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»Und dort sind auch Stephanus Soldaten!« rief Livia. »Er hat mich verfolgen lassen, ohne daß ich es gemerkt habe.«

Stephanus war angesichts der Undurchführbarkeit seines Plans inzwischen umgekehrt und wollte zu seinen Söldnern zurück, doch das ließ Livia nicht zu. Sie zog ihren Bogen aus dem Sattelhalfter, spannte einen Pfeil ein, zielte und traf ihn auf hundert Schritt Entfernung mitten in den Rücken. Dann begann sie, auf seine vom Wald heraufkommenden Männer zu schießen, die nun, da ihr Anführer tot war, Hals über Kopf das Weite suchten.

Ursinus deutete auf den Westhang des Berges. »Der einzig mögliche Fluchtweg ist dort«, schrie er. »Vorsicht, er führt an einem Abgrund entlang und ist vielleicht vereist, ihr müßt höllisch aufpassen! Hier lang, schnell, schnell!«

Livia preschte als erste los und führte die kleine Kolonne an, aber Wulfila, der sie von oben beobachtete, ahnte, was sie vorhatte und schickte einen Teil seiner Männer in dieselbe Richtung. »Denkt dran!« brüllte er ihnen nach. »Ich will den Kopf des Jungen und das Schwert, um jeden Preis! Der Soldat dort unten hat es, der mit dem roten Gürtel!«

Vatrenus hatte sich unterdessen Livia angeschlossen, und hinter ihm folgten Aurelius, Batiatus und die anderen. Im Augenblick hatten sie freien Weg, und alle spornten ihre Pferde an, um den gefährlichen Hang, der im Westen mit einer Klippe über dem Abgrund endete, so schnell wie möglich hinter sich zu bringen; auch Ambrosinus, der als letzter kam, drückte seinem Maulesel immer wieder die Absätze in die Flanken. Alle waren bemüht, sich möglichst geradlinig auf halber Höhe zu halten, nur Aurelius trieb Juba noch ein Stück höher hinauf und ritt etwas oberhalb der anderen, um die Lage besser überblicken zu können. Voller Sorge sah er auf den schutzlosen, kleinen Trupp hinunter, als Wulfila und seine Männer nur wenige Schritte von ihm entfernt auch schon über die Bergkuppe gestürmt kamen. Mit gezogenen Schwertern, in eine Wolke aus Pulverschnee gehüllt, ritten sie heulend auf ihn zu.

Wulfila griff sofort an, indem er Aurelius so schwer mit seinem Roß rammte, daß dieser zu Boden stürzte, dann warf er sich auf ihn, worauf sie beide - ein unentwirrbares Knäuel aus Armen und Beinen, die Glieder steif vor Haß und Kälte - den Berg hinunterzupurzeln begannen; in dem Gemenge glitt Aurelius irgendwann das Schwert aus der Scheide und begann vor ihnen den Abhang hinunterzurutschen, während sie selbst durch einen großen, über die Schneedecke hinausragenden Felsbrocken aufgehalten wurden. Die beiden Krieger hielten gegenseitig ihre Handgelenke umklammert und starrten sich keuchend an, als Wulfila plötzlich den erhellenden Geistesblitz hatte, auf den er so lange gewartet hatte: »Endlich erkenne ich dich wieder, Römer!« stieß er hervor. »Lange ist's her, aber du hast dich kaum verändert. Du bist der, der uns die Tore von Aquileia geöffnet hat!«

Aurelius' Gesicht verzog sich zu einer entsetzten Grimasse. »Nein!« brüllte er. »Nein. Neiin!« Und sein Schrei hallte wohl ein dutzendmal von den eisigen Gebirgswänden zurück. Im gleichen Augenblick reagierte er, stemmte mit geradezu übermenschlicher Kraft die Knie gegen die Brust seines Gegners und katapultierte ihn in hohem Bogen nach hinten. Dann rollte er auf die Seite, rappelte sich auf und erblickte wenige Schritte von sich entfernt Ambrosinus, der abgestürzt war und mit allen Mitteln versuchte, nicht an den Rand des Abgrunds zu rutschen. Ihre Blicke kreuzten sich nur einen Moment, aber der genügte Aurelius, um sich darüber klarzuwerden, daß der Alte Wulfilas Worte gehört und richtig gedeutet hatte. Doch jetzt war keine Zeit für quälende Gedanken. Aurelius riß sich zusammen und begann den Berg wieder hinaufzurennen, um seinen weiter oben kämpfenden Freunden zu Hilfe zu eilen. Alle waren in wilde Gefechte verwickelt, er hörte Batiatus brüllen, wenn er einen von den Feinden hoch über den Kopf stemmte und dann den Abhang hinunterschleuderte, und er hörte Vatrenus fluchen, der es, in jeder Hand ein Schwert und bis zu den Knien im Schnee stehend, jeweils mit zwei Gegnern auf einmal aufnahm.

