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Als er die Barbaren erkannte, die sich ihnen von beiden Seiten her näherten, begriff er mit einem raschen Blick auf die Brücke, daß ihnen nur noch eine einzige Möglichkeit blieb, und so rief er aus Leibeskräften: »Alle auf die Brücke! Wir nehmen den Weg über den Fluß!« So schnell wie sie konnten, standen die Freunde auf und rannten hinter ihm her auf die Brücke. »Batiatus«, befahl Vatrenus, »du und Demetrios kappt die Seile auf der gegenüberliegenden Seite, Orosius und ich nehmen uns diese hier vor! Auf mein Signal, jetzt!«

Gerade näherte sich Aurelius der Brücke, als ihre Streitäxte und Schwerter die Taue durchtrennten. In Windeseile stob die aus Kähnen zusammengefügte Brücke auseinander und trieb mit der Strömung fort, während die Barbaren, vor Wut schnaubend und mit Spott überschüttet, zurückblieben. Da erschien Wulfila, der wütend hinter Aurelius herschrie: »Ich werde dich finden, du Feigling. Ich werde dich finden, ganz gleichgültig, wo du dich versteckst. Und selbst, wenn ich dich bis ans Ende der Welt verfolgen müßte.«

Aurelius erbebte. Zum ersten Mal in seinem Leben mußte er eine derart arrogante Herausforderung unerwidert lassen. Er blieb die Antwort schuldig und gab seinem Pferd die Sporen, um so bald wie möglich außer Sichtweite zu gelangen.

Nach etwa einer Meile, in der er den Fluß nicht einen Augenblick lang aus den Augen verlor, entdeckte Romulus den Zug aus Kähnen, der rasch in der Strömung vorbeiglitt. Es schien ihm, daß niemand fehlte. Die Gefährten hielten sich an den Seilen fest, die einen Teil der Reling bildeten, und klammerten sich eng aneinander, um nicht in den Strudeln der reißenden Strömung zu versinken. Dann verschwand das sonderbare Gefährt hinter einigen Büschen, die ihm die Sicht versperrten. Gerade konnte er noch rufen: »Da sind sie ja!«, als sie auch schon wieder verschwunden waren. Aurelius ließ sein Pferd in Trab fallen.

»So werden wir sie nie und nimmer einholen!« klagte der Junge.

»Kein Pferd kann es mit der Geschwindigkeit eines Gebirgsflusses aufnehmen. Das Gefälle ist stark, so daß das Wasser unglaublich schnell zu Tal fließt. Außerdem muß Juba uns beide tragen, das ermüdet ihn. Wir dürfen nicht mehr von ihm verlangen, als er geben kann. Aber mach dir keine Sorge. Wir werden weiterhin der Strömung folgen, denn sicher stranden unsere Freunde entweder auf einer Sandbank, oder sie landen in einem Hafen, sobald der Fluß seinen Weg in die Ebene gefunden hat und langsamer wird. Dort werden sie auf uns warten, bis wir sie wieder eingeholt haben.«

»Warum haben sie das getan?« fragte Romulus. »Wäre es nicht besser gewesen, sie hätten erst die Brücke überquert und dann die Seile auf unserer Seite durchgeschnitten?«

»Das wäre sicher besser gewesen. Doch hat Vatrenus eine sehr weise Entscheidung getroffen und wie ein echter Stratege gehandelt. Ganz der große Soldat, der er nun einmal ist. Einfach fabelhaft. Denk doch nur einmal, wenn er es so gemacht hätte, wie du vorschlugst, wären wir zwar alle zusammengeblieben, hätten aber zu Fuß weiter gemußt und wären nur sehr langsam vorangekommen. Die Barbaren hätten in aller Eile einen provisorischen Steg zusammengezimmert oder wären vielleicht weiter oben am Berg durch den Fluß gewatet. Auf jeden Fall hätten sie uns leicht innerhalb eines Tagesmarsches eingeholt. So dagegen ist es unseren Kameraden gelungen - vorausgesetzt, daß sie sich retten können - , einen sicheren Abstand zwischen sich und ihre Verfolger zu legen, während wir nur zu zweit sind und daher viel schneller und wendiger sind. Wir können uns verstecken oder einen anderen Weg einschlagen, vielleicht sogar ein zweites Pferd finden und damit unsere Geschwindigkeit erheblich steigern.«

Romulus dachte ein paar Augenblicke nach, bevor er erwiderte: »Ich glaube tatsächlich, du hast recht, dennoch frage ich mich, was Ambrosinus gerade denkt und wie er sich fühlt - jetzt, da wir getrennt sind.«

