»Was sind das für Prinzipien?« fragte Ursinus mit einem seltsamen Gesichtsausdruck.
»Die Treue zur Tradition unserer Väter, der Glaube an die Zukunft Roms.«
Ursinus seufzte und sagte: »Ich weiß nicht, ob du mir mit deiner rührseligen Geschichte einen Bären aufbindest, aber mir ist inzwischen klar, daß du sehr auf der Hut sein mußt und deshalb selbst den Leuten mißtraust, die dich bei sich aufgenommen haben. Laß mich dir etwas zeigen, was dir vielleicht mehr Vertrauen in mich schenkt ...« Livia wollte widersprechen, doch Ursinus brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. Er stand auf, öffnete eine Schublade und zog ein kleines Bronzetäfelchen heraus, das er vor ihr auf den Tisch legte. Es handelte sich um eine honesta misso, eine ehrenvolle Entlassung aus dem Militärdienst, ausgestellt auf den Namen Ursinus, Sohn des Sergius, und unterzeichnet von Aetius, dem obersten Befehlshaber des kaiserlichen Heers zu Zeiten Valentinianus III.
»Wie du siehst, liebes Mädchen, war ich früher Soldat«, sagte Ursinus. »Vor vielen Jahren habe ich unter Aetius gegen die Barbaren gekämpft und ihnen auf den Katalaunischen Feldern eine ihrer schwersten Niederlagen beigebracht.« Er sah sie wehmütig an. »An diesem Tag hofften wir alle, unsere Zivilisation gerettet zu haben.«
»Tut mir leid«, entgegnete Livia. »Das konnte ich nicht wissen.«
»Und jetzt raus mit der Wahrheit. Sind es wirklich deine Brüder, auf die du wartest?«
»Nein ... Freunde und Waffenbrüder. Wir versuchen, dieses Land zu verlassen und einen unschuldigen Jungen vor dem sicheren Tod zu retten.«
»Wer ist dieser Junge, kannst du mir das sagen?«
Livia sah ihm in die Augen, und es waren die Augen eines ehrlichen Menschen. »Ich heiße in Wahrheit Livia Prisca«, gestand sie ihm. »Ich habe eine Gruppe römischer Soldaten bei dem Versuch angeführt, Kaiser Romulus Augustus aus der Gefangenschaft zu befreien, und wir haben es geschafft. Wir hätten den Jungen treuen Freunden übergeben sollen, aber wir wurden verraten und sind seither auf der Flucht. Odoakers Männer jagen uns im ganzen Reich. Unsere einzige Hoffnung besteht dann, über die Grenze nach Rae-tien zu kommen und von dort aus weiter nach Gallien, wo Odoaker keinen Einfluß mehr hat.«
»Allmächtiger Gott!« rief Ursinus aus. »Und warum bist du allein? Warum hast du deine Gefährten verlassen?«
»Wir sind durch eine Überschwemmung voneinander getrennt worden, danach habe ich es nicht geschafft, sie wiederzufinden.«
»Und woher weißt du, daß sie hier vorüberkommen?«
»So war es abgemacht.«
»Sonst noch etwas? Berichte mir genau, was sie zu dir gesagt haben, Wort für Wort, das ist sehr wichtig.«
»Zu unserer Gruppe gehört ein alter Mann, der Lehrer des jungen Cäsars, er ist vor vielen Jahren auf dem Weg von Britannien hier durchgekommen. Nach seinen Worten gibt es einen kleinen Pfad, auf dem man über den Berg kommt, ohne die Kontrollposten auf der Hauptstraße passieren zu müssen. Hier, schau«, sagte sie und zeigte ihm Ambrosinus' Landkarte.
