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Stürmisch schlang sie Ursinus die Arme um den Hals. »Mein guter Freund, das sind sie! Das sind wirklich sie!«

»Was habe ich dir gesagt? Siehst du jetzt, daß deine Bedenken umsonst waren?«

»Ich gehe, mein Pferd holen«, sagte Livia. »Warte hier auf mich, ich bin gleich zurück.«

»Es eilt nicht, mein Kind«, erwiderte der Alte. »Deine Gefährten haben noch einen weiten Weg vor sich, im Gebirge sind die Entfernungen viel größer, als man denkt, da täuscht man sich leicht. Außerdem ändert sich das Wetter«, meinte er mit einem Blick zum Himmel, der sich zusehends bewölkte, »und leider nicht gerade zum Besseren.«

Livia warf einen letzten Blick auf den kleinen Trupp, der sich mühsam den verschneiten Weg heraufkämpfte, dann rannte sie den Hang hinunter.

»Agata«, rief sie, während sie aufgeregt in die kleine Hütte stürzte, »Agata, meine Freunde sind da!« Aber Agata erwiderte nichts, starrte sie nur mit angsterfüllten Augen und aschfahlem Gesicht an.

»Na, das ist aber eine gute Nachricht!« rief hinter ihr eine Stimme -eine Stimme die Livia zusammenzucken ließ und die sie sehr gut kannte, sie gehörte ... Stephanus!

»Die Ärmste ist etwas eingeschüchtert, weil ihr einer von meinen Männern die Spitze seines Schwerts in den Rücken bohrt«, erklärte er überflüssigerweise und trat auf sie zu. »Und jetzt laß dich ansehen, meine Liebe, wir haben uns lange nicht gesehen.«

»Verdammter Schweinehund!« fluchte Livia, indem sie zu ihm herumfuhr. »Das hätte ich mir denken sollen!«

»Fehler, die man bezahlt«, erwiderte Stephanus kalt. »Aber glücklicherweise gibt es für alles einen Ausweg. Man braucht sich nur darauf zu einigen.«

Livia umklammerte krampfhaft den Dolch unter ihrem Wams und hätte ihn am liebsten damit an die Wand genagelt, aber Stephanus schien m ihren Gedanken zu lesen. »Laß dich nicht von deinen Gefühlen hinreißen, Gefühle sind ein schlechter Ratgeber.«

»Wie hast du mich gefunden?« fragte Livia beinahe resigniert.

»Ach, wie naseweis die Frauen doch sind!« bemerkte Stephanus ironisch. »Aber ich will deine Neugier stillen - im Grunde kostet es mich ja nichts. Eine meiner Mägde hat in deinen Kleidern eine Landkarte gefunden, in der deine Marschroute exakt eingezeichnet war. Außerdem hat dich dieses Medaillon verraten, das du immer um den Hals trägst«, Livia umschloß das ihr so heilige Stück schützend mit der Hand, »ein völlig wertloses, aber äußerst seltenes Objekt. Es ist einem meiner Männer in der Schenke an der Fähre über die Trebia aufgefallen. Der gute Kerl hat nicht nur an deinen weichen Bewegungen und an deinen kleinen Mädchenfüßen gemerkt, daß du eine Frau bist, er ist auch auf den groben Klunker da aufmerksam geworden, den ich allen als dein persönliches Erkennungszeichen genannt hatte. Meine Leute hatten Befehl, nichts zu unternehmen, wenn sie einen von euch fanden; sie sollten mich lediglich benachrichtigen, und genau das haben sie getan.

»Was willst du noch?« fragte Livia, ohne ihn anzusehen. »Reicht dir noch nicht, was du uns angetan hast?«

»Das ganze umhegende Gebiet ist von meinen Männern umstellt, außerdem gibt es hier auf dem Paß eine Garnison von vierzig gotischen Söldnern, die meinem Befehl unterstehen und sich schon in Alarmbereitschaft befinden. Deine Männer haben also nicht die geringste Chance zu entkommen, egal, wo sie stecken. Doch ich bin ein ziviler Mensch und will kein Blutvergießen. Ich will etwas anderes, nämlich dich und dieses Schwert - es wird mir mehr Geld einbringen, als ich in einem Leben ausgeben kann, und du wirst diesen Reichtum mit mir teilen. Du wirst sehen, man gewöhnt sich schnell an Luxus und Wohlstand. Diesen ungehobelten Römer hast du bestimmt bald vergessen. Und wenn dir etwas an ihm liegt, solltest du sowieso tun, was ich dir sage.«

»Ich habe es dir schon gesagt: Das Schwert ist verlorengegangen.«

»Lüg nicht, oder ich lasse diese Frau sofort umbringen.« Er hob die Hand.