»Ambrosinus kommt bestens allein zurecht, und seine Ratschläge werden für unsere Kameraden von allergrößtem Wert sein.«

»Das ist wahr. Aber kannst du dir vorstellen, daß wir beide, er und ich, das erste Mal voneinander getrennt sind, seitdem ich ihm damals im Alter von fünf Jahren begegnet bin?«

»Willst du damit sagen, daß du seitdem immer mit ihm zusammen warst?«

»So ist es. Länger als mit meinem Vater, selbst länger als mit meiner Mutter. Länger überhaupt als mit irgendeinem anderen Menschen. Er ist die weiseste und gescheiteste Person, die ich kenne. Und er schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Als uns Odoaker gefangennahm, habe ich ihn Dinge tun sehen, die ich mir vorher noch nicht einmal vorstellen konnte. Ich würde mich nicht wundern, wenn er noch mehr Geheimnisse und Fähigkeiten auf Lager hätte.« »Du mußt ihn sehr gerne haben«, sagte Aurelius. Der Junge lächelte, denn er erinnerte sich an einige Geschehnisse, die er zusammen mit seinem Erzieher erlebt hatte. »Manchmal ist er ziemlich launisch«, sagte er, »aber trotzdem ist er mir von allen Menschen auf der Welt der liebste.«

Aurelius fügte dem nichts weiter hinzu. Wieder gab er seinem Pferd die Sporen, um es noch weiter anzutreiben. Einerseits durften sie sich nicht allzuweit von den flachen Booten ihrer Gefährten entfernen, die rasch auf den Fluten dahintrieben, andererseits mußte er alles tun, um seinen Verfolgern zu entkommen. Doch ihre Reise verlief ohne Hindernisse und führte sie durch eine bezaubernd schöne Landschaft: Felsgipfel, die im Licht der untergehenden Sonne purpurn erglühten, und unglaublich klare Seen, die gleich leuchtenden Spiegeln das dunkle Grün der Wälder, das gleißende Weiß der schneebedeckten Flächen und das intensive Blau des Himmels widerspiegelten. Romulus war von soviel Schönheit tief beeindruckt und fühlte sich durch den ständigen Wechsel der Schauplätze und des Lichts wie geblendet. Aurelius gewährte Juba noch ein wenig Ruhe, indem er ihn wieder im Schritt gehen ließ.

»So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen«, sagte Romulus. »In welchem Land befinden wir uns?«

»In alter Zeit war dies das Land der Helvetier, ein Volk, das der Nation der Kelten angehörte und es wagte, den große Cäsar herauszufordern.«

»Diese Episode kenne ich«, antwortete Romulus. »Ich habe De Bel-lo Gallico mehrmals gelesen. Aber warum haben sie dieses bezaubernd schöne Land je verlassen?«

»Die Menschen sind nie mit dem zufrieden, was sie haben«, antwortete Aurelius. »Immer dazu verdammt, auf der Suche zu sein -nach neuen Ländern, neuen Horizonten und neuen Reichtümern. Wie jeder einzelne Mensch aus der Menge der anderen herausragen möchte und sich durch Reichtum, Tüchtigkeit oder Schlauheit auszeichnen will, so verhält es sich auch mit den Völkern und Nationen. Einerseits führt das zum ständigen Fortschritt in Wissenschaft und Forschung, da die menschlichen Talente und Aktivitäten in ihrer Entwicklung andauernd weitergetrieben werden, andererseits aber auch zu Konflikten und Zusammenstößen, die oft blutig enden. Ein Kraftakt, der ungeheuer ist und nicht selten auch ziemlich unsinnig. Für alles, was wir unter unglaublichen Mühen erreichen, müssen wir einen sehr hohen Preis bezahlen. Und oft liegen am Ende die Verluste höher als die errungenen Vorteile. Die Helvetier hatten die Berge, aber vielleicht sehnten sie sich nach der Ebene und den weiten fruchtbaren Feldern. Vielleicht aber war die Bevölkerung auch zu stark angewachsen, so daß ihnen die Täler zu eng wurden. Oder sie hofften, ihre Nation würde stärker, größer und mächtiger werden, wenn sie sich im Flachland ausdehnte. Statt dessen wurden sie vernichtet.«

»Und du, Aurelius«, fragte Romulus, »was wünschst du dir? Wonach steht dir das Herz?«

»Ich wünsche mir ... Frieden.«

»Frieden? Das nehme ich dir niemals ab, denn du bist ein Krieger. Der stärkste und mutigste, den ich je sah.«