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Die Leute sprachen hier einen ganz anderen Akzent, und auch die Landschaft änderte sich laufend, je höher sie kamen. Sie ließen den blaugrünen, in ein tiefes Tal eingebetteten und von bewaldeten Hängen, saftigen Weiden, Weinbergen, ja sogar Olivenbäumen gesäumten See unter sich und stiegen auf steilen Wegen immer höher hinauf. Zunächst kamen sie noch durch dichte Eichen- und Buchenwälder, später wurde die Vegetation spärlicher und bestand nur noch aus dürren Tannen und Lärchen.

Am vierten Tag trennte Livia sich wieder von der Gruppe und folgte gemäß den Angaben ihrer kleinen Landkarte allein der schneebedeckten Straße, die zum Paß hinaufführte. Die alte Poststation am cursus publicus, nördlich des Dorfes Tarussedum, war noch in Betrieb, aus ihrem Kamin stieg Rauch auf, und Livia war versucht, wenigstens kurz einzukehren, um sich ein wenig aufzuwärmen, doch dann sah sie, daß unter dem Vordach zahlreiche Kampfrösser angebunden waren, denen man dicke Filzdecken aufgelegt hatte, und beschloß, sich doch lieber eine abgelegenere Unterkunft irgendwo in der Höhe zu suchen, von wo aus sie die Straße überblicken konnte. Tatsächlich entdeckte sie auf dem Osthang des Gebirgspasses schon bald ein paar Holzhütten, von denen ebenfalls Rauch aufstieg. Livia nahm an, daß sie Holzfällern gehörten, denn ringsumher waren Holzstämme aufgestapelt, teils noch mit Rinde, teils bereits ohne und der Länge nach gespalten. Sie ging auf eine der Hütten zu und klopfte mehrmals an. Die alte Frau, die ihr schließlich öffnete, trug Filzpantoffeln und ein Kleid aus grober Wolle; ihr Haar war zu einem Zopf geflochten und mit Holznadeln im Nacken aufgesteckt.

»Wer bist du?« fragte die Alte mürrisch. »Was willst du?«

Livia streifte ihre Kapuze zurück und lächelte. »Ich heiße Irene und war mit meinen Brüdern nach Raetien unterwegs. Gestern haben wir uns in einem Schneesturm aus den Augen verloren, aber es war bereits abgemacht, daß wir in einem solchen Fall hier, auf dem Paß, aufeinander warten. Leider ist die Poststation voller Soldaten, ich bin ein Mädchen, ohne Begleitung, du verstehst schon ...«

»Tut mir leid, bei mir kannst du nicht bleiben, und zu essen habe ich auch nichts da«, erwiderte die Frau bereits etwas freundlicher.

»Ich wäre schon mit einem Stück Brot und einem Platz im Stall zufrieden, ich könnte auch dafür bezahlen, und mein Vater und meine Brüder würden sich dir ebenfalls erkenntlich zeigen, sobald sie nachkommen.«

»Und wenn sie nicht nachkommen?«

Livia senkte traurig den Kopf. Ja, was, wenn ihre Gefährten nicht nachkamen, was, wenn sie einen anderen Weg eingeschlagen oder sich verirrt hatten? Die Möglichkeit, sie nie mehr wiederzusehen, bestand durchaus. Die alte Frau schien in ihren Gedanken zu lesen und wurde plötzlich ganz mitfühlend. »Ach, Unsinn«, sagte sie, »wenn du es bis hier rauf geschafft hast, schaffen sie es auch. Und du hast überhaupt recht: Ein Mädchen kann nicht alleine dort unten übernachten, inmitten von so vielen Barbaren. Bist du noch Jungfrau?«

Livia nickte mit einem schwachen Lächeln.

»Das solltest du in deinem Alter aber nicht mehr sein. Ich meine, da sollte man längst verheiratet sein und einen Stall voll Kinder haben, du siehst doch ganz nett aus ... Obwohl die Ehe natürlich auch kein Zuckerschlecken ist. Auf, steh nicht rum, bring deinen Gaul in den Stall und komm rein.«

Livia kam der Aufforderung der Frau dankbar nach. In der Hütte stellte sie sich vors Feuer und rieb sich die Hände, die steif vor Kälte waren.

