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»Ich sehe schon«, seufzte Stephanus, »du bist nicht von diesem absurden Abenteuer abzubringen, und dafür kann es eigentlich nur eine Erklärung geben, so weh sie mir tut: Du hast dich in diesen Soldaten verliebt.«

»Ich würde lieber über das Geld sprechen, das du mir versprochen hast, Stephanus. Wann trifft es ein?«

»Das kannst du dir selbst ausrechnen. Bei dem Regen ist bestimmt der Fluß über die Ufer getreten und hat zwischen hier und Ravenna alles überschwemmt. Mein Mann dürfte nicht vor morgen früh, bestenfalls heute nacht zurück sein.«

»So lange kann ich nicht warten«, erwiderte Livia trocken.

»Sei doch vernünftig: Es hat keinen Sinn, daß du unter diesen Umständen aufbrichst. Deine Leute warten doch sicher auf dich, oder?«

Livia schüttelte den Kopf. »Nein, nicht länger als abgemacht. Sie können es sich nicht erlauben; du kannst dir denken, warum.«

Stephanus nickte. »Dann bleib hier, ich bitte dich, sie werden das schon verstehen. Du hast schon soviel für sie getan, du hast dein Leben aufs Spiel gesetzt, und dieser Soldat ... er kann dir nichts bieten, Livia. Ich dagegen wäre bereit, alles mit dir zu teilen: Träume, Macht, Reichtum. Überleg es dir, solange du noch Zeit dazu hast.«

»Ich habe es mir bereits überlegt«, antwortete Livia. »Heute nacht, als ich in diesem warmen, duftenden Bett lag, mußte ich an sie denken, wie sie irgendwo im Freien übernachten, in der Eiseskälte, bestenfalls von ein paar Zweigen geschützt, und da habe ich mich ganz elend gefühlt. Nein, mein Platz ist bei ihnen, Stephanus. Wenn das Geld nicht heute morgen eintrifft, breche ich ohne es auf. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muß mein Pferd fertigmachen.«

Sie verließ das Haus über den Korridor, durch den sie es am Vortag betreten hatte, und rannte im strömenden Regen zu den Stallungen hinüber. Ihr Pferd wartete ruhig und geduldig; es hatte reichlich Futter bekommen, war frisch gestriegelt und bestens auf einen anstrengenden Tag vorbereitet. Livia streifte ihm das Zaumzeug über, schob ihm die Kandare zwischen die Zähne und legte ihm den Sattel auf, an dem sie danach noch ihre Decke befestigte. Wenig später gesellte sich Stephanus in Begleitung zweier Diener zu ihr, die ein Wachstuch über ihn hielten, damit er nicht naß wurde.

»Was kann ich für dich tun, wenn ich dich schon nicht dazu bringe, hierzubleiben?« fragte er.

»Wenn du mir wenigstens etwas Geld geben könntest, soviel du eben entbehren kannst, wäre ich dir sehr dankbar«, erwiderte sie. »Du weißt, es ist nicht für mich ...«

Stephanus reichte ihr einen Beutel. »Das ist alles, was ich habe«, sagte er. »Zwanzig, dreißig Solidi, mehr nicht ...«

»Das muß genügen«, antwortete Livia. »Hab Dank. Aber gib es mir wenigstens in kleinen Silbermünzen - ich dürfte kaum Leute antreffen, die mir so große Münzen wechseln können.«

Stephanus ging kurz ins Haus zurück, wechselte das Geld und brachte es Livia wieder heraus, die sich nun zum Gehen anschickte.

»Willst du dich nicht wenigstens anständig von mir verabschieden?« fragte er und versuchte, sie zu küssen, aber Livia wich seinen Lippen aus und reichte ihm die Hand.

»Ein Handschlag scheint mir der passendere Gruß, wie zwischen zwei alten Waffenbrüdern.«

Stephanus versuchte noch, ihre Hand länger als nötig festzuhalten, aber Livia entzog sie ihm. »Ich muß gehen«, sagte sie. »Es ist spät.«

Da befahl Stephanus den beiden Dienern, ihr einen Wachs-tuchumhang und Quersäcke mit Proviant zu reichen. Livia dankte ihm noch einmal, dann kletterte sie auf ihr Pferd und verschwand hinter einer Wand aus Regen. Stephanus ging ins Haus zurück und ließ sich das Frühstück in die große Bibliothek seiner Villa bringen. Auf dem riesigen Eichentisch in der Saalmitte lag ausgebreitet eine Papyrusrolle - eine wertvolle, illustrierte Ausgabe von Strabons Ge-ografia; Stephanus trat näher und betrachtete fasziniert eine herrliche Darstellung des Forum Romanum. Auf einer der Bildtafeln war der Tempel des Mars Ultor mit dem davorstehenden Altar zu sehen, auf einer anderen das Tempelinnere mit einer wundervollen, vielfarbigen Marmorstatue von Cäsar, angetan mit seiner Rüstung; zu seinen Füßen war ein Schwert abgebildet - nicht sehr groß, aber doch groß genug, um die feine Machart zu erkennen, den Griff in Form eines Adlerkopfs mit ausgebreiteten Schwingen. Stephanus starrte lange wie gebannt auf das Blatt, dann rollte er es wieder zusammen und verstaute es in einem Regal.

