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»Und doch eine beträchtliche Summe. Soviel Geld habe ich im Moment nicht da. Aber ich kann es kommen lassen.« Er rief einen Diener zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf dieser eilig verschwand. »Wenn alles gutgeht, ist das Geld morgen hier. So habe ich wenigstens das Vergnügen, dich heute nacht beherbergen zu dürfen. Bist du sicher, nicht länger bleiben zu wollen?«

»Nein, wie ich dir bereits sagte: Ich muß so schnell wie möglich weiter.«

Stephanus schien es aufzugeben, jedenfalls fuhr er fort zu essen, ohne noch etwas zu erwidern. Irgendwann aber schenkte er sich einen Becher Wein ein und setzte sich vertraulich neben sie. »Es gäbe noch eine Möglichkeit, wie ihr an die ganze Summe kommen könntet ... ja an noch viel, viel mehr.«

»Wie?«

»Einer deiner Männer scheint ein Schwert zu besitzen ... etwas ganz Besonderes ... Der Griff soll die Form eines Adlerkopfs mit ausgebreiteten Schwingen haben. Du weißt, wovon ich spreche, nicht?«

Livia nickte - die Sache abzustreiten, hätte keinen Sinn gehabt, Stephanus schien bestens unterrichtet zu sein.

»Ich kenne jemanden, der eine Riesensumme dafür bezahlen würde. Das könntet ihr bestens gebrauchen, damit wäre alles viel leichter.«

»Ja, bloß ich fürchte, dieses Schwert ist während eines Kampfs verlorengegangen«, log Livia.

Stephanus senkte den Kopf, um seinen Ärger zu verbergen, und drang nicht weiter in sie.

»Was ist aus Antemius geworden?« fragte Livia, das Thema wechselnd.

»Er war es, der mich dringend zu sich rief, um mir zu sagen, daß ihr in Gefahr schwebt, weil sein Plan aufgedeckt worden ist. Er bat mich, euch zu retten; leider kam ich zu spät, aber wenigstens ist euch die Flucht gelungen ... Antemius habe ich seither nicht wiedergesehen, und ich fürchte, auch wenig für ihn tun zu können -vorausgesetzt, er ist überhaupt noch am Leben.«

»Verstehe«, erwiderte Livia.

Stephanus richtete sich auf und legte ihr eine Hand auf die Schulter. »Willst du wirklich wieder in die Berge, in die Wälder zurück und leben wie ein gehetztes Tier? Hör doch auf mich, Livia, du hast bereits getan, was in deiner Macht steht, niemand kann verlangen, daß du noch länger dein Leben für diesen Jungen aufs Spiel setzt. Bleib bei mir, bitte: Ich habe dich immer bewundert, ich ...«

Livia blickte ihn fest an. »Nein, Stephanus, das ist nicht möglich. Ich könnte niemals an einem Ort wie diesem leben, von soviel Luxus umgeben - dazu habe ich zuviel Leid und Elend gesehen.«

»Wo wollt ihr hin?« fragte er. »Vielleicht kann ich euch wenigstens helfen ...«

»Wir haben uns noch nicht entschieden. Und jetzt würde ich mich gerne hinlegen, wenn du nichts dagegen hast. Ich habe schon viele Nächte nicht mehr richtig geschlafen.«

»Wie du möchtest«, erwiderte Stephanus und rief die Mägde, damit sie Livia in ihr Gemach begleiteten.

Livia zog sich aus, während die Frauen die Tonamphore mit Glut und Asche entfernten, die bis zu diesem Augenblick das Bett gewärmt hatte, dann schlüpfte sie unter die Decke. Es war herrlich warm im Bett und roch wundervoll nach Lavendel, aber Livia fand trotzdem keinen Schlaf. Das Unwetter draußen wurde immer heftiger; der Regen trommelte geräuschvoll auf Dach und Außenterrassen; bisweilen drang das grelle Licht eines Blitzes durch die Ritzen der Fensterläden und ließ die Wände violett aufleuchten, und immer wieder schreckte jähes Donnerkrachen sie auf. Sie dachte an ihre Gefährten, die wahrscheinlich irgendwo mitten im finsteren Wald zähneklappernd an einem qualmenden Lagerfeuer kauerten, und konnte kaum die Tränen zurückhalten. Nein, sie würde so früh wie möglich wieder aufbrechen, so bald sie das Geld in Händen hatte.

