»Das denke ich auch«, erwiderte Vatrenus. »Wir müssen los, solange die Beine uns noch tragen. Wir können nicht warten, bis wir gezwungen sind, unsere Pferde zu schlachten, um etwas zu essen zu haben. Außerdem können wir nicht ausschließen, daß Livia in ihre Lagunenstadt zurückgekehrt ist, nachdem sie vergeblich versucht hat, zu uns zu gelangen.«
»Wer würde es ihr verübeln?«, meinte Ambrosinus nachdenklich. »Dies ist nicht mehr ihre Mission, ihre Reise. Sie hat eine Heimat, vielleicht sogar noch Angehörige.« Er sah Aurelius an, als lese er in seinen Gedanken. »Ich glaube, wir werden sie alle sehr vermissen. Sie ist eine großartige Frau, den berühmtesten Heldinnen der Vergangenheit ebenbürtig.«
»Kein Zweifel«, pflichtete Vatrenus ihm bei. »Und einer von uns wird sie noch mehr vermissen als die anderen. Warum gehst du nicht zu ihr, Aurelius? Warum suchst du sie nicht in ihrem Schlupfloch an der Lagune auf, solange noch Zeit dazu ist? Vielleicht wartet sie darauf, vielleicht möchte sie dich zu einer Entscheidung zwingen, die du andernfalls niemals fällen würdest. Den Jungen können wir auch ohne dich beschützen, und früher oder später treiben wir dich schon wieder auf - so viele Städte über dem Wasser wird es ja wohl nicht geben, mir scheint sogar, das ist die einzige. Wenn wir uns wiedertreffen, wird groß gefeiert, und sollten wir uns nicht wiedersehen, scheint mir dies der beste Abschied - ein Abschied unter echten Freunden, die nie vergessen, was sie gemeinsam erlebt haben.«
»Hör auf mit dem Unsinn«, erwiderte Aurelius schroff. »Ich habe euch in diese Sache hineingezogen und kenne meine Pflichten. Und jetzt los! Wir haben einen langen Marsch vor uns und müssen so schnell wie möglich vorwärtskommen - jeder verlorene Tag macht die Überquerung der Alpen nur noch schwerer und gefährlicher.« Mehr sagte er nicht, denn im Grunde war er todunglücklich und hätte alles darum gegeben, die Frau, die er liebte, auch nur einen Augenblick wiedersehen zu dürfen. Romulus wurde, in Decken gewickelt, auf eins der Pferde gesetzt, die anderen gingen zu Fuß. Auf holperigen Pfaden kämpften sie sich durch wilde, völlig einsame Gegenden, während vom Himmel dicke Flocken fielen.
Als Livia viele Stunden später die Augen aufschlug, fand sie sich in einer Hütte wieder, die nur schwach vom Schein einer Talgkerze und vom Feuer der Kochstelle erhellt wurde. Eine Frau und ein Mann undefinierbaren Alters beäugten sie neugierig; als sie sahen, daß sie erwacht war, schöpfte die Frau aus dem Kessel, der an einer Kette über dem Feuer hing, etwas Gemüsesuppe in eine Schale und reichte sie ihr zusammen mit einem Stück steinharten Brots. Es war nicht mehr als eine dünne Rübensuppe, aber Livia fühlte sich allein beim Anblick der dampfenden Schüssel gestärkt. Sie tauchte das Brot ein und begann gierig zu essen.
»Wer bist du?« fragte der Mann nach einer Weile. »Was treibt dich bei diesem Wetter hier herauf? In unser Dorf kommt sonst nie jemand.«
»Ich war mit meiner Familie unterwegs und habe im Unwetter den Anschluß verloren und mich verirrt. Sie warten auf der Lichtung vor dem Paß auf mich. Könnt ihr mich vielleicht dorthin begleiten, damit ich mich nicht noch einmal verlaufe?«
»Zum Paß?« sagte der Mann. »Den Weg gibt es nicht mehr - er ist verschüttet und vom Wasser mitgerissen worden. Außerdem schneit es jetzt, sich nur raus.«
»Gibt es denn keine andere Möglichkeit, dort hinaufzukommen? Ich muß unbedingt zu meinen Angehörigen stoßen - sie machen sich bestimmt große Sorgen und denken womöglich, ich sei tot. Helft mir doch, ich flehe euch an.«
»Das würden wir gerne tun«, sagte die Frau. »Wir sind gottesfürchtige Christenleute, aber es ist wirklich nicht möglich. Unsere beiden Söhne, die gestern versuchen wollten, das Vieh vom Berg zu holen, sind bis jetzt nicht zurück - wahrscheinlich sitzen sie irgendwo fest. Auch wir sind in Sorge, aber wir können nur warten.«
»Dann steige ich ins Tal ab«, sagte Livia. »Irgendwo werde ich sie in den nächsten Tagen schon wieder treffen.«
»Warum wartest du nicht, bis es aufgehört hat zu schneien?« meinte der Mann. »Du kannst noch einen Tag bei uns bleiben, wenn du möchtest. Wir sind arme Leute, aber wir beherbergen dich gerne.«
»Ich danke euch«, erwiderte Livia, »aber es drängt mich wirklich, meine Lieben wiederzufinden. Möge Gott euch vergelten, was ihr für mich getan habt. Lebt wohl und betet für mich.« Mit diesen Worten warf sie sich den Mantel über die Schulter und ging hinaus.
