»Roggenbrot«, lautete die Antwort.
Livia nickte. »Gut, Roggenbrot für mich und einen Unterstand und etwas Heu für mein Pferd.«
»Wir haben nur Stroh. Und das Pferd kann mit dir im Stall übernachten.«
»In Ordnung. Werft ihm schon mal die Decke über, die an den Sattel gebunden ist.«
Der Wirt befahl dem Mädchen, Brot zu bringen, während er selbst brummend das Pferd versorgen ging. Na ja, immerhin mußte dieser junge Bursche Geld haben, sonst hätte er keine Lederstiefel und erst recht kein Pferd besessen. Kaum vor die Tür getreten, fiel er allerdings aus allen Wolken: Da legte doch tatsächlich eine Gruppe Reiter mit der Seilfähre am Ufer an! Unter wilden Flüchen gingen die Männer nacheinander an Land, in einer Hand die Zügel ihres Pferdes, in der anderen eine Laterne. Kurz darauf übergaben sie ihm die Tiere und verlangten barsch nach Essen. »Fleisch!« brüllten sie, noch bevor er den Mund aufmachen konnte, und flegelten sich an einen Tisch. Der Wirt rief nach seinem Knecht. »Schlachte den Hund«, befahl er ihm leise, »und koch ihnen den, etwas anderes haben wir nicht. Bestimmt merken sie es gar nicht, viehisch wie sie sind. Wenn wir denen nicht geben, was sie verlangen, schlagen sie uns alles kurz und klein.«
Livia beobachtete die Männer aus den Augenwinkeln: Es waren Barbaren, Söldner, die vermutlich im kaiserlichen Heer dienten. Livia fühlte sich sehr unwohl, am liebsten wäre sie sofort gegangen, und wenn sie es nicht tat, so nur, um keinen Verdacht zu erregen. Mühsam würgte sie ihr hartes Brot hinunter und trank ein paar Schluck Wein, der allerdings eher nach Essig schmeckte. Als sie sich schließlich erheben wollte, merkte sie, daß sich einer von den Barbaren vor ihrem Tisch aufgebaut hatte und sie eindringlich musterte. Ihre Hand wanderte instinktiv zu dem Dolch unter ihrem Wams, während sie sich mit der anderen noch etwas Wein einschenkte, um ihre Aufregung zu verbergen. Langsam leerte sie den Becher, dann holte sie tief Luft und stand auf. Glücklicherweise entfernte sich der Barbar ohne ein Wort und ging in die Küche, um noch mehr Wein zu verlangen. Livia bezahlte ihr Abendessen und verließ die Wirtsstube, um sich im Stall neben ihrem Pferd einen Schlafplatz zu suchen. Sie merkte nicht, wie sich der Barbar erneut nach ihr umdrehte und dann einen vielsagenden Blick mit seinem Anführer wechselte, wie um zu sagen: »Das ist sie, was?«, worauf dieser nickte und gleich darauf den Wirt anbrüllte: »He, bringst du uns jetzt endlich den Wein und das Fleisch, oder muß ich dich erst auspeitschen lassen?«
»Noch etwas Geduld, mein Herr«, entgegnete der Wirt untertänig. »Wir haben eigens für euch ein Zicklein geschlachtet, laß uns etwas Zeit, es zuzubereiten.«
Es dauerte noch eine ganze Stunde, bis der Hund gekocht war und, in kleine Stücke zerlegt, mit Marienblatt als Beilage auf den Tisch kam. Die Barbaren warfen die Kräuter weg und machten sich über das Fleisch her, das sie unter dem zufriedenen Blick des Wirts bis auf die Knochen abnagten. Es gab nur einen kritischen Moment, als nämlich der Anführer nach dem Kopf verlangte: »Die Augen sind das Beste. Also, her mit dem Kopf!« Der Wirt erschrak, fing sich aber sofort: »Der Kopf, mein Herr? Oh, wie mir das leid tut -den Kopf und die Innereien haben wir ... dem Hund gegeben.«
Livia, aufgewühlt vom seltsamen Verhalten des Barbaren, lag lange wach und lauschte auf den Lärm in der Wirtsstube, jeden Moment bereit, auf ihr Pferd zu springen und zu fliehen. Aber es geschah nichts, und irgendwann hörte sie, daß die Männer die Schenke verließen und in Richtung Süden weiterzogen. Sie atmete erleichtert auf und machte es sich zum Schlafen bequem, aber der Aufruhr in ihrem Inneren ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Sie sehnte sich nach Aurelius, seiner Stimme, seiner Gegenwart, und machte sich große Sorgen um Romulus - wie ging es ihm, wo war er, was dachte er wohl in diesem Augenblick? Sie vermißte den alten Ambrosinus, der auf alles eine Antwort wußte, seine stoische Gelassenheit, seine eifersüchtige Liebe zu dem Jungen und seinen blinden Glauben an dessen Zukunft, allem zum Trotz. Und die anderen Gefährten fehlten ihr nicht minder: Vatrenus, Batiatus, Orosius und Demetrios, unzertrennlich wie die Dioskuren, ihr Mut, ihre Opferbereitschaft, ihre unglaubliche Seelenstärke. Wie hatte sie sie bloß verlassen können, bloß um ein bißchen Geld aufzutreiben?
