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»Ich bin kein Krieger, ich bin ein Soldat. Das ist etwas völlig anderes. Ich kämpfe nur aus Notwendigkeit, um das zu verteidigen, woran ich glaube. Aber keiner weiß besser als ein Kämpfer und mi-les, wie schrecklich der Krieg ist. Ich wünsche mir nichts mehr, als eines Tages an einem ruhigen verborgenen Ort zu leben, dort meine Felder zu bestellen und Vieh zu züchten. Dann könnte ich nachts endlich schlafen, ohne beim kleinsten Geräusch mit gezücktem Schwert in der Faust gleich aufspringen zu müssen. Und des Morgens weckte mich Hahnengeschrei und keine Trompetenstöße, die mich in die Schlacht rufen. Vor allem aber wünsche ich mir den Frieden der Seele, den ich noch niemals verspürt habe. Das mögen im Grunde bescheidene Wünsche sein, doch die zu verwirklichen war mir niemals vergönnt. Wir leben in einer verrückten Welt, in der nichts mehr sicher scheint. Für niemanden.«

Die Sonne versank hinter dem Horizont und warf noch einen letzten rosigen Schein auf die majestätischen Zinnen, die die riesige Gebirgskette krönten. Aurelius tat alles, um so nah wie möglich am Ufer des Flusses zu bleiben, der die einzige Möglichkeit bot, sie wieder mit den Gefährten zusammenzuführen. Doch war er sich gleichzeitig der Gefahr bewußt, von Wulfilas Männern entdeckt zu werden, die gewiß niemals aufhörten, ihn zu verfolgen.

»Wir werden uns nur so viel Zeit der Ruhe nehmen, wie wir unbedingt brauchen«, sagte er, »dann machen wir uns wieder auf den Weg.«

»Ich möchte wissen, wo sie in diesem Augenblick sind«, meinte Romulus.

»Sicherlich vor uns, mindestens eine ganze Tagesreise. Der Fluß ruht niemals, er fließt den ganzen Tag und die ganze Nacht. Sie fahren auf den Fluten dahin, während wir uns über schmale, unwegsame und steile Pfade quälen und Wälder und Wildbäche durchqueren müssen.«

Romulus nahm die Decken vom Sattel und richtete in einer Felsnische an einem hochgelegenen Platz das Nachtlager her, während Aurelius dem Pferd die Kandare abnahm und ihm das Halfter anlegte.

»Aurelius ...«

»Ja, Cäsar?«

Romulus schwieg einen Augenblick lang, da ihn der wiederholte Gebrauch dieses Titels durch Aurelius unangenehm berührte. Dann fragte er: »Könnte es sein, daß wir sie überhaupt nicht mehr wiederfinden?«

»Das ist eine Frage, auf die du die Antwort bereits weißt. Natürlich. Vielleicht gibt es in diesem Fluß einige Stromschnellen, Wasserfälle oder verborgene Felsen, an denen ihre Kähne zerschellen. Und wenn sie dann in das eiskalte Flußwasser fallen, können sie nur eine sehr kurze Weile durchhalten. Rings um sie gibt es nichts als Schnee und Eis. Im Winter sind die Berge das feindseligste Gebiet, das man sich vorstellen kann. Es mag hier auch Räuberbanden und versprengte Soldaten auf der Suche nach Beute geben. Tatsächlich gibt es in dieser Welt unzählige Gefahren.«

Still legte sich Romulus nieder und zog sich die Decke über die Schultern.

»Schlaf«, sagte Aurelius zu ihm. »Juba wird über uns wachen. Sollte sich uns jemand nähern, wird er uns rechtzeitig warnen, so daß wir uns davonstehlen können. Und ich schlafe sowieso immer nur mit einem geschlossenen Auge.«

»Und sie? Wie weit sind wohl sie von uns entfernt?«

»Unsere Verfolger? Das weiß ich nicht. Vielleicht ein paar Stunden, vielleicht aber auch einen halben Tag oder mehr. Doch glaube ich nicht, daß sie sich allzuweit von uns entfernt aufhalten. Außerdem haben wir so deutliche Spuren im Schnee hinterlassen, daß uns jedes Kind folgen könnte.«

Romulus schwieg eine Weile, dann fragte er noch einmaclass="underline" »Was würde passieren, wenn sie uns einholten?«

Aurelius zögerte ein paar Augenblicke, bevor er antwortete. »Den Gefahren sieht man erst dann ins Auge, wenn sie da sind. Sie vorwegzunehmen, macht die Situation nur noch schlimmer, da die Angst steigt und die Bedrohung in unserer Vorstellungskraft ins Riesenhafte aufbläht. Stehen wir dagegen einer tatsächlichen Gefahr gegenüber, tut unser Verstand alles, um innerhalb kürzester Zeit seine sämtlichen Fähigkeiten zu mobilisieren. Dann wird unser Körper von einem mächtigen Energiestrom erfaßt, der den Herzschlag beschleunigt und die Muskeln sich ausdehnen und erhärten läßt - alles mit dem Ziel, den Feind niederzukämpfen, zu vernichten und zu töten ...«

Romulus sah ihn bewundernd an. »Du bist nicht nur ein Soldat, Aurelius. Du bist auch ein Krieger ...«