Unter großer Mühe kletterte sie die steilen Berghänge ins Tal hinunter. Stellen, die ihr besonders gefährlich vorkamen tastete sie zuerst selbst mit den Füßen ab, um Stürze und Ausrutscher ihres Pferdes zu vermeiden. Als sie endlich im Tal war, stieg sie auf und ritt einen Weg entlang, der parallel zur Via Emilia verlief, aber etwas höher lag und deshalb nicht überschwemmt war. Während das Pferd langsam vor sich hintrottete, malte sie sich aus, was ihre Gefährten gedacht haben mochten, als sie merkten, daß sie nicht zurückkam, was Aurelius wohl gedacht hatte. Ahnten sie, daß das Wetter sie an der Rückkehr gehindert hatte, oder fühlten sie sich von ihr im Stich gelassen? Und wie konnten sie ihren Weg fortsetzen, ganz ohne Geld und mit dem wenigen Proviant, der ihnen blieb?
Livia ritt drei Tage ohne Rast durch; nachts schlief sie in Heuschobern oder Hütten, die die Bauern in Sommernächten benützten, um ihre Ernte zu bewachen. Sie war zu der Einsicht gelangt, daß die einzige Möglichkeit, ihre Gefährten wiederzutreffen, darin bestand, daß sie ihnen zu irgendeinem Punkt vorauseilte, an dem sie ganz bestimmt vorüberkommen würden, und einen solchen Punkt glaubte sie, auf Ambrosinus Karte ausgemacht zu haben; er war mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnet und konnte eine Brücke oder eine Fähre über den Fluß Trebia bedeuten, jedenfalls irgendeine Art von obligatorischem Übergang, wie ihr schien. Während sie die Marschroute der anderen immer und immer wieder im Kopf überschlagen hatte, war sie schließlich zu der festen Überzeugung gekommen, daß sie Aurelius und die Seinen an dieser Stelle wiedertreffen mußte. Sie selbst würde sie, wenn alles gutging, noch an diesem Abend nach Einbruch der Dämmerung erreichen. Die Sehnsucht nach den Gefährten war so groß, daß sie ihr Pferd ungewollt in Galopp verfallen ließ, und erst als sie merkte, daß es aus dem Rhythmus geriet und immer kürzer und abgehackter atmete, zügel-te sie es und setzte den Ritt im Schrittempo fort, um das Tier zu schonen. In die Dunkelheit der langen Winternacht gehüllt, ritten sie nun langsam durch die nebelige Landschaft mit ihren schwarzen Baumskeletten; hin und wieder zerriß das Heulen eines streunenden Hundes die Stille. Livia hielt erst inne, als sie vor Müdigkeit beinahe vom Pferd kippte: ein schwacher Lichtschimmer - der einzige weit und breit - zog sie an wie einen Nachtfalter. Als sie sich ihm näherte, schlug ein Hund an, aber Livia achtete nicht auf sein wütendes Gebell. Sie war hungrig und am Rande der Erschöpfung; die feuchte Kälte hatte ihre Glieder taub gemacht, jede Bewegung kostete sie Anstrengung und Schmerz. Der erspähte Lichtschimmer kam von einer Laterne, die an einem baufälligen Wirtshaus mit der Aufschrift Ad pontem Trebiae baumelte.
Den Angaben des rostigen Schilds entgegen gab es keine Brücke, bestenfalls eine Fähre, aber das Tosen des Flusses war auch hier laut genug, um zu begreifen, daß es weiter nördlich mit Sicherheit keine andere Möglichkeit gab überzusetzen. Die Luft, die ihr beim Eintreten entgegenschlug, war zum Schneiden. Ein Feuer aus feuchten Pappelzweigen in der Zimmermitte verbreitete mehr Rauch als Wärme. Um einen Tisch aus Schwemmholz saß eine kleine Gruppe Reisender; die Männer löffelten Hirsesuppe und angelten sich von einem Teller in der Tischmitte grüne Saubohnen und Rüben, die sie mit etwas Salz würzten. Der Wirt hockte auf der andern Seite des Raums neben dem Herd, enthäutete noch lebende Frösche und warf sie in einen Korb, wo sie sich unter Zuckungen wanden. Ein abgemagertes, in Lumpen gehülltes Mädchen holte sie einen nach dem anderen heraus, köpfte sie und nahm sie aus, um sie hernach in einem Topf mit siedendem Schweineschmalz zu braten. Livia ließ sich etwas abseits nieder, und als der Wirt zu ihr kam, fragte sie nur, ob er Brot da habe.