Er trommelte seine Männer zusammen, rund sechzig Krieger, die vor nichts zurückschreckten, und heftete sich an Stephanus Fersen, fest davon überzeugt, daß sie beide dasselbe Ziel hatten. Sollte sich später herausstellen, daß dem doch nicht so war und er alles auf die falsche Karte gesetzt hatte, so gab es für ihn kein Zurück. Dann mußte er für immer untertauchen, sich in den endlosen Weiten des Kontinents verlieren, denn ein zweites Versagen innerhalb so kurzer Zeit würde Odoaker ihm niemals verzeihen. Aber Wulfila wußte, daß er sich nicht täuschte. Er würde die Fliehenden einholen und ihrer Flucht ein jähes Ende bereiten. Er würde mit dem berühmten Wunderschwert den Jungen köpfen und das Gesicht dieses Römers entstellen, wie dieser das seine entstellt hatte; und dann würde er endlich auch dessen wahre Identität herausfinden, bevor er ihn endgültig über die Klinge springen ließ.
Livia setzte unterdessen die Suche nach Aurelius und den anderen fort, und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, unfreiwillig Führerin jener grausamen Männer zu sein, die ihre Freunde neuerlich in tödliche Gefahr bringen und wie Jagdwild hetzen würden.
XXV
Livia hatte zunächst gehofft, die obligatorische Überquerung des Po's biete ihr eine zweite Gelegenheit, die Gefährten wiederzutreffen, gesetzt den Fall, daß diese die Überfahrt auf einer der wenigen noch funktionstüchtigen Seilfähren wie der an der Trebia geschafft hatten. Die antiken Schiffsbrücken - einst sichere Wege über den Fluß und Verbindungsglieder mit den wichtigsten Verkehrsadern wie der Via Postumia und der Via Emilia - waren im Lauf der letzten Jahrzehnte mit ihrer verheerenden Anarchie und den Unruhen nach der Ermordung Flavius Orestes zerstört, die schwimmenden Kähne von den Uferbewohnern gestohlen und als Fracht- oder Fischerboote verwendet worden.
Auf ähnliche Weise nahm alles, was einst dazu beigetragen hatte, Städte und Völker, Berg- und Landbevölkerung, ja die entlegensten Provinzen des Reichs miteinander zu verbinden, nach und nach Schaden, wurde vernachlässigt, geplündert, aufgegeben. Öffentliche Einrichtungen wie die mansiones entlang der Hauptstraßen, Thermalanstalten, Foren und Basiliken, Aquädukte, ja sogar die Pflastersteine der Straßen wurden demoliert, zerlegt, verkauft oder anderweitig eingesetzt. Alles kam herunter, die Not zwang die Leute, das eigene Land zu plündern, um wenn schon nicht als Gemeinschaft, so wenigstens als Individuen überleben zu können; von gesellschaftlichem Fortschritt konnte man nur noch träumen. Die antiken Denkmäler, die Bronzestatuen, mit denen man den Ruhm der Ahnen und des gemeinsamen Vaterlandes gefeiert hatte, waren längst eingeschmolzen und in Münzen oder alltägliche Gebrauchsartikel verwandelt worden. Und so war das edle Metall, aus dem einst die Bildnisse eines Scipio und Trajanus, eines Augustus und Marcus Aurehus gegossen worden waren, heute Bestandteil des Kochgeschirrs der neuen Herrschaften oder der Münzen, mit denen man die Barbarensöldner bezahlte - wilde Kerle, die allenthalben den Ton angaben.
Armes Land! Selbst die gemeinsame Sprache, das Lateinische, das Dutzende von Völkern miteinander verbunden hatte, wurde - in seiner vornehmen Form - nur noch von Flonoratioren, Rhetoren und Geistlichen gesprochen, während es auf Volksebene in Tausende von Dialekten und Untersprachen zerfiel, in denen einerseits wieder die Sprache der Urbevölkerung durchschlug - also jener Menschen, die Italien vor der römischen Eroberung bewohnt hatten - , in denen sich andererseits aber auch ganz neue, teils auf winzige Gegenden beschränkte Sprachgepflogenheiten durchsetzten, die andernorts niemand verstand; auch dies hatte zur Folge, daß die einzelnen Regionen sich immer mehr isolierten und voneinander abschotteten. Die Städte hatten ihre römische Verwaltung zum Teil beibehalten, viele besaßen immerhin noch ein eigenes Gerichtswesen, manche eine Stadtmauer, die ihnen zumindest erlaubte, sich gegen marodierende Rotten und bewaffnete Banden zur Wehr zu setzen, die landaus, landein ihr Unwesen trieben.
