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»Orosius ist ins Wasser gefallen!« schrie Demetrios voller Angst. »Schnell, wir müssen ihm helfen, sonst zieht ihn die Strömung in die Tiefe!« Mit einem Schwerthieb durchtrennte Vatrenus eines der Taue, das als Zugseil gedient hatte, und warf es dem Schiffbrüchigen zu. Immer wieder versuchte er es, aber Orosius schaffte es nicht, es zu ergreifen.

»Wenn wir ihn nicht bald erwischen, wird ihn die Kälte umbringen«, rief Ambrosinus. Da band sich Livia wortlos das Tau um die Taille und gab Vatrenus das andere Ende in die Hand. »Halt es gut fest«, sagte sie, dann sprang sie ins Wasser und schwamm kraftvoll auf den mit der Strömung kämpfenden Orosius zu, der bereits zu schwach war, um auf ihren Rettungsversuch zu reagieren. Rasch holte sie ihn ein und packte ihn an seinem Gürtel. Dann rief sie: »Ich habe ihn! Zieht schon! Schnell!« Gemeinsam zogen Vatrenus und seine Kameraden an dem Tau, während Batiatus versuchte, den Bug so gerade auszurichten, daß zuerst Livia und dann auch der halb ohnmächtige Orosius an Bord gehievt werden konnten. Völlig durchnäßt von dem eiskalten Wasser, wickelten sie die Gefährten in ihre Umhänge, so daß sie die nassen Kleider ausziehen und sich, so gut es ging, abtrocknen konnten. Beide klapperten mit den Zähnen und waren vor Kälte und übergroßer Anstrengung leichenblaß. O-rosius konnte kaum noch ein »Danke« murmeln, dann verlor er das Bewußtsein. Vatrenus trat auf Livia zu und legte ihr seine Hand auf die Schulter. »Und dich wollte ich nicht bei uns haben. Dabei bist du stark und großmütig, Mädchen. Glücklich der Mann, mit dem du eines Tages dein Leben vereinigen wirst.« Livia antwortete mit einem erschöpften Lächeln und kauerte sich dann neben Ambrosinus auf den Boden nieder.

Gegen Abend wurde die Strömung langsamer, da der Fluß immer breiter wurde, je weiter er durch die hügelige Landschaft der Hochebene floß. Doch fanden sie keinen passenden Platz, um ihren Anker auswerfen zu können und auf Aurelius zu warten, der ihnen, wie sie vermuteten, in aller Eile folgte. Am nächsten Morgen fanden sie sich am Zusammenfluß mit einem anderen Wasserlauf wieder, der von der linken Seite her nahte, und tags darauf, gegen Abend, strömte der Fluß über mittlerweile ebenes Gebiet, so daß sie ihr Gefährt zum Ufer lenken und es dort mit Seilen an einem Pflock festbinden konnten. Das große Flußabenteuer hatte für einen Moment seinen Abschluß gefunden. Nun mußten sie nur noch geduldig warten, bis die Gruppe wieder vereint werden konnte und die kleine Armee ihren Heerführer und Kaiser wiederfand. Obwohl Ambrosinus in Sorge war, tat er doch alles, um seinen Gefährten ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. Auch der Frieden, der an ihrem Zufluchtsort herrschte, ließ den Gedanken an zunehmend mehr Sicherheit aufkommen - so der Anblick der Hirten, die am Abend mit ihren Herden in die Ställe zurückkehrten, oder des Purpurstreifens, den die Sonne auf den Wolken hinterließ, wenn sie fern am Horizont in der Ebene verschwand, ebenso der in harmonischen Biegungen verlaufende Fluß oder die langsam heimrudernden Schiffer und Fährleute, die in der Abendsonne an Land gingen, um sich einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen.

