Aurelius trat hinzu und sah Vatrenus mit fragenden Augen an.
»Er ist tot«, antwortete der Gefährte. »Seine Herzschläge sind nicht mehr zu fühlen, weder am Handgelenk, noch am Hals.« Alle sahen sich zutiefst betroffen an. Batiatus weinte und wischte sich die Tränen mit der Hand ab, die noch das Schwert hielt. Nur Ambrosinus schien inmitten der allgemeinen Verzweiflung die Fassung zu bewahren. »Wir müssen einen Unterstand finden, schnell«, sagte er, das Kommando des elenden, kleinen Häufchens übernehmend, und er mußte schreien, um das Pfeifen des Sturmes zu übertönen. »Wir dürfen keinen Augenblick länger auf diesem Hang bleiben. Wenn die Nacht uns hier überrascht, sind wir verloren.«
»Dann folgt mir«, sagte Ursinus. »Ich weiß einen Ort, nicht weit von hier. Aber ihr müßt dicht zusammenbleiben, im Schneesturm verliert man sich leicht.« Mit diesen Worten begann er den Berg auf halber Höhe zu umrunden, bis sie auf der Nordseite zu einer Felsplatte kamen, die aus der Bergwand herausragte und von einer Palisade aus Tannenstämmen gestützt wurde, so daß ein nach drei Seiten geschützter Unterschlupf entstand. Ursinus betrat ihn als erster, die anderen folgten ihm. Auf der Erde lag eine dicke Schicht trockener Blätter und Fichtenzweige, die Palisade war von innen mit gegerbten Ziegenfellen verkleidet. »Hier bringe ich meine Ziegen zum Gebären her«, erklärte Ursinus. »Mehr kann ich euch leider nicht bieten.«
Vatrenus legte den Körper des Jungen auf den Boden, und Livia kamen neuerlich die Tränen. Den Kopf an die Wand gelehnt, weinte sie still vor sich hin. Ambrosinus schien nichts um sich herum wahrzunehmen; unvergessene Bilder zogen an seinem inneren Auge vorüber: ein Wald im Apennin, ein Zelt, ein sterbendes Kind in seinem Bettchen, eine weinende Frau, vom Schmerz gebrochen und doch voll königlicher Würde ... Nein, er würde nicht aufgeben, niemals. Er streichelte den Jungen lange, dann begann er, ihn behutsam zu entkleiden.
»Was tust du da?« fragte Aurelius.
Ambrosinus legte eine Hand auf die nackte Brust des Jungen und schloß die Augen. »Ein schwacher Lebensfunke ist noch in ihm«, sagte er. »Wir müssen ihn nähren.«
Aurelius schüttelte ungläubig den Kopf. »Er ist tot, siehst du das nicht? Er ist tot.«
»Er kann nicht tot sein«, erwiderte Ambrosinus ruhig-»Prophezeiungen lügen nicht.«
Es war inzwischen völlig dunkel geworden, und die einzige Antwort auf seine Worte war das scharfe Pfeifen des Windes, der gegen den Berg anbrauste. Als der Junge bis zur Gürtellinie entkleidet war, bettete Ambrosinus ihn wieder auf die Blätter am Boden, von denen sein weißer Körper in der Finsternis abstach, als strahle ein geheimnisvolles Licht von ihm aus. Ambrosinus hob den Kopf und sah Batiatus an: »Du gibst am meisten Wärme ab«, sagte er, »in dir steckt die Glut Afrikas. Entblöße deinen Oberkörper und umarme den Jungen, drück ihn fest an dich und sorge dafür, daß dein Herz gegen seines schlägt. Ich versuche unterdessen, ein Feuer zu entfachen.«
Batiatus tat, wie ihm geheißen, legte sich neben den leblosen Jungen und preßte sich an ihn. Livia warf zusätzlich eine Decke über sie. Aurelius und Vatrenus standen dabei und schüttelten nur traurig die Köpfe.
Ambrosinus kratzte im Dunkeln trockene Flechten von den Wänden, bis er so viel beisammen hatte, daß er ein kleines Häufchen damit bilden konnte. Darüber streute er etwas trockenes Laub, dann kramte er die Feuersteine aus seinem Quersack und begann sie aneinanderzureihen. Jede einzelne seiner Bewegungen verriet langjährige Erfahrung. Große Funken sprühten auf den kleinen Scheiterhaufen, bis endlich ein winziger roter Punkt mehr zu erahnen als zu erkennen war. Ambrosinus kniete sich augenblicklich nieder und begann, sachte zu blasen. Die Umstehenden beobachteten ihn verblüfft, sie konnten sich sein seltsames Tun nicht erklären. Aber der winzige rote Punkt begann sich allmählich auszubreiten, und der Alte blies unentwegt weiter, als gelte es, das fast erloschene Leben des Jungen durch seinen Atem wieder anzufachen.