»Nein, halt«, sagte Livia. »Laß sie in Ruhe. Ich sage dir, was ich weiß. Es ist wahr, das Schwert existiert, aber ich habe meine Leute schon seit Tagen nicht mehr gesehen, und sie könnten es inzwischen wirklich verloren oder verkauft haben.«

»Das werden wir schnell erfahren, du brauchst sie nur danach zu fragen. Du bist meine Unterhändlerin. Ich will dieses Schwert, danach lasse ich alle gehen, auch den Jungen. Alle außer dir, versteht sich. Das ist ein sehr großzügiges Angebot - Odoaker hat angeordnet, euch umzubringen. Also, was antwortest du mir?«

Livia nickte. »In Ordnung. Aber wie kann ich sicher sein, daß du uns nicht trotzdem verrätst?«

»Das ersiehst du erstens daraus, daß ich Wulfila nicht unterrichtet habe. Er sucht ebenfalls nach euch, und wehe, wenn er vor mir hiergewesen wäre«, erwiderte Stephanus. »Dann hätte keiner von euch überlebt. Zweitens sehe ich nicht gern Blut und habe deshalb keinerlei Interesse daran, ein Gemetzel zu veranstalten. Und drittens: Du hast keine andere Wahl, liebe Livia.«

»Gut«, entgegnete die junge Frau zähneknirschend, »dann laß uns gehen. Aber merk dir eins: Wenn du mich belogen hast, bring ich dich um wie einen räudigen Hund. Und bevor du stirbst, wirst du genug Gelegenheit haben, den Tag deiner Geburt zu verfluchen.«

Stephanus verzog keine Miene, sondern sagte nur: »Dann los. Und ihr da kommt mit!« Bei diesen Worten traten rund zwanzig Bewaffnete aus dem Stall neben dem Haus und folgten ihm mit wenigen Schritten Abstand.

»Versuch nicht, mich reinzulegen«, sagte Stephanus zu Livia. »Für den Fall, daß mir etwas geschieht, haben meine Männer Befehl, dich augenblicklich umzubringen und Alarm zu schlagen - deine Leute wären in Kürze von allen Seiten umzingelt und niedergemäht.«

»Laß mich mein Pferd holen, und befiehl deinen Söldnern, sich in etwas Entfernung da drüben am Waldrand zu verstecken. Ich habe jemanden dort oben, den Mann dieser Frau, er könnte Verdacht schöpfen und die anderen alarmieren.«

Stephanus befahl seinen Soldaten, ihnen im Schutz des Waldes zu folgen, der sich bis zu den ersten, schneebedeckten Lichtungen hinaufzog. Livia nahm ihr Pferd am Zügel und stieg mit Stephanus zur Paßstraße hinunter und auf der anderen Seite langsam wieder den Berg hinauf.

»Jetzt bleib du auch ein Stück zurück«, sagte Livia irgendwann zu ihm. »Wir wissen nicht, wie sie reagieren, wenn sie dich neben mir sehen.«

Stephanus verlangsamte den Schritt, während Livia auf Ursinus zustapfte. In diesem Augenblick bogen Aurelius, Vatrenus und die anderen in etwa zwanzig Schritt Entfernung um einen Felsvorsprung.

»Livia!« schrie Romulus, kaum daß er sie sah.

»Romulus!« rief Livia aus, dann wandte sie sich sofort an Aurelius: »Aurelius, hör zu!«, aber sie brachte ihren Satz nicht zu Ende, sah nur, wie sich die freudig überraschten Gesichter ihrer Gefährten in Fratzen der Empörung verwandelten. Und sie sah, wie Aurelius das Schwert aus der Scheide zog und auf sie zustürzte. »Verfluchtes Weib, du hast uns verraten!«

DRITTER TEIL

XXVI

In diesem Augenblick tauchten hinter Livias Rücken Wulfila und seine Krieger auf. In weitem Halbkreis angeordnet, stürmten sie hangabwärts auf Aurelius und die Seinen zu.

Livia drehte sich um, erkannte sie und begriff. »Ich habe euch nicht verraten!« schrie sie. »Ihr müßt mir glauben! Schnell, kommt rauf und steigt auf die Pferde, schnell, schnell!«

»Es ist wahr!« schrie auch Ursinus. »Dieses Mädchen wollte euch helfen. Los, nichts wie zu uns herauf!«

Ohne noch recht zu begreifen, was da los war, und vor allem, was Livia hier oben zu suchen hatte, obendrein in Gesellschaft ihrer erbittertsten Feinde, kämpften Aurelius und die anderen sich das letzte Stück bis zu dem Felsabsatz unterhalb des Gipfels empor, von dem Wulfilas Söldner - gut fünfzig Männer - herabgestürmt kamen, wenn auch sicher nicht so schnell, wie sie gerne gewollt hätten, da ihre Pferde tief im Schnee versanken. »Unten im Tal sind noch mehr«, schrie Ursinus. »Ihr könnt nicht zur Straße runter!«