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Es begann zu schneien, zunächst nur schwach - kleine, eisige Flocken, die den Soldaten in Gesicht und Hände stachen - , später immer stärker. Bald waren die Krieger im dichten Schneegestöber nur noch schemenhaft zu erkennen, nahmen Sich aus wie Gespenster, die über die blutbefleckte und mit Leichen übersäte Schneedecke des Berghangs ritten. Wulfila erkannte unter den Toten Stephanus; offensichtlich hatte er noch versucht, den Pfeil, der ihm in den Rücken gedrungen war, wieder herauszuziehen - ohne Erfolg. Du hast dein verdientes Ende gefunden, dachte Wulfila und ritt mit gesenktem Kopf, fest in seinen Umhang gehüllt, weiter.

Wenig später betraten sie die mansio, in deren Kamm ein großes Feuer aus Tannenholz prasselte. Die Männer ließen sich auf Bänken nieder, während der Wirt einen Hammel am Spieß briet und Bierkrüge und Brotkörbe auf die Tische stellte. Wulfila war trotz seiner schmerzenden Wunden euphorisch. An seiner Seite baumelte die herrlichste Waffe, die man sich vorstellen konnte, und sein Opfer lag steif wie ein Stockfisch unter einer dicken Schicht Schnee. Morgen würde er ihm den Kopf wie einen Eiszapfen abbrechen.

»Ihr da«, sagte er zu den Soldaten, die ihm gegenübersaßen. »Ich will, daß ihr mit dem ersten Tageslicht ins Flußtal runterklettert und die Brücke absperrt - sie ist der einzige Weg nach Raetien. Und ihr«, er wandte sich an die Männer zu seiner Rechten, »ihr geht die Paßstraße zurück, bis ihr auf einen Weg stoßt, der ebenfalls zu der Brücke führt, aber von Westen kommend - ich gebe euch einen Führer mit, ihr könnt ihn nicht verfehlen. Jetzt zu euch«, sagte er schließlich zu den Männern links von ihm. »Ihr kommt mit mir wieder auf den Berg rauf, die Leichen suchen. Und denkt dran: Hier liegt ein Beutel Silber bereit für den ersten, der den Kadaver des Jungen findet und ihm den Kopf abhaut. So, und jetzt laßt uns fressen und saufen und lustig sein, Männer, denn das Schicksal war uns wohl gesonnen!« Mit diesen Worten hob er den randvollen Becher und genoß den dröhnenden Beifall seiner Soldaten, die im Siegesrausch wahre Unmengen von Bier hinunterstürzten und bald jeden Schluck mit einem lauten Rülpser begleiteten.

Unter großer Anstrengung gelang es Juba, wieder auf die Beine zu kommen; er schüttelte sich den Schnee ab, stieß eine Dampfwolke aus den mit Reif belegten Nüstern, schnaubte und wieherte dann laut nach seinem Herrn, aber der Ort war völlig verlassen, Dunkelheit und Abendstille senkten sich über das weite, von der Lawine überrollte Feld. Juba machte sich daran, es langsam abzusuchen, wobei er immer wieder schnaubte und wieherte, bis er plötzlich stehenblieb und sacht mit den Hufen im Schnee zu scharren begann. Irgendwann kam tatsächlich Aurelius Rücken zum Vorschein, dann auch sein Hals; Juba schlug aufgeregt mit dem Schweif und blies aus den Nüstern behutsam warme Luft auf den Nacken seines halb ohnmächtigen Herrn. Die angenehme Wärme flößte dem völlig unterkühlten Aurelius neue Lebenskraft ein. Irgendwie schaffte er es, Hände und Ellbogen aufzustützen, dann die Knie ranzuziehen und sich schließlich mühsam vor Juba aufzurichten, der seine Anstrengungen mit leisem, beifälligem Wiehern begleitete. Als er stand, schlang er die Arme um den Hals des Pferdes und sagte: »Brav, Juba, brav, du bist ein braver Kerl, ich weiß. Und jetzt müssen wir noch die anderen aus dem Schnee ziehen, los, hilf mir.« In diesem Moment tauchte, wenige Meter entfernt, Ambrosinus Maulesel wie aus dem Nichts vor ihnen auf; er hatte sogar noch die Schilde an seinem Sattel befestigt. Aurelius band einen von ihnen los und begann damit im Schnee zu graben. Wenig später stieß er auf Vatrenus Brust, wie ein schmerzlicher Aufschrei verriet.

»Bist du noch ganz?« fragte Aurelius.

