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»Sehr. Und dennoch hätte ich mich niemals von Romulus getrennt ...«

»Und von Aurelius ... wenn ich recht verstanden habe.«

»Ja, auch nicht von Aurelius. Aber in der ganzen Zeit, die wir miteinander verbracht haben, ließ er mich nur ein einziges Mal erkennen, daß er auch für mich mehr empfindet. Das war in der Nacht in Fano. Vielleicht weil er als sicher annehmen mußte, daß sich unsere Wege am nächsten Tag trennten und wir uns niemals mehr wiedersähen. Doch ich hatte nicht den Mut, ihm in dieser Nacht die Worte zu sagen, die er von mir erwartet hat.«

Ambrosinus betrachtete sie mit ernstem Gesicht. »Aurelius wird von beklemmenden Zweifeln gequält, die ihn fast zerreißen. Solange er das Rätsel, das ihn peinigt, nicht gelöst hat, werden andere Empfindungen kaum einen Platz in seinem Herzen finden. Dessen kannst du dir gewiß sein.«

Inzwischen kamen sie in Sichtweite des Flusses, und Ambrosinus wechselte plötzlich das Thema. »Wir müssen ein Schiff finden«, sagte er. »Das ist unvermeidlich. Wenn Aurelius es schafft, Wulfila zu entkommen, wird er in ein paar Tagen hier eintreffen, und wir sollten dann fertig zum Auslaufen sein. Bereite du nun das Abendessen zu. Ich hoffe, bald mit guten Nachrichten zurück zu sein.«

Er wandte sich ab und ging auf den Ankerplatz zu, an dem inzwischen eine Anzahl von Kähnen für die Nacht vertäut worden waren. Einige Fischer hatten auf hölzernen Tischen ihre gefangenen Fische ausgelegt, während die Kunden mit ihnen über den Kauf verhandelten. Auf den Booten wurden die Öllampen entzündet, und ihr zitterndes Licht spiegelte sich auf der Oberfläche des großen Flusses wider.

XXVIII

Nach Einbruch der Dunkelheit kehrte Ambrosinus mit einigen Trägern zurück, die mit Schaffellen, Decken und Umhängen für die Nacht bepackt waren. Er berichtete, daß er sich mit einem Schiffer abgesprochen habe, der auf dem Rhein eine Ladung Steinsalz nach Norden transportierte. Für einen geringen Aufpreis sei dieser Mann bereit, sie an ihr Ziel in der Nähe von Argentoratum zu bringen, was sie, falls alles gut ginge, in etwa einer einwöchigen Schiffsreise erreichen könnten. Darüber hinaus hatte er ihm zu einem ebenfalls sehr günstigen Preis all diese großartigen Dinge verkauft, mit denen sie unter dem kalten Himmel und in der feuchten Umgebung die Nacht auf passable Weise verbringen könnten. Sein Optimismus stand jedoch im krassen Gegensatz zu der Unruhe, von der alle wegen des unsicheren Schicksals von Aurelius und Romulus ergriffen waren. Natürlich waren sie sich darüber bewußt, daß sämtliche Mühen und Gefahren, denen sie bis zu diesem Moment die Stirn geboten hatten, ohne den Knaben von keinerlei Wert waren. Sie hatten ihr Schicksal voll und ganz mit seinem Geschick verbunden, und sein Schicksal war wiederum ganz und gar von ihrer Unterstützung und Hilfe abhängig. Und nun, da ihnen ihr Bezugspunkt fehlte, schien auch ihre eigene Existenz jede Bedeutung verloren zu haben.

Ambrosinus ließ sich mit überkreuzten Beinen auf dem Kahn nieder, bevor er sich ein wenig Brot und Käse von dem Tisch nahm, zu dem einer der Schilde umgestaltet worden war. Er begann mit nur wenig Appetit zu essen.

»Ich habe wieder und wieder alles durchkalkuliert«, meinte Vatrenus. »Unter Berücksichtigung, wie das Gelände beschaffen ist, durch das der Rhein fließt, komme ich zu dem Schluß, daß wir ihnen gegenüber etwa einen Vorsprung von zwei Tagesmärschen haben.«

»Bedeutet das, daß wir die ganze Nacht, den morgigen Tag und vielleicht auch noch übermorgen auf sie warten müssen?« fragte Orosius.

»Kann sein, auch wenn das nicht so leicht zu sagen ist. Nach meiner Überzeugung wird Aurelius alles versuchen, um eine möglichst große Distanz zwischen sich und seine Verfolger zu legen. Und Juba ist ein sehr schnelles, ausdauerndes Pferd. Außerdem werden sie sicher die Ruhezeit auf ein Minimum reduzieren und alles daran setzen, so schnell wie möglich voranzukommen«, bemerkte Demetrios.