»Ja, ich glaube, ich weiß, welchen Pfad du meinst«, erwiderte Ursinus. »Dann gilt es keinen Augenblick mehr zu verlieren. Was meinst du, wieviel Vorsprung du vor den anderen hast?«
»Ich weiß es nicht. Vermutlich einen Tag, vielleicht aber auch zwei oder drei, schwer zu sagen. Wer weiß, auf was für Schwierigkeiten sie unterwegs gestoßen sind. Vielleicht haben sie es sich auch anders überlegt ...«
»Unsinn«, erwiderte Ursinus. »Wenn ihr hier verabredet seid, dann kommen sie auch. Jetzt sag mir bitte, wie viele es sind und wie sie aussehen, damit ich sie erkenne.« »Das ist nicht nötig. Ich gehe mit dir.«
»Du traust mir immer noch nicht, was? Aber du mußt hierbleiben für den Fall, daß sie doch über die Paßstraße kommen. Ganz ist das nicht auszuschließen - der Pfad, von dem du gesprochen hast, ist zugeschneit und schwer zu erkennen. Verstehst du jetzt?«
Livia nickte. »Es sind sechs Männer, einer von ihnen fällt durch seine Größe sofort auf und auch weil er dunkelhäutig ist. Der alte Mann, den ich vorher erwähnte, hat kaum noch Haare auf dem Kopf, aber einen Bart, er ist um die Sechzig, trägt eine Kutte und geht an einem langen Pilgerstab. Dann ist da noch ein dreizehnjähriger Junge. Er ist der Kaiser. Sie haben Pferde und sind bewaffnet.«
»Gut. Dann höre mir zu: Ich steige jetzt dort auf den Berg, und wenn ich sie sehe, schicke ich dir den Hund runter, verstanden? Wenn du ihn kommen und bellen siehst, folge ihm; er bringt dich zu mir. Wenn du sie dagegen siehst, versuche, sie vor dem Paß abzufangen, und verstecke sie im Wald. Ich bringe euch dann rüber, wenn es dunkel ist. Das Zeichen für mich ist weißer Rauch aus dem Kamin - du sagst Agata Bescheid, und die legt dann grüne Äste aufs Feuer.«
»Ja, aber wie hältst du es bei dieser Kälte dort oben aus?«
»Keine Sorge, ich bin an die Temperaturen gewöhnt; außerdem habe ich auf dem Berg einen kleinen Unterschlupf aus Baumstämmen, der mich vor dem Wind schützt. Ich komme schon durch.« Mit diesen Worten machte Ursinus sich auf den Weg, gefolgt von seinem Hund, der freudig mit dem Schwanz wedelte.
»Ursinus!« rief Livia ihm nach.
»Ja?«
»Danke für alles.«
Ursinus lächelte. »Ich tue das nicht nur für dich, sondern auch für mich, mein Kind. Das ist ein bißchen, als würde ich wieder in den Dienst treten und noch einmal jung werden, begreifst du?«
Wenig später sah Livia ihn den verschneiten Berghang auf der anderen Talseite emporsteigen. Es vergingen mehrere Stunden. Irgendwann schien es Livia, als tue sich unten, bei der Poststation etwas, bewaffnete Reiter kamen und gingen, und sie begann bereits, Verdacht zu schöpfen: Was konnte sich in einem Wirtshaus, das um diese Jahreszeit so wenig besucht war, groß ereignen? Doch dann kehrte wieder Ruhe ein. Zwei Wachsoldaten zu Pferde patrouillierten die Straße auf und ab, was nichts Außergewöhnliches war. Während des langen Wartens wurde Livia neuerlich von Zweifeln gepackt: Wie hatte sie sich bloß einbilden können, in einem so riesigen Gebiet, inmitten von Wäldern, Schluchten und labyrinthischen Paßstraßen, eine winzige Gruppe von Reisenden wiederzufinden? Aber während sie noch trüben Gedanken nachhing, schreckte sie plötzlich das Bellen des Hundes auf, den sie bis zu diesem Augenblick mit seinem weißen Fell im Schnee gar nicht gesehen hatte. Sie spähte zu Ursinus hinauf: Ja, er schien sie tatsächlich zu sich heraufzuwinken. Gütiger Himmel! Waren ihre Gebete tatsächlich erhört worden? War dieses Wunder tatsächlich möglich? Livia warf sich rasch den Mantel über die Schulter, verabschiedete sich von Agata und folgte dem Hund auf einem Weg, der sie den Blicken der Männer in der Poststation entzog, hinunter ins Tal und auf der anderen Seite wieder hinauf. Sie war entsetzlich aufgeregt und konnte es noch immer nicht glauben, wagte nicht zu hoffen, daß sie ihre Freunde tatsächlich wiedersehen würde. Was, wenn Ursinus sich getäuscht oder den Hund aus einem anderen Grund zu ihr geschickt hatte? Mit den widersprüchlichsten Gefühlen kämpfend erreichte sie schließlich den alten Holzfäller auf der Bergspitze. Er drehte sich bei ihrer Ankunft gar nicht nach ihr um, sondern hielt den Blick starr ins Tal gerichtet, wo sich in weiter Ferne, auf einem von der Hauptstraße abzweigenden Weg, der sich in Serpentinen emporwandt, etwas bewegte.
»Glaubst du, das könnten sie sein?« fragte er Livia. »Schau selbst, meine Augen sind nicht mehr das, was sie mal waren.«
Livia genügte ein Blick, und ihr Herz blieb fast stehen: Sie waren weit weg und ganz winzig, aber es waren sieben, mit sechs Pferden, einer von ihnen überragte alle anderen, und einer war deutlich kleiner, sie stapften langsam voran und führten ihre Pferde an den Zügeln mit sich. Livia hätte vor Freude schreien, weinen, lauthals nach ihnen rufen mögen, statt dessen mußte sie schweigen und die nahezu unerträgliche Spannung weiter aushalten, mußte weiter warten, leiden und unter Einsatz ihres Leben weiteren, tödlichen Gefahren begegnen. Aber dies alles war nichts gegen die grenzenlose Freude, die Gefährten wenigstens mit den Augen wiedergefunden zu haben.