Selbst die Erinnerung an ihre Stadt verblaßte in diesem Moment. Livia fühlte nur, daß ihr alles fehlte, was sie zum Leben brauchte, und sie konnte an nichts anderes denken als daran, wie sie die Gefährten wiederfand. Diese fürchterliche Welt, die elende Niedertracht, die sie allenthalben umgab, das quälende Gefühl der Einsamkeit, das sie plötzlich so heftig empfand, und die Gewißheit, daß es äußerst schwierig werden würde, die Freunde wiederzufinden, zwangen sie zu einer raschen Entscheidung. Sie hätte noch, ein, zwei Tage abwarten können, um zu sehen, ob sie nachkamen, wenn sie aber nicht kamen, würde der Abstand zu ihnen zu groß werden und Livia auf dem Weg zum Paß so weit zurückfallen, daß sie womöglich endgültig den Anschluß verlor. Das einzig Kluge war im Grunde das, was bereits Ambrosinus vorgeschlagen hatte: ihnen zum Gebirgspaß vorauszureiten und dort auf sie zu warten. Alles weitere lag in Gottes Hand.
Mit dem ersten Lichtschimmer des anbrechenden Tages stand sie auf, sattelte ihr Pferd und machte sich in aller Stille auf den Weg nach Norden, den auch die Gefährten nehmen mußten, egal, ob sie nun vor oder noch hinter ihr waren. Da sie allein ritt, kam sie rasch vorwärts, und wenn nichts Unvorhergesehenes passierte, würde sie den Alpenpaß bestimmt noch vor Aurelius und seinen Gefährten erreichen. Einen Moment lang kam ihr der Gedanke, die schlechten Bodenverhältnisse oder irgendein Zwischenfall könnte die anderen womöglich gezwungen haben, ihre Route zu ändern - ein Gedanke, bei dem sie ganz mutlos wurde - , aber sie verscheuchte ihn sofort wieder. Gewiß, die Möglichkeit, sich zu verpassen und niemals wieder zu begegnen, bestand, andererseits wußte Livia, daß Ambrosinus seine Entscheidungen nur nach reiflicher Überlegung traf und für gewöhnlich daran festhielt, koste es, was es wolle.
Stephanus war noch am selben Abend davon unterrichtet worden, daß eine Frau, auf welche die Beschreibung Livias zutraf, in der Schenke an der Fähre über die Trebia gesehen worden war. Er hatte sich daraufhin mit einer Eskorte aufgemacht, um ihr in einiger Entfernung unbemerkt zu folgen. Früher oder später würde er sie auf dem Weg nach Raetien einholen und dazu bringen, mit ihm zurückzukehren, dessen war er sich sicher, und auf demselben Wege würde er auch in den Besitz des Schwertes gelangen, das einer von ihren Gefährten bei sich haben mußte. Stephanus hatte den Gesandten Kaiser Zenons von der Wunderwaffe erzählt, und es stand außer Zweifel, daß der »Cäsar des Ostens« ihm jede Summe und jedes nur erdenkliche Privileg anbieten würde, um an das wertvolle Objekt zu kommen, das eine Art Symbol oder Reliquie der ursprünglichen Größe des Römischen Reiches darstellte.
Stephanus war aufgebrochen, sobald sich das Unwetter etwas beruhigt hatte und die überschüssigen Wassermassen der Flüsse ins Meer abgeflossen waren. Es war ihm sogar gelungen, Odoaker unter einem fadenscheinigen Vorwand einen kleinen Söldnertrupp abzuringen. Doch hinter ihm war auch Wulfila aufgebrochen, sicher, daß nur Stephanus ihn auf die Spur seiner Beute bringen konnte. Zwar hatte der Barbar bereits Späher in alle Richtungen ausgesandt, aber eine kleine Reisegesellschaft mit einem schwarzen Riesen, einem alten Mann und einem Jungen hatte niemand gesehen. Als Wulfila jedoch erfuhr, daß Stephanus Vorbereitungen für einen überstürzten Aufbruch traf und daß er sich unter dem Vorwand einer diplomatischen Mission in die Alpenregion von Odoaker einen bewaffneten Begleitschutz hatte geben lassen, ahnte er sofort den wahren Grund.