»Ich glaube ja«, brummte Vatrenus, »aber hör' auf, mir mit diesem Ding auf dem Leib herumzuhacken.«

Auf der anderen, zur Straße hin gelegenen Hangseite ertönte plötzlich ein Winseln; kurz darauf kam Ursinus mit seinem Hund herangeschnauft. Er stellte sich den beiden Soldaten vor und sagte: »Livia hat mir von euch erzählt - ich bin der, der sie beherbergt hat. Wenn ihr wollt, kann ich euch helfen. Mein Hund ist darauf abgerichtet, Leute unter Lawinen aufzuspüren. Wir haben nicht viel Zeit, wenn die Nacht hereinbricht, ist es aus.«

»Ja, wir wären dir für deine Hilfe sehr dankbar«, erwiderte Aurelius.

Der Mann nickte und schickte seinen Hund los. »Auf, Argos, such«, sagte er, »such unsere Freunde, komm schon ... Er heißt Argos«, fügte er an Aurelius gewandt hinzu, der mit seinem Schild bereits weitergrub. »Argos - wie der Hund des Odysseus - , schöner Name, nicht?«

»Und ob«, erwiderte Vatrenus, »ein sehr schöner Name. Hoffen wir, daß er auch eine gute Nase hat.«

Aber der Hund hatte bereits etwas gewittert und scharrte mit den Pfoten aufgeregt im Schnee.

»Grabt dort, schnell!« befahl Ursinus. Aurelius und Vatrenus gehorchten und zogen wenig später Ambrosinus aus dem Schnee; er war ganz blau angelaufen und halb erfroren.

»Hilfe! Helft uns, schnell!« schrie es da plötzlich von rechts. Aurelius tastete sich vorsichtig, aber so schnell es ging, quer über den Hang. Beim Anblick der Felsklippe wenige Schritte entfernt, bot sich ihm ein Bild, bei dem sein Herz stockte: Orosius baumelte, verzweifelt an einen über die Klippe hinausragenden Fichtenstamm geklammert, über dem Abgrund; Demetrios umklammerte sein Messer, das im Eis steckte, und Livia rutschte auf seinem Rücken langsam nach unten, bis Orosius statt des Baumstamms ihre Beine packen und sich daran festhalten konnte. Nun begann Livia, sich wieder hochzuziehen, indem sie eine Art Klimmzug an Demetrios Gürtel vollführte. Demetrios Finger spannten sich unterdessen krampfhaft um den Griff des Messers, doch Aurelius begriff, daß die Klinge jeden Augenblick brechen konnte. Ohne lange zu zögern, stieß er auch sein Messer so tief es ging ins Eis, hielt sich mit einer Hand daran fest und streckte die andere nach Demetrios aus, der sein eigenes Messer auf diese Weise etwas entlasten, sich ein weiteres Stück hochziehen und das Messer dann neu verankern konnte, indem er es an einer anderen Stelle ins Eis bohrte. Mit vereinten Kräften schafften sie es schließlich, Livia und Orosius immer weiter von der Klippe wegzuziehen und sich in Sicherheit zu bringen.

»Was ist mit Batiatus?« fragte Aurelius, der noch immer vor Anstrengung keuchte.

»Als ich ihn das letzte Mal sah, rollte er mit zwei von Wulfilas Männern den Abhang runter, vielleicht waren es auch drei, so genau konnte ich das nicht unterscheiden«, erwiderte Demetrios. »Er kommt schon zurück, du wirst sehen.«

»Wenn sie ihn nicht umgebracht haben«, meinte Aurelius.

»Wenn sie ihn nicht umgebracht haben«, wiederholte Demetrios. »Aber ich bezweifle, daß sie das geschafft haben.«

In diesem Moment ertönte ganz in der Nähe eine Art Grunzen, und vor Livia baute sich plötzlich einer der feindlichen Barbaren auf, doch es kostete sie nicht viel, mit ihm fertigzuwerden: ein Tritt ins Gesicht, und schon rollte er den Abhang hinunter auf die Felsklippe zu.

»Wo ist Romulus?« fragte sie gleich darauf, da sie den Jungen nirgends sah, doch im selben Moment meldete Ambrosinus sich mit erschrockener Stimme. »Schnell, hierher!« schrie er. »Um Gottes willen, kommt, kommt schnell!« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als auf dem Osthang plötzlich Batiatus erschien und herbeirannte, so schnell er konnte. »Was ist los?« fragte er noch völlig außer Atem.

»Ich glaube, sie haben den Jungen gefunden«, sagte Aurelius, doch seine Stimme klang alles andere als froh.

Sie rannten zu der Stelle, wo sie Ursinus Hund winseln hörten, und sahen Vatrenus, der den leblosen Körper des Jungen vom Boden aufhob. Das vom eisigen Wind gepeitschte Gesicht des Veteranen war eine steinerne Maske. Livia berührte die blauen, eiskalten Arme des Jungen und brach in Tränen aus. »Oh, mein Gott, nein! Nein!«