»Das kommt nur davon, daß ich jahrelang in ständiger Angst vor allen nur denkbaren Schrecken und Verheerungen lebte, vor Metzeleien und Unheil, Mißhandlungen und sonstigen Quälereien. In jedem von uns schlummert ein Tier, und der Krieg weckt es auf.«

»Darf ich dich noch ein letztes fragen?«

»Gewiß.«

»Woran denkst du, wenn du stundenlang schweigst und noch nicht einmal die Worte hörst, die ich zu dir sage?«

»Tue ich das wirklich?«

»Ja. Vielleicht langweile ich dich ja mit meinem Gerede oder störe dich gar.«

»Nein, Cäsar, durchaus nicht ... Ich versuche nur ... ich versuche ...«

»Was denn?«

»Mich zu erinnern.«

Nachdem die Bootsbrücke aus ihrer Verankerung gerissen worden war, trug sie die Strömung in rasender Geschwindigkeit davon. Zunächst behielt sie noch ihre Querausrichtung bei, so daß eine Katastrophe vorauszusehen war. In der Entfernung von ungefähr einer halben Meile tauchte mitten im Fluß ein Felsen auf, der die zerbrechliche Kette der flachen Boote mit Sicherheit auseinanderreißen würde. Als Ambrosinus die Gefahr erkannte, rief er mit lauter Stimme: »Los, alle auf den äußeren Kahn, und zwar sofort!« Und schon kroch er auf allen vieren auf das Boot und klammerte sich, um nicht ins Wasser zu fallen, so gut an ihm fest, wie er nur konnte. Seine Kameraden folgten ihm rasch. Doch je mehr sie das Gewicht auf den äußeren Kahn verlagerten, desto schneller wurde er, dabei schob er sich ständig weiter nach vorn und zog die übrigen Boote nach sich. Auf diese Weise stabilisiert, schoß der Konvoi an dem Felsen vorbei, ohne ihn zu berühren, und alle atmeten erleichtert auf.

»Wir brauchen Latten, damit wir rudern können«, sagte Ambrosinus. »Versucht ein paar Zweige aus der Strömung zu fischen.«

»Vielleicht sollten wir einen Teil der Kähne abkoppeln!« schlug Vatrenus vor.

»Nein, das würde die Geschwindigkeit nur noch weiter erhöhen und die Stabilität stark erschüttern. Der lange Schwanz der Boote hilft uns, den Kurs zu halten. Alles, was wir benötigen, sind ein paar Latten oder Stecken, die wir als Ruder benützen können.«

Aber es schwammen keine Latten oder Stecken in der Strömung umher, sondern nur ein paar Zweige, die nicht stabil genug waren, um sie als Ruder nutzen zu können. Da beugte sich Batiatus über die Reling. »Könnte das vielleicht helfen?« brüllte er gegen den lärmenden Strom. Ambrosinus nickte. Mühelos riß der Äthiopier die linke Seite der Reling ab, die aus einem langen, grobbehauenen Brett bestand, und setzte sich damit neben Ambrosinus, der als Steuermann dieses seltsamen Gefährts fungierte. Noch immer war die Geschwindigkeit sehr hoch, während nicht allzuweit entfernt bereits einige Stromschnellen sichtbar wurden. Das Wasser spritzte und schäumte nach rechts fast bis ans Ufer, und Ambrosinus schrie Batiatus zu, das Brett mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, auf der gegenüberliegenden linken Seite anzusetzen. Unerwartet geschickt befolgte Batiatus diese Anweisung, der Kahn drehte nach links ab und glitt haarscharf an den Stromschnellen vorbei. Das Heck dieser Richtungsänderung anzupassen schaffte er allerdings nicht mehr, so daß das letzte Boot heftig gegen die Steine stieß, die aus dem Wasser auftauchten, und zerschellte.

Die Männer drehten sich um und schauten zu, wie die einzelnen Teile, in die es zersprungen war, in der Gischt zwischen den Strudeln und Stromschnellen verschwanden, konzentrierten sich aber sogleich wieder darauf, das Gleichgewicht zu halten. Ständig drohten die Kähne unter den starken Stößen und heftigen Schwankungen zu kentern, so daß sie das Gefühl hatten, auf dem Rücken eines Wildpferdes zu sitzen und gegen die heftig rollenden Wellenbewegungen ankämpfen zu müssen, die der rauhe Untergrund und die unebenen Ufer des Flusses verursachten. Felsspitzen, die sich aus der Mitte des Stroms emporreckten, ließen plötzliche Strudel und Wirbel entstehen, während breitere Stellen im Flußbett die Strömung ebenso plötzlich verlangsamten, um sie aber bei dem nächsten Gefälle schon wieder zu beschleunigen. Kurz, den Insassen dieses sonderbaren Gefährts wurde permanent eine enorme Kraftanstrengung abverlangt, um wenigstens einigermaßen das Gleichgewicht zu halten. Auf einmal wurde die Strömung des reißenden Flusses zusehends langsamer, und auch die Unebenheiten im Boden erschienen weniger gefährlich. Dafür tauchten nun aus dem Wasser immer größere Kiesbänke auf, in denen man sich ebenso leicht und mit denselben verheerenden Auswirkungen hätte verfangen können. Da verlor plötzlich Orosius bei einer der vielen abrupten Kursänderungen das Gleichgewicht, rollte über die Bohlen und versank in den Fluten.