»Vielleicht könnte ich meinen Mann zum Schlafen in den Stall schicken, und du schläfst bei mir im Bett«, sagte die Frau, die zusehends auftaute. »So wenig wie der ausrichtet ... im Bett, meine ich.«

»Ich danke dir«, erwiderte Livia, »aber ich will euch wirklich keine Unannehmlichkeiten bereiten. Laß mich ruhig im Stall übernachten, ich kann mich anpassen, und außerdem ist es ja nicht für lange.«

»Wie du möchtest ... Dann gebe ich dir einen Strohsack, den du auf der anderen Seite an die Wand der Feuerstelle legst, so hast du es die ganze Nacht über schön warm. Hier wird es nämlich eiskalt, wenn die Sonne erst mal weg ist.«

Ihr Mann, der Holzfäller, kam gegen Abend nach Hause zurück. Er trug seine Axt auf der Schulter, einen Sack Eisenhaken in der Hand und wurde von einem hübschen Hund mit schäfchenweichem, weißem Fell begleitet, der ihm aufs Wort gehorchte und nicht von seiner Seite wich. Der Mann zeigte sich hocherfreut, einen Gast zu haben, und stellte Livia während des Abendbrots einen Haufen Fragen. Er wollte haargenau wissen, was in Pavia, Mailand und am Hof von Ravenna vorging. Der Tatsache, daß er an einem so stark benützten Verkehrsweg wohnte, verdankte er es offensichtlich, bestens über die Ereignisse im Land oder zumindest in der Poebene Bescheid zu wissen. Die beiden Eheleute hießen Ursinus und Agata und hatten keine Kinder. Sie lebten allein in dieser Hütte, solange sie verheiratet waren, vermutlich also mindestens vierzig Jahre. Ursinus wollte unbedingt, daß Livia bei seiner Frau schlief, aber Livia lehnte dankend ab. »Mein Pferd ist unruhig, wenn es mich nicht sieht, und würde uns die ganze Nacht nicht schlafen lassen. Außerdem habe ich Angst, daß es mir gestohlen wird - ein so schönes Pferd, ich hänge sehr an ihm, ohne es wäre ich gestorben.«

Livia richtete es sich also bei den Tieren im Stall ein und schmiegte sich mit dem Rücken behaglich an die Wand, hinter der sich die Feuerstelle befand. Agata gab ihr noch ein paar Wolldecken und wünschte ihr eine gute Nacht. Es war eine herrliche, sternenklare Nacht, wie Livia sie noch nie erlebt hatte; die Milchstraße, die den Himmel überquerte, nahm sich aus wie ein silbernes Diadem auf der Stirn Gottes. Von Müdigkeit übermannt, fiel Livia schließlich in einen unruhigen Halbschlaf. Sie nahm das kleinste Geräusch wahr, das aus dem Tal heraufdrang und hin und wieder erwachte sie ganz und spähte hinunter. Was, wenn sie die Gefährten verpaßte, wenn sie vorüberzogen, solange sie schlief? Dann wäre alle Mühe umsonst gewesen. Nein, sie mußte unbedingt einen Weg finden, dies zu vermeiden.

Am nächsten Morgen sprach sie mit Ursinus, während sie an einem Becher heißer Milch nippte. »Ich habe Angst, meine Brüder könnten vorüberziehen, ohne daß ich es merke. Aber wie soll ich es anstellen, die ganze Nacht wach zu bleiben?«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte Ursinus. »Sie kommen bestimmt bei Tag über den Paß, bei Nacht wäre es viel zu gefährlich.«

»Ich fürchte leider, du irrst dich. Schau, unsere Familie hat Haus und Hof verloren, die Barbaren haben uns alles weggenommen; unsere einzige Hoffnung besteht jetzt darin, uns zu entfernten Verwandten in Raetien durchzuschlagen und diese um Hilfe zu bitten. Aber gerade deshalb könnten meine Brüder die Paßstraße vermeiden wollen, denn hier wimmelt es von Barbarensoldaten ...«

Ursinus betrachtete sie einen Moment lang schweigend, und Livia merkte, daß ihre seltsame Geschichte ihn alles andere als überzeugt hatte. Also unternahm sie einen weiteren Versuch: »Wir sind auf der Flucht«, sagte sie. »Odoaker will uns töten, seine Soldaten jagen uns gnadenlos. Dabei haben wir nichts Böses getan. Wir haben uns lediglich gegen seine Gewaltherrschaft gewehrt, wir wollen unseren alten Prinzipien treu bleiben, das ist alles.«