Nicht einmal die ausgedienten Tempel der alten Religion blieben verschont - als Behausungen antiker Dämonen verschrien, wurden sie schon seit langem einer nach dem anderen zerstört und abgerissen. Manchmal überlebten wenigstens ihre Säulen und ihr wertvoller Marmor, indem sie beim Bau christlicher Kirchen wiederverwendet und in neue, nicht weniger prachtvolle Bauwerke eingefügt wurden, wo sie immerhin damit fortfuhren, mit ihrer Schönheit die Gläubigen zu erheben.
Eins stand jedenfalls fest: Das Trennende wurde immer mehr und das Einende immer weniger. Eine Welt fiel zusammen, zerbrach in tausend Scherben, die ziellos auf dem Fluß der Geschichte dahintrieben. Nur die Religion, der christliche Glaube mit seiner Unsterblichkeitsverheißung und dem Versprechen grenzenlosen Glücks im Jenseits, schien noch in der Lage, die Menschen zusammenzuhalten, aber auch dies nur an der Oberfläche. Tatsächlich verbreiteten sich immer neue Irrlehren, die schlimme, oft blutige Auseinandersetzungen nach sich zogen und dafür sorgten, daß im Namen des alleinigen Gottes, der eigentlich Vater der gesamten Menschheit hätte sein sollen, mit Anathemata und Exkommunikationen nur so um sich geworfen wurde. Ein Großteil der Menschen lebte in bitterster Not, einer Not, die ohne den Glauben an ein besseres Leben nach dem - häufig verfrühten - Tode unerträglich gewesen wäre.
Derlei Dinge gingen durch Livias Kopf, während sie durch das große Tal des Nordens ritt, wohl wissend, daß sie einiges riskierte, ganz allein, wie sie war, und mit einem so schönen Pferd, das sowohl als Kampfroß als auch als Fleischreserve sehr viel wert war. Sie war deshalb darauf bedacht, alle Listen und Kniffe anzuwenden, die sie bei unzähligen Fluchten, Überfällen und Hinterhalten zu Lande und zu Wasser gelernt hatte. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, daß sie beschützter war denn je, daß unsichtbare Augen sie Tag und Nacht bewachten und daß jeder Schritt von ihr, jede Richtungsänderung umgehend Stephanus gemeldet wurde, der in sicherer Entfernung hinter ihr herritt und jeden direkten Kontakt peinlich vermied. Wenigstens für den Moment.
Er hatte alles im Griff, so glaubte er. Wie hätte er auch ahnen können, daß er seinerseits verfolgt und ausspioniert wurde, und zwar von Männern, die noch viel gefährlicher waren als seine Söldner?
Livia ging irgendwann dazu über, auf der leicht erhöht verlaufenden Uferböschung des Po's entlang zureiten, denn von dieser konnte man über weite Strecken hinweg das umliegende Land überblicken und war damit viel sicherer als auf einer Straße. Wahrend sie den Blick umherschweifen ließ, überlegte sie sich, daß es für ihre Gefährten eigentlich viel zu gefährlich gewesen wäre, mit der Fähre über den Fluß zu setzen, wie ihr eigenes Erlebnis mit den Barbaren im Wirtshaus Ad pontem Trebiae ja deutlich gezeigt hatte. Andererseits: Wie hätten sie mit Pferden ohne eine Fähre, also ohne Aufsehen zu erregen, über den Fluß kommen sollen? Ob sie die Tiere verkauft und am anderen Ufer neue erworben hatten? Dazu wäre es nötig gewesen, daß Aurelius sich von Juba trennte ...
Ach, es hatte keinen Sinn zu grübeln, im Moment dachte sie besser an sich selbst, und endlich bot sich ihr tatsächlich eine Möglichkeit, nahezu problemlos über den Fluß zu gelangen: Eine halbe Meile vor ihr lag im seichten Wasser ein großer Frachtkahn, mit dem Kies und Sand von einem Ufer ans andere transportiert wurde. Sie handelte einen günstigen Preis für die Überfahrt aus und schaffte ihr Pferd ohne größere Schwierigkeiten an Bord. Langsam begann sie wieder Hoffnung zu schöpfen; das Schlimmste schien überstanden; ab jetzt würde sie mit Sicherheit um einiges schneller reiten können und den Paß mindestens zwei Tage vor ihren Gefährten erreichen, sofern nichts dazwischenkam. Sie steuerte also zielstrebig auf Pavia zu, hielt sich aber in respektvoller Entfernung zu der Stadt selbst, da sie dort eine Garnison Odoakers vermutete. Danach ritt sie zum Lago Verbano weiter, wo sie sich einer Maultierkarawane anschließen konnte, die mit einer Ladung Getreide und drei Wagen Heu ebenfalls auf dem Weg zum Paß war. Das Futter war für die Bauernhöfe im Gebirge gedacht, wo Kühe und Schafe im Stall überwintern mußten. Wie ihr berichtet wurde, trauten sich die Bauern aus Angst vor Überfällen nicht mehr in die Ebene hinunter.