»Ja«, wandte Batiatus ein, »doch sind die Tage bereits sehr kurz, und es ist mehr als gefährlich, bei Dunkelheit durch das Gebirge zu wandern. Ich bezweifle, daß Aurelius das Risiko eingehen wird, in den Abgrund zu stürzen oder sein Pferd lahm zu reiten. Ich schätze vielmehr, er wird nur begrenzte Wegstrecken zurücklegen.«

Jeder gab seine Meinung zum besten, und bald war es offenkundig, daß niemand in seinen Überlegungen mit denen der übrigen Gefährten übereinstimmte.

»Sie könnten doch auch dort auf den Anhöhen sein«, sagte Livia und warf einen Blick in Richtung der Berge. »Sicher frieren sie, sind hungrig und vor lauter Anstrengung völlig erschöpft. Im Grunde war uns das Glück mehr als gewogen, auch wenn wir auf unserer Reise so viel Aufregendes erlebten.«

Vatrenus versuchte, dem Ganzen eine optimistische Note zu geben. »Vielleicht machen wir uns ganz unnötig Sorgen. Möglicherweise hat es Wulfila nicht geschafft, den Gebirgsfluß zu durchqueren, vielleicht hat er auch bei der Suche nach einer Furt flußauf und flußab zuviel Zeit verloren. Aurelius soll sich ruhig gedulden und kommen, wann es ihm möglich ist. Er weiß, daß wir an einem Ort auf ihn warten, der leicht zu finden ist, und uns von diesem schwimmenden Konvoi nicht fortbewegen, bevor er zu uns gestoßen ist.«

»Können wir nicht ein Leuchtsignal setzen?« schlug Demetrios vor. »Dann sähen sie uns von dort oben und schöpften neuen Mut. Sie wüßten dann auch, daß wir auf sie warten. Mein Schild ist aus Metall, wir könnten ihn polieren und dann ...«

»Besser nicht«, antwortete Ambrosinus. »Sie wissen ohnehin Bescheid und werden uns finden, da sie doch immer in der Nähe des Flusses bleiben. Ein Leuchtsignal würde nur Wulfila anlocken, der die Jagd nach ihnen niemals aufgeben wird. Er wird nicht ruhen, bis er uns alle vernichtet hat, das könnt ihr mir glauben. Versucht jetzt zu schlafen. Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns, und was uns morgen erwartet, wissen wir nicht.«

»Ich übernehme die erste Wache«, sagte Livia. »Ich bin nicht müde.« Und sie ging vor zum Bug, ließ sich am Rand des Kahns nieder und baumelte mit den Beinen im Wasser. Die anderen breiteten auf der Brücke die Schaffelle aus, die Ambrosinus besorgt hatte, rückten eng aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen, und deckten sich mit ihren Umhängen zu. Ambrosinus setzte sich ein Stück weiter weg und schaute lange und forschend in die Dunkelheit hinaus. Dann erhob er sich und ging zu Livia.

»Du solltest auch schlafen gehen. Alles ist ziemlich ruhig. Vielleicht genügt es ja, wenn ein alter Gelehrter die Wache hält.«

»Ich habe schon gesagt, ich bin nicht müde.«

»Ich auch nicht. Dann könnte ich dir ein wenig Gesellschaft leisten ... wenn es dir recht ist.«

»Gern. Auch weil wir unser Gespräch noch nicht beendet haben.

Weißt du noch?«

»Ja, sicher.«

»Du sprachst von einem Rätsel, das es in Aurelius Leben gibt.«

»Ja, so ist es. Worte, die ich, ohne es zu wollen, mit angehört habe. Einmal in jener Nacht in Fano und zum anderen in der Nacht auf der Paßhöhe, als ich den Abgrund hinabglitt.«

»Und worum ging es da?« fragte Livia beunruhigt.

»Vielleicht solltest du mir zuerst sagen, was du über ihn weißt.«

»Recht wenig.«

»Oder was du zu wissen glaubst.«

»Ich ... ich glaube, daß er der junge Held ist, der damals neun Monate lang Aquileia gegen Attila und seine Hunnen verteidigte und sich in der Nacht, als die Stadt durch das Werk eines Verräters fiel, aufopferte - für mich und meine Mutter. Uns zuliebe ließ er die letzte Möglichkeit zu seiner Flucht verstreichen.«

»Wie kannst du dir dessen so sicher sein?«

»Das spüre ich. Und ich weiß, daß ich mich nicht irre.«

Ambrosinus suchte in der Dunkelheit Livias Augen. »Tatsächlich war es doch so, daß du ihn belogen hast... Nicht wahr? Du brauchtest einen Mann, der bereit war, etwas Unmögliches zu wagen, damit du auf ihn das Andenken an einen Helden übertragen konntest, der bereits seit vielen Jahren tot ist.«