Bereit, sich ebenfalls in den Kampf zu stürzen und womöglich gar den Tod zu suchen, wollte Aurelius sein Schwert zucken, doch zu seinem großen Ärger fand er nur die leere Scheide. Oben, auf dem Berggipfel, tauchte in diesem Augenblick ein weiterer Trupp von Reitern auf - die Goten, die aus dem Tal nachgekommen waren. Um den steilen Abhang besser bewältigen zu können, ritten sie im Zickzack über die Lichtung, lösten damit jedoch eine Lawine aus, die immer größer und schneller werdend den Berg hinunterrutschte und nach und nach alle erfaßte und mitriß: zuerst Vatrenus und Batiatus, die weiter oben kämpften, dann den Rest einschließlich Romulus.

Demetrios und Orosius hatten bis zu diesem Augenblick versucht, ihn mit ihren Schilden vor den feindlichen Pfeilen und Speeren zu schützen, die zu Hunderten auf ihn niederregneten, aber die Lawine erfaßte auch sie und begrub sie unter sich. Selbst die Pferde, die mit ihrer Körpermasse einiges mehr an Widerstand boten, wurden überrollt und mitgerissen.

Wulfila rutschte unterdessen weiter den Hang hinunter. Lange Zeit versuchte er völlig vergeblich, sich dagegen zu wehren, sich mit den Fingern im Schnee festzukrallen, bis ihm die Haut in Fetzen von den Knochen hing, doch im allerletzten Moment - seine Beine baumelten bereits über dem Abgrund - bekam er doch noch eine Felszacke zu greifen. Der endgültige Absturz war freilich nur eine Frage der Zeit, seine Hände wurden in der Kälte immer steifer, bald würden sie seinem Willen, dem Tode zu entkommen und sich über den Rand des Abgrunds emporzuhieven, nicht mehr gehorchen. Er spürte den fatalen Augenblick, in dem er loslassen und ins Nichts fallen würde, bereits ganz nahe, als er, nur wenige Schritte entfernt, auch das sagenhafte Schwert auf den Abgrund zurutschen sah - viel langsamer als zu Beginn, aber doch unaufhörlich. Schon ragte es zu mehr als der Hälfte über die Felsklippe hinaus, drohte jeden Augenblick vornüber zu kippen und ... blieb dann, wie von einer unsichtbaren Hand gebremst, im Schnee liegen. Das Gegengewicht des massiv goldenen Griffs bewahrte es im letzten Moment vor dem Absturz.

Wulfila, der die Szene mit ungeheurer Spannung verfolgt hatte, fühlte schlagartig seine Lebensgeister wiederkehren. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, bäumte sich mit einem tierischen Schrei auf und schaffte es tatsächlich, beide Ellbogen auf die vereiste Felsklippe zu ziehen, danach zuerst das rechte, dann das linke Knie. Jetzt stand er gar auf und ... war gerettet!

Schritt um Schritt näherte er sich behutsam dem Schwert, wohl wissend, daß die geringste Erschütterung, ja schon ein leichter Windstoß, es zum Kippen bringen konnte. Als er es fast erreicht hatte, legte er sich platt auf den Boden, spreizte die Beine, bohrte für einen besseren Halt die Stiefelspitzen in den Schnee und streckte die Hand aus, bis er den Griff der Waffe berühren und schließlich fest umklammern konnte. Dann richtete er sich auf und reckte das herrliche Schwert triumphierend in den grauen Himmel. Sein Siegesschrei durchdrang die Wolken, prallte gegen die eisverkrusteten Berggipfel und hallte noch lange in den waldigen Tälern nach. Wenig später war er den Hang bereits wieder hochgestapft und zu dem Soldatentrupp gestoßen, der die Lawine ausgelöst hatte; einer der Männer trat ihm sofort sein Pferd ab. Das Wetter verschlechterte sich zusehends, und das Tageslicht wurde immer schwächer.

»Es ist fast dunkel«, sagte Wulfila zu seinen Männern. »Wir kehren morgen zurück. Die Pferde haben sie auf alle Fälle verloren, und selbst wenn einer von ihnen überlebt haben sollte, kommt er nicht weit. Sicherheitshalber riegeln wir morgen früh trotzdem sämtliche talwärts führenden Wege nördlich und südlich der Paßstraße ab - es darf uns keiner entwischen. Bei Tageslicht suchen wir dann die Leichen. Ich will den Kopf des Jungen - wer ihn mir als erster bringt, soll reich belohnt werden. So, und jetzt mir nach«, sagte er, worauf der Trupp geschlossen zur Poststation an der Paßstraße abstieg.