Livia trottete unterdessen im Schrittempo auf die Stadt zu; sie nahm an, die Brücke an der Via Emilia sei die einzige Möglichkeit, über den Ariminus zu kommen, doch die Straße endete bald in einer Riesenüberschwemmung. In der Ferne konnte man gerade noch die Brüstung der Brücke aus den schäumenden Wassermassen ragen sehen. Verzweiflung überkam sie: Wie konnte sie unter diesen Bedingungen rechtzeitig zu ihren Freunden zurückkehren? Ja, wer sagte ihr, daß diese überhaupt noch am abgemachten Ort auf sie warteten und nicht längst vor dem Wasser hatten fliehen und sich anderswo einen sicheren Unterschlupf suchen müssen? Wenn die sintflutartigen Regenfälle hier unten den Fluß über die Ufer treten und riesige Gebiete hatten überschwemmen lassen, wie mußte es dann erst in den Bergen zugehen, wo zusätzlich die Gefahr von Erdrutschen und Schlammlawinen bestand?

Livia nahm ihren ganzen Mut zusammen und begann, den Fluß hinaufzureiten, in der Hoffnung, weiter oben einen Übergang zu finden, aber ihr Ritt wurde bald zu einem Alptraum. Die Blitze blendeten ihr Pferd, das sich panisch wiehernd aufbäumte, auf dem schlammigen Boden immer wieder zurückrutschte und sich nur mühsam wieder aufrappeln konnte. Livia, die längst abgestiegen war, zerrte es am Zügel hinter sich her. So kämpften sie sich unter unsäglichen Mühen Schritt um Schritt bergauf. Der Weg, den sie am Vortag hinuntergeritten waren, hatte sich in einen reißenden Strom voll spitzer Steine verwandelt, und der Fluß, weiter unten, war nichts als eine Masse schäumenden Schlamms, die donnernd zu Tal stürzte. Gegen Mittag hatten sie gerade mal drei Meilen zurückgelegt, und Livia wurde klar, daß die Nacht sie auf halber Höhe, in völlig ungeschütztem Gebiet überraschen würde, wo es keinerlei Unterschlupfmöglichkeit gab. Nicht genug: Oben, auf den Wipfeln der Bäume, lag bereits Schnee! Nein, diesmal konnte es sie wirklich Kopf und Kragen kosten. Zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie von Panik gepackt, von der Angst, mutterseelenallein irgendwo zu sterben, elend im Schlamm zugrunde zu gehen; sie sah ihren leblosen Körper bereits von den Fluten ins Tal gerissen und dort, im Strudel trüber Wassermassen, gegen kantige Felsbrocken geschleudert. Nein, das durfte nicht geschehen, sie mußte sich zusammennehmen, ihre letzten Kraftreserven anzapfen, um wenigstens so nah wie möglich an das Dorf heranzukommen, das sie am Vortag aus dem Nebel hatte ragen sehen. Livia sichtete es bei Einbruch der Dämmerung, als sich der Regen endgültig in eisigen Schneeregen verwandelt hatte, der ihr messerscharf ins Gesicht schnitt. Sie ließ sich vom schwachen Lichtschimmer der Hütten leiten, die zwischen Waldrand und Viehweiden zerstreut lagen, und kam irgendwann an eine Hängebrücke aus Baumstämmen und Ästen, die über die brodelnden Wassermassen des gelblich schäumenden Sturzbachs führte. Ihr Pferd scheute, und Livia mußte ihm die Augen verbinden, bevor sie es Schritt um Schritt über die entsetzlich schwankende Brücke zerren konnte. Als sie das Dorf endlich erreichte, war es bereits dunkel; mit letzter Kraft schleppte sie sich die holprige Dorfstraße entlang, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrach und in den Schlamm sank. Sie hörte einen Hund bellen und irgendwelche Stimmen, spürte, wie sie aufgehoben und in einen Raum getragen wurde, fühlte die Wärme eines Kaminfeuers. Dann wurde es Nacht um sie.

Aurelius und die anderen Gefährten warteten lange, bevor sie sich entschlossen, das behelfsmäßige Wetterschutzdach, das sie errichtet hatten, zu verlassen. Sie warteten den ganzen Tag und die ganze darauffolgende Nacht, aber dann mußten sie eine Entscheidung treffen. Livia hatte auf ihrem Rückweg bestimmt Hindernisse aller Art angetroffen. »Wenn wir jetzt nicht aufbrechen, werden wir verhungern oder erfrieren«, sagte Ambrosinus mit einem Seitenblick auf Romulus, der in seine Decke gehüllt, blaß vor Müdigkeit und Hunger, auf der Erde hockte. »Wir haben keine andere Wahl.«