In dem Saal im Erdgeschoß saß Stephanus gedankenversunken am Feuer und streichelte hin und wieder einen Mastiff, der neben ihm auf einer Strohmatte lag. Livias Schönheit hatte ihn aufgewühlt; die Bewunderung und das Verlangen, die er empfand, seit sie sich an der Lagune zum erstenmal begegnet waren, verwandelten sich in Besessenheit bei dem Gedanken, daß sie nun in seinem Haus war, nur wenige Schritte von seinem eigenen Schlafzimmer entfernt, daß sie vermutlich mit nichts als einem dünnen Nachthemd bekleidet im Bett lag. Doch wie konnte er ein so wildes Geschöpf je zähmen? Der Luxus und die Annehmlichkeiten, mit denen er sie verwöhnt hatte, schienen nicht den geringsten Eindruck auf sie zu machen, ebensowenig die Verheißung einer großen Summe Geldes. Und er war sich sicher, daß sie ihn angelogen hatte, als sie ihm sagte, das Schwert sei verlorengegangen. Ach, dieses Schwert ... er hätte alles darum gegeben, es sehen oder gar anfassen zu dürfen. Es war das Symbol der heißersehnten Macht und einer Art von Kraft, die er stets begehrt und nie besessen hatte.

Plötzlich kam eine der Mägde herein und reichte ihm etwas. »Hier, das habe ich in den Kleidern deines Gasts gefunden«, sagte sie. »Ich wollte nicht, daß es beim Waschen Schaden nimmt.«

Stephanus sah, daß es sich um einen kleinen, zusammengefalteten Zettel aus Pergament handelte. »Gut gemacht«, erwiderte er und faltete den Zettel im Schein der Öllampe, die neben ihm brannte, auseinander. Ein einziger Blick auf die Miniaturlandkarte, und ihm war klar, welchen Weg Livia und ihre Gefährten einschlagen würden. Dann konnte er also doch noch an das wundersame Schwert kommen, und wenn er das erst mal hatte, vielleicht sogar an Livia ... Er drehte sich nach der Magd um, die gerade hinausgehen wollte. »Warte«, sagte er und gab ihr das Pergament zurück. »Tu das wieder dorthin, wo du es gefunden hast.« Die Frau nickte und verschwand.

Stephanus lehnte sich in seinen Sessel zurück, um sich ein wenig Schlaf zu gönnen. In dem großen Saal war jetzt nur das Rauschen des Regens zu hören und das Pfeifen des Windes, der vom Meer kommend riesige Wellen auf den verlassenen Strand zutrieb, wo sie sich donnernd brachen.

XXIV

Livia erwachte im Morgengrauen und fand ihre Kleider, sauber und trocken, auf einem Teppich ausgebreitet vor. Sie mußten die ganze Nacht vor einem Feuer gehangen haben, denn sie fühlten sich beim Anziehen noch ganz warm an. Nachdem sie die beiden Dolche in den Gürtel unter ihrem Wams gesteckt hatte und in ihre Stiefel geschlüpft war, ging sie ins Erdgeschoß hinunter. Stephanus saß noch immer vor dem Feuer, oder besser: Er hing in seinem bequemen Armsessel, einem antiken Möbelstück aus der Antoninischen Kaiserzeit, das zur wertvollen Ausstattung der Villa gehörte. Livias leichter Schritt auf der Treppe weckte ihn, und er drehte sich um und blickte sie aus verquollenen Augen an.

»Du warst nicht im Bett, stimmt's?« sagte die junge Frau.

»Nein, ich habe nur ein bißchen vor dem Feuer gedöst. Bei dem Unwetter hätte ich sowieso nicht schlafen können. Hörst du? Es regnet noch immer in Strömen.«

»Leider«, erwiderte Livia besorgt. Eine Magd brachte ihr eine große Tasse heiße Milch mit Honig.

»Bei dem Regen kannst du unmöglich aufbrechen«, sagte Stephanus. »Sieh nur selbst. Es ist, als hätte der Himmel die Schleusen geöffnet. Wenn du meinen Rat befolgt und deine Gefährten mitgebracht hättest, wärt ihr jetzt alle im Trockenen - und in Sicherheit.«

»Du weißt, daß das nicht wahr ist«, entgegnete Livia. »In der Gruppe wären wir sofort aufgefallen. Außerdem ist dein Haus voller Spitzel, da bin ich mir sicher. In Kürze weiß Odoaker, daß ich hier war, und Wulfila wird es auch erfahren.« »Ich glaube nicht, daß deine Leute hier mehr in Gefahr gewesen wären als dort, wo sie sich jetzt befinden. Und nicht einmal der eifrigste Spitzel wird bei diesem Sauwetter Lust haben, das Haus zu verlassen, um irgend jemandem zu berichten, wen ich hier empfange. Überleg es dir gut, Livia: Wenn du hierbleibst, könnte ich viel für dich tun. Beispielsweise könnte ich bewirken, daß die Unabhängigkeit deiner kleinen Lagunenstadt anerkannt wird - in Ost wie in West. War das nicht immer dein Traum?«

»Ein Traum, den wir mit Waffen verteidigt und mit dem Glauben an die Zukunft aufrechterhalten haben«, erwiderte Livia.