Und dann flackerte in der Finsternis plötzlich ein Flämmchen auf, es war zunächst kaum wahrzunehmen, wurde aber sehr rasch größer, genährt von den Flechten, die nach und nach Feuer fingen. Ambrosinus hörte auch jetzt nicht auf zu blasen, legte das ein oder andere Stück trockene Moos dazu, einzelne Blätter, ein dürres Ästchen, bis aus dem Flämmchen schließlich Feuer wurde und Licht, das Zoll um Zoll die Finsternis der elenden Unterkunft besiegte, Licht, das die dichtgedrängten Körper der Umstehenden beleuchtete, die ekstatisch geweitete Pupillen Ambrosinus und das breite Gesicht des äthiopischen Riesen, dem dicke Tränen über die Wangen kullerten - es waren Freudentränen.
»Er atmet«, sagte er.
Ambrosinus sah sich mit den verstörten Augen eines Menschen um, der mitten in der Nacht aus einem entsetzlichen Alptraum erwacht ist.
Alle umringten Romulus, jeder wollte ihn zuerst umarmen, an sich drücken, aber Ambrosinus mahnte sie zur Vorsicht: »Gemach, gemach, ihr müßt behutsam mit dem Jungen umgehen, er ist noch sehr schwach und muß erst wieder zu Atmen kommen und Kräfte sammeln.« Ursinus ging hinaus, um noch mehr dürre Äste von den Bäumen abzureißen und auf das Feuer zu legen, dann verhängte er zum Schutz vor Wind und Kälte auch den Eingang mit Fellen. Tatsächlich begann sich in dem engen Unterstand nach und nach etwas Wärme auszubreiten; Romulus setzte sich auf und streckte die steifen Hände nach dem Feuer aus.
Ambrosinus deutete auf Batiatus und sagte: »Er hat dich ins Leben zurückgeholt.« Romulus erhob sich und umarmte den Äthiopier, und auch Batiatus umarmte ihn, wenngleich sehr behutsam, um ihn nicht zu erdrücken. »Ich gehe raus und lege Juba eine Decke auf«, sagte Aurelius. »Er ist das einzige Pferd, das uns geblieben ist - der Maulesel dürfte uns nicht viel nützen. Heute nacht wird es sehr kalt werden.«
Ambrosinus, der sehr wohl die Traurigkeit wahrnahm, die inmitten all der Freude aus Aurelius Augen sprach, wartete eine Weile und warf sich dann ebenfalls den Mantel über die Schulter. »Ich gehe auch nach meinem Tier sehen«, sagte er und trat hinaus.
Aurelius stand neben seinem Pferd und schien ins Tal, zum Fluß hinunterzublicken. Ambrosinus Stimme riß ihn aus den Gedanken. »Zwei Wahrheiten, zwei unterschiedliche, komplett widersprüchliche Aussagen zu deiner Vergangenheit - die Livias und die Wulfilas ... welcher soll man glauben?«
Aurelius drehte sich nicht um, wickelte sich nur noch fester in seinen Mantel, als wäre die Kälte ihm bis tief in die Seele gedrungen. »Warum sagst du es mir nicht, wo du doch beide kennst?«
»Du verlangst zuviel von einem armen, alten Lehrer. Ich weiß, Aurelius, es ist nicht leicht, sich plötzlich mit Dingen auseinandersetzen zu müssen, die überraschend ans Licht gekommen sind, zumal wenn sie, wie in diesem Fall, das Gewissen schwer belasten ...«
Aurelius schwieg.
»Es ist nicht leicht«, fuhr Ambrosinus fort, »aber immer noch besser, als wenn sie ewig im verborgenen bleiben und uns langsam von innen auffressen, ohne daß wir das geringste dagegen tun können. Abgesehen davon besteht jederzeit die Gefahr, daß sie uns unerwartet überfallen. Du weißt jetzt wenigstens, woran du bist.«
»Ich weiß überhaupt nichts.«
»Das ist unmöglich. Du mußt dich an etwas erinnern.«
Aurelius seufzte. Er hatte ein großes Bedürfnis zu sprechen, sich jemandem anzuvertrauen, in der Hoffnung, endlich die schwere Last loszuwerden, die sein Herz bedrückte. »Nur einzelne Erinnerungsfetzen«, sagte er, »ein ständig wiederkehrender Alptraum ...«
»Was ist das für ein Alptraum?« hakte Ambrosinus nach.
Aurelius Stimme begann zu zittern. »Es ist Nacht. Zwei alte Leute hängen mit gefesselten Händen an einem Balken. Ihre Körper sind mit schrecklichen Folterspuren übersät, dann ...«