroffen hat, hier draußen steht und ihn sprechen möchte.« Mit diesen Worten zog sie eine der letzten Münzen heraus, die ihr noch geblieben waren, und ließ sie dem Mann in die Hand gleiten.
Der Knecht betrachtete die Münze, dann Livia, die vor Regen troff. »Warte er«, meinte er und verschwand wieder im Inneren des Hauses. Wenig später erschien er in aller Eile und sagte nur: »Komm rein, schnell.« Darauf band er selbst ihr Pferd an einem Ring fest, der unter einem Vordach in die Wand eingelassen war, und ging ihr voraus. Ein langer Korridor führte sie tief in die Villa hinein, bis der Knecht sie irgendwann vor einer verschlossenen Tür stehen ließ. Livia klopfte behutsam an, und da wurde die Klinke auch schon heruntergedrückt, und vor ihr stand Stephanus. »Endlich!« rief er aus. »Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, dich noch einmal lebend wiederzusehen. Aber komm doch rein, trockne dich ab, du bist ja völlig durchnäßt.«
Livia betrat einen großen Raum, in dessen Mitte ein behagliches Feuer knisterte. Während sie sich davorstellte, um sich aufzuwärmen, rief Stephanus zwei Mägde herein. »Kümmert euch um meinen Gast«, befahl er ihnen. »Bereitet ihr ein Bad vor und gebt ihr frische Kleider, schnell.«
Livia versuchte, ihn zu bremsen. »Ich habe keine Zeit, ich dachte, es ist besser, wenn ich gleich wieder aufbreche, ich will nichts riskieren.«
»Kommt nicht in Frage. Du bist in einem erbärmlichen Zustand und brauchst dringend ein heißes Bad. Und danach strecken wir beide uns vor einer reich gedeckten Tafel aus. Es gibt viel zu bereden, aber erst mal erzählst du mir ausführlich, was in den letzten Tagen passiert ist und wie ich dir helfen kann.«
Livia fühlte die wohlige Wärme des Feuers im Gesicht und auf den Händen, und spürte auf einmal die ganze Anstrengung der vergangenen Tage auf sich lasten. Ein heißes Bad und ein warmes Plätzchen erschienen ihr in diesem Augenblick als das Paradies auf Erden, und so nickte sie und sagte: »Gut, ich nehme ein Bad und esse etwas, aber dann muß ich weiter.«
Stephanus lächelte. »So ist es recht. Folge den beiden Frauen, sie werden sich deiner annehmen.«
Livia wurde in einen offenen Saal geführt, der mit antiken Mosaiken geschmückt war und nach kostbaren Essenzen duftete. Aus einem großen Marmorbecken, das in den Fußboden eingelassen und randvoll mit heißem Wasser gefüllt war, stieg Dampf auf. Livia entkleidete sich und ließ sich ins Wasser gleiten, nachdem sie unter den erstaunten Blicken der beiden Mägde ihre Waffen - zwei messerscharfe Dolche - am Rand der Wanne abgelegt hatte. Sie reckte die vor Kälte und Müdigkeit steifen Glieder und sog begierig die duftgeschwängerte Luft ein. Diese Erfahrung war völlig neu für sie, noch nie im Leben hatte sie soviel Luxus genossen. Eine der Frauen massierte ihr mit einem Schwamm Schultern und Rücken, die andere wusch ihr sorgfältig das Haar mit parfümiertem Wasser. Irgendwann tauchte Livia ganz in die Wanne ein, schloß die Augen und hatte das Gefühl, sich in dem herrlich warmen Wasser förmlich aufzulösen. Nach dem Bad kleideten die beiden Mägde sie in eine elegante, kunstvoll bestickte phrygische Tunika und steckten ihr weiche Pantoffel an die Füße, während ihr Wams und die lehmverschmierte Lederhose an eine Waschfrau weitergereicht wurden.
Stephanus erwartete sie im Speisesaal und schritt ihr mit breitem Lächeln entgegen: »Unglaublich!« rief er aus. »Was für eine Verwandlung: Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe! Wundervoll!«
Livia war diese ungewohnte Situation etwas peinlich. »Ich bin nicht gekommen, um Komplimente abzuholen«, erwiderte sie deshalb spröde, »sondern das, was wir abgemacht hatten. Es ist nicht meine Schuld, daß die Dinge anders gelaufen sind, als vorhergesehen - ich habe meinen Auftrag erfüllt und muß meine Männer bezahlen.« »Völlig richtig«, erwiderte Stephanus in etwas distanzierterem Ton. »Leider hätte das Geld, das ich dir versprochen hatte, aus Konstantinopel kommen sollen und bei der augenblicklichen Lage, du verstehst ... Aber bitte, setz dich doch erst mal und iß etwas.« Auf einen Wink reichte ihr der Truchseß gerösteten Fisch und Wein.
»Ich brauche Geld«, hakte Livia nach. »Auch wenn es nicht die abgemachte Summe ist, gib mir, soviel du kannst. Diese Männer hatten mein Ehrenwort und haben ihr Leben riskiert. Ich kann sie nicht mit einem Händedruck abspeisen.«
»Das brauchst du auch gar nicht. Du kannst hierbleiben, solange du willst - mir würdest du eine große Freude damit machen und in Sicherheit wärst du auch, denn deine Genossen werden es nicht wagen, dich hier zu suchen ...«
Livia steckte sich ein großes Stück Fisch in den Mund und leerte einen ganzen Becher Wein. »Glaubst du das wirklich?« fragte sie dann. »Du vergißt, daß diese Männer die Steilwand von Capri bezwungen, rund fünfzehn Wächter umgebracht, den Kaiser befreit und halb Italien durchquert haben, obwohl Wulfila Hunderte von Verfolgern auf sie angesetzt hatte. Wenn sie wollten, könnten sie jederzeit hier auftauchen, mitten in diesem Raum.«
»So habe ich es nicht gemeint, nur daß ... ich meine, niemand konnte doch den Lauf der Dinge vorhersehen«, erwiderte Stephanus kleinlaut. »Was habt ihr denn jetzt mit dem Jungen vor?« fragte er dann.
»Ihn in Sicherheit bringen.«
»Wo? In deiner Stadt?«
»Das kann ich dir nicht sagen, wer weiß, ob uns jemand zuhört.«
Stephanus überging ihren Mißtrauensbeweis und sagte: »Du hast recht, man kann nie vorsichtig genug sein. Die Wände haben Ohren hierzulande, besonders in diesen Zeiten.«
»Gut, dann gib mir jetzt eine Antwort. Ich muß spätestens morgen früh wieder aufbrechen.«
»Wieviel brauchst du?«
»Mit zweihundert Solidi wäre mir geholfen. Das ist ein Bruchteil dessen, was wir abgemacht hatten.«