»Gott kam uns zu Hilfe«, sagte Ambrosinus. »Und er wird es immer wieder tun, da wir zu Unrecht verfolgt werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß wir schon bald wieder mit unseren Kameraden vereint sein werden.«

»Das verdanken wir vor allem dir«, erwiderte Vatrenus. »Ich weiß nicht, wie du es fertiggebracht hast, dieses Wrack durch die Stromschnellen, Sandbänke und Strudel zu manövrieren. Ich glaube, du bist ein wirklicher Magier, Meister.«

»Wir haben es hier nur mit dem Archimedischen Prinzip zu tun, mein guter Freund«, antwortete Ambrosinus. »Je tiefer ein Boot ins Wasser eintaucht, desto schneller wird es, so daß es bei starker Strömung die leichteren Boote mit sich zieht. Bei langsamerer Strömung setzt dasselbe Fahrzeug dem Wasser mehr Widerstand entgegen und wird dadurch immer langsamer. Deshalb habe ich, kaum daß wir ruhigeres Wasser erreichten, die Gewichte in eine neue Balance gebracht, wofür es genügte, Batiatus auf den hintersten Kahn zu setzen. Jetzt aber möchte ich mit Livia, die, wenn ich nicht irre, noch etwas Geld hat, an Land gehen, um dort ein paar Lebensmittel zu kaufen. In dieser Gegend gibt es sicher reichlich Milch und Käse, vielleicht sogar Brot.«

Bald fand er heraus, daß es unweit vom Fluß ein Dorf namens Magia gab, in dem die Leute noch einen keltischen Dialekt sprachen, der sich nicht allzusehr von seiner Muttersprache unterschied. Doch sprachen die Ältesten der Stadt ebenso wie der Priester, der in der kleinen Kirche des Ortes die christlichen Riten zelebrierte, überraschend gut Latein. Von innen erfuhr er, daß der Fluß, auf dem sie sich befanden, der Rhein war. Schon bald aber träfen sie auf einen großen See und später hätten sie es mit Stromschnellen zu tun, die unüberwindbar seien. Lediglich auf dem Landweg erreichten sie wieder den Fluß, der als der größte Strom Europas und einer der größten der Welt bekannt war und sogar Euphrat und Tigris in nichts nachstand, die doch das irdische Paradies durchflössen. Ambrosinus pflichtete ihnen bei. »Damit ist uns der Weg vorgegeben. Wir werden also weiter flußabwärts fahren und einer Vielzahl von Gefahren aus dem Weg gehen. Vielleicht erreichen wir sogar das Meer. Doch zuerst müssen wir ein Schiff finden, das diesen Namen auch verdient. Es ist ein Wunder, daß wir überhaupt wohlbehalten bis hierher gekommen sind, auf dieser ehemaligen Bootsbrücke den Gewalten der Strömung ausgeliefert.«

Er machte sich auch Gedanken über die Situation weiter oben im Norden, in jenen Gebieten des einstigen Gallien, die einst die reichste und treueste Provinz des Kaiserreichs ausmachten und nun von den Franken besetzt waren. Ihr Zentrum bildete allerdings noch immer eine Art Insel der römischen Welt und wurde von einem General namens Syagrius regiert, der sich zum König der Römer ausgerufen hatte.

»Ich denke, wir sollten an einer Stelle am Westufer an Land gehen, die recht günstig gelegen ist«, bemerkte er. »Dann auf dem Landweg weiter bis ans Ufer des britannischen Kanals. Dort sind wir mit dem Schiff nur noch eine Tagesreise von meinem Land entfernt. Grundgütiger Gott! Wieviel Zeit ist inzwischen vergangen, was wird sich wohl alles verändert haben! Wie viele Menschen sind gestorben, die ich einst kannte, und wie viele Freunde haben mich wohl in der Zwischenzeit vergessen!«

»Du redest, als wären wir schon in Sichtweite der Küste«, erwiderte Livia. »Dabei liegt noch ein weiter Weg vor uns, und der ist mit nicht weniger Schwierigkeiten gespickt als der, der gerade hinter uns hegt.«

»Du hast recht«, antwortete Ambrosinus, »doch das Herz ist um so vieles schneller als unsere Füße, ]a selbst als das schnellste Schlachtroß. Und es fürchtet sich vor rein gar nichts. Ist es nicht so?«

»Doch, so ist es«, gab Livia zu.

»Und du, denkst du vielleicht nicht an deine Stadt am Meer? Fehlt sie dir etwa nicht?«